Der VDI macht Künstliche Intelligenz zur Chefsache. Was das für Bau, Maschinenbau und Produktion bedeutet – und wie Sie jetzt eine wirksame KI-Roadmap aufsetzen.
Warum die KI-Strategie des VDI fĂĽr Ihre Branche ein Weckruf ist
Wenn der Präsident des VDI für seine zweite Amtszeit ankündigt, Künstliche Intelligenz zum Schwerpunktthema zu machen, ist das kein Symbolakt. Das ist ein Signal an Politik, Industrie – und an jedes Unternehmen, das 2026 noch wettbewerbsfähig sein will.
Prof. Lutz Eckstein bringt es auf den Punkt:
„Wir haben die Technologien, die klugen Köpfe und wegweisende Ideen. Jetzt brauchen wir den Mut zu größeren Zügen im globalen Schachspiel.“
Genau hier liegt das Problem vieler deutscher Unternehmen – insbesondere im Maschinenbau, in der Bauindustrie und in der industriellen Produktion: Es fehlt nicht an Know-how, sondern an Haltung, Tempo und einem klaren KI-Fahrplan.
In diesem Beitrag sehen wir uns an,
- warum der Kurs des VDI zur KĂĽnstlichen Intelligenz ein Wendepunkt sein kann,
- was das 5‑Ebenenmodell von Eckstein praktisch für Ihr Unternehmen bedeutet,
- wie die Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ die Leitplanken setzt,
- und welche konkreten Schritte Sie jetzt gehen sollten, um KI nicht nur „auszuprobieren“, sondern strategisch zu verankern – gerade in traditionellen Branchen wie Bau, Maschinenbau und Fertigung.
VDI-Kurs auf KĂĽnstliche Intelligenz: Was steckt dahinter?
Der VDI ist für die deutsche Industrie mehr als ein Verband – er ist Stimmungs- und Richtungsmesser. Wenn dort Künstliche Intelligenz zur Priorität wird, ist klar: KI ist kein IT-Thema mehr, sondern Kern von Innovations- und Industriepolitik.
Ecksteins Ansatz: Innovation beginnt mit Haltung
Eckstein verknĂĽpft KI nicht nur mit Technik, sondern sehr bewusst mit Mindset und Rahmenbedingungen:
- „Innovation beginnt mit Haltung“ – ohne Vertrauen in Ingenieur:innen und ihre Gestaltungskraft bleibt KI in der Konzeptphase stecken.
- Er fordert eine strategische Erneuerung der deutschen Innovationspolitik: weniger Kleinklein in Förderprogrammen, mehr klare Leitbilder und konsequente Umsetzung.
Für Unternehmen heißt das: Wer KI-Projekte nur als „Pilotversuche im Labor“ betreibt, statt sie an die Unternehmensstrategie zu koppeln, wird abgehängt.
Zusammenarbeit mit Informatik & SchlĂĽsselpartnern
Dass der VDI beim Thema KI eng mit der Gesellschaft fĂĽr Informatik und weiteren Partnern zusammenarbeitet, ist ein wichtiges Signal:
- KI in Deutschland wird interdisziplinär gedacht – Maschinenbau, Informatik, Bauwesen, Energie, Mobilität.
- Für Branchen wie Bauindustrie und Fertigung bedeutet das: Weg von Insellösungen, hin zu Standards, gemeinsamen Leitlinien und Best Practices.
Wer sich heute an diesen Netzwerken beteiligt, profitiert morgen von vorbereiteten Normen, erprobten Use Cases und einem leichteren Marktzugang.
Das 5‑Ebenenmodell der Innovation: Warum KI bei Regulierung und Business Case scheitert – oder gewinnt
Eckstein verweist auf ein 5‑Ebenenmodell der Innovation. Die Kernaussage: Eine Erfindung wird nur dann zur Innovation, wenn alle Ebenen zusammenspielen. Übertragen auf KI in der Industrie sieht das so aus:
1. Technologieebene – „Können wir das?“
Hier ist Deutschland stark:
- Exzellente Forschung zu Machine Learning, Computer Vision, Predictive Maintenance
- Starke Universitäten und Fraunhofer-Institute
Viele Unternehmen haben bereits erste KI-Prototypen – etwa zur Bildauswertung auf der Baustelle oder zur Qualitätssicherung in der Fertigung.
2. Regulatorische Ebene – „Dürfen wir das?“
Hier entscheidet sich, ob KI im Alltag ankommt.
- Datenschutz, KI-Verordnung, Produkthaftung: Ohne klaren Rahmen traut sich kaum jemand, KI in sicherheitskritischen Bereichen großflächig zu nutzen.
- Ecksteins Warnung: Wenn Regulierung Forschung und Praxis faktisch verhindert, bleibt KI theoretisch.
FĂĽr Bauindustrie und Maschinenbau ist das besonders relevant:
- Baustelle 4.0 braucht rechtssichere Regeln fĂĽr KI-gestĂĽtzte Planung, BauĂĽberwachung und Arbeitssicherheit.
- Im Maschinenbau geht es um Haftung bei KI-basierten Entscheidungen von Anlagen.
3. Ökonomische Ebene – „Rechnet sich das?“
Viele KI-Projekte scheitern hier:
- Unklare ROI-Berechnung
- Zu lange Amortisationszeiten
- Fehlende Skalierungsstrategie
Die Realität: Erfolgreiche Unternehmen definieren konkrete, messbare Ziele, z.B.:
- 20 % weniger Ausschuss durch KI-Qualitätskontrolle
- 15 % kĂĽrzere Bauzeiten durch KI-gestĂĽtzte Termin- und Ressourcenplanung
- 30 % weniger Stillstände durch Predictive Maintenance
4. Industrialisierungsebene – „Bekommen wir das aus dem Pilotstadium?“
Ein Prototyp ist kein Produkt.
- Fehlende Datenstrategie, heterogene Systemlandschaften, Widerstand in der Belegschaft – typische Bremsklötze.
- Unternehmen, die KI erfolgreich skalieren, investieren in MLOps, Datenplattformen und Schulung der Mitarbeitenden.
5. Marktebene – „Wird das überhaupt nachgefragt?“
Am Ende entscheidet der Markt:
- Kunden zahlen nicht für „KI“, sondern für zuverlässigere Termine, planbare Qualität, geringere Betriebskosten.
- Wer KI klar in Kundennutzen und Geschäftsmodelle übersetzt, hat einen Vorsprung – etwa als Bauunternehmen, das mit datenbasierten Festpreisen und garantierten Bauzeiten auftritt.
Die Quintessenz aus Ecksteins Modell:
„Die Zukunft fast jeder Branche hängt maßgeblich vom sinnvollen Einsatz der KI ab.“
Sinnvoll heißt: technisch möglich, rechtlich sauber, ökonomisch tragfähig und marktwirksam.
„Zukunft Deutschland 2050“: Leitbild statt Stückwerk
Die VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ arbeitet an einem umfassenden Zielbild für zentrale Bereiche:
- Energie
- Qualifikation & Ausbildung
- Gesundheit
- Schlüsselbranchen und ‑technologien – darunter KI
Warum dieses Langfristbild wichtig ist
Viele Unternehmen planen maximal bis 2030. Der VDI spannt den Rahmen bis 2050. Das zwingt zu anderen Fragen:
- Wie sieht ein klimaneutraler, digitaler Industriesektor 2050 aus?
- Welche Rolle spielt KI beim Umbau von Energieversorgung, Mobilität und Infrastruktur?
- Welche Kompetenzen brauchen Ingenieur:innen dann – und wie bilden wir heute schon dafür aus?
Bereits seit 2024 sammelt die Initiative regionale Impulse und Zukunftsszenarien. 2026 sollen diese zu einem ganzheitlichen Zielbild zusammengeführt werden. Wer heute mitdenkt, kann morgen von Förderprogrammen, Standards und Märkten profitieren, die sich genau an diesem Bild orientieren.
FĂĽr Unternehmen ergibt sich daraus eine Chance: Eigene KI-Strategie an ein nationales Leitbild andocken, statt isolierte Einzelprojekte zu verfolgen.
Was bedeutet das konkret fĂĽr Bau, Maschinenbau und Produktion?
Der VDI redet nicht abstrakt ĂĽber KI. Die Beispiele aus den letzten Monaten zeigen klar: Es geht um harte industrielle Anwendungen.
Typische KI-Use Cases in der Bau- und Fertigungswelt
Einige Beispiele, die heute schon Realität sind:
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Baustelle 4.0
- KI-gestĂĽtzte Auswertung von Drohnen- und Kamerabildern zur Baufortschrittskontrolle
- Automatische Erkennung von Sicherheitsrisiken (fehlende Schutzkleidung, Gefahrenzonen)
- Optimierung der Baulogistik durch lernende Algorithmen
-
Smart Manufacturing
- Predictive Maintenance an Werkzeugmaschinen und Produktionslinien
- Intelligente Qualitätskontrolle per Bildverarbeitung
- KI-basierte Feinplanung von Schichten und Aufträgen in globalen Produktionsnetzwerken
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Ressourcen- und Energieeffizienz
- KI-optimierte Energieverbräuche in Fabriken
- Datenbasierte Materialdisposition mit geringerem Ausschuss
Diese Beispiele zeigen: KI ist kein „Nice to have“, sondern direkt mit Produktivität, Kosten und Nachhaltigkeit verknüpft.
Drei typische Fehler deutscher Unternehmen
Aus vielen Projekten sehe ich immer wieder die gleichen Stolpersteine:
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KI ohne Datenstrategie
Modelle werden entwickelt, aber Daten liegen in Silos, sind unstrukturiert oder rechtlich nicht sauber nutzbar. -
Pilotitis
Ein Showcase auf der Messe, ein Versuch im Werk – und dann passiert nichts mehr. Keine Skalierung, kein Roll-out. -
Kein Schulungs- und Change-Plan
Mitarbeitende werden vor fertige Lösungen gestellt, ohne sie frühzeitig einzubinden. Ergebnis: Skepsis statt Akzeptanz.
Wer diese drei Punkte bewusst adressiert, hat gegenĂĽber vielen Wettbewerbern einen massiven Vorsprung.
Vom Schachbild zur Roadmap: So machen Sie KI zur Chefsache
Eckstein nutzt gerne das Bild vom Schachspiel: Ingenieur:innen müssen lernen, „taktisch zu denken und ihre Figuren mutiger zu bewegen“. Übersetzt in Unternehmenspraxis heißt das: eine klare KI-Roadmap auf Vorstandsebene.
1. Klare Vision: Wo schafft KI Wert – ganz konkret?
Starten Sie nicht mit Tools, sondern mit geschäftskritischen Fragestellungen:
- Wo verlieren wir heute am meisten Zeit oder Geld?
- Wo sind unsere Kunden unzufrieden (Termine, Qualität, Transparenz)?
- Welche dieser Probleme lassen sich datengetrieben adressieren?
Formulieren Sie 3–5 klare Zielbilder, z.B.:
- „Wir halbieren bis 2028 unplanmäßige Stillstände durch KI-gestützte Wartung.“
- „Wir bieten ab 2030 KI-unterstützte, garantierte Bauzeiten-Modelle an.“
2. Daten- und Governance-Grundlagen schaffen
Ohne solide Basis wird jedes KI-Projekt teuer und langsam.
- Definieren Sie eine Datenstrategie: Welche Daten, in welcher Qualität, mit welchen Rechten?
- Klären Sie Datenschutz, Haftung und Compliance frühzeitig mit Rechtsabteilung und Betriebsrat.
- Bauen Sie eine skalierbare Daten- und KI-Plattform auf – lieber robust und einfach als überkomplex.
3. Kompetenzen aufbauen – nicht nur im Data Science Team
Ecksteins Appell an ein neues Selbstverständnis des Ingenieurberufs ist zentral:
Ingenieur:innen müssen die Gestaltungskraft für KI-Lösungen annehmen – nicht nur „Fachinput für die IT liefern“.
Praktisch heiĂźt das:
- Schulungen zu Datenkompetenz und KI-Grundverständnis in Konstruktion, Produktion, Bauleitung
- Interdisziplinäre Teams aus Fachbereich, IT, Data Science und Recht
- Neue Rollen wie „KI-Produktmanager“ oder „Digital Construction Lead“ schaffen
4. Klein beginnen – aber mit Skalierungsplan
Ein guter Start:
- Ein bis zwei Leuchtturmprojekte mit hohem, messbarem Nutzen
- FrĂĽh messbare Kennzahlen definieren (z.B. Reduktion Ausschuss, Stillstand, Fehlerquote)
- Bereits beim Start definieren: „Wie rollen wir das bei Erfolg auf 5/10/20 Standorte aus?“
So vermeiden Sie Pilotitis und haben von Anfang an den Sprung zur Industrialisierung im Blick – ganz im Sinne von Ecksteins 5‑Ebenenmodell.
Fazit: KI wird zum neuen Ingenieur-Standard – nutzen Sie den Rückenwind
Die Wiederwahl von Prof. Lutz Eckstein als VDI-Präsident und sein klarer Fokus auf Künstliche Intelligenz sind mehr als Verbandspolitik. Es ist ein Signal an die gesamte Industrie, dass:
- KI zur Grundvoraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit wird,
- Innovation nur gelingt, wenn Technologie, Regulierung, Ă–konomie und Markt zusammenspielen,
- und Ingenieur:innen ein neues Selbstverständnis brauchen: datengetrieben, mutig, strategisch.
Wer jetzt handelt, kann die kommenden Jahre nutzen, um sich in seiner Branche – ob Bau, Maschinenbau oder Fertigung – an die Spitze zu setzen. Wer abwartet, wird zunehmend von Unternehmen überholt, die KI konsequent in Prozesse, Geschäftsmodelle und Produkte einbauen.
Wenn Sie Ihre eigene „Baustelle 4.0“ oder KI-Strategie aufsetzen wollen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, intern die Diskussion zu starten:
- Wo liegen unsere größten Hebel für KI?
- Welche Daten und Kompetenzen haben wir – und welche fehlen?
- Wie nutzen wir den Rückenwind durch VDI, Politik und Förderlandschaft gezielt für unser Unternehmen?
Die Schachfiguren stehen auf dem Brett. Die Frage ist: Wer macht jetzt den nächsten mutigen Zug?