Microsoft zeigt in einer Studie: Copilot wird tagsüber als Büro-Kollege und abends als persönlicher Ratgeber genutzt. So nutzen Marketing & Vertrieb das clever aus.
Warum die Uhrzeit über Ihre KI-Ergebnisse entscheidet
Menschen führen heute zu jeder Tages- und Nachtzeit Gespräche mit KI – und zwar millionenfach. Microsoft hat dafür 37,5 Millionen Copilot‑Unterhaltungen zwischen 01.01.2025 und 30.09.2025 ausgewertet. Das überraschende Ergebnis: Die Art, wie wir KI nutzen, hängt massiv von Gerät und Uhrzeit ab.
Für Marketing- und Vertriebsverantwortliche in Deutschland ist das kein nettes Randdetail, sondern strategisch relevant. Denn wer KI-Systeme wie Copilot sinnvoll in den Arbeitsalltag, in Kampagnenplanung oder in den Vertrieb integrieren will, sollte verstehen, wann Nutzer was von KI erwarten – und wie eigene Teams KI tatsächlich einsetzen.
In diesem Artikel zeige ich, was die Microsoft-Studie konkret herausgefunden hat, warum sich KI tagsüber wie ein Kollege und abends wie ein Coach verhält – und wie Sie diese Erkenntnisse direkt für Marketing, Vertrieb und Ihre Organisation nutzen können.
Zentrale Erkenntnis: Zwei Gesichter von Copilot – Büro-Kollege und Privatberater
Die Studie „It’s About Time: The Copilot Usage Report 2025“ kommt zu einem klaren Muster: Auf dem Desktop ist Copilot vor allem Arbeitswerkzeug, auf dem Smartphone vor allem persönlicher Ratgeber.
Desktop: Fokus auf Arbeit, Karriere und Technik
Zwischen 8 und 17 Uhr drehen sich die meisten Copilot-Anfragen auf Desktop-Rechnern um:
- Arbeit und Karriere
- Technik und IT-Fragen
- Wissenschaft, Bildung und Recherche
Nach Feierabend verschiebt sich der Fokus: Auf dem PC rücken Technologie-Themen allgemein nach vorne – etwa Produktvergleiche, technische Erklärungen oder How‑to‑Fragen.
Für Unternehmen bedeutet das: Wer Copilot am Arbeitsplatz anbietet, bedient vor allem produktive, fachliche Nutzungsszenarien. Typische Fragen im Arbeitskontext sind beispielsweise:
- „Fasse dieses 20‑seitige PDF für die Geschäftsführung in 10 Bulletpoints zusammen.“
- „Entwirf eine E‑Mail an Kundin X, basierend auf diesem Meeting-Protokoll.“
- „Schlage mir drei Betreffzeilen für einen B2B-Newsletter im Maschinenbau vor.“
Smartphone: Rund um die Uhr persönlicher Ratgeber
Auf dem Smartphone sieht das Bild völlig anders aus. Thema Nummer 1 ist dort an jedem Wochentag und zu jeder Uhrzeit: Gesundheit und Fitness. Oft in Kombination mit Informationssuche und Beratung.
Menschen fragen Copilot etwa:
- „Was bedeutet dieser Blutwert?“
- „Ich möchte im Büro 8 Kilo abnehmen – wie plane ich meine Mahlzeiten?“
- „Wie schaffe ich es, im Außendienst gesünder zu essen?“
Der Bericht fasst das so zusammen: Desktop-KI wird als Kollege am Arbeitsplatz erlebt, die mobile KI als Vertrauensperson in der Hosentasche. Genau dieses Doppelprofil ist für Marketing und Vertrieb hochspannend.
Trend: Von Technikhilfe zum Entscheidungs-Coach
Die Studie zeigt außerdem einen klaren Wandel zwischen Januar und September 2025: Weniger Programmierfragen, mehr Kultur, Geschichte und persönliche Beratung.
Im Klartext: KI rückt aus der Nische der Techies in den Alltag der breiten Masse. Nutzer:innen sprechen mit Copilot immer häufiger:
- über Lebensentscheidungen,
- über berufliche Weichenstellungen,
- über persönliche Ziele und Zweifel.
Microsoft bestätigt damit, was auch andere Anbieter wie OpenAI und Anthropic beobachten: Jüngere Zielgruppen nutzen KI längst wie einen Lebensberater und Sparringspartner. Viele treffen kaum noch eine wichtige Entscheidung, ohne einmal „die KI zu fragen“.
Für Unternehmen heißt das:
KI ist nicht mehr nur Tool zur Automatisierung von Aufgaben, sondern wird zunehmend Partner bei der Entscheidungsfindung.
Genau hier entsteht eine neue Verantwortung – und gleichzeitig eine große Chance für bessere, datenbasierte Entscheidungen in Marketing und Vertrieb.
Was bedeutet das für Marketing & Vertrieb in Deutschland?
Wer KI im deutschen Markt effektiv nutzen will, sollte diese Nutzungslogik ernst nehmen. Die Uhrzeit und das genutzte Gerät sollten Ihre KI-Strategie mitbestimmen – sowohl intern (Produktivität) als auch extern (Kundenerlebnis).
1. Besseres Timing für KI-basierte Touchpoints
Wenn Copilot auf dem Desktop vor allem tagsüber als Arbeitsassistent genutzt wird, lassen sich daraus konkrete Schlüsse ziehen:
- B2B-Content, der Copilot-freundlich ist, sollte so gestaltet sein, dass er sich gut zusammenfassen, extrahieren und in E‑Mails oder Präsentationen übertragen lässt.
- Longform-Inhalte wie Studien, Whitepaper oder Leitfäden sollten strukturierte Abschnitte und klare Zwischenüberschriften besitzen. So kann Copilot sie zuverlässig verarbeiten.
- Für B2B-Zielgruppen lohnt es sich, Inhalte gezielt so aufzubauen, dass Mitarbeitende sie während der Arbeitszeit in Copilot „einspeisen“ und weiterverarbeiten können.
Auf dem Smartphone dagegen dominieren persönliche Anliegen. Heißt für Marketing & Vertrieb:
- Kund:innen suchen abends auf dem Sofa keine Produktdatenblätter, sondern Orientierung.
- KI‑freundliche Inhalte für mobile Nutzung sollten stärker beratend als technisch sein – z.B. Entscheidungshelfer, Vergleichslisten, „Was passt zu mir?“-Guides.
2. KI in den eigenen Sales- und Marketing-Teams richtig verankern
Für interne Nutzung zeigt die Studie ganz praktisch, wann und wie Teams Copilot am effektivsten einsetzen können.
Typische Marketing-Use-Cases tagsüber am Desktop:
- Entwürfe für Newsletter, Landingpages, Social-Posts
- Recherche zu Markttrends und Wettbewerbern
- Strukturierung von Kampagnen- und Redaktionsplänen
Typische Sales-Use-Cases tagsüber am Desktop:
- Zusammenfassungen aus CRM-Notizen und E‑Mails
- Vorbereitung von Kundenterminen („Fasse alle Interaktionen der letzten 6 Monate zusammen.“)
- Entwürfe für Angebote in unterschiedlichen Tonalitäten
Ich empfehle Unternehmen, das aktiv zu systematisieren, statt KI dem Zufall zu überlassen:
- Zeitfenster definieren: Zum Beispiel: Vormittags Recherche und Planung mit Copilot, nachmittags Umsetzung und Feinschliff durch Menschen.
- Standard-Prompts entwickeln: Etwa für E‑Mail-Entwürfe, Zusammenfassungen, Personas oder Kampagnen-Ideen.
- Guidelines festlegen: Was darf Copilot, was nicht? Welche Daten werden genutzt, welche bewusst nicht?
Praktische Beispiele: So nutzen Unternehmen Copilot entlang des Tages
Die Theorie ist nett, spannend wird es bei der Frage: Wie sieht das im Alltag von Marketing und Vertrieb konkret aus? Hier ein mögliches Tages-Szenario in einem mittelständischen B2B-Unternehmen.
Vormittag: Strategie und Vorbereitung
- 08:30 Uhr – Weekly im Marketingteam: Copilot fasst vorab alle aktuellen Kampagnen-Performance-Daten und wichtigsten Learnings der letzten Woche in Stichpunkten zusammen.
- 09:15 Uhr – Kampagnenplanung: Die Leitung Marketing nutzt Copilot, um aus Briefings, Zielgruppeninfos und Produkten drei grobe Kampagnen-Varianten zu skizzieren.
- 10:30 Uhr – Content-Konzept: Eine Content-Managerin lässt sich von Copilot Strukturvorschläge für einen neuen Leitfaden „KI im Vertrieb für den deutschen Mittelstand“ generieren.
Mittag / früher Nachmittag: operative Umsetzung
- 13:00 Uhr – E‑Mail-Entwürfe: Der Vertrieb erstellt mit Copilot Vorlagen für Follow-up-Mails nach Messekontakten in drei Tonalitäten: sachlich, beratend, persönlich.
- 14:30 Uhr – Landingpage: Copilot formuliert erste Textblöcke auf Basis des Kampagnenkonzepts, die später von Redaktion und Legal überarbeitet werden.
Später Nachmittag / Abend: Mobile Beratungsperspektive mitdenken
- 17:30 Uhr – Optimierung für mobile „Beratungsfragen“: Das Team überprüft: Würde eine Privatperson oder ein Entscheider, der abends auf dem Sofa Copilot fragt „Welche KI-Lösung passt für unseren Vertrieb?“, klare, verständliche Informationen aus unseren Inhalten ziehen?
- 21:00 Uhr – Privatnutzung (indirekter Effekt): Ein potenzieller Kunde fragt Copilot auf dem Smartphone, wie er KI in seinem Außendienst testen kann. Copilot greift dabei auf öffentlich verfügbare Inhalte – im Idealfall auch Ihre – zurück.
Wer diesen kompletten Nutzungskreislauf im Blick hat, kann Inhalte so bauen, dass sie sowohl im Büro-Kontext als auch im privaten Beratungsmodus sinnvoll verwendbar sind.
Governance: Vertrauen, Genauigkeit und Datenschutz ernst nehmen
Je stärker Copilot & Co. bei echten Entscheidungen helfen, desto wichtiger werden Qualität, Transparenz und Datenschutz.
1. Genauigkeit und Faktenbasis stärken
Wenn Nutzer:innen KI als Ratgeber akzeptieren, steigen die Erwartungen an Verlässlichkeit. Unternehmen sollten daher:
- Klare Freigabeprozesse definieren: Kein Angebot, keine Rechtsaussage, keine Preiszusagen 1:1 aus der KI übernehmen.
- Fachliche Prüfschleifen einbauen: Content, der auf KI basiert, muss von Expert:innen gegengecheckt werden.
- Wissensbasen aufbauen: Je besser das interne Wissensfundament, das Copilot anzapfen darf, desto sinnvoller werden die Antworten.
2. Datenschutz und Transparenz im deutschen Kontext
Die Microsoft-Studie arbeitete mit anonymisierten Daten; personenbezogene Infos wurden laut Unternehmen automatisiert entfernt, Schul- und Unternehmenskonten nicht einbezogen. Das passt zum sensiblen Datenschutz-Verständnis in Deutschland.
Für Ihre eigene Copilot-Nutzung heißt das:
- Interne Policies erstellen: Welche Arten von Kundendaten dürfen in Copilot verwendet werden – und in welcher Umgebung (Tenant, Compliance-Einstellungen)?
- Mitarbeitende schulen: Viele tippen aus Bequemlichkeit Inhalte einfach in die KI. Hier braucht es klare Beispiele, was erlaubt ist und was nicht.
- Kund:innen ehrlich informieren: Gerade wenn KI bei Service- oder Beratungsprozessen hilft, erwarten deutsche Kund:innen Transparenz.
Wer das sauber regelt, senkt Risiken – und erhöht gleichzeitig die Akzeptanz von KI in Marketing und Vertrieb.
Wie Sie jetzt konkret starten: 5 Schritte für Ihre Copilot-Strategie
Damit aus den Studienergebnissen echte Wirkung für Ihr Unternehmen entsteht, funktioniert ein pragmatischer Fahrplan am besten.
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Ist-Analyse: Wie nutzt Ihr Team heute KI?
- Kurze Umfrage in Marketing, Vertrieb, Service.
- Welche Tools werden wann und wofür genutzt (Desktop vs. Smartphone)?
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Zielbild definieren:
- Wo soll Copilot in 2026 fest verankert sein? Kampagnenentwicklung, Lead-Qualifizierung, Angebotsvorbereitung?
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Use-Cases priorisieren:
- Starten Sie mit 3–5 klar abgegrenzten Szenarien (z.B. Newsletter-Entwürfe, Meeting-Zusammenfassungen, Angebots-Skizzen).
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Standard-Prompts und Guidelines erstellen:
- Inklusive Beispiele für gute und schlechte Anfragen.
- Klare Regeln zu Datenschutz und Freigabeprozessen.
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Ergebnisse messen und verbessern:
- Zeitersparnis (z.B. 30 % weniger Aufwand für Erste-Entwürfe).
- Qualität (Feedback von Kund:innen, Conversion Rates).
- Akzeptanz im Team (Regel-Check-ins alle 4–6 Wochen).
Wer diese Schritte konsequent geht, macht Copilot nicht nur zur Spielerei, sondern zu einem strategischen Baustein in Marketing und Vertrieb.
Fazit: Copilot wird zum Spiegel unserer Arbeits- und Lebenswelt
Die Microsoft-Studie zur Copilot-Nutzung zeigt sehr klar: KI passt sich unseren Tagesrhythmen an – und wir passen unsere Erwartungen an KI an. Auf dem Desktop ist Copilot produktiver Kollege, auf dem Smartphone persönlicher Coach.
Für Unternehmen, vor allem im deutschen Mittelstand, steckt darin eine klare Botschaft: Wer KI heute nur als Automatisierungstool sieht, verschenkt Potenzial. Copilot kann sowohl Arbeitsprozesse beschleunigen als auch Entscheidungen verbessern – intern wie extern.
Wenn Sie KI für Marketing und Vertrieb strategisch denken wollen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, diese Muster ernst zu nehmen, eigene Richtlinien zu entwickeln und erste strukturierte Use-Cases zu etablieren. Die eigentliche Frage ist weniger, ob Ihre Teams Copilot nutzen – sondern wie bewusst und wie gut gesteuert sie es tun.