Die SEC bearbeitet wieder RIA-Anträge von Schweizer Vermögensverwaltern. Was das für Strategie, Regulierung und KI-Einsatz im Cross-Border-Geschäft bedeutet.
US-Markt wieder offen: Chance für Schweizer Vermögensverwalter
Seit 10.06.2025 ist klar: Die US-Börsenaufsicht SEC bearbeitet wieder Registrierungsanträge von Schweizer Vermögensverwaltern als Registered Investment Adviser (RIA). Für viele Institute, die in den letzten Jahren an einer regulatorischen Wand abgeprallt sind, ist das ein Wendepunkt.
Das betrifft nicht nur grosse Banken. Gerade unabhängige Vermögensverwalter, Multi Family Offices und FinTech-getriebene Asset Manager gewinnen damit wieder strukturierten Zugang zu einem der wichtigsten Märkte für internationale Anleger.
In diesem Beitrag geht es darum, was diese Öffnung konkret bedeutet, welche Chancen sich für Schweizer Institute ergeben – und wie Sie sich strategisch, organisatorisch und technologisch darauf vorbereiten sollten.
1. Was sich konkret geändert hat – und warum das relevant ist
Die Kernaussage der FINMA-Mitteilung ist eindeutig: Die SEC nimmt neue und pendent gewesene RIA-Anträge von FINMA-beaufsichtigten Schweizer Instituten wieder auf. Die mehrjährige faktische Blockade ist damit beendet.
Der Hintergrund in Kurzform
- Schweizer Vermögensverwalter, die grenzüberschreitend Anlageberatung oder Vermögensverwaltung für US-Kunden anbieten wollen, benötigen in der Regel eine Registrierung als
Registered Investment Adviserbei der SEC. - In den vergangenen Jahren wurden neue Registrierungsanträge de facto nicht mehr weiterbearbeitet. Für viele Projekte hiess das: Strategie stoppen, Go-to-Market auf Eis legen.
- Nach Gesprächen zwischen FINMA und SEC wurden nun die Modalitäten der Aufsicht über in der Schweiz ansässige, bei der SEC registrierte Investment Adviser geklärt.
Konkret ging es dabei um:
- Direkte Übermittlung von Informationen an die SEC nach Art. 42c FINMAG (FINMASA)
- Vor-Ort-Prüfungen (On-site Examinations) in der Schweiz nach Art. 43 FINMAG
Die Behörden haben damit einen Rahmen gefunden, wie US-Aufsichtspflichten und Schweizer Rechtsordnung miteinander vereinbar sind.
Warum das für die Schweizer Finanzbranche 2025 zählt
Das Timing ist kein Zufall. 2025 sehen wir gleichzeitig:
- Eine wachsende US-Klientel mit Bezug zur Schweiz (z.B. Expat-Community, Unternehmer, Next Gen mit internationalem Vermögen)
- Zunehmenden Druck auf Margen im traditionellen Private Banking
- Starken Wettbewerb durch digital affine, KI-gestützte Vermögensverwalter weltweit
Wer jetzt reguliert in den US-Markt geht, verschafft sich einen Vorsprung. Wer abwartet, wird später zu Konditionen einsteigen, die von anderen definiert wurden.
2. Was die RIA-Öffnung für Schweizer Vermögensverwalter bedeutet
Für Schweizer Vermögensverwalter ist die Botschaft klar: Der RIA-Status ist wieder realistisch erreichbar – unter klaren Aufsichtsbedingungen.
Typische Institute, die profitieren können
Besonders interessant ist die Entwicklung für:
- Unabhängige Vermögensverwalter mit bestehenden US-Kunden, die bisher auf Grauzonen oder Ausnahmen angewiesen waren
- Multi Family Offices, die Familien mit US-Bezug über Generationen begleiten
- Banken und Wertpapierhäuser, die ihr Cross-Border-Geschäft professionalisieren wollen
- FinTech- und KI-basierte Asset Manager, die digitale Advisory- oder Discretionary-Angebote für vermögende US-Personen planen
Strategische Vorteile eines RIA-Setups
Ein registrierter Investment Adviser-Status in Kombination mit FINMA-Aufsicht ermöglicht:
- Rechtssicheren Marktzugang zu US-Kunden (insbesondere HNWI, UHNWI, Family Offices)
- Höhere Vertrauensbasis gegenüber anspruchsvollen internationalen Investoren
- Bessere Positionierung gegenüber rein europäischen Wettbewerbern ohne US-Registrierung
- Möglichkeit, KI-gestützte Mandatsmodelle unter klaren regulatorischen Leitplanken auszurollen
Wer das Thema RIA nur als Compliance-Pflicht versteht, denkt zu kurz. Richtig aufgesetzt ist der Status ein strategisches Vertriebs- und Branding-Asset.
3. Regulatorische Anforderungen: FINMA, SEC und die Praxis
Die Entscheidung von SEC und FINMA ist keine Einladung zur Sorglosigkeit. Der Preis für den US-Zugang ist ein Doppelregime: Schweizer Finanzmarktrecht plus US-Wertpapierrecht.
Duale Aufsicht: Was heisst das konkret?
Ein Schweizer Institut mit FINMA-Bewilligung und SEC-RIA-Status muss:
-
Schweizer Recht einhalten
- FINIG/FINIV (z.B. Bewilligungs- und Organisationspflichten)
- FIDLEG (z.B. Angemessenheit/Eignung, Kundeninformation, Dokumentation)
- GwG und Sorgfaltspflichten
-
US-Recht und SEC-Regeln erfüllen, u.a.
Investment Advisers Act of 1940- Offenlegungs-, Reporting- und Aufbewahrungspflichten
- Spezifische Regeln zur Werbung und Nutzung digitaler Kanäle
Die nun geklärten Modalitäten bedeuten:
Die SEC kann Informationen direkt erhalten und Vor-Ort-Prüfungen durchführen – aber immer im Rahmen des Schweizer Rechts und in koordinierter Form mit der FINMA.
Prüfungen und Informationsaustausch
Für die Praxis ergeben sich drei zentrale Punkte:
- Transparente Governance: Klare Zuständigkeiten für US-Regelwerk, Compliance und Reporting
- Prüfungsfähigkeit: Geordnete, nachvollziehbare Dokumentation – insbesondere bei KI-basierten Entscheidungsprozessen
- Datenzugang: Technische Setups, die es ermöglichen, sowohl FINMA- als auch SEC-Anforderungen an Datenzugriff und Audit Trails zu erfüllen, ohne Schweizer Datenschutzrecht zu verletzen
Wer hier sauber vorbereitet ist, kann SEC-Exams eher als Qualitätssiegel denn als Bedrohung nutzen.
4. Chancenstrategie: Wie Schweizer Institute den US-Markt sinnvoll angehen
Die Öffnung der Registrierungsprozesse ist nur der Startpunkt. Entscheidend ist eine klare Geschäftsstrategie für den US-Markt.
4.1 Zielkundensegmente klar definieren
Erfolgreiche Häuser starten nicht mit dem Produkt, sondern mit dem Segment. Typische Fokussierungen:
- Schweizer und europäische Unternehmer mit US-Steuerpflicht
- US-Persons mit Bezug zur Schweiz (Wohnsitz, Ausbildung, Familienvermögen)
- Next-Gen-Investoren, die digitale, transparente und kosteneffiziente Lösungen erwarten
Je klarer das Segment, desto präziser können Sie Produktdesign, Pricing und Kommunikation ausrichten.
4.2 Angebot differenzieren – gerade im Zeitalter von KI
US-Investoren haben Zugang zu einer Fülle von Robo-Advisors und Low-Fee-Plattformen. Ein Schweizer Vermögensverwalter überzeugt nicht über die Grundfunktionalität, sondern über spezialisierte Mehrwerte:
- Kombination aus KI-gestützter Portfoliosteuerung und menschlicher Relationship-Betreuung
- Integration von Schweizer Private-Market- oder nachhaltigen Anlagen, die in den USA weniger zugänglich sind
- Cross-Border-Steuerkompetenz (in Kooperation mit Spezialisten) für komplexe Vermögensstrukturen
Hier zeigt sich, wie eng die Kampagne KI in der Schweizer Finanzbranche mit dem RIA-Thema verzahnt ist: Ohne robuste, erklärbare KI wird die Skalierung eines US-Geschäfts heute unnötig teuer.
4.3 Operatives Setup: Was Sie vorbereiten sollten
Wer in den nächsten 12–18 Monaten einen RIA-Launch plant, sollte systematisch vorgehen:
-
Regulatorischer Readiness-Check
- Bestehende FINMA-Bewilligung und Organisation analysieren
- Lücken zum SEC-Anforderungsprofil identifizieren
-
US-spezifisches Operating Model definieren
- Cross-Border-Policy (z.B. Reisen, Meetings, digitale Kanäle)
- Rollen und Verantwortlichkeiten (Front, Compliance, Legal, Risk)
- Reporting- und Dokumentationsprozesse
-
Technische und KI-Infrastruktur ausrichten
- Datenhaltung mit Blick auf Schweizer Datenschutz und SEC-Zugriffsanforderungen
- KI-Modelle so gestalten, dass Nachvollziehbarkeit und Auditierbarkeit gewährleistet sind
- Monitoring-Tools für Portfolios, Suitability und Kommunikationskanäle
-
US-spezifische Kundendokumentation entwickeln
- Vertragswerke
- Offenlegungsdokumente (
Form ADVetc.) - Marketingmaterialien unter Beachtung der SEC-Marketing-Regeln
Wer diesen Pfad strukturiert angeht, reduziert Projekt- und Reputationsrisiken erheblich.
5. KI als Hebel im Cross-Border-Geschäft Schweiz–USA
Gerade für Institute, die nicht zu den ganz grossen globalen Playern gehören, ist Künstliche Intelligenz ein entscheidender Hebel, um das RIA-Geschäft profitabel zu betreiben.
5.1 Wo KI Schweizer Asset Managern konkret hilft
Typische Einsatzfelder im Kontext Schweiz–USA:
- Regulatory Intelligence: Automatisierte Überwachung von Änderungen im US- und Schweizer Aufsichtsrecht, inkl. Impact-Analysen
- Kunden- und Transaktionsmonitoring: Erkennung auffälliger Muster (AML, Suitability, Cross-Border-Verhaltensregeln)
- Personalisierte Portfolio-Vorschläge: Berücksichtigung individueller Steuer-, Wohnsitz- und Währungsanforderungen von US-Persons
- Dokumentenautomation: Erstellung und Aktualisierung von US- und CH-relevanten Vertrags- und Disclosure-Dokumenten
Die Realität: Ohne KI würden viele dieser Aufgaben entweder manuell und teuer oder gar nicht erledigt.
5.2 Was Aufsicht und Technologie voneinander erwarten
Sowohl FINMA als auch SEC interessieren sich zunehmend für die Frage, wie Institute KI einsetzen:
- Wie wird sichergestellt, dass KI-Modelle keine unerwarteten Risiken produzieren?
- Lässt sich ein Anlageentscheid im Nachhinein verständlich rekonstruieren?
- Sind Trainingsdaten qualitativ und rechtlich sauber?
Für Sie heisst das:
KI-gestützte Systeme müssen nicht nur performant, sondern auch prüfungsfest und erklärbar sein.
Institute, die diese Hausaufgaben früh machen, werden bei On-site-Prüfungen in Zukunft deutlich entspannter auftreten können.
6. Nächste Schritte für Schweizer Institute
Die Wiederaufnahme der RIA-Anträge ist eine Option, keine Pflicht. Deshalb braucht es jetzt eine klare Entscheidung: Passt der US-Markt zu Ihrer Strategie – ja oder nein?
Wenn ja, empfehle ich einen dreistufigen Ansatz:
-
Strategie-Entscheid (0–3 Monate)
- Zielkundensegmente und Ertragspotenzial quantifizieren
- Aufwand für Doppelregulierung realistisch einschätzen
-
Konzept- und Designphase (3–9 Monate)
- Operating Model, Risiko- und Compliance-Rahmen definieren
- KI- und Systemarchitektur auf Cross-Border-Bedürfnisse ausrichten
-
Implementierung und Antragstellung (9–18 Monate)
- Prozesse, Systeme, Dokumentation produktiv setzen
- SEC-Antrag sauber aufbereiten und einreichen
- Team für zukünftige FINMA-/SEC-Prüfungen befähigen
Wer heute (Stand 12.2025) startet, kann sich – je nach Komplexität – 2026/27 als ernstzunehmender Schweizer RIA-Player im US-Markt positionieren.
Fazit: Fenster ist offen – jetzt geht es um Geschwindigkeit und Qualität
Die Wiederaufnahme der RIA-Antragsbearbeitung durch die SEC ist eine seltene Kombination aus regulatorischer Klarheit und Marktopportunität für die Schweizer Finanzbranche. Schweizer Vermögensverwalter mit FINMA-Bewilligung haben damit wieder eine belastbare Grundlage, um US-Kundschaft rechtssicher und skalierbar zu betreuen.
Wer diese Chance nutzen will, braucht drei Dinge:
- Klare US-Strategie statt Opportunismus
- Robuste Governance für das Doppelregime FINMA/SEC
- Intelligent eingesetzte KI, um ein komplexes Cross-Border-Geschäft effizient und prüfungsfest zu managen
Die Frage ist weniger, ob der US-Markt attraktiv ist. Die Frage ist, welche Schweizer Institute ihn mit der nötigen Konsequenz, Technologiekompetenz und Regulierungssouveränität besetzen werden.