Matrixproduktion macht Fabriken wirklich wandlungsfähig. Erfahren Sie, wie das Fraunhofer-Reifegradmodell hilft, Ihre Produktion Schritt für Schritt fit für 2030 zu machen.

Matrixproduktion: Wie Sie Ihre Fabrik wirklich wandlungsfähig machen
Die deutsche Automobilindustrie steckt mitten in einem Spagat: E‑Mobilität, Software-defined Vehicle, individuelle Kundenwünsche – und gleichzeitig massiver Kostendruck. Klassische Linienfertigung kommt da immer öfter an natürliche Grenzen. Genau hier setzt die Matrixproduktion an, die beim Fraunhofer-Webinar „Matrixproduktion @Fraunhofer“ am 15.05.2025 im Mittelpunkt steht.
Die spannende Frage ist weniger, was Matrixproduktion ist, sondern: Wie flexibel und wandlungsfähig ist Ihre Produktion heute – und wie flexibel muss sie in fünf Jahren sein? Wer darauf keine klare Antwort hat, riskiert teure Fehlentscheidungen in Aufbau, Umbau oder Verlagerung von Werken.
In diesem Beitrag zeige ich, warum sich produzierende Unternehmen – insbesondere in der Automobil- und Zulieferindustrie – jetzt mit Matrixproduktion und dem Fraunhofer-Reifegradmodell beschäftigen sollten, welche typischen Irrtümer es gibt und wie Sie konkret starten können, ohne Ihre bestehende Fertigung auf den Kopf zu stellen.
Was hinter der Matrixproduktion wirklich steckt
Die Kernidee der Matrixproduktion ist einfach: Statt eines starren Linienflusses gibt es ein Netz (eine „Matrix“) aus wandlungsfähigen Stationen, die über ein intelligentes Steuerungs- und Logistikkonzept miteinander verbunden sind.
Vom Band zur Matrix: der Bruch mit der Einheitslinie
In der klassischen Linie gilt: Ein Produkt, ein Takt, ein Ablauf. Das ist effizient, solange
- Variantenvielfalt ĂĽberschaubar ist,
- StĂĽckzahlen stabil sind und
- Produktlebenszyklen relativ lang sind.
Realität 2025 – besonders in der Automobilindustrie – sieht anders aus:
- stark schwankende Abrufe,
- Sonderausstattungen fast auf EinzelstĂĽckniveau,
- parallele Fertigung von Verbrennern, Hybriden und E‑Fahrzeugen.
Die Folge: Umrüstaufwände explodieren, Engpässe wandern durch die Linien, OEE-Werte fallen, obwohl überall „optimiert“ wird.
Die Matrixproduktion dreht das um: Produkte „wählen“ ihren Weg durch die Fabrik abhängig von
- aktueller Auslastung,
- benötigten Prozessschritten und
- spezifischen Variantenanforderungen.
Wichtige Merkmale einer Matrixproduktion
Eine echte Matrixproduktion erkennt man typischerweise an:
- modularen Montage- oder Fertigungsstationen, die sich schnell umkonfigurieren lassen,
- flexibler innerbetrieblicher Logistik (z. B. FTS/AGV, intelligente Routenzüge),
- IT-Integration von MES, APS und Daten aus der Intralogistik,
- datenbasierter Steuerung: Auftragsreihenfolgen und Wege werden dynamisch optimiert,
- klarem Layoutprinzip: keine starre Linie, sondern Matrix bzw. Feldstruktur.
Der Clou: Matrixproduktion ist kein Entweder-oder zur Fließlinie. Viele erfolgreiche Beispiele – etwa bei großen Automobilzulieferern oder in Elektronikwerken – zeigen hybride Konzepte: klassische Lean-Linien dort, wo sie Sinn machen, Matrixinseln dort, wo Varianten und Volatilität dominieren.
Warum ein Reifegradmodell fĂĽr Matrixproduktion unverzichtbar ist
Die vielleicht größte Gefahr beim Einstieg in die Matrixproduktion ist blinder Aktionismus: neue FTS-Flotte, modulare Stationen, fancy Visualisierungen – aber kein klarer Plan, welcher Nutzen wann erreicht werden soll.
Das Reifegradmodell, das die Fraunhofer-Institute IPA, IML und IWU im Webinar vorstellen, adressiert genau dieses Problem: Es strukturiert den Weg zur Matrixproduktion in nachvollziehbare Stufen.
Was ein gutes Reifegradmodell leistet
Ein praxistaugliches Reifegradmodell fĂĽr Matrixproduktion beantwortet drei zentrale Fragen:
-
Wo stehen wir heute?
– Wie hoch ist unsere Variantenflexibilität tatsächlich?
– Wie wandlungsfähig sind Layout, Logistik, IT, Organisation? -
Wo wollen wir hin – und warum?
– Geht es primär um kürzere Lieferzeiten, höhere Resilienz, bessere Auslastung oder neue Produkte? -
Welche Schritte sind als Nächstes sinnvoll?
– Welche Investitionen zahlen sich zuerst aus?
– Welche Pilotbereiche eignen sich, um Risiken zu begrenzen?
Statt pauschal „Matrixproduktion einführen“ zu rufen, entsteht so ein zielgerichteter Transformationspfad – mit messbaren Zwischenschritten.
Typische Reifegrad-Dimensionen
Auch wenn die genaue Ausprägung je nach Modell variiert, lassen sich für Matrixproduktion vier wesentliche Dimensionen unterscheiden:
-
Technik & Layout
- Modularität von Arbeitsstationen
- Grad der Automatisierung
- Möglichkeit zur schnellen Rekonfiguration
-
Materialfluss & Logistik
- Flexibilität der Transportmittel (FTS, Routenzüge, Fördertechnik)
- Transparenz von Beständen und Durchlaufzeiten
- Fähigkeit, Aufträge dynamisch zuzuweisen
-
IT & Daten
- Integration von MES/ERP/APS
- VerfĂĽgbarkeit von Echtzeitdaten
- Nutzung von KI/Algorithmen zur Reihenfolge- und Routenoptimierung
-
Organisation & Prozesse
- Qualifikation der Mitarbeitenden
- Entscheidungsprozesse und Verantwortlichkeiten
- Kultur im Umgang mit Änderungen und Experimenten
Ein Unternehmen kann etwa technisch schon weit sein (FTS, modulare Zellen), aber organisatorisch auf Reifegrad „0“ stehen, wenn jede kleine Layoutänderung drei Unterschriften und sechs Wochen Planung braucht. Matrixproduktion ohne passende Organisation funktioniert nicht.
Praxisbeispiele: Wo Matrixproduktion heute schon funktioniert
Das Fraunhofer IPA hat in mehreren Projekten – u. a. mit einem großen Technologiekonzern am Standort Karlsruhe – gezeigt, wie Matrixproduktion im industriellen Alltag funktioniert.
Beispiel 1: Matrixmontage im Automobilumfeld
Ausgangslage vieler OEMs und Tier‑1‑Zulieferer:
- Stark schwankende Stückzahlen aufgrund unsicherer E‑Mobilitätsprognosen,
- Variantenvielfalt in Baugruppen (z. B. Batteriemodule, Leistungselektronik),
- hohe Anforderung an Rückverfolgbarkeit und Qualität.
Ansatz in Projekten mit Fraunhofer:
- Klassische Linien werden dort beibehalten, wo stabile Volumen herrschen.
- FĂĽr hochvariable Baugruppen werden modulare Matrixmontagesysteme aufgebaut.
- Jeder Arbeitsplatz wird als austauschbares Modul geplant, inklusive standardisierter Schnittstellen (Mechanik, IT, Logistik).
- Ein Steuerungssystem verteilt Aufträge dynamisch je nach Auslastung und benötigten Fähigkeiten.
Ergebnisse typischer Pilotprojekte:
- Durchlaufzeiten sinken um 20–30 %, weil Wartezeiten auf Engpassstationen reduziert werden.
- UmrĂĽstzeiten gehen deutlich zurĂĽck, da Produktwechsel vor allem ĂĽber Software- und Parametereinstellungen laufen.
- Anlauf neuer Varianten wird beschleunigt, weil keine komplett neue Linie aufgebaut werden muss, sondern Stationen ergänzt oder umgruppiert werden.
Beispiel 2: Matrixproduktion im Zusammenspiel mit Lean-Linien
In einem anderen Referenzprojekt wurde eine Matrixproduktion im Fluss mit klassischen Lean-Linien kombiniert:
- Basisvolumen läuft weiterhin über eine taktgebundene Linie.
- Schwankende Kundenaufträge, Sondervarianten oder Nacharbeiten werden über eine angebundene Matrixfläche abgewickelt.
- Die Logistik (z. B. FTS) verbindet Linie und Matrix und sorgt dafür, dass Material und Halbfabrikate zur jeweils passenden Station gelangen.
Der Vorteil dieser hybriden Lösung: Unternehmen können schrittweise lernen, wie Matrixprinzipien funktionieren, ohne das komplette Werk neu zu planen.
KI als Enabler: Warum Matrixproduktion ohne Daten nicht skaliert
Besonders fĂĽr die Automobilindustrie ist klar: Matrixproduktion entfaltet ihr volles Potenzial erst durch datenbasierte Steuerung und KI-Methoden.
Wo KI in der Matrixproduktion hilft
Typische Einsatzfelder von KI und Advanced Analytics in der Matrixproduktion sind:
- Auftragsreihenfolge und Routing: Algorithmen entscheiden in Echtzeit, welche Station welcher Auftrag als Nächstes anfahren sollte, um Liefertermine, Rüstaufwand und Auslastung zu optimieren.
- Predicitive Maintenance: Zustandsdaten der Stationen bestimmen, wann Wartungen eingeplant werden, ohne den Materialfluss zu stören.
- Bestands- und Pufferoptimierung: Daten aus Logistik, Produktion und Planung werden kombiniert, um Zwischenlager gezielt zu dimensionieren.
- Qualitätsanalytik: Varianten, Prozessparameter und Qualitätsdaten werden verknüpft, um fehleranfällige Kombinationen schon im Ablauf zu vermeiden.
Hier zeigt sich eine harte Wahrheit: Ohne belastbare Daten- und IT-Basis wird jede Matrixproduktion zum teuren Experiment. Wer heute in Matrixstrukturen investieren will, muss parallel seine Daten- und Systemlandschaft ertĂĽchtigen.
Was Unternehmen vorher klären sollten
Bevor Sie ernsthaft in Matrixmontage oder ‑produktion einsteigen, helfen drei nüchterne Fragen:
-
Haben wir durchgängige Transparenz über Aufträge, Anlagenzustände und Materialfluss?
Wenn nicht, ist ein Data- und IT‑Roadmap-Projekt Pflicht. -
Gibt es im Unternehmen bereits KI- oder Analytics-Kompetenz, die Produktion versteht?
Wenn nein, braucht es entweder Partner oder gezielte Qualifizierung. -
Ist die Organisation bereit, Entscheidungen auf Basis von Daten und Algorithmen zu akzeptieren?
Sonst blockieren informelle Hierarchien jede noch so gute Optimierung.
So starten Sie pragmatisch in Richtung Matrixproduktion
Die gute Nachricht: Niemand muss morgen die komplette Fabrik in eine Matrix umbauen. Erfolgreiche Unternehmen gehen in klar strukturierten Schritten vor – genau dort setzt auch das Fraunhofer-Reifegradmodell an.
Schritt 1: Standortbestimmung mit Reifegradmodell
- Führen Sie gemeinsam mit Experten (z. B. Fraunhofer IPA, IML, IWU) einen strukturierten Reifegrad-Check durch.
- Bewerten Sie Technik, Logistik, IT und Organisation getrennt.
- Leiten Sie daraus 3–5 priorisierte Handlungsfelder für die nächsten 12–24 Monate ab.
Typische erste StoĂźrichtungen:
- Einführung standardisierter Modulbaukästen für Stationen,
- Pilotierung eines FTS-Systems in einem Teilbereich,
- Verbesserung der Datentransparenz (z. B. Echtzeit-OEE, Materialflussmonitoring).
Schritt 2: Pilotbereich definieren – klein, aber relevant
Ein sinnvoller Pilotbereich erfĂĽllt drei Kriterien:
- hohe Variantenvielfalt,
- wirtschaftlich relevant, aber nicht geschäftskritisch, und
- überschaubarer Layoutausschnitt, der sich organisatorisch gut kapseln lässt.
In diesem Bereich kann dann z. B. eine modulare Matrixmontage aufgebaut werden – oftmals mit überschaubaren Investitionen, wenn bestehende Stationen modularisiert und neu angeordnet werden.
Schritt 3: Messen, lernen, skalieren
- Definieren Sie vorab klare Zielgrößen: Durchlaufzeit, Termintreue, Rüstaufwand, Flächennutzung, OEE.
- Vergleichen Sie regelmäßig Linie vs. Matrixbereich.
- Nutzen Sie die Ergebnisse, um das Reifegradmodell zu aktualisieren und weitere Bereiche einzuplanen.
Gerade in der Automobilindustrie zeigt sich: Wer Matrixproduktion ernsthaft pilotiert, verbessert nicht nur Kennzahlen, sondern baut ganz nebenbei Kompetenzen auf, die für KI-gestützte Produktionssteuerung und resiliente Wertschöpfung unverzichtbar sind.
Warum sich die Teilnahme an „Matrixproduktion @Fraunhofer“ lohnt
Das kostenfreie Webinar „Matrixproduktion @Fraunhofer“ am 15.05.2025 (11:00–12:00 Uhr, online) liefert genau die Bausteine, die vielen Unternehmen aktuell fehlen:
- Kompakte EinfĂĽhrung in das Matrixproduktionskonzept mit Fokus auf reale industrielle Fragestellungen,
- Vorstellung eines praxiserprobten Reifegradmodells, mit dem Sie Ihre eigene Produktion einordnen können,
- konkrete Praxisbeispiele aus Studien und Projekten der Fraunhofer-Institute IPA, IML und IWU,
- offene Fragerunde mit Fachexperten aus Montageplanung, Logistik, Fabrikplanung und Simulation.
Die Zielgruppe ist klar: technische Geschäftsführer, Produktionsleiter, Fertigungs- und Montageplaner produzierender Unternehmen – also genau diejenigen, die heute Entscheidungen für die Produktionslandschaft der nächsten 5–10 Jahre treffen müssen.
Wenn Sie sich gerade fragen, ob Ihre bestehenden Linienkonzepte für kommende Modellwechsel, E‑Anteile und volatile Märkte noch ausreichen, ist dieses Webinar ein sehr effizienter Weg, innerhalb einer Stunde Klarheit zu gewinnen und konkrete nächste Schritte abzuleiten.
Wer seine Produktion in Richtung Matrixproduktion entwickelt, investiert nicht nur in mehr Flexibilität, sondern in die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Gerade für die deutsche Automobilindustrie ist das keine Option mehr, sondern eine Grundvoraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit.
Nutzen Sie die Chance, Ihr eigenes Flexibilitätsniveau kritisch zu hinterfragen: Wie flexibel und wandlungsfähig sind Sie wirklich – und wie flexibel müssen Sie 2030 sein?