Die openBIM Awards 2025 zeigen, wie offene Standards und KI reale Bauprojekte voranbringen – und was die österreichische Bauindustrie daraus für digitale Baustellen lernen kann.
openBIM Awards 2025: Was die Finalisten der Baupraxis lehren
2025 werden weltweit Bauprojekte im Wert von über 10 Billionen US‑Dollar digital geplant oder gesteuert – ein immer größerer Teil davon auf Basis von openBIM. Die frisch veröffentlichten Finalisten der buildingSMART openBIM Awards 2025 zeigen sehr klar, wohin die Reise geht: offene Standards, KI‑gestützte Auswertung und durchgängige Datenketten vom Entwurf bis zum Betrieb.
Für die österreichische Bau- und Immobilienbranche – vom Generalunternehmer bis zum kommunalen Bauamt – steckt in dieser Shortlist mehr als nur Branchennews. Sie ist eine Art „Best‑of“ dessen, was heute auf digitalen Baustellen weltweit funktioniert. Wer wissen will, wie sich KI und openBIM konkret in Projekten einsetzen lassen, bekommt hier eine praxisnahe Benchmark.
In diesem Beitrag ordne ich die Finalisten ein, zeige die wichtigsten Trends und leite daraus konkrete Ansätze für digitale Baustellen in Österreich ab.
1. Was die openBIM Awards 2025 auszeichnen – und warum das wichtig ist
Die buildingSMART openBIM Awards prämieren Projekte, in denen offene Standards (z. B. IFC, BCF, IDS) nicht nur theoretisch, sondern im realen Projektalltag funktionieren. Entscheidend ist dabei:
- Interoperabilität zwischen Softwarelösungen
- strukturierte, wiederverwendbare Daten
- durchgängige Nutzung über den gesamten Lebenszyklus
- nachweisbarer Mehrwert für Kosten, Termine, Qualität oder Nachhaltigkeit
Die Finalisten 2025 decken die gesamte Wertschöpfungskette ab:
- Construction (Hochbau & Infrastruktur)
- Design (Planung)
- Operations (Betrieb & FM)
- Research (Forschung, Student & Professional)
- Technology (Werkzeuge & Plattformen)
Für Unternehmen im DACH‑Raum – und speziell in Österreich – ist das eine hervorragende Referenz, um den eigenen Digitalisierungsgrad ehrlich einzuordnen. Viele der Lösungen ähneln Herausforderungen, die wir hierzulande aus Großprojekten, Infrastrukturvorhaben oder kommunalen Bauprogrammen kennen.
2. Globale LeuchttĂĽrme: Was Bau- und Infrastrukturprojekte vormachen
Die stärkste Botschaft aus der Kategorie Construction: Digitale Methoden mit openBIM funktionieren inzwischen auf Projekten, bei denen Fehler oder Verzögerungen Millionen kosten würden.
2.1 Hochbau: Flughäfen, Sportparks, Holzquartiere
Unter den Finalisten stechen drei Projekte heraus:
- Terminal 3 des Guangzhou Baiyun International Airport (China)
- Kai Tak Sports Park in Hongkong
- Katajanokka Pier in Finnland – ein nachhaltiges Stadtentwicklungsprojekt in Holzbauweise
Sie eint ein Muster, das auch fĂĽr Ă–sterreich relevant ist:
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Komplexität wird zum Datenproblem. Flughäfen und Sportarenen vereinen Gebäude‑, Infrastruktur‑ und TGA‑Komplexität. Ohne saubere Datenstrukturen laufen Koordination und Bauüberwachung ins Leere.
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openBIM ist die gemeinsame Sprache. Unterschiedliche Fachplaner, internationale Teams und verschiedene Softwarelösungen greifen über IFC & Co. auf denselben Informationsstand zu.
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Nachhaltigkeit basiert auf Daten. Gerade bei Holzbau-Quartieren wie am Katajanokka Pier ist der Nachweis von grauer Energie, CO₂‑Bilanz oder Rückbaupotenzial nur seriös möglich, wenn die Material- und Produktdaten digital vorliegen.
Übertragen auf die österreichische Baupraxis heißt das:
- Großprojekte wie Flughafenerweiterungen, Stadien oder Spitäler sollten frühzeitig eine openBIM‑Strategie festschreiben – inklusive klarer Informationsanforderungen (AIA/EIR) und IDS‑basierten Prüfregeln.
- Holzbau‑Regionen (z. B. Steiermark, Tirol, Vorarlberg) können von den skandinavischen Erfahrungen im urbanen Holzbau mit BIM‑Daten unmittelbar profitieren.
2.2 Infrastruktur: Bahn & Light Rail als Taktgeber
Im Infrastrukturbereich zeigen die Finalisten:
- ein Light‑Rail‑Projekt in Australien
- ein Cluster von GroĂźprojekten im chinesischen Bahnsektor
Hier wird deutlich: Offene Datenstandards sind die Voraussetzung, damit lange Lebenszyklen (oft 50+ Jahre) digital gemanagt werden können.
Was sich daraus für Österreichs Infrastrukturprojekte ableiten lässt:
- Bei Bahn, Straße und Energieprojekten sollte jede neue Ausschreibung konsequent IFC‑basierte Datenabgaben verlangen – inklusive klarer Regeln, wie diese Daten in GIS‑ und Instandhaltungssysteme einfließen.
- Die Kombination von Modell, Zeit (4D) und Kosten (5D) auf Basis offener Formate reduziert Nachtragsrisiken und Konflikte mit ausfĂĽhrenden Unternehmen.
Die Realität: Viele österreichische Infrastrukturprojekte arbeiten heute noch mit Insellösungen. Die Award‑Projekte zeigen, dass ein offener Ansatz langfristig weniger Risiko bedeutet – auch wenn die Umstellung anfangs unbequem ist.
3. Design & KI: Wie Planung und Datenintelligenz zusammenwachsen
Die Design‑Kategorien machen deutlich, wie stark Planungsteams inzwischen datengetrieben arbeiten – und wie KI dabei hilft.
3.1 Österreich im Rampenlicht: „BIM is Magical“
Aus österreichischer Sicht besonders spannend: Das Hochhausprojekt „BIM is Magical“ von ARGE TVG / AllesWirdGut – Hertl.Architekten – FCP ist Finalist in der Kategorie Design for Buildings.
Der Titel ist kein Marketing‑Gag, sondern beschreibt einen Paradigmenwechsel:
- Planungsteams nutzen interoperable Modelle, um Varianten schneller zu bewerten.
- Entscheidungen zu Tragwerk, Haustechnik oder Fassade basieren auf auswertbaren Daten, nicht nur auf 3D‑Geometrie.
- Durchgängige openBIM‑Workflows reduzieren Medienbrüche zwischen Architektur, Statik, TGA und Ausführungsplanung.
Für österreichische Büros ist das ein starkes Signal:
Wer BIM nur als „3D fürs Rendering“ versteht, wird in wenigen Jahren am Markt Probleme bekommen.
Erfolgreiche Teams setzen auf:
- Parametrische Modellierung, um Varianten effizient durchzuspielen
- offene Schnittstellen (IFC/BCF), damit alle Partner mitziehen können
- eine konsequente BIM‑Koordination, die Kollisionen früh erkennt
3.2 KI‑gestützte Datenketten: Von der Planung bis zur Mengen- und Kostenermittlung
In der Kategorie Design for Infrastructure fällt besonders ein Projekt ins Auge: die Entwicklung eines automatischen Systems zur Datenverknüpfung von Planung und Mengenermittlung auf openBIM‑Basis.
Genau hier entsteht aktuell der größte Produktivitätshebel:
- Klassische Mengenermittlung wird aus PDF‑Plänen oder 2D‑Ableitungen gemacht.
- openBIM‑Modelle erlauben eine regelbasierte, automatisierte Mengenermittlung.
- KI‑Algorithmen unterstützen dabei, Bauteile zu klassifizieren, Materialien zu ergänzen und Plausibilitätschecks durchzuführen.
Konkrete Chancen fĂĽr Unternehmen im deutschsprachigen Raum:
- Baumeister und GU können LV‑Erstellung und Angebotskalkulation massiv beschleunigen.
- Planer vermeiden Diskussionen ĂĽber Mengenabweichungen, weil die Ableitung klar nachvollziehbar ist.
- Bauherren erhalten eine transparenter dokumentierte Kostenbasis, die bis in die Betriebsphase nutzbar ist.
Wer heute in Österreich an digitalen Baustellen arbeitet, sollte sich genau hier positionieren: Automatisierte, offene Datenketten zwischen Modell, Mengen, Kosten und Terminplanung – unterstützt durch KI.
4. Betrieb, Digital Twin & KI: openBIM endet nicht mit der Schlussrechnung
Mindestens genauso wichtig wie Planung und Bau ist die Kategorie Operations. Hier wird deutlich: Der eigentliche ROI von BIM entsteht oft nach der Fertigstellung.
4.1 Digitale Zwillinge für Infrastruktur und Gebäude
Unter den Finalisten finden sich u. a.:
- ein offener Digital‑Twin‑Ansatz für Wasserver- und entsorgung in Hongkong
- das Projekt „The Henderson – openBIM for Building Lifecycle“
- ein geospatialer Digital Twin eines Softwarehauses aus Italien
Gemeinsam ist ihnen:
- Nutzung von IFC‑Modellen als Datenbasis für Betrieb, Wartung und Umbauten
- Anreicherung mit Sensordaten (IoT), z. B. für Zustandsmonitoring
- Integration von KI‑Algorithmen, um Anomalien zu erkennen oder Wartungszyklen zu optimieren
Für österreichische Immobilienbetreiber, Kommunen und Infrastrukturbetreiber bedeutet das:
- Wer heute BIM‑Modelle in der Planung fordert, sollte früh klären, wie diese im CAFM‑ oder ERP‑System weitergenutzt werden.
- Geodätische Einbindung (GIS) und einheitliche Gebäudeschlüssel sind Pflicht, wenn man später einen funktionierenden Digital Twin will.
4.2 Von der Theorie zur Praxis: Wie man den Ăśbergang schafft
Ein häufiger Bruch in der Praxis: Das Planungsmodell ist am Ende des Projekts top – aber der Betreiber bekommt nur PDFs und DWGs.
Aus den Award‑Projekten lassen sich drei einfache Prinzipien ableiten:
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Informationsanforderungen definieren Bereits bei Ausschreibung und Vertrag müssen Betreiberanforderungen (z. B. Raumdatenblätter, Wartungsrelevanz, Seriennummern) als strukturierte Informationsanforderungen formuliert werden.
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Datenqualität prüfen Mit IDS (Information Delivery Specification) und automatischen Prüfungen wird vor Übergabe sichergestellt, dass alle benötigten Informationen im Modell vorhanden und korrekt strukturiert sind.
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Schnittstellen festlegen Es braucht klar definierte Schnittstellen zwischen BIM‑Modell und CAFM/ERP‑System, am besten auf Basis offener Standards und nicht proprietärer Exporte.
Wer das beherzigt, vermeidet den klassischen „Medienbruch“ am Projektende – und holt den tatsächlichen Mehrwert aus der digitalen Baustelle.
5. Forschung & Technologie: KI und openBIM wachsen zusammen
Die Kategorien Professional Research, Student Research und Technology zeigen, wo die Reise in den nächsten Jahren hingeht – und sie ist stark von Künstlicher Intelligenz geprägt.
5.1 KI fĂĽr Nachhaltigkeit und Materialdaten
Mehrere Finalisten verbinden KI, openBIM und Nachhaltigkeit, etwa:
- „AI & openBIM for LCA“: Nutzung von LLMs, um fehlende Materialdaten für Ökobilanzen (LCA) zu ergänzen.
- „CarbonSmart“: Ein CO₂‑Rechner mit KI‑gestützter Materialerkennung.
Der Kern:
KI schlieĂźt DatenlĂĽcken, die heute Ă–kobilanzen ungenau oder teuer machen.
Wenn Bauteile im IFC‑Modell nicht sauber klassifiziert sind oder Produkte im EPD‑Katalog fehlen, können KI‑Modelle Vorschläge liefern, die dann fachlich geprüft werden. Für österreichische Projekte mit EU‑Taxonomie‑Pflichten oder ESG‑Berichtspflichten ist das hochrelevant.
5.2 Automatisierte IDS & Klassifikation – „arcpath“ und QI
In der Kategorie Technology zeigen Projekte wie:
- „arcpath: agent on the path to openBIM, automating IDS for easier adoption“
- „Qonic Intelligence (QI): Applying openBIM Classification through Advanced AI“
wie KI als „Assistent“ in der Modellprüfung und Klassifikation eingesetzt wird:
- IDS‑Regeln werden halbautomatisch erstellt oder angepasst.
- Bauteile im Modell werden automatisch klassifiziert, z. B. nach ÖNORM‑ oder IFC‑Schemas.
- Regelverstöße werden erkannt und den Planern über BCF‑Workflows zurückgemeldet.
Für österreichische Unternehmen, die mit knappen Ressourcen in BIM‑Koordination oder QS kämpfen, ist das eine echte Entlastung: Ein Teil der Modellprüfung kann an „smarte Agenten“ ausgelagert werden, ohne die Kontrolle aus der Hand zu geben.
5.3 Scan‑to‑BIM und offene Datensätze
Mit Projekten wie „BIMNet: openBIM‑basiertes Dataset für Scan‑to‑BIM“ wird offenkundig, wohin die Reise bei Bestandsdigitalisierung geht:
- offene, standardisierte Datensätze beschleunigen die Entwicklung besserer KI‑Modelle.
- damit wird die halbautomatische Erstellung von BIM‑Modellen aus Laserscans oder Punktwolken realistischer.
Gerade für Österreich mit seinem großen Bestand an Gründerzeithäusern, kommunalen Gebäuden und Infrastrukturanlagen ist das ein entscheidender Punkt: Die Zukunftsfähigkeit des Portfolios hängt daran, wie effizient Bestände digitalisiert werden können.
6. Was Unternehmen in Ă–sterreich jetzt konkret tun sollten
Aus den Finalisten lässt sich eine klare Roadmap für die Digitalisierung von Baustellen in Österreich ableiten. Drei Schritte haben sich in der Praxis bewährt:
6.1 strategisch: openBIM und KI als Chefsache verankern
- Eine openBIM‑Strategie formulieren, die Standards (IFC, BCF, IDS), Datenhoheit und Zielbilder (Digital Twin, ESG‑Reporting) klar definiert.
- Rollen und Verantwortlichkeiten festlegen: BIM‑Manager, Informationsmanager, Data Steward.
- Pilotprojekte auswählen, bei denen sich der Mehrwert rasch zeigt (z. B. ein Neubau mit komplexer TGA oder ein Infrastrukturabschnitt).
6.2 operativ: Digitale Baustelle Schritt fĂĽr Schritt aufbauen
- Baustellenprozesse digitalisieren: Mängelmanagement, Bautagebuch, Fortschrittsdokumentation – idealerweise angebunden an das BIM‑Modell.
- openBIM‑Workflows etablieren: Austausch über IFC und BCF, automatisierte Modellprüfungen, Versionierung.
- KI gezielt einsetzen, z. B. für:
- automatisierte Mengenermittlung
- Klassifikation und Qualitätsprüfung von Modellen
- Auswertung von Sensorsignalen fĂĽr Baufortschritt oder Zustand
6.3 kulturell: Kompetenzen aufbauen und Erfahrungen teilen
- Schulungen und Zertifizierungen nutzen (z. B. buildingSMART‑Programme), um das Team fit für openBIM zu machen.
- Erfahrungen aus Pilotprojekten intern und mit Partnern teilen, statt sie in Silos zu halten.
- sich aktiv an Netzwerken und Fachgruppen beteiligen, um von internationalen Best Practices zu lernen.
Je früher Unternehmen diese Schritte gehen, desto größer ist der Vorsprung, wenn KI‑gestützte, offene Datenkulturen zum Standard werden.
Fazit: Die Zukunft der Baustelle ist offen, vernetzt und datengetrieben
Die buildingSMART openBIM Awards 2025 zeigen sehr deutlich: openBIM und KI sind keine Zukunftsvision mehr, sondern gelebte Baupraxis – von Flughäfen über Light‑Rail‑Projekte bis hin zu Digital Twins für Wasser- und Gebäudenetze.
Für die österreichische Bauindustrie liegt darin eine klare Botschaft: Wer jetzt in offene Datenstandards, KI‑gestützte Workflows und digitale Baustellenprozesse investiert, orientiert sich nicht an Theorie, sondern an erfolgreichen Realprojekten weltweit. Die Finalisten liefern die Blaupause – die Frage ist nur, welche Unternehmen diese Chance zuerst für sich adaptieren.
Wer den nächsten Schritt gehen will, sollte konkrete Pilotprojekte definieren, bei denen openBIM‑Workflows und KI‑Anwendungen ausprobiert werden – und die gewonnenen Erfahrungen konsequent in Ausschreibungen, Verträgen und Organisationsstrukturen verankern.