OLG stärkt Online-Notariat: Was das für Kanzleien heißt

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

Das OLG Wien bestätigt das Geschäftsmodell von notarity. Was das für digitale Notariatsdienste, LegalTech und Kanzleien in Österreich konkret bedeutet.

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OLG bestätigt notarity – Signal für digitale Notariatsdienste

Mehrere tausend Online-Beglaubigungen pro Monat, überwiegend aus dem Ausland – und das über eine Plattform aus Wien. Genau dieses Geschäftsmodell von notarity hat das Oberlandesgericht Wien in zweiter Instanz im Kern bestätigt. Die Klage der Österreichischen Notariatskammer wurde in den Hauptpunkten abgewiesen; das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, aber die Richtung ist klar: digitale Notariatsleistungen sind in Österreich angekommen.

Für österreichische Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte ist das mehr als eine Branchenmeldung. Das Urteil zeigt, wie weit Online-Services, Videoidentifikation und digitale Signaturen rechtlich tragfähig sind – und wo Grenzen liegen, etwa bei Werbung und Preisgestaltung. Wer jetzt klug reagiert, kann Mandate gewinnen, statt sie an Plattformen zu verlieren.

In diesem Beitrag geht es darum, was die Entscheidung zum Geschäftsmodell von notarity bedeutet, wie sich dadurch der Markt für notarielle und angrenzende Rechtsdienstleistungen verändert – und wie Kanzleien 2026 ganz konkret LegalTech und KI nutzen können, um davon zu profitieren.


Was das OLG Wien zum Geschäftsmodell von notarity tatsächlich sagt

Klarer Kern der Entscheidung: Das Online-Geschäftsmodell von notarity ist in seinen Grundzügen rechtmäßig.

Das Oberlandesgericht Wien hat – wie schon die erste Instanz – bestätigt, dass:

  • Online-Notariatstermine auf Plattformbasis grundsätzlich zulässig sind,
  • der digitale Zugang zu Notariatsdienstleistungen rechtlich abbildbar ist,
  • die von notarity vertretene Rechtsmeinung in wesentlichen Punkten hält.

Eingeschränkt wurde notarity nur bei Randthemen:

  • Werbung (Formulierungen, die unzulässig waren oder den Anschein einer unzulässigen Vorteilsgewährung erwecken konnten)
  • Preisgestaltung und Preispräsentation
  • damit zusammenhängende Veröffentlichungsbegehren der Notariatskammer

Wichtig: notarity hat nach eigenen Angaben bereits im Winter 2023 Anpassungen vorgenommen und den vom Gericht aufgezeigten Änderungsbedarf weitgehend umgesetzt. Das Unternehmen agiert damit in einem rechtlichen Rahmen, der jetzt in zweiter Instanz im Prinzip bestätigt wurde.

Zentrale Botschaft: Online-Beglaubigungen und digitale Notariatswege sind kein Graubereich mehr, sondern gelebte Praxis – auch mit gerichtlichem Rückenwind.

Für die Notariatskammer heißt das: Die generelle Abwehrhaltung gegen Online-Modelle trägt rechtlich nur begrenzt. Für Kanzleien heißt es: Digitale Workflows rund um notarielle Vorgänge lassen sich rechtssicher in eigene Services integrieren.


Was sich durch Online-Notariate am Markt wirklich ändert

Der eigentliche Effekt der Entscheidung ist wirtschaftlich, nicht nur juristisch. notarity wickelt inzwischen mehrere tausend Online-Beglaubigungen pro Monat ab, der GroĂźteil auĂźerhalb Ă–sterreichs. Das zeigt drei Punkte sehr deutlich:

  1. Der Markt ist längst international.

    • Ă–sterreichische Notariate und Kanzleien konkurrieren nicht mehr nur regional.
    • FĂĽr internationale Konzerne zählt VerfĂĽgbarkeit, Geschwindigkeit, Verständlichkeit – und weniger, in welchem Bezirk sich das Notariat befindet.
  2. Mandanten gewöhnen sich an „remote by default“.

    • Wer heute weltweit per Video call Urkunden beglaubigen lässt, stellt morgen dieselbe Erwartung an GesellschaftsgrĂĽndungen, VertragsprĂĽfungen oder M&A-Transaktionen.
    • Wer diese Erwartung nicht bedienen kann, verliert automatisch an Attraktivität.
  3. Plattformen verschieben die Mandatsakquise.

    • Der Erstkontakt läuft nicht mehr ĂĽber „Empfehlung vom Steuerberater“, sondern ĂĽber eine digitale Plattform, die den gesamten Prozess strukturiert.
    • Wer als Kanzlei nicht im relevant set dieser Plattformen vorkommt – technisch wie organisatorisch –, sieht die Mandate oft nicht einmal mehr.

Die Realität: Mandanten wollen die Rechtsberatung nicht entpersonalisieren. Aber sie erwarten, dass alles, was sich standardisieren und digitalisieren lässt, auch digital funktioniert. Notariatsakte, Firmenbuchanmeldungen, Beglaubigungen, Vollmachten – das alles wirkt ohne digitale Prozesskette aus Mandantensicht wie „Steinzeit“.


Chancen für österreichische Rechtsanwälte: Vom „Kollisionskurs“ zur Kooperation

Die vielleicht wichtigste Lehre aus dem Fall notarity: Notare und LegalTech-Anbieter sind keine Gegner, sondern potenzielle Partner. Genau diese Linie betont auch notarity in seinen Stellungnahmen.

Für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte eröffnen sich damit drei klare Strategien.

1. Kanzlei-Prozesse konsequent digitalisieren

Wer mit Online-Notariaten zusammenarbeiten will, braucht saubere digitale Workflows. Sonst endet jeder Online-Termin trotzdem in ausgedruckten PDFs, handschriftlichen Notizen und MedienbrĂĽchen.

Kernbausteine:

  • Dokumentenautomation fĂĽr Standardverträge, Vollmachten, GesellschaftsgrĂĽndungen
  • Elektronische Signaturprozesse mit klaren Freigabe- und PrĂĽfpfaden
  • Mandantenportal oder sichere Kommunikationsplattform statt E-Mail-Pingpong
  • Digitale AktenfĂĽhrung mit strukturierter Ablage und Rechtekonzept

Wer zusätzlich KI-gestützte Tools nutzt, kann etwa:

  • Mandantenangaben automatisch in Vertragsmuster ĂĽberfĂĽhren,
  • Beglaubigungsunterlagen vorab auf Vollständigkeit prĂĽfen lassen,
  • Standarderklärungen oder Begleitschreiben automatisch generieren.

2. Kooperation mit Online-Notariat statt passiver Duldung

Viele Kanzleien sind bereits de facto Partner solcher Plattformen, nennen es aber nicht so. Besser ist ein aktiver Ansatz:

  • Standardprozesse definieren: Welche Arten von Beglaubigungen laufen regelmäßig? Was braucht das jeweilige Notariat? Wer liefert wann welche Unterlagen?
  • Schnittstellen nutzen: Wo Plattformen APIs oder Kanzlei-Zugänge anbieten, sollten diese genutzt werden. Das reduziert Fehler und macht Abläufe skalierbar.
  • Klare Angebotskommunikation: Auf der Kanzleiwebsite sollte stehen, dass Online-Beglaubigungen und -Notariatstermine möglich sind – idealerweise gleich mit verständlicher Beschreibung des Ablaufs.

So wird aus einem potenziellen „Konkurrenten“ ein Bestandteil des eigenen Serviceportfolios.

3. Neue Beratungsfelder aktiv besetzen

Wo notarielle Prozesse digitalisiert werden, entstehen automatisch Rechtsfragen, bei denen Rechtsanwälte klar gefragt sind:

  • Vertragsgestaltung rund um digital signierte Urkunden
  • Haftungsfragen bei IdentitätsprĂĽfung und Videoident
  • Datenschutz, DSGVO, Auftragsverarbeitung mit Plattformanbietern
  • grenzĂĽberschreitende Anerkennung von Online-Beglaubigungen

Wer solche Themen proaktiv aufgreift – in Newslettern, Vorträgen, Webinaren – wird für Unternehmen zur Ansprechperson für „Digital & Legal“, nicht nur für das konkrete Einzeldokument.


Rechtlicher Rahmen: Wo die Grenzen fĂĽr LegalTech aktuell verlaufen

Die Entscheidung des OLG Wien stärkt das Modell von notarity, aber sie bedeutet nicht: „Alles ist erlaubt, solange es digital ist.“ Gerade Rechtsanwält:innen, die eigene LegalTech-Produkte planen, sollten die heiklen Punkte kennen.

Werbung und Preisgestaltung

Das Gericht hat der Notariatskammer in Fragen der Werbung und Preispräsentation recht gegeben. Welche Details betroffen sind, ergibt sich aus dem Urteil im Einzelnen, aber die Stoßrichtung ist absehbar:

  • Keine irrefĂĽhrenden Aussagen wie „billiger als jeder Notar“.
  • Keine Suggestion, dass gesetzliche GebĂĽhren beliebig unterlaufen werden könnten.
  • Transparente und rechtlich saubere Darstellung von Honorar, GebĂĽhren und Zusatzkosten.

Für Kanzleien, die selbst digitale Produkte oder Plattformauftritte betreiben, gilt ähnliches: Rechtsdienstleistungen sind keine Commodity wie ein Streaming-Abo. Wer mit Rabatten, Pauschalen und „Sofort-Rechtsrat“ wirbt, bewegt sich rasch im Bereich der Standesregeln und des UWG.

Rolle der Anwalts- und Notariatskammern

Der Fall notarity zeigt auch: Kammern verzögern häufig Innovation, verhindern sie aber nicht dauerhaft – wenn das Geschäftsmodell rechtlich trägt.

FĂĽr die Praxis bedeutet das:

  • Ein robustes Compliance- und Standesrechtskonzept fĂĽr jedes LegalTech-Projekt ist Pflicht.
  • Plattformen, die mit Anwält:innen und Notar:innen arbeiten, sollten Standesregeln nicht „kreativ auslegen“, sondern konservativ einhalten.
  • Wer frĂĽhzeitig Gutachten oder rechtliche Stellungnahmen einholt, spart sich im Zweifel teure Gerichtsverfahren.

Gerade vor dem Hintergrund des AI Act der EU und der anhaltenden Debatten um KI im Recht (Stichworte: Trainingsdaten, Urheberrecht, Geschäftsgeheimnisse) werden diese Fragen noch wichtiger. Kanzleien, die hier früh eigene Standards definieren, haben einen klaren Vertrauensvorsprung.


Konkrete To-dos: So machen Kanzleien aus dem OLG-Urteil ein Wachstumsthema

Theorie ist nett, aber entscheidend ist, was man morgen Vormittag in der Kanzlei anders macht. Aus dem Fall notarity lassen sich konkrete Schritte ableiten.

1. Bestandsaufnahme: Wie digital sind Ihre Notariatsprozesse?

Checkliste fĂĽr den internen Workshop:

  • Wie viele Beglaubigungen / Firmenbuchanmeldungen / GrĂĽndungen laufen pro Monat ĂĽber die Kanzlei?
  • Wie viel davon könnte vollständig online erfolgen – technisch wie rechtlich?
  • Welche MedienbrĂĽche gibt es (Papier, Fax, Scan, Unterschriftenmappen)?
  • Gibt es bereits Kooperationen mit Online-Notariaten? Wenn ja, wie strukturiert sind sie?

Ein halber Tag mit dem Team reicht oft, um die größten Bremsklötze zu identifizieren.

2. KI & Automatisierung gezielt einsetzen

KI ist für viele Kanzleien noch abstrakt. Praktisch relevant wird sie genau dort, wo auch notarity ansetzt: bei wiederkehrenden, formgebundenen Vorgängen.

Beispiele fĂĽr sinnvolle Einsatzfelder:

  • Automatisierte Erstellung von Standarddokumenten (Vollmachten, Musterverträge, Erklärungen)
  • Plausibilitätschecks von Dokumenten vor dem Notariatstermin
  • Strukturierung von Mandantendaten (z.B. Gesellschafterlisten, Registerdaten)
  • Erstellung verständlicher Mandanteninfos zum Ablauf von Online-Beglaubigungen

Wichtig ist ein klarer Rahmen:

  • Welche Daten dĂĽrfen in welche Tools eingespielt werden (DSGVO, Berufsgeheimnis)?
  • Welche PrĂĽfschritte durch Anwält:innen sind verpflichtend?
  • Wie werden KI-Ergebnisse dokumentiert und nachvollziehbar gemacht?

3. Mandantenkommunikation modernisieren

Online-Notariate funktionieren deshalb so gut, weil sie Erwartungsmanagement beherrschen: Schritt-fĂĽr-Schritt-Flow, klare Infos, feste Zeitslots.

Kanzleien sollten sich daran orientieren:

  • Auf der Website: eigene Unterseite „Online-Beglaubigungen & digitale Notariatstermine“ mit Ablauf, Voraussetzungen, Kostenbasis.
  • In der Erstberatung: aktiv darauf hinweisen, dass viele Vorgänge online möglich sind – inklusive Hinweis auf Kooperationsnotariate oder Plattformen.
  • In Checklisten und Merkblättern: einfache, nicht-juristische Sprache, gern ergänzt durch kurze Videos oder Screencasts.

Mandanten erinnern sich weniger an juristische Feinheiten, dafĂĽr sehr genau daran, wie unkompliziert etwas ablief. Genau dort entsteht die Differenzierung im Markt.


Fazit: OLG-Urteil als Startschuss fĂĽr eine neue Beratungskultur

Die Bestätigung des notarity-Geschäftsmodells durch das Oberlandesgericht Wien ist ein Wendepunkt: Digitale Notariatsdienstleistungen sind in Österreich rechtlich angekommen – und sie funktionieren wirtschaftlich, sichtbar an den hohen Nutzungszahlen und der internationalen Nachfrage.

Für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte ist das kein Grund zur Sorge, sondern ein Weckruf. Wer jetzt:

  • die eigenen Kanzleiabläufe digitalisiert,
  • KI und LegalTech bewusst einsetzt,
  • Kooperationen mit Online-Notariaten strukturiert aufbaut,
  • und neue Beratungsfelder rund um digitale Prozesse besetzt,

wird 2026 nicht nur mithalten, sondern neue Mandantenkreise erschlieĂźen.

Die spannende Frage für die nächsten Jahre lautet daher nicht, ob sich notarielle und anwaltliche Dienstleistungen weiter digitalisieren – sondern wer sie in Österreich rechtssicher, effizient und mandantenorientiert gestaltet. Kanzleien, die früh Klarheit schaffen, werden in dieser Entwicklung vorne mitspielen.