Legal Tech & KI werden für österreichische Kanzleien zum harten Wirtschaftsfaktor. Wo lohnt sich der Einsatz wirklich – gerade für kleine Einheiten?
Legal Tech & KI: Der echte Business-Case für Kanzleien
Am österreichischen Rechtsmarkt passiert gerade ein stiller Paradigmenwechsel: Während manche Kanzleien noch Ordner lochen, erstellen andere bereits Schriftsätze mit Unterstützung von KI und messen exakt, wie viele Stunden sie dadurch sparen. Wer heute als Rechtsanwält:in in Österreich wettbewerbsfähig bleiben will, kommt an Legal Tech und KI nicht mehr vorbei.
Die Future-Law Legal Tech Konferenz 2025 macht genau das sichtbar. Eine der spannenden Stimmen dort ist Alexandra Pizzato, Leitung Recht & Regulatory Compliance der Raiffeisen-Landesbank Steiermark. Ihr Panel-Titel bringt es auf den Punkt: „Effizienteres Arbeiten? Was ist der Case für Legal Tech und KI? Neue Skills? Kleine Kanzleien?“
In diesem Beitrag geht es genau darum: Wie sieht der konkrete Business-Case für Legal Tech & KI in österreichischen Kanzleien aus – gerade auch für kleinere Einheiten? Welche Skills werden jetzt wirklich wichtig? Und wie steigt man pragmatisch ein, ohne die Kanzlei auf den Kopf zu stellen?
1. Warum Legal Tech und KI für Kanzleien jetzt ein wirtschaftliches Thema sind
Legal Tech und KI sind für Kanzleien kein „nice to have“ mehr, sondern ein handfestes betriebswirtschaftliches Werkzeug. Wer heute noch alles manuell erledigt, verzichtet freiwillig auf Produktivität – und damit auf Marge.
Der Kern des Business-Cases:
- wiederkehrende Tätigkeiten automatisieren
- Fehlerquoten senken
- Wissen schneller auffindbar machen
- Jurist:innen-Zeit auf wertschöpfende Aufgaben verschieben
Konkrete Hebel in der Praxis
Typische juristische Tätigkeiten, die sich durch KI und Legal Tech besonders lohnen:
- Recherchearbeiten: KI-gestützte Tools können erste Strukturierungen, Issue-Spotting und Zusammenfassungen erstellen, die dann juristisch verfeinert werden.
- Dokumentenerstellung: Standardverträge, Bausteine, Entwürfe von Schriftsätzen – überall dort, wo Muster existieren, lassen sich Automatisierungen etablieren.
- Dokumentenprüfung: Due Diligence, Vertragsprüfungen, Klauselvergleiche – Maschinen sind hier schneller im Sichten und Markieren, Menschen besser im Bewerten.
- Fristen- und Workflow-Management: Digitale Akten, automatische Erinnerungen, standardisierte Checklisten sparen interne Koordinationszeit.
Die Realität in vielen Kanzleien zeigt: Schon kleine Automatisierungsschritte bringen 10–30 % Zeitersparnis in bestimmten Arbeitsprozessen. Und genau diese Zeit entscheidet, ob eine Kanzlei Pauschalhonorare profitabel anbieten kann oder bei jedem Pauschalangebot Bauchweh bekommt.
2. Effizienteres Arbeiten: Wo KI im Kanzleialltag wirklich Zeit spart
Effizienz entsteht nicht durch ein einzelnes Tool, sondern durch eine sinnvolle Kombination aus Prozessen, Technik und Verhalten. KI ist hier ein Verstärker – kein Zauberstab.
Drei typische Use Cases aus der Praxis
1. Erstentwürfe für Schreiben und Vertragsklauseln
Statt jedes Schreiben bei null zu beginnen, nutzen viele Rechtsabteilungen und Kanzleien inzwischen KI, um Erstentwürfe zu erstellen:
- Mandantenschilderung + Stichworte → KI-Entwurf
- Jurist:in prüft, ergänzt, verschärft Formulierungen
Einsparung: häufig 30–50 % Zeit beim ersten Draft, bei gleicher oder besserer Qualität nach Überarbeitung, weil nichts Wichtiges „vergessen“ wird.
2. Zusammenfassungen langer Dokumente
Gerichtsurteile, große Vertragspakete, Behördenbescheide: KI-Tools können Kernpunkte extrahieren, strukturieren und Fragen dazu beantworten.
Das bedeutet:
- schneller Überblick
- gezieltes Nachlesen nur noch dort, wo es wirklich heikel wird
3. Standardisierte Workflows
Vom Mandatsaufnahme-Prozess bis zur wiederkehrenden Vertragsprüfung: Checklisten und Formulare lassen sich digitalisieren, teils mit KI-Unterstützung für Datenauswertung und Risikoindikatoren.
Der Effekt: Weniger Sucharbeit, mehr geordnete Informationen, klarere Verantwortlichkeiten.
Effizienz auch als Qualitätsgewinn
Wer effizient arbeitet, gewinnt nicht nur Zeit, sondern auch Qualität:
- Mehr Kapazität für komplexe rechtliche Würdigung
- Bessere Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen
- Weniger Stress, weniger Fehler
Gerade für Kanzleien mit hohem Fristendruck ist das ein unterschätzter Punkt: KI entlastet das Team kognitiv, weil Routineaufgaben nicht mehr die gleiche Konzentration fressen.
3. Neue Skills für Jurist:innen: Was ab 2025 wirklich zählt
Der Einsatz von Legal Tech und KI ist letztlich ein Skill-Thema. Nicht jede:r muss programmieren können, aber die juristisch-technische Übersetzungsleistung wird zu einer Kernkompetenz.
Die vier wichtigsten Zukunftsskills für Rechtsanwält:innen
1. Prompting & kritische Bewertung von KI-Ausgaben
Wer KI unterstützt arbeiten will, braucht:
- die Fähigkeit, präzise Anweisungen zu formulieren (Prompts)
- ein Gefühl dafür, wann Ergebnisse plausibel sind – und wann nicht
- juristische Qualitätssicherung als bewussten Schritt im Workflow
2. Prozessdenken statt reiner Einzelfallbetrachtung
Jurist:innen, die Abläufe sehen – nicht nur Akten – erkennen am schnellsten, wo sich Legal Tech lohnt:
- Welche Schritte wiederholen sich bei jedem Mandat?
- Wo werden Informationen mehrfach erfasst?
- Wo gehen Zeit und Daten verloren?
3. Datenkompetenz im Rechtsbereich
Kanzleien sitzen auf wertvollen Daten: Fristen, Streitwerte, Erfolgsquoten, typische Klauseln.
Neue Skills umfassen:
- Verständnis, welche Daten sinnvoll strukturiert werden sollten
- Grundwissen zu Datenschutz, Vertraulichkeit und KI-Nutzung
- Fähigkeit, aus Kanzlei-Daten belastbare Erkenntnisse zu ziehen
4. Kommunikationsstärke gegenüber Mandant:innen
Mandant:innen fragen inzwischen aktiv nach, ob und wie KI eingesetzt wird. Wer hier kompetent erklären kann:
- wofür KI verwendet wird
- wie Vertraulichkeit sichergestellt wird
- welchen Mehrwert das für das konkrete Mandat bringt
… schafft Vertrauen und Differenzierung am Markt.
KI-Kompetenz wird zur neuen fachlichen Spezialisierungsschicht: Nicht statt Jura, sondern on top – ähnlich wie Bankingrecht oder IP.
4. Kleine Kanzleien, großer Hebel: Warum Legal Tech gerade hier Sinn macht
Viele kleine und mittlere Kanzleien in Österreich glauben noch, Legal Tech sei ein Thema für „die Großen“. Das Gegenteil ist richtig: Kleine Einheiten profitieren überproportional, weil sie flexibler sind und weniger Legacy-Strukturen mit sich herumschleppen.
Typische Einwände – und was wirklich dahintersteckt
„Wir haben kein Budget für große Systeme.“
Heute gibt es sehr kostengünstige, teils nutzungsbasierte KI-Tools. Viele starten mit 2–3 Lizenzen und skalieren bei Bedarf. Die Investition ist oft niedriger als ein durchschnittlicher Fortbildungstag.
„Wir haben keine Zeit für Implementierung.“
Wer alles in einem Big-Bang-Projekt einführen will, scheitert. Erfolgreiche Kanzleien starten mit einem klar definierten Pilotprozess, z.B. Standardverträge oder Recherche, und optimieren Schritt für Schritt.
„Unsere Mandant:innen erwarten persönliche Betreuung, keine Maschine.“
Genau deswegen ist Legal Tech so spannend: Routine wird maschinell erledigt, persönliche, strategische Beratung bekommt mehr Raum.
Mandant:innen interessiert am Ende nur eines: Ergebnis, Zuverlässigkeit, Kosten-Nutzen-Verhältnis.
Drei konkrete Einstiegsszenarien für kleinere Kanzleien
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KI-gestützte Recherche & Zusammenfassungen
- Einsatz: interne Vorbereitung, nicht zur direkten Weitergabe ohne Prüfung
- Ziel: schnellere Orientierung, bessere Struktur
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Dokumentenvorlagen mit Automatisierung
- Standardverträge, wiederkehrende Schreiben
- z.B. durch automatisierte Platzhalter, Fragebögen, Bausteinsysteme
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Einfache, cloudbasierte Akten- und Fristenverwaltung
- digitale Akte, klar definierte Zuständigkeiten
- automatische Erinnerungen, einheitliche Ablagestruktur
Wer so beginnt, baut Schritt für Schritt eine skalierbare digitale Infrastruktur, ohne den Kanzleialltag zu überfordern.
5. Governance, Haftung und Compliance: Wie man KI rechtssicher nutzt
Gerade aus Sicht von Inhouse-Jurist:innen wie Alexandra Pizzato ist klar: Ohne saubere Spielregeln für KI-Nutzung wird es riskant. Kanzleien brauchen ein Mindestmaß an Governance.
Die wichtigsten Leitplanken für den KI-Einsatz in Kanzleien
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Vertraulichkeit & Mandatsgeheimnis:
Keine sensiblen Daten in unsichere oder unklare Systeme eingeben. Nutzung nur dort, wo rechtlich und vertraglich abgesichert. -
Transparente Verantwortlichkeiten:
KI ist ein Werkzeug, keine rechtsberatende Person. Die Verantwortung für das Ergebnis bleibt immer beim Rechtsanwalt / bei der Rechtsanwältin. -
Dokumentierte Arbeitsweise:
Gerade bei komplexen Mandaten sollte dokumentiert sein, wo KI unterstützt hat und wie die juristische Prüfung erfolgte. -
Qualitätssicherung:
Keine ungeprüften KI-Texte an Mandant:innen oder Gerichte. Kein Blindvertrauen in angebliche Zitate oder Entscheidungen.
Interne „KI Policy“ als Wettbewerbsvorteil
Kanzleien, die eine verständliche, praxisnahe KI-Richtlinie haben, sind gleich mehrfach im Vorteil:
- geringeres Haftungsrisiko
- klare Erwartungen im Team
- bessere Argumentationsbasis gegenüber Mandant:innen
So eine Policy muss kein 50-seitiges Dokument sein. Oft reichen 3–5 Seiten mit:
- erlaubten / verbotenen Einsatzszenarien
- Datenschutz- und Sicherheitsregeln
- Vorgaben zur Dokumentation und Qualitätssicherung
6. Vom Interesse zur Umsetzung: Nächste Schritte für österreichische Kanzleien
Der österreichische Rechtsmarkt bewegt sich – die Frage ist nur, ob Ihre Kanzlei vorne mitgeht oder später hinterherlaufen muss. Wer 2025/2026 wettbewerbsfähig bleiben will, sollte Legal Tech und KI jetzt aktiv auf die Agenda setzen.
Pragmatischer 5-Schritte-Plan für den Einstieg:
- Status-Check
Welche Tätigkeiten binden am meisten Zeit im Team? Wo herrscht der größte Frust im Alltag? - Use Case auswählen
Einen klar umgrenzten Prozess wählen (z.B. Standardverträge, Recherche, Fristenorganisation). - Passende Tools testen
Klein anfangen, 1–2 Tools ernsthaft im Alltag nutzen, nicht nur „anschauen“. - Team schulen
Kurze, fokussierte Einheiten: Prompting, Datenschutz, Qualitätskontrolle. - Ergebnisse messen
Vorher/Nachher vergleichen: Zeitaufwand, Fehler, Zufriedenheit im Team.
Wer diesen Prozess konsequent durchläuft, erkennt sehr schnell, ob Legal Tech in der eigenen Kanzlei nur „nice“ oder tatsächlich profitabel ist – und welche nächsten Schritte sich lohnen.
Die große Chance für Österreichs Rechtsanwält:innen liegt darin, dass der Markt noch nicht gesättigt ist. Kanzleien und Rechtsabteilungen, die jetzt Erfahrungen sammeln, werden in den kommenden Jahren die Standards definieren – fachlich, technisch und wirtschaftlich.
Fazit: KI als Partner, nicht als Konkurrenz
Legal Tech und KI ersetzen keine guten Jurist:innen. Sie verstärken sie. Wer sein Fach beherrscht, gewinnt durch KI mehr Zeit für Strategie, Verhandlung und menschliche Beratung – also genau für das, wofür Mandant:innen bereit sind, Honorare zu zahlen.
Gerade kleine und mittlere Kanzleien in Österreich können mit einem klugen, schrittweisen Einstieg:
- ihre Profitabilität steigern
- attraktivere Arbeitsbedingungen für junge Jurist:innen schaffen
- Mandant:innen transparente, moderne Services anbieten
Der nächste logische Schritt: sich bewusst Zeit nehmen, das Thema strukturiert anzugehen – statt zu warten, bis der Druck von außen zu groß wird. Wer heute investiert, hat morgen die bessere Ausgangsposition, wenn Legal Tech und KI nicht mehr optional, sondern Standard sind.