Protégé von LexisNexis zeigt, wie personalisierte KI‑Assistenten juristische Arbeit verändern. Was bedeutet das konkret für österreichische Kanzleien – und wie bereitet man sich vor?
Warum Protégé für österreichische Kanzleien ein Thema ist
Viele Kanzleien in Österreich stehen 2025 vor derselben Situation: immer komplexere Mandate, steigende Dokumentenflut, strengere Compliance‑Anforderungen – aber die Zahl der Stunden pro Tag bleibt gleich. Parallel dazu tritt der EU AI Act in Kraft, Mandanten fragen gezielt nach „KI‑Strategie“ und LegalTech ist längst kein Nerd-Thema mehr, sondern Wettbewerbsfaktor.
Genau an diesem Punkt setzt LexisNexis Protégé an: ein personalisierter AI‑Assistent, der auf der bestehenden Plattform Lexis+ AI aufbaut und nun in den USA ausgerollt wurde. Österreich steht in den Startlöchern – und wer heute seine Kanzlei strategisch ausrichten will, sollte sich überlegen, welche Rolle ein solcher Assistent in der eigenen Praxis spielen kann.
In diesem Beitrag geht es nicht um Produktwerbung, sondern um die praxisrelevante Frage: Was bedeutet ein agentischer AI‑Assistent wie Protégé ganz konkret für österreichische Rechtsanwälte, Notare und Steuerberater – fachlich, organisatorisch und rechtlich?
Was Protégé technisch und fachlich auszeichnet
Protégé ist mehr als „ein Chatbot mit Gesetzeszugriff“. Der Assistent kombiniert drei Ebenen, die für die juristische Praxis entscheidend sind:
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Zugriff auf hochwertige Rechtsinhalte
Protégé nutzt den gesamten professionellen Content von LexisNexis – also Judikatur, Gesetzestexte, Kommentare, Fachartikel und Metadaten. Das ist ein großer Unterschied zu generischen KI‑Tools, die oft nur auf unsaubere oder nicht kuratierte Web‑Daten zugreifen. -
Agentische AI‑Fähigkeiten
„Agentisch“ bedeutet: Das System kann auf Basis eines Ziels mehrschrittige Aufgaben eigenständig planen und ausführen. Zum Beispiel:- eine Fragestellung strukturieren,
- passende Quellen identifizieren,
- einen Entwurf erstellen,
- die eigene Antwort nochmals überprüfen
- und Verbesserungsvorschläge liefern.
Die Juristin bleibt in der Verantwortung, aber der Assistent übernimmt weite Teile der Fleißarbeit.
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Personalisierung und DMS‑Integration
Protégé kann – über Integrationen – mit kanzleieigenen Daten arbeiten:- Akten
- Schriftsätze
- Standardklauseln
- interne Memos und Gutachten
Damit entsteht kein generisches „KI‑Tool“, sondern ein kanzleispezifischer Assistent, der den eigenen Stil und die eigene Wissensbasis berücksichtigt.
Entscheidend ist nicht, dass KI eingesetzt wird, sondern womit sie gefüttert wird. Protégé verbindet kuratierte Rechtsinhalte mit dem Know‑how der Kanzlei.
Konkrete Einsatzszenarien in der österreichischen Praxis
Die spannende Frage lautet: Wo spart eine Kanzlei mit Protégé tatsächlich Zeit – und wo verbessert sich Qualität? Hier ein paar typische Szenarien, die ich für realistisch halte.
1. Erstanalysen und Mandatsaufnahme
Bei neuen Mandaten müssen häufig in kurzer Zeit Grundfragen geklärt werden:
- Rechtslage grob einordnen
- erste Risiken identifizieren
- typische Anspruchsgrundlagen prüfen
- Standardinfos an Mandanten vorbereiten
Protégé kann hier z.B.:
- auf Basis einer kurzen Sachverhaltsbeschreibung eine strukturierte Checkliste möglicher Ansprüche und Einwendungen erstellen,
- Standard‑Mandatsbestätigungen oder Erstanschreiben im Stil der Kanzlei vorbereiten,
- FAQs für Mandanten generieren, die Sie dann final anpassen.
Das Ergebnis: Die Anwältin konzentriert sich auf die strategische Einschätzung, während der Assistent die basale Strukturarbeit übernimmt.
2. Recherche in komplexen Materien
Gerade im Steuerrecht, IT‑Recht, Vergaberecht oder im kollektiven Arbeitsrecht frisst Recherche enorm viel Zeit. Klassische Suchmasken liefern Listen, aber keine Antworten.
Mit Protégé lässt sich Recherche so gestalten:
- Sie formulieren eine konkrete Rechtsfrage und ergänzen wesentliche Fakten.
- Protégé durchsucht Lexis‑Inhalte, ordnet relevante Fundstellen und liefert eine erste, strukturierte Antwort – mit Verweisen auf Rechtsprechung und Literatur.
- Sie überprüfen Fundstellen, vertiefen gezielt und ergänzen eigene Argumente.
Wichtig: Das ersetzt keine qualifizierte juristische Prüfung, aber es verkürzt den Weg von „keine Ahnung“ zu „80 % Bild der Lage“ erheblich.
3. Unterstützung bei Vertragsgestaltung und Klauselpflege
Viele Kanzleien haben über Jahre Klausel‑Sammlungen, die in irgendwelchen Ordnern, E‑Mails oder Altfassungen schlummern. Genau hier kann ein AI‑Assistent punkten:
- Durch DMS‑Integration greift Protégé auf bestehende Klauseln und Muster zurück.
- Er generiert Vorschläge, die an den bisherigen Stil der Kanzlei angelehnt sind.
- Bei neuen Vertragsprojekten können Sie das System konkreten wirtschaftlichen Zielen unterwerfen (z.B. „möglichst strenger Haftungsstandard für Lieferanten bei IT‑Projektverträgen“).
So wird aus einem unübersichtlichen Musterarchiv eine lebende, durchsuchbare Wissensbasis.
4. Schriftsatz‑Entwürfe und Qualitätskontrolle
Protégé ist keine „Schriftsatzfabrik“, aber ein starkes Werkzeug für Entwürfe und Feinschliff:
- Vorschläge für Gliederung und Struktur von Klagen, Rechtsmitteln oder Stellungnahmen
- stilistische Überarbeitung (Ton, Kürze, Klarheit)
- Querverweise zwischen bereits vorhandenen Schriftsätzen im selben Akt
- Check, ob genannte Normen und Zitate konsistent sind
Gerade jüngere Konzipient:innen profitieren, weil sie schneller zu einem verwertbaren Entwurf kommen – und Partner:innen gewinnen Zeit für Strategie statt Formatierung.
Sicherheit, Datenschutz und AI Act: Was Kanzleien beachten müssen
Mit jeder neuen AI‑Lösung tauchen in Kanzleien sofort dieselben Fragen auf: Darf ich das überhaupt? Sind meine Mandantendaten sicher? Wie passt das zur DSGVO und zum EU AI Act?
Datensicherheit und Vertraulichkeit
LexisNexis betont, dass Protégé nach hohen Standards für Sicherheit, Compliance und Datenschutz entwickelt wurde und sich an den Responsible‑AI‑Richtlinien von RELX orientiert. Für eine österreichische Kanzlei zählen im Alltag vor allem diese Punkte:
- Klare Datenräume: Mandantendaten müssen in getrennten, geschützten Umgebungen verarbeitet werden.
- Kein unerlaubtes Training: Eingaben dürfen nicht unkontrolliert zum weiteren Training externer Modelle genutzt werden.
- Verschlüsselung & Zugriffskontrolle: Besonders bei DMS‑Integration muss klar geregelt sein, welche Nutzer welche Daten mit Protégé verwenden dürfen.
Wer bereits mit ISO‑27001, Fachgutachten zur IT‑Sicherheit oder internen Policies arbeitet, sollte Protégé in dieses bestehende Regelwerk einbetten.
EU AI Act & berufsrechtliche Pflichten
Mit dem AI Act werden bestimmte juristische AI‑Anwendungen in höhere Risikoklassen fallen. Combine das mit:
- Verschwiegenheitspflicht der Rechtsanwälte
- Standesrechtlichen Regeln
- Rechenschaftspflichten gegenüber Mandanten
und es ergibt sich ein klarer Befund: „Einfach ausprobieren“ ist keine Option.
Was sinnvoll ist:
- eine kanzleiweite KI‑Policy, die genau regelt, was mit welchen Tools gemacht werden darf,
- ein Freigabeprozess für neue KI‑Anwendungen (inklusive Protégé),
- Schulungen für alle Mitarbeiter – nicht nur Jurist:innen, sondern auch Assistenz und Backoffice.
Der Vorteil eines Anbieters aus der Rechtsbranche: Die Themen Datenschutz, Urheberrecht und Compliance sind Teil der Produkt-DNA und nicht nachträglicher Aufkleber.
Wie sich Protégé in den Kanzlei‑Alltag integrieren lässt
Der wichtigste Erfolgsfaktor ist nicht die Technologie, sondern die Einführung. Viele Kanzleien scheitern nicht an den Tools, sondern an fehlender Struktur.
1. Pilotphase mit klaren Zielen
Statt „alle dürfen alles“ lohnt sich ein fokussierter Start:
- Auswahl von 2–3 Pilotbereichen (z.B. Arbeitsrecht, M&A, Vergaberecht)
- Definition konkreter Ziele, etwa:
- 30 % weniger Zeit für Standardrecherche
- schnellere Erstentwürfe bei Verträgen
- bessere Wiederverwendung von Klauseln
- Beteiligung von Partner:innen UND Konzipient:innen, damit Perspektiven aus Praxis und Ausbildung zusammenkommen.
2. Aufbau einer eigenen Wissensbasis
Protégé wirkt besonders stark, wenn eigene Inhalte einfließen. Sinnvoll ist ein kuratiertes Vorgehen:
- wichtigste Standardverträge,
- häufig verwendete Klauseln,
- „Best‑Practice“‑Schriftsätze,
- interne Leitfäden und Memos.
So entsteht schrittweise ein intelligentes Kanzlei‑Repository, das der Assistent gezielt ansprechen kann.
3. Governance und Qualitätskontrolle
Auch mit einem zuverlässigen System gilt weiterhin der Grundsatz:
Jede AI‑Ausgabe ist ein Entwurf – nicht das fertige Produkt.
Praktische Maßnahmen:
- Vier‑Augen‑Prinzip für alle KI‑unterstützten Schriftsätze
- Kennzeichnung im Akt, wenn KI bei der Erstellung genutzt wurde (für interne Transparenz)
- Feedback‑Schleifen: Wo hat Protégé gut geholfen, wo nicht? Welche Prompts funktionieren besonders gut?
So entwickelt sich aus „Spielerei“ ein professionelles LegalTech‑Werkzeug.
Strategischer Ausblick: Wettbewerbsvorteil für österreichische Kanzleien
Der Launch von Protégé in den USA ist ein deutliches Signal: Personalisierte AI‑Assistenten werden zum Standardwerkzeug juristischer Arbeit. Österreich ist mit Lexis+ AI bereits einen Schritt gegangen, Protégé ist die logische Weiterentwicklung.
Für die heimische Branche bedeutet das:
- Kanzleien, die jetzt Erfahrung mit seriösen AI‑Lösungen sammeln, werden in 2–3 Jahren sichtbare Effizienz‑ und Qualitätsvorteile haben.
- Mandanten – gerade Unternehmensjuristen – erwarten mehr und mehr, dass externe Berater moderne Tools einsetzen, um schnell, präzise und kostenbewusst zu arbeiten.
- Junge Talente bevorzugen Arbeitgeber, die ihnen mit LegalTech nicht Steine, sondern Werkzeuge in den Weg legen.
Wer darauf wartet, dass „alles fertig reguliert und völlig risikofrei“ ist, überlässt den Markt jenen, die mutig, aber strukturiert vorgehen.
Was Sie konkret jetzt tun können
Auch wenn Protégé in Österreich noch nicht verfügbar ist, können Kanzleien heute schon die Weichen stellen:
- Statusanalyse: Wo entstehen in Ihrer Kanzlei die größten Reibungsverluste (Recherche, Verträge, Schriftsätze, Wissenstransfer)?
- Pilot definieren: Wählen Sie ein Rechtsgebiet und ein Team, das offen für KI‑unterstützte Arbeit ist.
- KI‑Policy aufsetzen: Regeln Sie Datenschutz, Haftung, Mandantenkommunikation und interne Nutzung klar – auch im Hinblick auf den AI Act.
- Wissen kuratieren: Bereiten Sie die wichtigsten Vorlagen und Dokumente so auf, dass ein späterer AI‑Assistent sie sinnvoll nutzen kann.
Wer diese Hausaufgaben erledigt, ist bereit, wenn personalisierte AI‑Assistenten wie Protégé für den österreichischen Markt ausgerollt werden – und muss dann nicht mehr bei null beginnen.
Fazit: Protégé ist kein „magischer Knopf“, der juristische Arbeit ersetzt. Aber es ist ein starkes Werkzeug, um aus Fachwissen mehr Produktivität, bessere Dokumente und zufriedenere Mandanten zu machen. Und genau das wird in den nächsten Jahren darüber entscheiden, welche Kanzleien im LegalTech‑Zeitalter vorne mitspielen.