Product Carbon Footprint: Hebel für Scope‑3 & Net Zero

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

Product Carbon Footprints machen Scope‑3-Emissionen steuerbar, reduzieren Kosten und stärken Wettbewerbsvorteile. So setzen Unternehmen PCFs pragmatisch um.

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Warum der Product Carbon Footprint jetzt Chefsache ist

70–90 % der Emissionen vieler Unternehmen stecken in Scope 3 – also in der Lieferkette, in eingekauften Materialien, Logistik und Nutzung der Produkte. Genau dort wirkt der Product Carbon Footprint (PCF). Wer den CO2-Fußabdruck seiner Produkte versteht, kann Scope‑3-Emissionen steuern statt nur zu schätzen.

Das ist nicht nur ein Nachhaltigkeitsthema. Zwischen CBAM, CSRD und ESPR verschärfen sich die regulatorischen Vorgaben, während Kund:innen in Deutschland immer häufiger nachweisbar klimafreundliche Produkte verlangen. Ein belastbarer PCF ist damit zur Eintrittskarte für viele Märkte geworden – und zum zentralen Steuerungsinstrument auf dem Weg zur Netto-Null.

In diesem Beitrag zeige ich, wie Unternehmen PCFs strategisch einsetzen können, wo die größten Hürden liegen – und welche Rolle Einkauf, Datenqualität, Software und KI dabei spielen. Der Fokus: pragmisch vorgehen, Scope‑3-Emissionen reduzieren und gleichzeitig Kosten, Resilienz und Innovationskraft stärken.


Was ein guter Product Carbon Footprint leisten muss

Ein PCF misst die Treibhausgasemissionen eines Produkts über definierte Lebenszyklusphasen, ausgedrückt in CO2-Äquivalenten (CO2e). Entscheidend ist weniger die Definition – sondern, wofür Sie den PCF nutzen.

Drei zentrale Treiber: Warum PCF jetzt Priorität bekommt

  1. Regulatorische Anforderungen und Compliance
    Für Unternehmen mit Sitz in Deutschland sind PCFs längst nicht mehr „nice to have“:

    • CSRD verlangt Transparenz ĂĽber Klimaziele und Scope‑1‑3-Emissionen sowie wissenschaftsbasierte Reduktionspfade.
    • ESPR (Ecodesign for Sustainable Products Regulation) wird in den kommenden Jahren Produktgestaltung, Materialwahl und Informationspflichten direkt an Umweltkriterien koppeln.
    • CBAM zwingt Importeur:innen, Emissionen bestimmter Produktgruppen auĂźerhalb der EU nachzuweisen – ohne valide PCFs der Lieferanten wird das zur Dauerbaustelle.

    Wer heute mit Lieferanten an PCFs arbeitet, reduziert morgen den Aufwand fĂĽr Berichte, Nachweise und Audits massiv.

  2. Wettbewerbsfähigkeit und Marktstellung
    Ein niedriger PCF wird zunehmend zum Verkaufsargument – im B2B und im B2C:

    • Transparenz schafft Vertrauen: Kund:innen können Produkte vergleichen, Nachhaltigkeitsclaims werden prĂĽfbar.
    • Kosten und CO2 hängen oft zusammen: Wer Material, Ausschuss, Energie und Logistik mit PCF-Brille analysiert, findet Einsparpotenziale, die direkt in die Marge laufen.
    • Innovationen werden gezielt: Statt „grĂĽner BauchgefĂĽhl-Projekte“ entstehen konkrete MaĂźnahmen entlang der größten Emissionstreiber.
  3. Klimaschutz und unternehmerische Verantwortung
    Ohne Transparenz keine Steuerung. PCFs zeigen, ob Sie mit Ihren Klimazielen (Net Zero, Science Based Targets) auf Kurs sind – und wo Sie gegensteuern müssen. Für viele deutsche Marken ist das inzwischen auch ein Reputations- und Talentthema: Mitarbeitende wollen sehen, dass Dekarbonisierung nicht nur in Präsentationen existiert, sondern im Produktportfolio.


Vorbereitung: Ziel, Scope und Daten sauber klären

Die meisten PCF-Projekte scheitern nicht an der Mathematik, sondern daran, dass Ziel, Scope und Datenbasis unklar sind. Wer hier sauber arbeitet, spart später Monate.

1. Ziel: WofĂĽr brauchen Sie den PCF wirklich?

Ein PCF kann viele Zwecke haben. Typische Ziele sind:

  • Entscheidungsgrundlage fĂĽr Produktentwicklung und Einkauf (z.B. Material A vs. Material B)
  • Produktvergleich im Portfolio (welche Varianten haben den geringeren FuĂźabdruck?)
  • Wirkungsanalyse von MaĂźnahmen (z.B. Umstellung auf GrĂĽnstrom, andere Verpackung)
  • Kommunikation und Reporting (z.B. CSRD, Nachhaltigkeitsbericht, Kundenanfragen)

Mein Rat: Wählen Sie maximal zwei primäre Ziele für den Einstieg. Wer versucht, mit einem ersten PCF-Projekt alles gleichzeitig zu lösen, landet schnell in endlosen Diskussionen.

2. Scope: Wo verlaufen die Systemgrenzen?

Der Scope bestimmt, wie tief Sie in den Lebenszyklus eintauchen:

  • Aggregationsebene: einzelnes Produkt, Produktgruppe, funktionale Einheit (z.B. „1 T‑Shirt, 30 Wäschen“), Standort
  • Lebenszyklusphasen:
    • cradle-to-gate: von Rohstoffgewinnung bis Werkstor
    • cradle-to-grave: inklusive Nutzung, Wartung und Entsorgung
  • Emissionsumfang: Einbezug von Scope 1, 2 und 3 entlang der Kette

Für den Start im Einkauf und in der Lieferkette hat sich cradle-to-gate bewährt: Sie konzentrieren sich auf das, was Sie direkt über Lieferantenbeziehungen beeinflussen können.

3. Daten: Ohne Qualität keine Steuerung

Hier trennt sich Praxis von PowerPoint. Drei Punkte entscheiden:

  • Vollständigkeit: Fehlen ganze Prozessschritte oder Materialien, wird der PCF verzerrt.
  • Zuverlässigkeit: Reale Verbrauchsdaten schlagen Schätzwerte und generische Datenbanken.
  • Konsistenz: Einheitliche Einheiten, Zeiträume und Methoden sind Pflicht, wenn Sie Produkte oder Jahre vergleichen wollen.

Gerade in deutschen Unternehmen funktioniert das am besten mit interdisziplinären Teams: Nachhaltigkeit, Einkauf, Controlling, Produktion, IT – plus bei Bedarf externe Expertise für Methodik und Toolauswahl.


Durchführung nach ISO 14067 – pragmisch und datengetrieben

Die gute Nachricht: Der Ablauf eines PCF ist standardisiert und damit gut strukturierbar. In der Praxis hat sich eine Orientierung an ISO 14067 durchgesetzt.

Schritt 1: Datensammlung organisieren

Ziel ist es, alle relevanten Aktivitäten deutlich und einheitlich zu erfassen, um sie in CO2e umzurechnen. Sie arbeiten dabei in zwei Datenwelten:

  • Primärdaten: stammen direkt aus Ihrem Unternehmen oder von Lieferanten (z.B. Energieverbrauch, Materialmengen, Transportdistanzen, Prozessdaten). Diese Daten sind goldwert, weil sie Ihre Realität abbilden.
  • Sekundärdaten: stammen aus Datenbanken oder Literatur (z.B. Emissionsfaktoren fĂĽr Stahl, Baumwolle, Strommix). Sie sind unverzichtbar, wenn Primärdaten fehlen.

Ein professionelles Lieferantenmanagement ist hier der Hebel. Unternehmen, die Nachhaltigkeit bereits in Lieferverträgen, Bewertungssystemen und Bonusmodellen verankert haben, kommen deutlich schneller an belastbare Daten.

Schritt 2: Emissionsfaktoren festlegen

Für jede Aktivität brauchen Sie einen passenden Emissionsfaktor (z.B. kg CO2e pro kWh oder pro kg Material). Wichtig ist:

  • Nutzung anerkannter, aktueller Datenquellen
  • klare Dokumentation, welcher Faktor fĂĽr welche Aktivität verwendet wurde
  • konsistente Aktualisierung, wenn sich Strommix, Prozesse oder Materialien ändern

Gerade in der deutschen Industrie lohnt sich oft eine Abstimmung auf Branchenlevel – etwa über Verbände – um vergleichbare Emissionsfaktoren zu nutzen.

Schritt 3: PCF berechnen und Hotspots finden

Sind Daten und Emissionsfaktoren definiert, werden die Emissionen je Lebenszyklusphase berechnet und anschlieĂźend summiert. Spannend wird es bei der Auswertung:

  • Hotspot-Analyse: Welche Schritte (z.B. Rohmaterial, Färbeprozess, Transport per Flugzeug) verursachen den GroĂźteil der Emissionen?
  • Benchmarking: Wie steht Ihr Produkt im Vergleich zu Branchenwerten oder Alternativen im eigenen Portfolio da?

Aus meiner Erfahrung liegt oft 80 % des Potenzials in 20 % der Prozessschritte. Genau dort sollten Sie Prioritäten setzen.

Schritt 4: Maßnahmen ableiten – gemeinsam mit dem Einkauf

Ein PCF ohne MaĂźnahmen ist Statistik. Relevante Handlungsfelder sind zum Beispiel:

  • Materialwechsel (rezyklierte vs. primäre Rohstoffe, alternative Fasern in der Modebranche)
  • Prozessoptimierung (Energieeffizienz, Umstellung auf erneuerbare Energien)
  • Transport (Wechsel von Luft- auf See- oder Schienentransport, Routenoptimierung)
  • Designentscheidungen (Langlebigkeit, Reparierbarkeit, weniger Materialeinsatz)

Gerade im Kontext des deutschen Mode- und Textilsektors sehen wir, wie PCF-Daten konkrete Entscheidungen steuern:

  • Welche Stoffe werden fĂĽr die nächste Kollektion eingekauft?
  • Welche Färbeverfahren werden beauftragt?
  • Wo wird produziert, um Transportemissionen und CBAM-Risiken zu reduzieren?

Schritt 5: Berichten, kommunizieren – und Greenwashing vermeiden

ISO 14067 definiert klare Anforderungen an Dokumentation und Berichterstattung. Der PCF-Bericht sollte Methodik, Datenquellen und Annahmen transparent machen. FĂĽr die externe Kommunikation gilt:

Je konkreter der Claim, desto glaubwĂĽrdiger die Marke.

Statt vager Aussagen wie „klimaneutral“ wirken präzise Angaben („Produktfußabdruck 3,7 kg CO2e, reduziert um 28 % seit 2022 durch Umstellung auf Recyclingmaterial“). Wer das konsequent verfolgt, grenzt sich von den vielen „vagen und unbegründeten“ Umweltversprechen am Markt ab.


Praxis-Hürden: Daten, Software – und der Faktor Mensch

Viele Unternehmen wollen PCFs, unterschätzen aber den Aufwand. Drei Themen tauchen in Gesprächen mit Verantwortlichen immer wieder auf.

1. Fachexpertise aufbauen statt alles auszulagern

Externe Beratung hilft beim Start, aber auf Dauer brauchen Sie internes Know-how:

  • Wie interpretiere ich PCF-Ergebnisse?
  • Wie priorisiere ich MaĂźnahmen entlang der Lieferkette?
  • Wie spiele ich die Erkenntnisse in Produktentwicklung, Einkauf und Vertrieb zurĂĽck?

Mein Tipp: ein kleines Kernteam etablieren, das Methodik verantwortet und intern als Ansprechpartner fungiert.

2. Datenmanagement und Software: von Excel zu skalierbaren Lösungen

Ein erster PCF lässt sich noch in Excel rechnen. Spätestens bei mehreren Produkten, Standorten und Jahren wird das unhandlich. Aus der Praxis:

  • Spezialisierte LCA-/PCF-Tools (z.B. auf Basis von ISO 14067) erleichtern Berechnung, Szenarien und Reporting.
  • Integration in bestehende Systemlandschaften (ERP, PLM, Einkaufs- und Logistiksysteme) macht PCF-Daten nutzbar im Tagesgeschäft.
  • KI-gestĂĽtzte Lösungen gewinnen gerade im deutschen Markt an Bedeutung: Sie schlagen fehlende Emissionsfaktoren vor, erkennen Datenanomalien und simulieren Dekarbonisierungsszenarien.

Eine „One-size-fits-all“-Lösung gibt es nicht. Wichtig ist ein klarer Kriterienkatalog: Methoden-Compliance, Datenquellen, Integrationsfähigkeit, Usability, Kosten.

3. Lieferanten einbinden – nicht nur abfragen

Supplier Engagement ist der vielleicht wichtigste Erfolgsfaktor, gerade bei Scope 3. Anstatt nur Fragebögen zu verschicken, funktionieren folgende Ansätze besser:

  • Schrittweise EinfĂĽhrung: erst SchlĂĽssellieferanten, dann breitere Lieferantenbasis
  • Klare Erwartungshaltung in Verträgen: Datenlieferung, Aktualisierung, Klimastrategie
  • UnterstĂĽtzung statt nur Druck: Schulungen, gemeinsame Workshops, Austausch zu Best Practices
  • VerknĂĽpfung mit Geschäft: wer gute Daten liefert und CO2 reduziert, gewinnt Punkte in der Lieferantenbewertung

So wird der PCF nicht zum Kontrollinstrument, sondern zum gemeinsamen Projekt in Richtung Net Zero.


Wie Sie jetzt konkret starten – oder skalieren

Ob Sie noch vor dem ersten PCF stehen oder bereits mittendrin sind: Der Weg lohnt sich, wenn er strukturiert angegangen wird.

Viel bewährt hat sich folgende Roadmap:

  1. Pilot definieren
    1–3 Produkte auswählen, die entweder hohe Emissionen haben, strategisch wichtig sind oder stark im Fokus von Kund:innen und Regulierung stehen.

  2. Team und Verantwortlichkeiten klären
    Ein Kernteam mit klaren Rollen aufsetzen (Sustainability, Einkauf, Controlling, IT, Produktion).

  3. Methodik und Tools festlegen
    Systemgrenzen, Datendefinitionen, Standards (z.B. ISO 14067) und ein geeignetes Tool auswählen.

  4. DatenlĂĽcken identifizieren und schlieĂźen
    Früh mit Lieferanten sprechen, Erwartungen transparent machen, erste Datenströme vertraglich absichern.

  5. Ergebnisse konsequent nutzen
    PCF nicht in der Nachhaltigkeitsabteilung „parken“, sondern in Produktentwicklung, Pricing, Einkauf und Vertrieb integrieren.

Wer heute startet, verschafft sich 2026 und darüber hinaus einen spürbaren Vorsprung – regulatorisch, wirtschaftlich und im Wettbewerb um Kund:innen und Talente.


Fazit: PCF als Steuerungsinstrument für Scope‑3-Emissionen

Der Product Carbon Footprint ist weit mehr als eine Kennzahl im Nachhaltigkeitsbericht. Richtig aufgesetzt, wird er zum zentralen Instrument, um Scope‑3-Emissionen transparent zu machen, Dekarbonisierung zu steuern und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Unternehmen, die jetzt ihre PCF-Kompetenz aufbauen, ihre Lieferanten systematisch einbinden und passende Softwarelösungen etablieren, werden von der zunehmenden Regulierung nicht überrollt, sondern profitieren davon. Gerade in stark betroffenen Branchen wie der deutschen Industrie oder der Mode- und Textilwirtschaft ist das ein klarer strategischer Vorteil.

Die entscheidende Frage lautet daher weniger: „Müssen wir PCFs machen?“ – sondern: „Wie nutzen wir PCFs, um unsere Produkte wirtschaftlich und klimafit für 2030 zu machen?“