Werbung in ChatGPT: Risiko, Chance – oder beides?

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

Werbung in ChatGPT kommt. Was das für Marketing, Vertrieb und Vertrauen bedeutet – und wie Sie sich jetzt strategisch auf KI-Werbung vorbereiten sollten.

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Werbung in ChatGPT: Risiko, Chance – oder beides?

Im Code der ChatGPT-App sind eindeutige Hinweise auf Werbeflächen aufgetaucht: search_ad, search_ad_carousel, ApiAdTarget. Für viele war klar: Früher oder später kommt Werbung in den beliebtesten KI-Chatbot der Welt. Jetzt wirkt „früher“ deutlich realistischer.

Für deutsche Marketing- und Vertriebsverantwortliche ist das keine Randnotiz. Wenn ein System, das täglich Millionen Fachkräfte nutzen, plötzlich zur Werbeplattform wird, verschieben sich Budgets, Strategien und Spielregeln. Wer das verschläft, schaut 2026 auf CPCs und CPMs, die längst von der Konkurrenz besetzt sind.

In diesem Artikel geht es darum, was Werbung in ChatGPT konkret bedeuten könnte, warum OpenAI diesen Schritt fast gehen muss – und wie Sie sich als Marketing- oder Sales-Team in Deutschland jetzt strategisch aufstellen sollten.


Warum OpenAI auf Werbung zusteuert – und was das für Sie heißt

Die kurze Antwort: Die Kosten fĂĽr KI sind so hoch, dass Abo-Modelle allein nicht reichen.

Training und Betrieb groĂźer Sprachmodelle verschlingen hunderte Millionen Dollar pro Jahr. OpenAI finanziert sich bisher vor allem ĂĽber:

  • Investorenkapital (allen voran Microsoft)
  • Abos wie ChatGPT Plus und Enterprise
  • API-Umsätze aus Integrationen in Produkte und Workflows

Das Problem: Rechenzentren, GPUs, Strom und Forschung wachsen schneller als die Abozahlen. Gleichzeitig ziehen Wettbewerber wie Google Gemini 3 oder spezialisierte Anbieter wie Perplexity nach. Sam Altman soll intern „code red“ ausgerufen haben, weil Google mit Gemini massiv Druck macht.

Die logische Konsequenz: Werbung als zusätzliche Einnahmequelle – exakt so, wie es Google, Meta & Co. seit Jahren machen. Nur diesmal direkt im Gespräch mit der KI.

FĂĽr Marketing und Vertrieb bedeutet das:

KI-gestĂĽtzte Konversationen werden selbst zum Werbekanal.

Wer heute noch zwischen „Suchmaschinen-Marketing“ und „Social Ads“ trennt, wird in den nächsten 12–24 Monaten eine dritte Kategorie auf dem Budgetplan sehen: Conversational Ads in KI-Systemen.


Wie Werbung in ChatGPT aussehen könnte

Die Fundstücke im Android-Code geben eine klare Richtung vor: Suchanzeigen und Karussells – also etwas, das stark an Google-Suchanzeigen erinnert, nur eben im Chat.

Mögliche Werbeformen in ChatGPT

Sehr wahrscheinlich sind Varianten wie:

  1. Native Suchanzeigen im Chat-Verlauf
    Sie fragen: „Welches CRM passt zu einem mittelständischen Maschinenbauer?“
    ChatGPT liefert Empfehlungen – und im oberen Bereich steht ein „Gesponsert“-Block: ein CRM-Anbieter mit Logo, kurzem Claim und Call-to-Action.

  2. Karussell-Anzeigen fĂĽr Produkte und Tools
    Bei Produktrecherchen („beste HR-Software für 200 Mitarbeitende“) taucht ein Slider mit mehreren gesponserten Lösungen auf.
    Vergleichbar mit Produktanzeigen bei Google, nur im Gesprächskontext.

  3. Shopping-Erweiterungen
    ChatGPT hat heute schon Shopping-Funktionen. Naheliegend, dass hier Affiliate-Deals oder CPC-basierte Shopping-Ads integriert werden – von Bürostühlen über Software bis hin zu Online-Kursen.

  4. API-basierte Zielgruppenansprache (ApiAdTarget)
    Der Parametername deutet darauf hin, dass gezielte Ausspielung auf Basis von Kontext und Profil möglich wird. Das wäre für B2B extrem spannend: Anzeigenschaltung genau bei Entscheidern, die gerade an einem relevanten Problem arbeiten.

Warum diese Ads hocheffektiv sein können

ChatGPT kennt im Zweifel Dinge über seine Nutzer:innen, die nicht einmal ihre Suchhistorie verrät:

  • konkrete Probleme („Wie löse ich X in meiner SAP-Landschaft?“)
  • Budgetvorstellungen („Welche CRM-Tools bis 50 € pro Monat?“)
  • Entscheidungsrolle („Ich bin Vertriebsleiter in einem mittelständischen Unternehmen…“)

Das ist Intent-Signal auf Steroiden. Wer hier Werbung platziert, trifft Nutzer:innen:

  • im passenden Kontext,
  • mit klarem Bedarf,
  • oft schon in der Evaluationsphase.

Aus Performance-Marketing-Sicht ist das eine Traumkombination – aus Nutzersicht aber auch ein Risiko.


Enshittification: Wann kippt die Qualität eines KI-Dienstes?

Cory Doctorow hat mit dem Begriff „Enshittification“ einen Nerv getroffen: Digitale Plattformen werden zunächst auf Nutzeroptimierung getrimmt, dann auf Werbekunden – und am Ende nur noch auf den eigenen Profit. Die Qualität sinkt, die Frustration steigt.

Auf Suchmaschinen und Social Media haben wir das alle erlebt:

  • organische Reichweite bricht ein,
  • Werbung dominiert die erste Bildschirmseite,
  • Relevanz und Vertrauen erodieren.

Die spannende Frage: Passiert ChatGPT dasselbe?

Ich sehe drei mögliche Szenarien:

1. „Saubere“ Werbeintegration (Best Case)

  • Werbung ist klar gekennzeichnet.
  • Anzeigen sind begrenzt und nicht aufdringlich.
  • Sie erscheinen nur in geeigneten Kontexten (z.B. Produktsuche, Tool-Empfehlungen).
  • Es gibt strenge Datenschutz- und Transparenzregeln.

Ergebnis: Nutzer akzeptieren den Trade-off, Werbekunden bekommen einen neuen, starken Kanal.

2. Schleichende Verwässerung der Antworten (Realistic Case)

  • Zunächst sind Ads klar abgegrenzt,
    später verschwimmt die Grenze zwischen „Empfehlung der KI“ und „bezahlt“.
  • Organische Empfehlungen werden eingerahmt von gesponserten Vorschlägen.
  • Vertrauen nimmt langsam ab, aber der Komfort hält die meisten Nutzer trotzdem.

3. Vollgas-Enshittification (Worst Case)

  • Antworten sind massiv werbelastig.
  • Organische Alternativen sind versteckt oder benachteiligt.
  • Preise fĂĽr Werbekunden steigen stark, während die Leistung sinkt.

Dieses Szenario wirkt aktuell ĂĽberzogen, aber: Genau so ist es bei vielen Plattformen gelaufen. Aus Nutzersicht ist die entscheidende Frage, ob OpenAI frĂĽh klare Leitplanken setzt.

FĂĽr Marketing und Vertrieb heiĂźt das: Wer ChatGPT-Ads nutzt, sollte selbst Interesse daran haben, dass das System vertrauenswĂĽrdig bleibt. Sonst stirbt der Kanal, bevor er sich etabliert.


Was Werbung in ChatGPT fĂĽr Marketing- und Vertriebsteams bedeutet

Werbung in einem KI-Chatbot folgt anderen Regeln als klassische Such- oder Social Ads. Entscheidend sind Kontext, Relevanz und Beratungstiefe.

Neue Disziplin: Conversational Performance Marketing

Sie werden mittelfristig drei Ebenen bespielen mĂĽssen:

  1. Präsenz im „organischen“ KI-Bereich

    • Ihre Website und Inhalte so strukturieren, dass KI-Modelle sie gut verstehen.
    • Klare Positionierungen, strukturierte FAQ-Seiten, saubere Produktdaten.
    • KI-spezifische Inhalte (z.B. „Vergleichsanfragen“, „Kaufberatungstexte“), die Modelle gut verarbeiten können.
  2. Paid Ads im KI-Chat

    • Anzeigen, die sich wie hilfreiche Antworten lesen, nicht wie klassische Bannertexte.
    • Fokus auf Nutzersituation, nicht auf Unternehmensperspektive.
    • Starke, aber ehrliche Calls-to-Action (z.B. „Interaktive Demo in 5 Minuten testen“).
  3. Sales Enablement mit KI

    • Eigene ChatGPT- oder GPT-4-Instanzen fĂĽr den Vertrieb, die Kundengespräche vorbereiten.
    • Nutzung von KI, um Einwände, Use Cases und Angebote schneller zu erarbeiten.

Wer diese Ebenen sauber zusammendenkt, profitiert doppelt: bessere Sichtbarkeit nach auĂźen, mehr Effizienz nach innen.

Praktische Schritte: Was Sie jetzt konkret vorbereiten sollten

Damit Sie nicht warten müssen, bis OpenAI offiziell Werbeformate ausrollt, können Sie heute schon vorarbeiten:

  1. KI-sichere Positionierung ausformulieren
    Schreiben Sie einen kompakten Text (max. 300 Wörter), der folgende Fragen beantwortet:

    • Was machen Sie genau?
    • FĂĽr wen sind Sie die beste Lösung?
    • Welches Problem lösen Sie konkret?
    • Welcher messbare Nutzen entsteht (Zeit, Kosten, Risiko)?

    Diesen Text können Sie später 1:1 als Basis für ChatGPT-Anzeigen und Landingpages verwenden.

  2. Intent-basierte Angebote entwickeln
    Überlegen Sie für 5–10 typische Such-/Chat-Situationen Ihrer Zielgruppe, welches Angebot wirklich sinnvoll ist. Beispiel B2B-Software:

    • „CRM fĂĽr Handwerksbetriebe“ → 15-minĂĽtiger Online-Konfigurator
    • „KI im Vertrieb einfĂĽhren“ → interaktiver ROI-Rechner
    • „Messe-Leads qualifizieren“ → Playbook + Template-Download
  3. Tracking-Setup fĂĽr KI-Traffic vorbereiten
    Auch wenn Sie noch keine ChatGPT-Ads schalten können, sollten Sie:

    • saubere UTM-Parameter-Standards definieren,
    • Landingpages mit klaren, messbaren Conversion-Zielen vorbereiten,
    • Ihr CRM so konfigurieren, dass neue Kanäle (z.B. „AI Ads“) getrennt ausgewertet werden können.
  4. Datenschutz und Trust-Policy definieren
    Legen Sie intern fest, wie weit Sie bei Personalisierung und Retargeting in KI-Umgebungen gehen wollen – bevor der erste Anbieter damit wirbt, „alles tracken“ zu können.
    Gerade in Deutschland ist das ein Wettbewerbsvorteil: Wer transparent und fair agiert, baut Vertrauen auf, statt es zu verbrennen.


KI-Werbung ohne Vertrauensverlust: Wie es fair gehen kann

Werbung in KI-Systemen muss nicht zwangsläufig „Enshittification“ bedeuten. Im Gegenteil: Sie kann hilfreicher und passender sein als vieles, was wir heute im Feed sehen – wenn ein paar Grundregeln gelten.

5 Prinzipien fĂĽr verantwortungsvolle KI-Werbung

  1. Transparenz
    Anzeigen müssen immer klar als solche erkennbar sein – auch dann, wenn sie sich inhaltlich „wie eine Antwort der KI“ lesen.

  2. Relevanz vor Budget
    Die Einblendung sollte in erster Linie vom Fragekontext, nicht nur vom höchsten Gebot abhängen.
    Sonst zerstört man die Nutzererfahrung innerhalb weniger Monate.

  3. Nutzerkontrolle
    Nutzer:innen sollten steuern können:

    • ob sie Werbung sehen wollen,
    • welche Kategorien sie interessieren,
    • ob Daten fĂĽr Personalisierung genutzt werden dĂĽrfen.
  4. Fairness gegenĂĽber Content-Erstellern
    Wenn KI-Antworten stark auf Inhalten Dritter basieren, kann ein Beteiligungsmodell sinnvoll sein – ähnlich wie bei Perplexity angekündigt.
    Das sorgt für Akzeptanz bei Publishern und stärkt das gesamte Ökosystem.

  5. Messbarkeit ohne Ăśberwachung
    Werbetreibende brauchen Daten – aber nicht um den Preis totaler Profilbildung.
    Aggregierte, datenschutzkonforme Analytics reichen für gute Optimierung völlig aus.

Marken, die diese Prinzipien beherzigen, werden langfristig profitieren. Wer jede neue Targeting-Option ausreizt, nur weil sie möglich ist, riskiert mittelfristig Shitstorms, Regulatorik – und Vertrauensverlust bei genau den Kund:innen, die man erreichen will.


Fazit: Wie Sie ChatGPT-Werbung strategisch klug nutzen können

Werbung in ChatGPT ist kein „Ob“, sondern ein „Wann und Wie“. Die Anzeichen im Code, der ökonomische Druck auf OpenAI und die Vorreiterrolle von Diensten wie Perplexity zeigen: KI-Konversationen werden zu einem wichtigen Werbekanal.

FĂĽr Marketing und Vertrieb in Deutschland ergeben sich daraus drei Kernaussagen:

  1. Bereiten Sie Ihre Marke auf KI-Sichtbarkeit vor – mit klarer Positionierung, strukturierten Inhalten und echten, nutzenorientierten Angeboten.
  2. Denken Sie Werbetexte neu – weg vom Banner, hin zur hilfreichen Antwort im echten Nutzungskontext.
  3. Schützen Sie Vertrauen aktiv – durch eigene Richtlinien für Personalisierung, Transparenz und Fairness.

Wer diese Hausaufgaben im Winter 2025 erledigt, ist 2026 nicht nur „früh dabei“, sondern kann KI-Werbung gezielt für Wachstum in Marketing und Vertrieb nutzen – statt ihr hinterherzulaufen.

Wenn Sie intern gerade den Leitfaden „KI für Marketing & Vertrieb“ erarbeiten: Planen Sie ein eigenes Kapitel zu KI-Werbung und Conversational Ads ein. Es wird schneller relevant, als es vielen lieb ist.