Warum klassische Ladenkonzepte 2026 nicht mehr reichen – und wie Schweizer Händler mit KI-gestützter Ladenplanung Stores profitabler und kundenzentrierter gestalten.
Ladenkonzepte unter Druck: Wie KI Stores neu denkt
Die meisten stationären Händler spüren es längst: Frequenzen schwanken, Flächenkosten steigen, Kund:innen kommen besser informiert in den Laden als je zuvor. Wer sein Ladenkonzept heute noch so plant wie 2015, zahlt 2025 und 2026 drauf – in der Schweiz genauso wie in Deutschland.
Genau deshalb sind Treffen wie der Arbeitskreis Store Planning + Design des EHI so spannend. Ende Oktober in Düsseldorf standen nicht nur neue Stores wie Bershka im Kö-Bogen oder Douglas am Joachim-Erwin-Platz im Fokus. Es ging um eine zentrale Frage: Wie sieht Store Design in einer „Post-Retail-Stadt“ aus – und welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz dabei?
In diesem Beitrag ziehe ich die Themen des EHI-Treffens größer auf und übertrage sie auf den Schweizer Einzelhandel: Welche Ladenkonzepte funktionieren noch? Wo hilft KI konkret – jenseits von Buzzwords? Und wie können Retailer jetzt pragmatisch starten, ohne ihr komplettes Filialnetz umzubauen?
1. Warum klassische Ladenkonzepte nicht mehr reichen
Der Kern des EHI-Arbeitskreises ist schnell beschrieben: Retail Design steht unter massivem Anpassungsdruck. Die Storetour in Düsseldorf hat es praktisch gezeigt – unterschiedliche Formate, starke Markeninszenierung, hybride Konzepte. Hinter all dem stehen drei Entwicklungen, die auch den Schweizer Markt prägen.
1.1 Drei Kräfte, die Ladenkonzepte verändern
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Kund:innen erwarten Erlebnisse, nicht nur Ware
Wer in Zürich an der Bahnhofstrasse, in Bern an der Marktgasse oder in Basel an der Freien Strasse unterwegs ist, sieht das sofort. Konzepte mit Instagram-tauglichen Zonen, Testbereichen, Beauty-Bars oder Gastroflächen ziehen an, klassische „Regalwüsten“ verlieren. -
Online und Offline verschmelzen
Click & Collect, Reservieren & Abholen, Ship-from-Store – die Filiale ist längst nicht mehr nur Verkaufsfläche, sondern Logistikknoten, Showroom und Service-Hub. Ein Ladenkonzept, das diese Funktionen räumlich nicht abbildet, produziert Reibung im Tagesgeschäft. -
Flächenkosten und Personalmangel steigen
In Schweizer Toplagen sind Quadratmeterpreise schmerzhaft hoch, gleichzeitig wird qualifiziertes Verkaufspersonal knapp. Jeder Fehlmeter bei der Flächennutzung und jede schlecht organisierte Fläche kostet direkt Marge.
Die Realität: Viele Ladenlayouts sind historisch gewachsen, nicht strategisch geplant. Regale wurden verschoben, Sortimente erweitert, Services „irgendwo“ integriert – bis das Konzept unübersichtlich wurde.
2. Neue Ladenformate: Vom Flagship bis zur kompakten City-Filiale
Der EHI-Arbeitskreis hat in Düsseldorf verschiedene Konzepte unter die Lupe genommen – von Mode bis Beauty. Für den Schweizer Einzelhandel lassen sich daraus klare Linien ableiten.
2.1 Flagship-Stores als MarkenbĂĽhne
Flagships wie Bershka im Kö-Bogen setzen stark auf Inszenierung:
- groĂźzĂĽgige Eingangsbereiche
- klare Sichtachsen
- digitale Flächen statt klassischer Plakatwände
- Zonen fĂĽr Selfies, Social Media Content, Events
Übertragen auf die Schweiz bedeutet das: Ein Flagship in Zürich, Genf oder Lausanne ist nicht einfach „größerer Laden“, sondern Markenlabor. Hier testen Händler:
- neue Services (z.B. Personalisierung, Styling- oder Beratungstermine)
- neue Technologien (digitale Spiegel, mobile Checkout, KI-gestĂĽtzte Empfehlungen)
- neue Sortimentslogiken (Curated Walls, Themenwelten statt Warengruppenlogik)
Was hier funktioniert, kann später in kleinere Formate ausgerollt werden.
2.2 Kompakte City-Formate und 24/7-Konzepte
Parallel dazu wächst der Druck auf kleinere Cityflächen. Gerade in der Schweiz sehen wir vermehrt:
- Convenience-orientierte Formate mit stark reduziertem Sortiment
- Pick-up-Points mit wenigen Bestandsartikeln, aber tiefer Online-Anbindung
- teil- oder vollautomatisierte Stores (Self-Checkout, Scan & Go, teilweise kassenlos)
Die Herausforderung: Wie schafft man trotz kleiner Fläche eine starke Marken- und Serviceerfahrung?
Hier kommen flexible Ladenkonzepte ins Spiel:
- modulare Möbel, die sich schnell umbauen lassen
- wechselnde Themenzonen, die saisonal oder kampagnenbezogen bespielt werden
- digitale Flächen, die Sortimentstiefe virtuell zeigen, ohne Lagerfläche zu blockieren
2.3 Post-Retail-Stadt: Wenn der Laden mehr kann als verkaufen
Prof. Bernhard Franken hat im Arbeitskreis über Store Design in der „Post-Retail-Stadt“ gesprochen. Dahinter steckt eine spannende These: Innenstädte werden weniger Einkaufs-, mehr Aufenthaltsräume.
Für Händler bedeutet das:
- Läden werden Treffpunkte, Lernorte, Service-Hubs
- Sortiment ist wichtig, aber nicht mehr alleiniger Grund fĂĽr den Besuch
- Kooperationen mit Gastronomie, Kultur, Gesundheit oder Bildung werden attraktiver
Ein Modehändler mit Eventfläche, ein Elektronikanbieter mit Maker-Space, ein DIY-Anbieter mit Workshop-Bereich – all das sind Bausteine einer Post-Retail-Stadt. Wer das versteht, plant seine Flächen anders.
3. KI in der Ladenplanung: Von BauchgefĂĽhl zu datenbasiertem Design
Der zweite Tag des EHI-Treffens drehte sich stark um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in der Store-Planung. Das ist genau der Punkt, an dem viele Schweizer Handelsunternehmen noch zögern – oft aus zwei Gründen: „zu teuer“ und „zu komplex“.
Die Realität? KI in der Ladenplanung lässt sich schrittweise und pragmatisch einsetzen. Und nein, dafür braucht man nicht sofort ein internes Data-Science-Team.
3.1 Wo KI Ladenplanung konkret besser macht
Hier sind vier Einsatzfelder, die sich in der Praxis bewährt haben:
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Flächenproduktivität optimieren
KI-Modelle analysieren Kassendaten, Bewegungsprofile im Store (z.B. aus anonymisierten Kameradaten oder WLAN-Tracking) und Warenkörbe. Daraus lassen sich Layouts simulieren, die- Laufwege verkürzen,
- Impulskäufe steigern,
- Sortimente dort platzieren, wo die Zielgruppe tatsächlich langgeht.
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Planogramme automatisiert ableiten
Statt jede Regalfläche manuell zu planen, kann KI Vorschläge generieren – sortiments- und standortspezifisch. Das ist besonders spannend für Filialnetze mit vielen kleinen Standorten und variierenden Grundrissen.
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Zielgruppen-spezifische Zonenplanung
Kombiniert man CRM-Daten, Standortdaten und Verkaufszahlen, lassen sich Zonen schaffen, die exakt zur lokalen Kundschaft passen. Ein urbaner Standort mit junger Zielgruppe braucht andere Schwerpunkte als ein Peripheriestandort mit Familienfokus. -
Szenario-Simulation vor dem Umbau
Statt teure Umbauten „auf Verdacht“ zu fahren, kann KI verschiedene Varianten testen: Was passiert mit der Conversion, wenn Checkout-Zonen verlegt werden? Wie reagieren Warenkörbe, wenn Warengruppen zusammengelegt werden?
3.2 Typische Hürden – und wie man sie löst
Problem 1: Datenqualität
Viele Händler glauben, ihre Daten seien „zu schlecht“ für KI. In der Praxis reichen oft:
- saubere POS-Daten über 12–24 Monate,
- grundlegende Flächenpläne,
- einheitliche Artikelstammdaten.
Alles andere kann man Schritt fĂĽr Schritt aufbauen.
Problem 2: Angst vor Intransparenz
„Black Box“-KI schreckt ab. Die bessere Lösung: Modelle, die erklärbar sind. Also Systeme, die nicht nur Vorschläge machen, sondern auch begründen, warum eine Zonenverlagerung sinnvoll ist.
Problem 3: Change im Store-Alltag
Ein neues Ladenkonzept scheitert nicht an der Software, sondern am Daily Business. Wenn Teams nicht eingebunden werden, entstehen Widerstände.
Was funktioniert:
- Store-Teams frĂĽh einbeziehen und Feedback einholen
- Pilotfilialen definieren und Erfahrungen systematisch dokumentieren
- klare KPIs vereinbaren (z.B. Flächenumsatz, Verweildauer, NPS, Handlingaufwand am POS)
4. Zielgruppengerechte Store-Konzepte im Schweizer Kontext
Der EHI-Arbeitskreis hat in Düsseldorf gezeigt, wie stark „zielgruppengerechte Ansprache“ inzwischen Ladenkonzepte prägt. Das ist mehr als Deko und Musik – es geht um Erwartungsmanagement in jedem Quadratmeter.
4.1 Drei Zielgruppen, drei Store-Realitäten
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Preisfokussierte Kund:innen
Sie wollen Orientierung, Klarheit, schnelle Wege. Ein durchinszenierter Erlebnistempel schreckt eher ab.- klares Leitsystem
- gut sichtbare Preis-Kommunikation
- funktionale, leicht gepflegte Möbel
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Erlebnisorientierte Shopper
Sie kommen fĂĽr Inspiration, Trends, Social Sharing.- Inszenierungsinseln statt durchgehender Regalreihen
- Flächen für Produkt-Tests (z.B. Beauty, Food, Technik)
- digitale Touchpoints fĂĽr Storytelling und Beratung
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Serviceorientierte Stammkundschaft
Sie erwarten Verlässlichkeit und persönliche Ansprache.- separate Service- oder Beratungszonen
- Sitzgelegenheiten, ruhige Bereiche
- unkomplizierte Prozesse fĂĽr Reklamationen, Anpassungen, Bestellungen
KI kann helfen, diese Cluster pro Standort genauer zu bestimmen – z.B. über Kaufverhalten, soziodemografische Daten und Bewegungsprofile. Am Ende braucht es aber Retailer, die daraus konkrete Designentscheidungen ableiten.
4.2 Fehler, die ich im Store Design immer wieder sehe
Aus Projekten mit Handelsunternehmen sehe ich drei Klassiker:
- Alles für alle sein wollen: Der Laden versucht gleichzeitig Discountern, Premiumkunden und Touristen zu gefallen. Ergebnis: austauschbare Flächen, kaum Profil.
- Digital ohne Konzept: Einzelne Screens werden aufgehängt, aber niemand weiß, wer Content plant, wie Erfolg gemessen wird oder wie das ins Gesamterlebnis passt.
- Backoffice vergessen: Warenannahme, Onlineshop-Pick, Retourenhandling werden räumlich ignoriert – bis alles in provisorischen Ecken landet.
Wer diese drei Punkte bewusst adressiert, ist schon weiter als ein GroĂźteil des Marktes.
5. Wie Schweizer Händler 2026-ready werden – ein pragmatischer Fahrplan
Das EHI-Treffen endete mit dem Ausblick auf EuroShop und das nächste Arbeitskreistreffen 2026. Für Unternehmen, die nicht warten wollen, lohnt sich ein klarer 12–18-Monats-Plan.
5.1 Schritt 1: Status quo brutal ehrlich prĂĽfen
- Welche Filialen laufen gut – und warum genau?
- Wo entstehen ständig operative Probleme (Warenfluss, Engpässe, Retouren)?
- Welche Flächen sind über- oder unterperformant gemessen am Flächenumsatz?
Ein schneller, datengestĂĽtzter Store-Check mit POS-Daten, Laufwegen und Mitarbeiterfeedback liefert oft in wenigen Wochen ein erstaunlich klares Bild.
5.2 Schritt 2: Zwei bis drei Pilotstores definieren
Statt das komplette Filialnetz anzupacken, fokussiert man besser:
- 1 Flagship oder A-Standort
- 1–2 kleinere Formate (City/Peripherie)
Dort werden getestet:
- neues Layout inkl. klarer Zonenlogik
- erste KI-gestĂĽtzte Layout- oder Planogramm-Empfehlungen
- angepasste Services (z.B. Beratung, Click & Collect, digitale Tools)
5.3 Schritt 3: Erfolg messbar machen
Erfolgreiche Händler definieren vor dem Umbau Kennzahlen, z.B.:
- Flächenumsatz pro m²
- durchschnittlicher Warenkorb
- Verweildauer
- Conversion von Passanten zu Käufer:innen
- Mitarbeiterzufriedenheit im Store
KI kann helfen, diese KPIs zu analysieren und Muster zu erkennen – entscheiden müssen am Ende Menschen.
5.4 Schritt 4: Skalieren – aber nur das, was erwiesenermaßen wirkt
Nach sechs bis zwölf Monaten Piloterfahrung ist meist klar:
- Welche Layoutprinzipien universell funktionieren
- Welche Elemente nur in bestimmten Standorten Sinn ergeben
- Wo Investitionen in KI-Tools wirklich Mehrwert bringen
Wer so vorgeht, vermeidet teure Fehlinvestitionen in „nice to have“-Technik und fokussiert auf das, was Umsatz, Effizienz und Kundenerlebnis nachweislich verbessert.
Fazit: Ladenkonzepte neu denken – mit Bauchgefühl und Algorithmus
Der EHI-Arbeitskreis in Düsseldorf hat gezeigt, wie intensiv Handel, Design und Wissenschaft aktuell an neuen Store-Konzepten arbeiten. Für den Schweizer Einzelhandel ist jetzt der beste Zeitpunkt, Ladenplanung und KI zusammenzudenken – nicht getrennt.
Die Kombination aus klarer Zielgruppenfokussierung, mutigen neuen Formaten und datenbasierter Planung sorgt dafür, dass Filialen 2026 nicht nur „schön“, sondern wirtschaftlich robust und zukunftsfähig sind.
Wer heute beginnt, sein Ladenkonzept zu hinterfragen, Pilotflächen aufzusetzen und KI gezielt in der Store-Planung einzusetzen, schafft sich einen spürbaren Vorsprung – in Zürich, Genf, Basel genauso wie in Düsseldorf.