Elektromobilität stockt – was Steuerkanzleien daraus lernen

KI in der deutschen Automobilindustrie: Produktion und InnovationBy 3L3C

Elektromobilität stockt – und zeigt, wie gefährlich technischer Stillstand ist. Was Steuerkanzleien daraus für KI, Digitalisierung und ihr Geschäftsmodell lernen können.

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Warum die langsame Elektromobilität ein Weckruf ist

Vier Prozent. So hoch ist aktuell in Deutschland der Anteil reiner Elektroautos am Pkw-Bestand. Der ursprüngliche Zielwert der Politik lag bei 15 Millionen Stromern bis 2030 – den wird niemand mehr ernsthaft behaupten können.

Diese Lücke zwischen Ziel und Realität wirkt auf den ersten Blick wie ein reines Mobilitätsthema. Wer genauer hinschaut, erkennt aber ein Muster, das sich in vielen Branchen wiederholt – auch in der Steuerberatung: Technologie ist da, Rahmenbedingungen sind halbwegs gegeben, trotzdem passiert zu wenig und vor allem zu langsam.

Für österreichische Steuerberater, die gerade über KI in der Kanzlei nachdenken, ist das mehr als eine Randnotiz. Die Elektromobilität zeigt sehr klar, welche Fehler man sich bei der digitalen Kanzlei und beim Einsatz von KI besser spart – und wie man den eigenen Wandel deutlich klüger organisiert.


Wo Elektromobilität hängen bleibt – die eigentlichen Bremsen

Die Elektromobilität scheitert nicht an der Technik. Sie scheitert an Vertrauen, Rahmenbedingungen und Renditeinteressen.

1. Verunsicherung statt Verlässlichkeit

In den ersten Jahren waren Preis, Reichweite und fehlende Ladesäulen echte Hürden. Heute ist vieles davon gelöst:

  • über 200 Elektromodelle am Markt
  • alltagstaugliche Reichweiten und Ladegeschwindigkeiten
  • Rabatte, die den Preisabstand zum Verbrenner stark verringern

Trotzdem wachsen die Zulassungszahlen langsamer als erwartet. Ein zentraler Grund: Politik und Industrie haben Vertrauen verspielt.

  • Förderprämien wurden abrupt gestrichen
  • politischen Debatten um das Verbrenner-Aus erzeugen Unsicherheit
  • Botschaften ändern sich im Jahresrhythmus

Wer ein E-Auto kauft, trifft eine langfristige Entscheidung – und braucht planbare Rahmenbedingungen. Genau diese Planbarkeit fehlt vielen Menschen.

2. Unfertige Infrastruktur und versteckte Kosten

Ladepunkte sind zwar deutlich mehr geworden, aber aus Sicht vieler Fahrer noch immer:

  • ungleich verteilt
  • teuer (hohe Preise an Schnellladesäulen)
  • intransparent (Tarifdschungel)

Die Folge: Die reale Total Cost of Ownership ist für viele Haushalte schwer kalkulierbar. Solange Gesamtkosten gefühlt nicht stabil sind, bleibt der Wechsel zäh.

3. Emotionale Bindung und Kultur

Deutschland (und genauso Österreich) hat eine starke emotionale Bindung an den Verbrenner:

  • Fahrgefühl, Sound, Gewohnheit
  • „Das hat immer funktioniert“-Argumentation
  • Vorurteile gegenüber neuen Technologien („Akku brennt“, „hält im Winter nicht“)

Spannend ist der Vergleich mit China: Dort sind neue – meist elektrische – Marken ein Symbol für Fortschritt. Der Wechsel wird positiv aufgeladen. In Europa verteidigt man eher das Bekannte.

4. Renditekonflikte in der Industrie

Für die Hersteller war der Verbrenner jahrzehntelang profitabler als das E-Auto. Auch wenn sich das langsam ändert, spürt man den Renditekonflikt:

  • hohe Investitionen in Batteriewerke und neue Plattformen
  • gleichzeitig die Versuchung, lukrative Verbrenner möglichst lange zu verkaufen

Diese Mischung führt zu halbherzigen Strategien: Man kommuniziert elektrisch, verdient aber noch mit fossilen Modellen – und sendet damit widersprüchliche Signale in den Markt.


Parallelen zur Steuerberatung: Warum viele Kanzleien bei KI bremsen

Die Muster aus der Elektromobilität finden sich fast 1:1 in der Steuerberatung wieder – nur geht es hier nicht um Ladesäulen, sondern um digitale Prozesse, Automatisierung und KI.

Unsicherheit: „Lohnt sich das für meine Kanzlei wirklich?“

Viele Steuerberater kennen das:

  • BMD, RZL, DATEV & Co. bieten erste KI- und Automatisierungsfunktionen
  • Mandanten erwarten digitale Zusammenarbeit, Beleg-Uploads, Portale
  • gleichzeitig kursieren Horrorszenarien über Datenschutz, Haftung und Qualitätsverlust

Das Ergebnis: Man wartet lieber ab, beobachtet den Markt – und verliert wertvolle Zeit. Genau wie beim E-Auto: Die Technik ist weiter als die Stimmung.

Fragmentierte „digitale Infrastruktur“

Die Ladeinfrastruktur der Elektromobilität entspricht in der Steuerkanzlei:

  • schlecht integrierten Softwareinseln
  • manuellen Übergaben zwischen Buchhaltung, Lohn, Steuern
  • Medienbrüchen (Papier, E-Mail, PDF, Excel, Scanner)

Solange der digitale „Ladeprozess“ nicht durchgängig gedacht ist, fühlt sich KI wie ein Fremdkörper an. Wer heute noch Belege abtippt, kann KI in der Buchhaltung natürlich nicht effizient nutzen.

Kultureller Widerstand im Team

Viele Kanzleien kämpfen mit genau den gleichen emotionalen Barrieren wie die Autoindustrie:

  • „So machen wir das seit 20 Jahren.“
  • „Unsere Mandanten wollen das nicht digital.“
  • „KI macht doch nur Fehler, das kontrollieren wir dann alles doppelt.“

Die Realität? Mandanten, die privat Banking-Apps und E-Autos gewohnt sind, erwarten auch von ihrem Steuerberater digitale Professionalität. Widerstand kommt meist eher aus der Kanzlei als von außen.

Rendite und Geschäftsmodell

Ähnlich wie beim Verbrenner vs. Stromer stellt sich in der Steuerberatung die Frage: Wo verdienen wir morgen unser Geld?

  • Stundenhonorare geraten unter Druck, wenn KI Routinearbeiten schneller erledigt
  • Pauschalhonorare und wertorientierte Modelle belohnen Effizienz – also Automatisierung

Wer am alten Modell festhält, hat wenig Anreiz, effizienter zu werden. Das ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, aber gefährlich: Mandanten vergleichen zunehmend Preise, Transparenz und Servicequalität – und KI-gestützte Kanzleien können deutlich produktiver arbeiten.


Was Elektromobilität der Steuerkanzlei über KI beibringt

Aus den Fehlern bei der Elektromobilität lassen sich sehr klare Lehren für Steuerberater ziehen.

1. Klare Linie statt „Zickzack-Politik“

Die schlechteste Option ist ständiges Umentscheiden. Wer heute eine E-Auto-Förderung einführt und morgen streicht, zerstört Vertrauen. Wer heute Cloud-Buchhaltung ankündigt und dann doch wieder alles per E-Mail schickt, sendet das gleiche Signal.

Für Kanzleien heißt das:

  • eine klare Digitalstrategie formulieren (inkl. KI)
  • intern verbindlich machen, welche Prozesse bis wann digital laufen
  • nach außen konsequent kommunizieren, was Mandanten erwarten dürfen

2. Infrastruktur zuerst – dann KI

Kein Hersteller würde ernsthaft Millionen in neue Elektroplattformen stecken, ohne sich um Lademöglichkeiten zu kümmern. Genau diesen Fehler machen viele Kanzleien aber bei KI: Man testet „irgendein KI-Tool“, ohne vorher die Basis zu legen.

Die sinnvolle Reihenfolge:

  1. Prozesse standardisieren: Wer macht was, in welcher Reihenfolge, mit welchen Systemen?
  2. Medienbrüche eliminieren: Wo kann Papier weg, wo können Schnittstellen her?
  3. Datenqualität sichern: Klare Regeln für Belegformate, Benennungen, Ablagen.
  4. Dann KI einführen: Erst wenn die Daten sauber fließen, entfaltet KI ihr Potenzial.

3. Transparente Wirtschaftlichkeit

Beim E-Auto überzeugt am Ende die Gesamtrechnung: Anschaffung, Betrieb, Wartung, Wiederverkauf. Je klarer diese Zahlen, desto eher fällt die Kaufentscheidung.

Übertragen auf KI in der Steuerberatung:

  • Zeitaufwand vorher/nachher messen (z.B. Buchhaltungsmandat, Lohnabrechnung)
  • konkrete Kennzahlen im Team teilen (x % weniger händische Erfassung, y % schnellere Auswertungen)
  • Kosten der KI-Lösungen den gewonnenen Kapazitäten gegenüberstellen

Wenn Mitarbeiter sehen, dass KI nicht Arbeitsplätze vernichtet, sondern Überstunden, steigt die Akzeptanz deutlich.

4. Mythen aktiv adressieren

Die Elektromobilität hatte lange mit Mythen zu kämpfen („E-Autos sind klimaschädlicher“). Studien zeigen inzwischen klar: Über den Lebenszyklus verursachen Mittelklasse-Stromer aktuell rund 40–50 % weniger Treibhausgase.

Auch bei KI in der Steuerberatung halten sich Mythen:

  • „KI macht zu viele Fehler“ – in Wahrheit entscheiden Trainingsdaten und Prozessdesign.
  • „Wir haften für KI“ – rechtlich haftet immer der Berater, aber genau deshalb gehört KI kontrolliert in den Prozess eingebaut, nicht verboten.
  • „Mandanten akzeptieren das nicht“ – Erfahrung aus digitalen Kanzleien zeigt das Gegenteil: Transparente Kommunikation („Wir nutzen KI zur Vorarbeit, Sie bekommen von uns geprüfte Ergebnisse“) schafft Vertrauen.

Wer Mythen nicht aktiv adressiert, überlässt das Feld den lautesten Stimmen – und die sind selten die fachlich besten.


Konkrete Schritte zur KI-gestützten, „elektrischen“ Steuerkanzlei

Damit KI nicht dieselbe Hängepartie erlebt wie die Elektromobilität, braucht es konkrete Entscheidungen.

1. Start mit einem klar begrenzten Use Case

Statt die „große KI-Vision“ zu malen, funktioniert ein pragmatischer Einstieg besser:

  • automatisierte Belegerkennung mit KI
  • KI-gestützte Buchungsvorschläge
  • KI-Hilfen bei Rückfragen, E-Mails und standardisierten Schreiben

Ein Pilotmandat oder ein kleiner Mandantenkreis reicht oft, um echten Effekt zu spüren.

2. Mandantenprozesse digital denken

Wer Mandanten noch mit Pendelordnern betreut, baut sich selbst die Batterie aus dem E-Auto. Nötig sind:

  • digitale Belegkanäle (Upload, App, Portale)
  • verbindliche Spielregeln („Belege bis zum 10. des Folgemonats, ausschließlich digital“)
  • Schulung und Begleitung der Mandanten beim Umstieg

3. Team früh einbinden – Ängste ernst nehmen

Wie in der Autoindustrie bringt es nichts, die Belegschaft vor vollendete Tatsachen zu stellen. Besser funktioniert:

  • gemeinsam Prozesse analysieren: Was nervt, was dauert zu lange?
  • genau dort KI ansetzen lassen
  • klar sagen: KI ersetzt keine Beraterpersönlichkeit, sondern entlastet bei Fleißarbeit

4. Kennzahlen etablieren

Wer sein E-Auto fährt, weiß ziemlich genau, wie viel kWh pro 100 km verbraucht werden. Genauso braucht eine KI-Kanzlei Kennzahlen, z.B.:

  • „Buchungssätze pro Stunde je Mitarbeiter“
  • „Durchlaufzeit Monatsbuchhaltung je Mandant“
  • „Anteil digitaler Belege“

Diese Zahlen zeigen sehr schnell, ob KI nur als Buzzword eingeführt wurde – oder wirklich Produktivität bringt.


Ausblick: Wer jetzt bremst, verliert – in der Autoindustrie wie in der Kanzlei

Die deutsche Automobilindustrie ringt gerade mit der Frage, ob sie sich am Verbrenner festhält und den Anschluss an China riskiert. In der Steuerberatung ist die Frage ähnlich: Hält man am papiergetriebenen, manuell geprägten Kanzleimodell fest – oder nutzt man KI und Automatisierung, um produktiver, attraktiver und zukunftsfähiger zu werden?

Elektromobilität zeigt dabei zwei Dinge sehr deutlich:

  1. Technologie allein reicht nicht. Es braucht klare Rahmenbedingungen, verlässliche Entscheidungen und eine passende Infrastruktur.
  2. Zögern ist auch eine Entscheidung. Nur leider oft die teuerste – weil andere in dieser Zeit Kompetenzen, Marktanteile und Know-how aufbauen.

Wer als österreichische Steuerkanzlei 2025 mit KI startet, ist nicht zu spät dran – aber auch nicht mehr im „grünen Feld“. Die Vorbilder existieren, die Tools sind verfügbar, die ersten Mandanten erwarten es explizit.

Die bessere Frage ist daher nicht, ob Sie KI einsetzen, sondern wo Sie heute beginnen. Denn genau hier entscheidet sich, ob Ihre Kanzlei später zu den „Verbrenner-Fans“ gehört – oder zu denen, die den Wandel aktiv nutzen.

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