SPS 2025 zeigt: KI‑Automation wird für Autohersteller zum Pflichtprogramm. Welche Trends wichtig sind – und welche konkreten Schritte Werke jetzt angehen sollten.

Warum die SPS 2025 fĂĽr die Autoindustrie ein Weckruf ist
56.000 Fachbesucher, 1.175 Aussteller – die SPS 2025 in Nürnberg war deutlich voller als im Vorjahr. Für viele war das das erste wirklich spürbare Signal: In Automatisierung und Künstliche Intelligenz wird wieder investiert.
Für die deutsche Automobilindustrie ist das mehr als eine nette Messezahl. Wer heute Karosseriebau, Antriebsstrang, Batteriefertigung oder Lieferketten im Griff behalten will, kommt an smarter, KI-gestützter Automation nicht vorbei. Genau dort setzt die SPS an – und zeigt, wohin sich Produktion und Innovation in den nächsten zwei bis drei Jahren bewegen werden.
In diesem Beitrag ordne ich die wichtigsten SPS‑Trends aus Sicht von OEMs und Zulieferern ein und zeige, welche konkreten Schritte Sie jetzt in Ihrem Werk angehen sollten.
1. KI ist aus der Automatisierung nicht mehr wegzudenken
Der deutlichste Befund der SPS 2025: KI ist kein Experiment mehr, sondern Werkzeugkasten. Von Siemens über Beckhoff bis hin zu spezialisierten Start-ups – überall liefen Anwendungen, die sich direkt in der Produktion einsetzen lassen.
Typische KI‑Anwendungen für die Automobilproduktion
FĂĽr Fahrzeughersteller und Zulieferer sind vor allem vier Einsatzfelder relevant:
-
KI‑gestützte Qualitätskontrolle
- Kamerasysteme erkennen Lackfehler, Schweißnähte, Gratbildung oder Mikrorisse zuverlässiger als das menschliche Auge.
- Deep‑Learning‑Modelle lernen neue Fehlerbilder, ohne dass jedes einzelne Muster manuell programmiert werden muss.
-
Adaptive Robotik und Steuerungssysteme
- Roboter passen Greifkraft, Bahnverlauf oder Geschwindigkeit automatisch an Bauteiltoleranzen an.
- Gerade bei variantenreicher Fertigung – Stichwort Verbrenner, Hybrid, BEV auf einer Linie – reduziert das Umrüstzeiten massiv.
-
Predictive Maintenance auf Basis von Echtzeitdaten
- Sensoren an Pressen, Schweißzangen oder Lackierrobotern liefern Schwingungen, Temperaturen, Ströme.
- KI‑Modelle erkennen Muster, die typischerweise Wochen vor einem Ausfall auftreten.
-
Produktionsoptimierung in Echtzeit
- Algorithmen berechnen laufend, welche Aufträge auf welche Linie gehen sollten.
- Zielgröße: maximale OEE bei minimalem Energieverbrauch.
Der Punkt ist: KI wird nicht „irgendwo“ eingesetzt, sondern direkt an den Engpässen – in Karosseriewerk, Montage, Batteriefertigung und Logistik.
Warum das gerade jetzt wichtig ist
Die Kombination aus Margendruck, Fachkräftemangel und E‑Mobilitätswende zwingt die Branche zu mehr Produktivität pro Quadratmeter Werk. Klassische Automatisierung stößt hier an Grenzen – KI schließt genau diese Lücke:
- weniger Ausschuss bei teuren Komponenten (Batteriezellen, Leistungselektronik)
- höhere Verfügbarkeit kritischer Anlagen
- stabilere Qualität bei kurzen Anläufen neuer Fahrzeugderivate
Wer 2026/2027 noch ohne KI‑Bausteine produziert, hat gegenüber Wettbewerbern schlicht höhere Stückkosten.
2. Von der Theorie zur Praxis: Was die SPS fĂĽr Autobauer greifbar macht
Die SPS versteht sich laut Veranstalter längst nicht mehr als Produktshow, sondern als „Real‑Life‑Labor für KI, Robotik und Software“. Genau das hat man in Nürnberg gesehen – und diese Laborumgebung ist für die Autoindustrie Gold wert.
„Automation meets IT“: Der Schulterschluss, den Werke brauchen
Am Gemeinschaftsstand „Automation meets IT“ war gut zu sehen, wie sich klassische OT (SPS, Antriebe, Sensorik) und IT‑Welt annähern:
- Edge‑Controller, die direkt auf der Linie ML‑Modelle ausführen.
- Industrial IoT‑Plattformen, die Maschinendaten, MES und ERP zusammenführen.
- Security‑Konzepte, die den Cyber Resilience Act adressieren – ein Thema, das insbesondere für global vernetzte Automobilwerke kritisch ist.
FĂĽr ein Automobilwerk bedeutet das:
- weniger Insellösungen, mehr durchgängige Datenflüsse,
- geringere Latenzen, weil nicht jedes Signal „in die Cloud“ muss,
- besser beherrschbare IT/OT‑Security.
Was Sie sich als Automobiler konkret von der SPS „mitnehmen“ sollten
Wenn ich Verantwortliche in Werken begleite, funktioniert ein Ansatz besonders gut: die Messe‑Impulse direkt in eine 3‑Stufen‑Roadmap übersetzen:
-
Quick Wins identifizieren
Bereiche, in denen Daten bereits vorhanden sind und ein klarer Pain existiert, z.B.- Schweißqualität in der Rohbau‑Linie
- Stillstände in hochbelasteten Förderstrecken
- Prüfzeiten im End‑of‑Line‑Test
-
2–3 KI‑Pilotprojekte definieren
Kleine, fokussierte Vorhaben mit messbarem Business Case, z.B.- Vision‑System mit KI‑Auswertung an einer kritischen Füge‑Station
- Predictive‑Maintenance‑Pilot an einer Engpasspresse
-
Skalierbare Architektur planen
Früh klären, auf welcher Edge‑/Cloud‑Plattform, mit welchen Partnern und Governance‑Regeln KI in Serie gehen soll.
Wer so vorgeht, kommt weg von Konzeptfolien und hin zu Ergebnissen, die sich im Shopfloor bemerkbar machen.
3. Investitionsbereitschaft: Was der Besucherzuwachs signalisiert
Die zentrale Frage nach der SPS 2025 lautet: "Wird wieder investiert?" Die Antwort aus Sicht der Automatisierungsbranche ist klar: Ja – vorsichtig, aber spürbar.
Was der VDMA aus der SPS liest
Dr. Reinhard Heister vom VDMA Bereich Elektrische Automation sieht die Talsohle erreicht und rechnet für 2026 mit einem leichten Plus. Die volle Messe stützt diese Einschätzung:
- 56.000 Fachbesucher sind ein deutliches Plus gegenĂĽber 2024.
- Die Gespräche drehten sich auffallend oft um konkrete Projekte und Budgetfreigaben, nicht mehr nur um Beobachtung.
FĂĽr die Autoindustrie bedeutet das zweierlei:
- Die Lieferanten investieren wieder in Innovation – neue Robotergenerationen, effizientere Antriebe, stärkere Industrial‑PCs, KI‑fähige Sensorik.
- Die Werke selbst verlieren die Investitionsangst – insbesondere dort, wo sich ROI in 18–36 Monaten nachweisen lässt.
Wo Autobauer jetzt investieren sollten
Aus den SPS‑Themen und aus Projekten in der Branche kristallisieren sich einige prioritäre Felder:
-
Energieeffizienz in der Fertigung
IE5‑Motoren, intelligente Lastmanagement‑Systeme und KI‑basierte Optimierung von Druckluft, Heizung und Lüftung reduzieren Energiekosten deutlich. -
Flexible Linien für Verbrenner und E‑Antriebe
Modular aufgebaute Roboterzellen und software‑definierte Automation unterstützen den Übergang zur Elektromobilität ohne teure Doppelstrukturen. -
Cybersecurity & Compliance (z.B. Cyber Resilience Act)
Wer OT‑Netze und produktionsnahe IT jetzt nicht ertüchtigt, riskiert Produktionsstillstände durch Angriffe und spätere Strafzahlungen. -
Datengrundlage fĂĽr KI
Ohne sauberes Tagging von Produkt‑ und Prozessdaten wird jede KI‑Initiative zur Dauerbaustelle.
Meine Erfahrung: Die erfolgreichsten Werke starten mit einem Thema, das sowohl Kosten senkt als auch Know‑how aufbaut – häufig ist das Qualitätskontrolle oder Predictive Maintenance.
4. Nachwuchs und Fachkräfte: KI macht die Fabrik attraktiver
Ein Aspekt der SPS 2025 wurde in vielen Berichten unterschätzt, ist für die Autoindustrie aber zentral: Nachwuchsförderung.
Makeathon & Young Talents Day: Mehr als Imagepflege
Beim SPS Makeathon lösten Studierende in 2,5 Stunden reale Aufgaben aus der Industrie. Am Young Talents Day gab es Guided Tours, Karriereberatung und eine Rallye durch die Messe.
Was das zeigt:
- KI‑gestützte Automation ist attraktiv für junge Talente aus Informatik, Elektrotechnik, Mechatronik.
- Die Branche schafft Formate, in denen Studierende echte Probleme aus Produktion und Logistik lösen.
Für Automobilwerke, die händeringend Automatisierer, Data Scientists und Instandhalter suchen, ergibt sich eine klare Chance:
- Kooperation mit Hochschulen vertiefen,
- eigene Makeathons und Hackathons im Werk durchfĂĽhren,
- KI‑Projekte sichtbar machen – auch intern.
Wer KI‑Projekte nur als „geheime Kostenprogramme“ fährt, verspielt diesen Recruiting‑Effekt.
5. Was Automobilhersteller jetzt konkret tun sollten
Viele Unternehmen kommen nach der SPS mit einem dicken Stapel Visitenkarten und Ideen zurück – und lassen sie dann im Alltag versanden. Damit das nicht passiert, braucht es einen klaren Fahrplan.
Schritt 1: Ziele fĂĽr KI und Automation pro Werk festlegen
Statt generischer „Digitalisierungsstrategien“ funktionieren konkrete Kennzahlen besser, zum Beispiel:
- Ausschussrate in der Batteriemontage um 30 % senken
- OEE in der Rohbau‑Linie um 5 Prozentpunkte steigern
- Energieverbrauch pro Fahrzeug um 10 % reduzieren
Diese Ziele bestimmen anschließend, welche SPS‑Technologien überhaupt relevant sind.
Schritt 2: KI‑Use‑Cases priorisieren
Bewährt hat sich eine einfache Bewertungsmatrix:
- Business Impact (Kosten, Qualität, Durchlaufzeit)
- Umsetzbarkeit (Datenlage, technische Reife, Partner)
- Skalierbarkeit (von einer Linie auf mehrere Werke)
Wählen Sie 3–5 Use‑Cases aus, die in 6–12 Monaten Ergebnisse bringen können. Die SPS‑Exponate liefern dafür oft direkt Blaupausen.
Schritt 3: Partnerlandschaft bewusst aufbauen
Auf der SPS wurde deutlich:
- Kein einzelner Anbieter deckt KI, Automatisierung, IT‑Integration und Security komplett ab.
- Erfolgreiche Werke kombinieren Automatisierungsanbieter, IT‑Dienstleister und spezialisierte KI‑Start-ups.
Wichtig ist eine klare Rollenverteilung:
- Wer stellt die Hardware (SPS, Antriebe, Roboter)?
- Wer verantwortet die Datenplattform?
- Wer liefert und betreibt die KI‑Modelle?
Schritt 4: Kompetenzen im Werk aufbauen
Ohne internes Know‑how bleiben Sie dauerhaft von Integratoren abhängig. Mindestens drei Kompetenzfelder sollten Sie im Werk verankern:
- OT‑/Automatisierungsingenieure mit KI‑Grundverständnis
- Data Engineers, die Produktionsdaten beherrschen
- Instandhalter, die mit KI‑gestützten Diagnosen umgehen können
Schulungen, gemeinsame Workshops mit Lieferanten und „Learning by Doing“ in Pilotprojekten sind hier deutlich wirksamer als dicke Strategiepapiere.
Fazit: SPS 2025 als Startpunkt für „Baustelle 4.0“ in der Autoindustrie
Die SPS 2025 zeigt sehr klar, wohin die Reise geht: KI zieht in Steuerungen, Roboter, Sensoren und Wartungsprozesse ein und macht aus klassischer Automatisierung eine intelligente, selbstoptimierende Fabrik.
Für die deutsche Automobilindustrie ist das eine gute Nachricht – wenn sie den Ball aufnimmt. Die Investitionsbereitschaft kehrt zurück, die Technologie ist reif, die Fachkräfte wollen an spannenden KI‑Projekten arbeiten.
Wer jetzt die richtigen Use‑Cases auswählt, Partner aus dem SPS‑Umfeld bindet und intern Kompetenzen aufbaut, macht aus Messe‑Buzzwording handfeste Wettbewerbsvorteile: niedrigere Stückkosten, stabile Qualität, schnellere Anläufe – von der Batteriezelle bis zur Endmontage.
Die Frage ist weniger, ob KI in der Automobilproduktion kommt, sondern wo Sie in zwei Jahren stehen wollen: bei den Gestaltern oder bei den NachzĂĽglern.