RFEM 6 und RSTAB 9 bringen neue Automatisierung, API und DXF‑Exporte. So nutzen österreichische Bauunternehmen diese Features für digitale, KI‑fähige Baustellen.
Warum diese RFEM‑6‑ und RSTAB‑9‑Updates jetzt wichtig sind
Österreichische Bauunternehmen verlieren im Schnitt 5–10 % der Planungszeit mit manueller Statik‑Nacharbeit, Datenexporten und Schnittstellenproblemen – vor allem zwischen Tragwerksplanung, BIM und der digitalen Baustelle. Genau hier setzen die aktuellen Neuerungen von Dlubal RFEM 6, RSTAB 9 und den Add-Ons an.
Die Updates klingen auf den ersten Blick sehr technisch: multiple Kombinationsassistenten, Linienkopplungen, gRPC‑API, Gerüstlager, DXF‑Exporte. Aber der Kern dahinter ist klar: mehr Automatisierung, weniger doppelte Arbeit und bessere Integration in KI‑gestützte Workflows – von der Planung bis zur Ausführung auf der Baustelle.
In dieser Ausgabe unserer Serie „KI in der österreichischen Bauindustrie: Digitale Baustellen“ schauen wir uns an, wie Sie diese neuen Funktionen praktisch nutzen können: für effizientere Tragwerksplanung, sicherere temporäre Tragwerke und eine robustere Datenbasis für BIM und KI‑Lösungen.
1. Multiple Kombinationsassistenten: Lastfälle so strukturieren, wie Projekte heute laufen
Die neuen multiplen Kombinationsassistenten in RFEM 6 und RSTAB 9 erlauben es, bis zu fünf verschiedene Lastfallklassifizierungen und Kombinationsassistenten in einem Modell zu verwenden.
Was bringt das in der Praxis?
Kurz gesagt: Sie können komplexe Projekte realitätsnäher abbilden, ohne in chaotischen Lastfalllisten zu versinken.
Typische Anwendungsszenarien in Österreich:
- Große Wohnbau‑ oder Infrastrukturprojekte mit unterschiedlichen Bauabschnitten und Bauzuständen
- Bestandsumbauten mit parallelen Lastsituationen (Bestand, Zwischenzustand, Endzustand)
- Alpine Projekte mit variierenden Schnee‑ und Windlasten je Bauabschnitt oder Gebäudezone
Statt alles in einem starren Kombinationsschema zu quetschen, können Sie z.B.:
- einen Kombinationsassistenten für Dauerzustände (ständige + veränderliche Lasten),
- einen für Bauzustände,
- und einen eigenen für außergewöhnliche Einwirkungen (z.B. Anprall, Erdbeben) definieren.
Das reduziert Fehlerquellen massiv. Besonders wenn Sie KI‑gestützte Optimierung oder automatische Plausibilitätschecks über die Statikmodelle laufen lassen wollen, ist eine saubere, logisch getrennte Laststruktur Gold wert.
Merksatz: Je besser Lasten strukturiert sind, desto zuverlässiger lassen sie sich durch KI und Automatisierungsroutinen auswerten.
2. Linienkopplung & Wanderlast: Weniger Klickarbeit, mehr intelligente Modellierung
Zwei Funktionen stechen für den Alltag in der Tragwerksplanung heraus: der neue Linientyp „Linienkopplung“ und der erweiterte Lastassistent Wanderlast für Stäbe.
Linienkopplung: Saubere Verbindungen ohne Fummelei
Mit dem neuen Typ für Linien „Linienkopplung“ können Sie Linien automatisch mit den nächstliegenden Objekten verbinden – als starre Kopplung, optional mit Liniengelenken.
Sie können z.B. definieren:
- Suchbereich (in welcher Distanz nach Objekten gesucht wird),
- welche Objekttypen berücksichtigt werden sollen (Stäbe, Flächen, Knoten),
- welche Objekte explizit ausgeschlossen werden.
Praktisch für:
- Anschluss von Wandscheiben an Decken, ohne jede Ecke manuell zu fangen
- Sekundäre Träger an Hauptträger, gerade bei Änderungen im Raster
- Lastverteilungslinien auf Flächen, die sich an benachbarte Bauteile koppeln
In digitalen Baustellen‑Workflows, in denen Modelle häufig aktualisiert werden (z.B. nach einer neuen Architektenplanung), sparen solche intelligenten Kopplungen enorm Zeit – und reduzieren das Risiko, dass ein Bauteil bei einer Änderung „in der Luft hängt“.
Wanderlasten jetzt auch auf Stäben: Ideal für Brücken und Kranbahnen
Der Lastassistent Wanderlast kann nun nicht nur auf Flächen, sondern auch auf Stäben eingesetzt werden.
Sie können:
- Einzellasten oder
- Lastmodelle aus mehreren Lasten
als wandernde Last definieren, die entlang eines Stabes verschoben und automatisch in Lastfälle bzw. -kombinationen überführt werden.
Typische Anwendungsfälle in Österreich:
- Straßen- und Eisenbahnbrücken mit Fahrstreifenlasten
- Kranbahnen und Laufkrane in Industriehallen
- Mobile Baukrane auf Riegeln oder Trägern
In Kombination mit KI‑Auswertung lassen sich aus diesen Wanderlastanalysen später kritische Laststellungen automatisch erkennen, z.B. für:
- Optimierung des Stahlquerschnitts
- Abschätzung von Ermüdungsbeanspruchungen
- Ableitung von Wartungsintervallen
3. gRPC‑API: Statik als Baustein im KI‑Workflow
Der vielleicht strategisch wichtigste Schritt für digitale Baustellen: Die Dlubal API ist jetzt gRPC‑basiert und steht für nahezu alle Modellierungs‑ und Berechnungsfunktionen zur Verfügung.
Was bedeutet gRPC in der Baupraxis?
Mit gRPC können andere Systeme – etwa:
- BIM‑Plattformen,
- firmeneigene Tools,
- KI‑Services in der Cloud
direkt mit RFEM 6 oder RSTAB 9 kommunizieren. Und zwar schnell, effizient und bidirektional.
Konkret möglich sind z.B.:
- automatisches Erstellen von Modellen aus BIM‑Daten
- parametrische Optimierung von Tragwerken (z.B. Stützenraster, Querschnittsreihen)
- Batch‑Berechnungen verschiedenster Varianten über Nacht
- Live‑Checks von Änderungen im BIM‑Modell gegen statische Randbedingungen
Für die Serie „Digitale Baustellen“ besonders spannend: Über die API können Baustellen‑Daten (z.B. sensorbasierte Verformungen, Temperaturen, Lastaufnahmen) mit dem Berechnungsmodell verknüpft werden.
Mögliche KI‑Anwendungen:
- Vergleich gemessener und berechneter Verformungen in Echtzeit
- Frühwarnsysteme für temporäre Tragwerke oder sensible Bauphasen
- Predictive Maintenance für Brücken oder Industriebauten
Klarer Vorteil: Wer heute eine gRPC‑fähige Statiksoftware einsetzt, schafft die technische Grundlage, KI und Automatisierung später ohne Medienbrüche zu integrieren.
4. Neue Add‑On‑Features: Von Köcherfundament bis Gerüstlager
Neben der Kernsoftware wurden auch die Add‑Ons erweitert. Zwei Neuerungen sind für österreichische Baupraxis besonders relevant: Köcherfundamente im Add‑On „Betonfundamente“ und Gerüstlager für temporäre Tragwerke.
Köcherfundamente: Standard im Hochbau endlich sauber abbilden
Im Add‑On Betonfundamente lassen sich jetzt neben Blockfundamenten auch Köcherfundamente bemessen. Dabei können Sie wählen, ob die Köcherinnenseiten glatt oder rau angesetzt werden.
Vorteile für Planer:innen:
- konsistente Bemessung von Stützenfundamenten im Industrie‑ und Hallenbau
- Berücksichtigung der unterschiedlichen Verbundeigenschaften (glatt/rau)
- bessere Dokumentation und Nachvollziehbarkeit gegenüber Prüfingenieuren
Gerade bei Projekten mit wiederkehrenden Fundamenttypen lässt sich dieser Prozess über die gRPC‑API auch teilautomatisieren – inklusive Variantenstudien (z.B. unterschiedliche Fundamentabmessungen, Bodenkennwerte, Lastsituationen).
Gerüstlager nach EN 12811‑1 und EN 1065: Sicherheit für temporäre Tragwerke
Für temporäre Tragwerke – etwa:
- Arbeitsgerüste
- Traggerüste
- Baustützen
können jetzt spezielle Gerüstlager definiert werden. Die Nichtlinearität „Gerüstgelenk“ bei den Drehfreiheitsgraden φX und φY der Knotenlager erlaubt es, das in den Normen EN 12811‑1 und EN 1065 geforderte Tragverhalten abzubilden.
Warum das wichtig ist:
- temporäre Tragwerke sind oft kritisch für die Baustellensicherheit
- Starklasten aus Betonierabschnitten oder Bauphasen werden häufig unterschätzt
- klassische lineare Lagerannahmen sind für Gerüste nicht immer ausreichend
In einem digitalen Baustellenkonzept können diese Modelle mit:
- Sensorik (z.B. Neigungssensoren, Wegaufnehmer) und
- KI‑gestützten Alarmierungslogiken
verknüpft werden. So wird aus einer einmaligen Gerüstberechnung ein lebendiges Sicherheitskonzept, das die tatsächliche Beanspruchung im Bauablauf berücksichtigt.
5. 3D‑DXF‑Exporte: Bessere Zusammenarbeit mit CAD und BIM
Dlubal hat den DXF‑Export deutlich erweitert – ein oft unterschätzter Hebel für reibungslose Zusammenarbeit zwischen Statik, CAD und BIM.
3D‑Szene in DXF exportieren
Mit der Funktion „3D‑Szene in DXF exportieren“ können Sie:
- Linien unter Berücksichtigung der Sichtbarkeit exportieren,
- je nach Rendering‑Einstellung auch
- Berandungslinien von Stäben und Flächen,
- Mittellinien von Bewehrungen,
- Grafiken von Stahlanschlüssen ausgeben.
Das sorgt für:
- klarere Referenzmodelle für CAD‑Konstrukteure
- weniger Missverständnisse bei Anschlüssen und Details
- schnellere Kontrolle komplexer Tragwerke in 3D
3D‑DXF von Stahlanschlüssen
Im Add‑On Stahlanschlüsse lässt sich eine 3D‑DXF‑Datei direkt aus der Anschlussgeometrie erzeugen. Diese 3D‑Linienmodelle können in CAD‑Programmen eingelesen und weiterverarbeitet werden.
Praktisch im Alltag:
- Stahlbauer können Anschlussdetails schnell in ihre Fertigungsplanung übernehmen
- Kollisionsprüfungen mit anderen Gewerken werden einfacher
- die 3D‑Kompatibilität schafft eine robuste Grundlage für BIM‑Modelle, die später von KI‑Systemen analysiert werden (z.B. automatische Erkennung typischer Anschlussdetails, Plausibilitätschecks)
Für digitale Baustellen in Österreich, etwa bei großen Infrastruktur‑ oder Industriebauten, ist dieser saubere Datenaustausch eine Grundvoraussetzung, um durchgängig modellbasiert zu arbeiten.
6. Wie österreichische Bauunternehmen jetzt konkret profitieren
Wer RFEM 6 oder RSTAB 9 bereits im Einsatz hat, kann mit den neuen Funktionen sofort Mehrwert schaffen – vor allem, wenn das Thema „Digitale Baustelle“ und KI ohnehin auf der Agenda steht.
Drei schnelle Ansatzpunkte
-
Standardisieren Sie Ihre Lastkombinationen
Richten Sie projekttypische Kombinationsassistenten ein (Wohnbau, Brückenbau, Industriebau) und nutzen Sie mehrere Assistenten pro Modell. Das ist die Basis, um später automatische Checks oder KI‑gestützte Optimierung sauber aufzusetzen. -
Nutzen Sie die API für wiederkehrende Aufgaben
Starten Sie klein: z.B. ein internes Skript, das Standardhallen mit parametrierten Köcherfundamenten erstellt, bemisst und Lastfälle generiert. Jede Stunde, die Sie hier einsparen, skaliert über viele Projekte. -
Binden Sie temporäre Tragwerke in Ihr Sicherheitskonzept ein
Modellieren Sie Gerüstlager und Baustützen normgerecht und kombinieren Sie das mittelfristig mit Sensorik und einem einfachen KI‑basierten Frühwarnsystem – gerade bei Großbaustellen ein starkes Argument gegenüber Bauherr:innen und Behörden.
Wer heute mit standardisierten, API‑fähigen Statikmodellen arbeitet, kann KI in zwei bis drei Jahren produktiv nutzen – ohne seine gesamte Softwarelandschaft auszutauschen.
Fazit: RFEM 6 und RSTAB 9 als Baustein der digitalen Baustelle
Die aktuellen Neuerungen von RFEM 6, RSTAB 9 und den Add‑Ons zielen nicht nur auf „mehr Features“, sondern auf bessere Automatisierung und Integration: von der Lastfallgenerierung über Köcherfundamente und Gerüstlager bis zur gRPC‑API und 3D‑DXF‑Exports.
Für die österreichische Bauindustrie bedeutet das: Tragwerksplanung wird anschlussfähig an BIM‑Plattformen, KI‑Services und digitale Baustellenkonzepte. Wer diese Funktionen jetzt konsequent nutzt, verbessert nicht nur den eigenen Workflow, sondern baut eine Datenbasis auf, mit der sich KI‑gestützte Lösungen in Zukunft wirklich wirtschaftlich betreiben lassen.
Die zentrale Frage für Ihr Unternehmen lautet daher weniger: „Brauchen wir KI?“, sondern: „Sind unsere Modelle, Lasten und Schnittstellen bereit dafür?“
Mit den aktuellen RFEM‑6‑ und RSTAB‑9‑Updates haben Sie einen großen Teil dieser Grundlage bereits in der Hand.