Was der RetInSight-Deal Anwälten über KI-Transaktionen zeigt

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

Der RetInSight-Verkauf an Topcon zeigt, wie KI, Life Sciences und M&A zusammenlaufen – und welche Chancen sich für österreichische Kanzleien mit KI-Fokus eröffnen.

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Warum der Verkauf von RetInSight fĂĽr Jurist:innen spannend ist

Ein KI-Spin-off aus Wien, gegründet 2020, wird innerhalb weniger Jahre von einem globalen Healthcare-Player übernommen – genau das ist mit RetInSight und Topcon Healthcare, Inc. passiert. Beraten wurde die Transaktion von Schönherr, die das Start-up seit der Gründung begleitet haben.

Für viele österreichische Rechtsanwält:innen ist dieser Deal mehr als eine Branchenmeldung. Er zeigt, wie KI, Life Sciences und M&A in der Praxis zusammenlaufen – und welche Chancen sich für Kanzleien auftun, die sich rechtzeitig in Richtung LegalTech und KI-Kompetenz entwickeln.

Die Realität? Solche Transaktionen werden in den nächsten Jahren häufiger. Wer im Markt sichtbar bleiben will, braucht nicht nur „Tech-Affinität“, sondern ein strukturiertes Konzept für KI-Mandate – von der Start-up-Begleitung bis zum Exit.

In diesem Beitrag geht es darum,

  • was den RetInSight-Deal juristisch interessant macht,
  • welche typischen Rechtsfragen bei KI-Transaktionen auftauchen,
  • wie sich österreichische Kanzleien 2025/2026 strategisch positionieren können,
  • und welche ganz konkreten Schritte Sie jetzt setzen sollten.

Der Deal in KĂĽrze: KI, Augenheilkunde und globaler Exit

Klarer Ausgangspunkt: RetInSight GmbH ist ein Wiener KI-Spin-off im Bereich Augenheilkunde. Die Algorithmen werten OCT-Bilder (optische Kohärenztomographie) aus und erkennen bzw. überwachen Netzhauterkrankungen wie

  • geografische Atrophie,
  • neovaskuläre altersbedingte Makuladegeneration (AMD),
  • diabetisches Makulaödem,
  • Netzhautvenenverschluss.

Alles Diagnosen, die weltweit zu den häufigsten Ursachen für massiven Sehverlust zählen – und damit auch wirtschaftlich höchst relevant sind.

Topcon Healthcare, Inc. ist Teil der Topcon Corporation und ein globaler Anbieter medizinischer Geräte und digitaler Gesundheitslösungen. Die Übernahme von RetInSight zahlt direkt auf die Topcon-Strategie „Healthcare from the Eye™“ ein: Diagnostik am Auge als Fenster zur allgemeinen Gesundheit.

Die rechtliche Begleitung:

  • Berater Verkäuferseite (RetInSight & GrĂĽnder): Schönherr
  • Berater Käuferseite (Topcon Healthcare): DORDA Rechtsanwälte
  • Finanzberater RetInSight: Drake Star

Bemerkenswert aus Anwaltssicht: Schönherr war seit Gründung 2020 durchgehend mandatiert – von der Wachstums- und Finanzierungsphase bis zum Exit. Genau dieses „vom Seed bis zum Exit“-Modell ist für viele österreichische Kanzleien eine attraktive Zukunftsstrategie im Bereich KI und LegalTech.


Was diesen KI-Deal rechtlich besonders macht

1. IP- und Datenrecht als Werttreiber

Bei klassischen Industrie-M&A steht oft die Produktionskapazität oder der Kundenstamm im Vordergrund. Bei RetInSight liegt der Wert ganz klar in:

  • Algorithmen & Software (IP-Rechte)
  • Trainings- und Gesundheitsdaten
  • Regulatorischen Zulassungen und Studien

FĂĽr die Due Diligence und Vertragsgestaltung bedeutet das:

  • Saubere IP-Kette: Sind alle Rechte an der KI wirklich bei der Zielgesellschaft gelandet (University-IP, Mitarbeitererfindungen, Consultants, Open-Source-Komponenten)?
  • Datenschutz & AI Act: DĂĽrfen die verwendeten medizinischen Daten ĂĽberhaupt in dieser Form verarbeitet und an einen internationalen Konzern ĂĽbertragen werden? Wie ist der rechtliche Rahmen zu DSGVO, Geheimnisschutz und – mit Blick nach vorne – dem EU AI Act?
  • Vendor-Neutralität: Die Plattform von RetInSight ist „anbieterunabhängig“. Vertragsklauseln mĂĽssen sicherstellen, dass diese Offenheit mit den strategischen Interessen von Topcon vereinbar bleibt – oder bewusst eingeschränkt wird.

2. Medizinprodukterecht und Haftungsfragen

KI-Systeme in der Augenheilkunde sind nicht nur Software, sondern in vielen Konstellationen (KI-gestĂĽtzte) Medizinprodukte. Das zieht mehrere Ebenen nach sich:

  • Einstufung und Konformitätsbewertung nach MDR
  • Haftungsrisiken bei Fehldiagnosen oder falscher Risikoeinschätzung
  • Schnittstellen zu Ă„rzten, Kliniken und Pharmaunternehmen

Für M&A-Anwält:innen heißt das: Regulatory ist kein „Nebenthema“ mehr, sondern integraler Bestandteil der Vertragsarchitektur. Gewährleistungen, Freistellungen (Indemnities) und Closing-Bedingungen müssen die regulatorischen Risiken ausdrücklich abdecken.

3. Internationale Skalierung und Standortfrage

RetInSight wird bereits europaweit vermarktet, Topcon will international skalieren. Damit stehen folgende Fragen im Raum:

  • Bleibt der Entwicklungsstandort Wien erhalten und wie wird er vertraglich abgesichert?
  • Welche Governance-Strukturen gelten kĂĽnftig fĂĽr F&E, Datenzugang und Produktstrategie?
  • Wie wird der Transfer von Know-how und sensiblen Informationen in andere Jurisdiktionen vertraglich geregelt (z.B. UK, USA, Asien)?

Genau hier können gut aufgestellte österreichische Kanzleien punkten:

Sie kennen sowohl den lokalen Rechtsrahmen als auch internationale Vertragsstandards und können als Brücke zwischen österreichischem KI-Ökosystem und globalen Konzernen auftreten.


Lektionen für österreichische Kanzleien: So positionieren Sie sich für KI-Deals

Die wichtigste Erkenntnis aus dem RetInSight-Fall: KI-Transaktionen sind kein exotisches Nischenthema mehr. Sie landen zunehmend auf dem Tisch von Wirtschaftskanzleien – und auch von kleineren Boutiquen mit Tech-Schwerpunkt.

1. Spezialisierung statt „Wir machen eh alles“

Mandanten aus dem KI- und Digital-Health-Bereich erwarten konkrete Expertise, etwa:

  • KI- und Datenrecht, AI Act, DSGVO
  • IP-Strategien fĂĽr Algorithmen und Trainingsdaten
  • Medizinprodukterecht / Life Sciences
  • Venture-Finanzierungen, Exit-Strukturen, ESOPs

Wer hier sichtbar sein will, sollte nicht nur „Tech“ in die Website schreiben, sondern z.B.:

  • eigene KI-Dossiers und Praxisgruppen bilden,
  • regelmäßig Fachbeiträge zu KI & Recht veröffentlichen,
  • Standarddokumente fĂĽr KI-Start-ups entwickeln (Data-Sharing-Agreements, Lizenzmodelle, AI-Governance-Regeln).

2. FrĂĽh in den Lebenszyklus von KI-Unternehmen einsteigen

Die Story von Schönherr und RetInSight zeigt, wie wertvoll eine frühe Begleitung ist:

  • GrĂĽndung & Spin-off-Struktur
  • IP-Ăśbertragungsverträge mit der Universität
  • Seed- und Series-Finanzierungsrunden
  • Kooperations- und Lizenzverträge mit Kliniken und Industriepartnern

Wer diese Phasen gut betreut, ist beim Exit die natĂĽrliche erste Wahl. Das ist nicht nur wirtschaftlich spannend, sondern verschafft der Kanzlei auch ein belastbares Track Record im Bereich KI-Transaktionen.

3. Eigene KI im Kanzleialltag nutzen – nicht nur beraten

Im Rahmen der Kampagne „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ fällt auf: Viele Kanzleien beraten bereits zu KI, setzen sie aber intern nur zögerlich ein. Das ist aus meiner Sicht ein Fehler.

Wer glaubwĂĽrdig zu KI-Themen auftreten will, sollte z.B.:

  • KI-gestĂĽtzte Recherchetools fĂĽr Judikatur und Literatur verwenden,
  • Dokumentautomation fĂĽr Standardverträge etablieren,
  • Mandatsanalyse und Due-Diligence-Reviews mit UnterstĂĽtzung von KI-Tools beschleunigen,
  • interne Guidelines definieren, wie Mitarbeiter:innen KI rechtssicher einsetzen (DSGVO, Geheimnisschutz, Urheberrecht).

Das senkt nicht nur Kosten und Bearbeitungszeiten, sondern schafft auch praktische Erfahrung, die im Mandantengespräch Gold wert ist.


Typische Rechtsfragen bei KI-Transaktionen – und wie man sie strukturiert angeht

Wer sich auf KI-Deals vorbereiten will, braucht ein klares Raster. Die folgenden Themen tauchen – mit kleinen Variationen – in fast jeder größeren KI-Transaktion auf.

1. Wem gehört die KI wirklich?

Kernfrage: Sind alle Rechte an der KI (Code, Modelle, Trainingsdaten, Dokumentation) sauber auf die Zielgesellschaft ĂĽbertragen?

Praktischer PrĂĽfpfad:

  • Arbeitsverträge & ErfindervergĂĽtungen
  • Berater- und Freelancerverträge
  • Kooperationsverträge mit Universitäten
  • Einsatz von Open-Source-Software und deren Lizenzen

Schon kleine Lücken können im Deal zu Purchase Price Adjustments oder harten Garantien führen.

2. Wie ist der Umgang mit personenbezogenen Daten geregelt?

Gerade im Gesundheitsbereich sind die Anforderungen hoch:

  • Rechtsgrundlagen nach DSGVO (insb. Art 9: besondere Kategorien personenbezogener Daten)
  • Pseudonymisierung / Anonymisierungskonzepte
  • Auftragsverarbeitungsverträge, Joint-Control-Modelle
  • Drittlandtransfers (Stichwort: Datenzugriff durch Muttergesellschaften auĂźerhalb der EU)

Für Transaktionsanwält:innen lohnt es sich, enge Schnittstellen zu Datenschutz- und IT-Rechtlern in der eigenen Kanzlei aufzubauen – idealerweise in interdisziplinären Deal-Teams.

3. Welche Rolle spielt der EU AI Act?

Auch wenn viele KI-Systeme heute noch unter „Altregime“ laufen: Der AI Act ist in Brüssel beschlossen, Übergangsfristen laufen, und Mandanten erwarten eine klare Einschätzung.

Fragen, die Sie beantworten können sollten:

  • Fällt das System in eine Hochrisiko-Kategorie (z.B. medizinische Zwecke)?
  • Welche Compliance-Pflichten treffen Hersteller, Importeure und Betreiber?
  • Wie sollten Vertragsklauseln aussehen, um Verantwortlichkeiten und Haftungsrisiken entlang der Lieferkette sinnvoll zu verteilen?

Wer hier mit strukturierten Checklisten und Standardklauseln arbeitet, wird für KI-Unternehmen zum verlässlichen Sparringspartner.


Konkrete Schritte für Ihre Kanzlei – jetzt, nicht „irgendwann“

FĂĽr 2026 ist eines klar: Der Mix aus KI, Life Sciences und Digital Health wird juristisch noch dichter. Wer sich jetzt vorbereitet, profitiert von einer frĂĽhen Positionierung.

1. Fokus definieren und sichtbar machen

  • Legen Sie fest, ob Sie eher Start-ups, Investoren oder Industrie/Healthcare-Konzerne adressieren wollen.
  • Passen Sie Website, Vorträge, Publikationen und Social-Media-Auftritt an diese Zielgruppe an.
  • Zeigen Sie anhand konkreter Case-Typen (z.B. „Begleitung eines KI-Spin-offs vom Uni-Spin-off zum Exit“) was Sie können – ohne vertrauliche Details preiszugeben.

2. KI-Kompetenz im Team aufbauen

  • Eine Person pro Standort oder Praxisgruppe, die sich systematisch mit KI-Recht, Datenschutz und AI Act beschäftigt.
  • Interne Fortbildungen und Wissensdatenbanken, damit M&A-, IP- und Regulatory-Teams auf demselben Stand sind.
  • Teilnahme an Fachgesprächen und Branchenevents zu KI im Unternehmen, Datenschutz, Urheberrecht und Geheimnisschutz.

3. Eigene LegalTech-Strategie entwickeln

  • Identifizieren Sie 2–3 Use Cases fĂĽr KI in Ihrer Kanzlei (z.B. Vertragsanalyse, Litigation-Strategie, Wissensmanagement).
  • Erarbeiten Sie Richtlinien, welche Daten in KI-Tools eingegeben werden dĂĽrfen.
  • Testen Sie bewusst verschiedene Tools und dokumentieren Sie, welche Mehrwerte entstehen (Zeitersparnis, Qualitätsgewinne, neue Mandatsformen).

Wer so vorgeht, kann Deals wie RetInSight nicht nur rechtlich abwickeln, sondern sich als strategischer Partner fĂĽr die digitale Transformation der Mandanten positionieren.


Fazit: RetInSight ist ein Blaupause-Case fĂĽr KI-Jurist:innen

Der Verkauf von RetInSight an Topcon Healthcare zeigt, was für das österreichische Rechtswesen längst Realität ist: KI-Unternehmen wachsen schnell, denken international und brauchen Kanzleien, die IP, Daten, Regulierung und M&A in einem Guss beraten.

Für Rechtsanwält:innen ist das keine Bedrohung, sondern eine Chance. Wer sich heute klar auf KI, LegalTech und Digital Health ausrichtet, kann in den nächsten Jahren genau jene Transaktionen begleiten, die den Markt prägen – vom ersten Spin-off-Vertrag bis zur globalen Übernahme.

Wer den nächsten Schritt setzen will, sollte jetzt intern die Weichen stellen: Spezialisierung klären, KI-Kompetenz im Team verankern und eigene LegalTech-Anwendungen etablieren. Die Deals kommen. Die Frage ist nur, wer bereit ist, sie zu führen – und nicht bloß zuzuschauen.