LTK25 hat gezeigt: Legal Tech ist für österreichische Kanzleien keine Kür mehr, sondern Pflicht. Wo der Digital Gap liegt – und wie Sie in 90 Tagen starten.
Legal Tech in Ă–sterreich: Vom Hype zur Pflichtaufgabe
Rund 400 Jurist:innen, Tech-Expert:innen und Entscheider:innen im Park Hyatt Vienna, Justizministerium, ÖRAK, Notariatskammer, Konzerne wie OMV und Google am Podium – die Future-Law Legal Tech Konferenz 2025 (#LTK25) war kein Nischentreffen. Sie war ein Realitätscheck.
Die zentrale Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch den Tag zog: „Es gibt keine Ausreden mehr.“ Künstliche Intelligenz im Rechtsbereich ist kein Zukunftsprojekt, sondern eine ganz konkrete Produktivitätsfrage – gerade für österreichische Kanzleien und Rechtsabteilungen, die 2026 nicht in der zweiten Liga landen wollen.
In diesem Nachbericht geht es daher weniger darum, wer auf der Bühne stand, sondern was österreichische Rechtsanwält:innen, Inhouse-Jurist:innen und Kanzleipartner daraus ableiten sollten:
- Wo Kanzleien heute im Digital Gap stehen
- Welche KI-Use-Cases bereits funktionieren – auch für kleine Einheiten
- Welche organisatorischen Schritte jetzt nötig sind (Playbooks, Workflows, Pricing)
- Wie Sie 2026 nicht nur Zuschauer, sondern aktive Gestalter von Legal Tech in Ă–sterreich sind
1. Der Digital Gap: Wo Ă–sterreichs Rechtsbranche wirklich steht
Der deutlichste Reality-Check der LTK25 kam aus der Diskussion zum „Digital Gap“: Die einen experimentieren mit RechtGPT, Copilot & Co. – die anderen arbeiten faktisch noch wie 2005.
Zwei Geschwindigkeiten im Rechtsmarkt
Die Diskussion mit Vertreter:innen von Microsoft, Schönherr, Notariatskammer, LexisNexis und Justiz zeigte sehr klar:
- Größere Wirtschaftskanzleien und Konzerne haben erste KI-Pilotprojekte, teils eigene Legal Tech Teams
- Viele kleine und mittlere Kanzleien verharren in Abwartehaltung – aus Zeitmangel, Skepsis oder Unsicherheit
Das Problem: Der Markt differenziert nicht nach Größe, sondern nach Ergebnis und Geschwindigkeit. Mandanten vergleichen nicht mehr nur Fachlichkeit, sondern auch:
- Reaktionszeit
- Transparenz von Preisen
- Verständlichkeit der Beratung
- Digitale Zusammenarbeit (Datenräume, sichere Kommunikation, Self-Service)
Wer hier weiter „analog“ agiert, verliert mittelfristig Mandate – besonders im Unternehmens- und Standardgeschäft.
Warum Warten keine Strategie ist
Mehrere Speaker waren sich einig: Warten auf die perfekte KI ist die falsche Strategie.
„Die Strategie sollte nicht lauten, auf die perfekte KI zu warten, sondern mit KI zu arbeiten und ihre Entwicklung aktiv zu begleiten.“
– Andrei Salajan, Schönherr
Für österreichische Kanzleien heißt das konkret:
- Es geht nicht darum, das eine „Wunder-Tool“ zu finden
- Es geht darum, jetzt erste Anwendungsfälle zu definieren
- Und parallel Kompetenz, Prozesse und Mindset aufzubauen
Wer 2025/2026 keine realen Erfahrungen mit Legal Tech sammelt, startet 2027/2028 mit zwei bis drei Jahren Rückstand – fachlich und kulturell.
2. Konkrete KI-Use-Cases: Was heute schon produktiv läuft
Die LTK25 war stark praxisorientiert: Wissensmanagement, Mandantengewinnung, Vertragsarbeit, Beschaffung, Pricing – zu fast jedem Thema gab es konkrete Beispiele, wie KI heute schon mitläuft.
Typische Einsatzfelder fĂĽr KI in Kanzleien
Aus den Vorträgen und Workshops lassen sich fünf Kernbereiche ableiten, die sich jetzt lohnen – auch für kleinere Einheiten:
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Juristische Recherche & Wissensmanagement
- Nutzung von spezialisierten KI-Recherchetools (z.B. RechtGPT, KI-Funktionen in Datenbanken)
- Interne Q&A-Bots auf Basis der eigenen Gutachten, Schriftsätze, Memos
- Ziel: Standardfragen schneller beantworten, Wissen wiederverwerten
-
EntwĂĽrfe & Vorlagen
- Erste Rohentwürfe für Schriftsätze, Vertragsklauseln, E-Mails an Mandanten
- Automatisierte Anpassung von Standardklauseln an konkrete Fälle
- Ziel: 30–50 % Zeitersparnis bei Routinetexten, Fokus auf Strategie & Taktik
-
Mandantenkommunikation & Intake
- Smarte Fragebögen für Erstberatung (Website, Mandantenportal)
- KI-gestĂĽtzte Zusammenfassung von Mandantenunterlagen
- Ziel: besser strukturierte Erstgespräche, weniger „Zettelwirtschaft“
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Daten- und Dokumentenmanagement
- Automatisches Erkennen von Fristen, Parteien, Beträgen in Dokumenten
- KI-gestützte Verschlagwortung statt händischem Metadaten-Eintragen
„Die Vision ist, dass künftig niemand mehr mühsam Metadaten händisch eintragen muss.“
– Stefanie Zeiser -
Beschaffung & Vertragsmanagement in Unternehmen
- KI-gestützte Prüfung von Standardlieferverträgen
- Risiko-Scoring (z.B. Haftung, Laufzeiten, KĂĽndigungsrechte)
- Automatisierte Freigabe-Workflows
Was davon ist fĂĽr kleine Kanzleien realistisch?
Viele LTK25-Diskussionen drehten sich um die Frage: „Und was bringt das einer Zwei- oder Drei-Personen-Kanzlei in der Steiermark oder im Waldviertel?“
Die ehrliche Antwort: Sehr viel – wenn pragmatisch vorgegangen wird.
FĂĽr kleinere Kanzleien sind besonders attraktiv:
- KI-gestĂĽtzte Recherche (ĂĽber vorhandene juristische Datenbanken mit KI-Funktionen)
- Textvorschläge für Standardkorrespondenz und Basis-Schriftsätze
- Einfache Automatisierungen in Word/Outlook (Bausteine, Vorlagen, Copilot)
- Ein klarer Workflow fĂĽr Dokumentenablage und Fristenkontrolle
Sie müssen keine „Legal Tech Kanzlei“ werden. Es reicht, wenn Sie zwei bis drei gut definierte Use-Cases professionell umsetzen – und diese laufend verbessern.
3. Ohne Prozesse keine Effizienz: Was die LTK25 zu Workflows lehrt
Die spannendsten Sessions auf der LTK25 hatten eines gemeinsam: Es ging nie nur um Tools, sondern immer um Workflows.
Warum Tools allein nichts bringen
Mehrere Speaker – aus Konzernen wie OMV und Knapp ebenso wie aus Kanzleien – beschrieben den gleichen Ablauf gescheiterter Projekte:
- Tool gekauft, Lizenz bezahlt
- Zwei Schulungen gemacht
- Alltag holt alle ein
- Nach 6 Monaten nutzt nur noch ein Bruchteil das System
Die Lehre daraus: Ohne klare Prozesse, Verantwortliche und Messkriterien verpufft jeder Legal Tech Ansatz.
KI-Playbooks: Das fehlende Bindeglied
Auf der LTK25 wurde viel über „KI-Playbooks“ für Rechtsabteilungen und Kanzleien gesprochen. Gemeint sind kompakte, praxistaugliche Richtlinien, z.B.:
- Wofür darf KI verwendet werden – und wofür nicht?
- Welche Tools sind freigegeben?
- Wie werden vertrauliche Informationen geschĂĽtzt?
- Wie wird Output kontrolliert (Vier-Augen-Prinzip, Plausibilitätscheck)?
- Wie dokumentieren wir, wenn KI im Mandat verwendet wurde?
Für österreichische Kanzleien lässt sich daraus ein klarer Fahrplan ableiten:
- 3–5 konkrete Use-Cases definieren (z.B. Recherche, Entwürfe, Zusammenfassungen)
- Prozess je Use-Case beschreiben (Wer? Wie? Welche VorprĂĽfung? Welche Kontrolle?)
- Ein Mini-Playbook erstellen (max. 10–15 Seiten, lebendes Dokument)
- Quartalsweise Review: Was funktioniert? Was wird nicht genutzt? Was muss vereinfacht werden?
Wer so arbeitet, reduziert rechtliche Risiken, erhöht Akzeptanz im Team und gewinnt Vertrauen bei Mandanten.
4. People, Mindset, Pricing: Die eigentlichen Hebel der Transformation
Die beste KI nützt nichts, wenn Menschen nicht mitziehen. Genau darum drehten sich die emotionalsten Beiträge der Konferenz.
Akzeptanz, Fehlerkultur, Ăśberforderung
Mehrere Stimmen aus Unternehmen und Kanzleien warnten:
- Nicht alle Mitarbeitenden sind „Tech-Enthusiasten“
- Die Geschwindigkeit der Veränderung macht viele schlicht müde
- Jurist:innen haben traditionell eine sehr niedrige Fehlertoleranz
„In Österreich wird Fehlerkultur oft zu wenig akzeptiert. Damit Innovation gelingen kann, brauchen wir geschützte Räume zum Experimentieren.“
– Harald Leitenmüller, Microsoft
Praktisch heiĂźt das fĂĽr Kanzleien und Rechtsabteilungen:
- Safe Spaces schaffen: geschützte „Spielwiesen“ für Tests ohne Mandatsdruck
- Pilot-Teams bilden: 3–5 Personen, die bewusst experimentieren und Erfahrungen teilen
- Fehler erlauben – bei internen Tests sind „falsche“ Entwürfe Lernmaterial, kein Desaster
Neue Skills fĂĽr Jurist:innen
Mehrere Speaker – u.a. aus AT&S und Google – betonten, was im Juridicum oder bei klassischen Ausbildungswegen nicht vorkommt, heute aber entscheidend ist:
- Projektmanagement
- Change Management
- Grundverständnis von Software und Daten
- Fähigkeit, zwischen Fachbereich, IT und Management zu übersetzen
Damit wird Legal Tech automatisch zu einem Karrierefaktor: Wer diese Skills beherrscht, ist intern gefragt und extern attraktiv.
Pricing und Standardisierung: Der Elefant im Raum
Im Format „In the HOT SEAT“ wurde offen über Pricing im KI-Zeitalter diskutiert. Denn eines ist klar:
Wenn KI Recherche und Standardtexte beschleunigt, wird die klassische Abrechnung nach Stunden immer schwieriger zu rechtfertigen.
FĂĽr Kanzleien bedeutet das mittelfristig:
- Mehr Pauschalen und wertorientierte Honorare
- Klare Definition, wo Mandanten Effizienz spüren dürfen – und wo individuelle Premium-Leistung beginnt
- Transparente Kommunikation: „Wir nutzen KI, um schneller zu sein – aber Sie zahlen für Qualität, nicht für Tippzeit.“
Wer das heute aktiv gestaltet, statt später in Preisdiskussionen gedrängt zu werden, positioniert sich als moderner, mandantenorientierter Anbieter.
5. Wie Sie 2026 nicht nur Zuschauer sind: Ein pragmatischer 90-Tage-Plan
Die LTK25 hat deutlich gemacht: Legal Tech ist kein Großprojekt, das erst ab 500 Anwält:innen Sinn ergibt. Auch eine Boutique-Kanzlei oder eine kleine Rechtsabteilung kann in 90 Tagen spürbare Effekte erzielen.
Schritt 1: Standortbestimmung (Woche 1–2)
- Welche Tools nutzen wir heute bereits? (Datenbanken, DMS, Outlook, Word, ggf. Copilot)
- Wo verlieren wir im Alltag am meisten Zeit? (Recherche, Formatierung, Koordination, Mandantenkommunikation)
- Wer im Team ist neugierig auf KI und digitale Themen?
Ergebnis: Eine klare Liste von 5–7 Schwachstellen und 2–3 „Digital Champions“ im Team.
Schritt 2: Drei konkrete Use-Cases auswählen (Woche 3–4)
Typische Einstiegsfälle:
- ErstentwĂĽrfe fĂĽr E-Mails / Schreiben an Mandanten
- RechercheunterstĂĽtzung (Fragen formulieren, Ergebnisse strukturieren)
- Zusammenfassungen langer Urteile, Verträge oder Akten
Zu jedem Use-Case wird festgelegt:
- Welches Tool wir nutzen
- Wer testet
- Wie der Output kontrolliert wird
Schritt 3: Mini-KI-Playbook erstellen (Woche 5–8)
- Kurze Guidelines zu Vertraulichkeit und Datenschutz
- „Do’s & Don’ts“ beim Prompten und bei der Qualitätskontrolle
- Beispiele guter Anwendungsfälle – und klarer No-Gos
Dieses Playbook muss nicht perfekt sein. Wichtig ist, dass es existiert und laufend aktualisiert wird.
Schritt 4: Review und Skalierung (Woche 9–12)
- Was hat Zeit gespart? (gerne grob: z.B. -30 % Aufwand fĂĽr Standardkorrespondenz)
- Wo gab es Fehler oder Unsicherheit?
- Welche Use-Cases werden freiwillig weiter genutzt?
Auf dieser Basis können Sie entscheiden:
- Welche Tools Sie dauerhaft einsetzen
- Wo weitere Automatisierung sinnvoll ist
- Wann Thema Pricing neu gedacht werden sollte
Fazit: Legal Tech ist kein Ziel – sondern Ihr neues Werkzeug
Die LTK25 hat sehr klar gezeigt: Legal Tech und KI sind inzwischen Mainstream-Themen – politisch, wirtschaftlich und im Standesrecht angekommen. Die spannende Frage ist nicht mehr, ob Kanzleien und Rechtsabteilungen KI nutzen, sondern wie professionell sie es tun.
Oder wie Sophie Martinetz es formuliert hat:
„Legal Tech ist nicht das Ziel, sondern das entscheidende Werkzeug, um juristische Dienstleistungen effizienter, zugänglicher und zukunftsfähig zu machen.“
Für österreichische Rechtsanwält:innen bedeutet das jetzt:
- Der Digital Gap vergrößert sich – Sie entscheiden, auf welcher Seite Sie stehen
- Kleine, saubere Schritte bringen mehr als groĂźe AnkĂĽndigungen
- Wer heute mit KI arbeitet, gestaltet aktiv das Berufsbild von morgen
Wenn Sie sich fragen, wie zukunftsfit Ihre Kanzlei oder Rechtsabteilung tatsächlich ist, dann ist der beste Moment für den ersten strukturierten KI-Schritt nicht 2026, sondern diese Woche.