Kollaborative Legal GenAI ersetzt E‑Mail-Pingpong durch gemeinsame, sichere Arbeitsräume. Was Legora Portal & Harvey Shared Spaces bieten – und wie Kanzleien 2026 davon profitieren.
Kollaborative Legal GenAI: So arbeiten Kanzleien 2026
GenAI in Kanzleien war bisher vor allem ein internes Produktivitätstool. Jetzt kippt der Markt: Immer mehr Lösungen verlagern den Schwerpunkt auf gemeinsames Arbeiten mit Mandanten und In‑House-Teams – strukturiert, sicher und ohne endlose E‑Mail‑Ketten.
Für österreichische Rechtsanwält:innen ist das mehr als nur ein technisches Detail. Es entscheidet darüber, wie attraktiv Ihre Kanzlei 2026 für Mandanten, Unternehmen und Talente wirkt. Wer Zusammenarbeit noch primär per E‑Mail und Word‑Versionen organisiert, wirkt schnell aus der Zeit gefallen.
In den letzten Wochen haben zwei Legal‑AI‑Anbieter mit neuen Kollaborationsfunktionen genau diesen Wandel sichtbar gemacht. Dahinter steckt kein Hype, sondern ein klarer Trend: Legal GenAI wandert vom Einzelarbeitsplatz in den gemeinsamen Arbeitsraum.
In diesem Beitrag zeige ich:
- was hinter kollaborativer Legal GenAI steckt,
- was Legora Portal und Harvey Shared Spaces konkret ermöglichen,
- welche Chancen und Risiken sich für österreichische Kanzleien ergeben,
- und wie Sie in drei Schritten pragmatisch starten können – ohne Ihre Organisation zu überfordern.
Was sich wirklich ändert: Von der E‑Mail zum gemeinsamen Arbeitsraum
Kollaborative Legal GenAI bedeutet: Mandanten, In‑House-Teams und Kanzlei arbeiten in einem gemeinsamen digitalen Raum – unterstützt von KI, aber unter voller Kontrolle der Kanzlei.
Der groĂźe Unterschied zum Status quo:
- heute: E‑Mails, Anhänge, Versionschaos, verstreute Freigaben,
- morgen: zentraler Workspace mit klaren Rechten, nachvollziehbaren Workflows, KI‑gestützter Dokumentenarbeit und Audit‑Trail.
Für den österreichischen Markt ist das aus drei Gründen relevant:
-
Mandanten erwarten Transparenz
Unternehmensjurist:innen sind kollaborative Tools aus anderen Bereichen gewohnt (Projektmanagement, Vertrieb, HR). Sie akzeptieren in der Rechtsberatung immer weniger „Black Box + PDF-Anhang“. -
GenAI braucht Struktur
KI-Modelle entfalten ihren Nutzen, wenn Wissen, Dokumente und Prozesse sauber strukturiert sind. Kollaborative Plattformen erzwingen diese Struktur – und machen KI‑Einsatz wiederholbar und prüfbar. -
Regulatorischer Druck steigt
Datenschutz, Geheimhaltung, Berufsrecht: Wer weiterhin informell per Mail arbeitet, trägt ein reales Risiko. Zentralisierte, auditfähige Räume sind deutlich leichter zu kontrollieren und zu dokumentieren.
Die neuen Funktionen von Legora und Harvey sind deshalb nicht „nice to have“, sondern der logische nächste Schritt, wenn man Legal GenAI ernst nimmt.
Legora Portal: Der gemeinsame Arbeitsraum fĂĽr Kanzlei und Rechtsabteilung
Legora Portal ist im Kern ein sicherer, gemeinsam genutzter Arbeitsraum, in dem Unternehmensjurist:innen und externe Kanzleien ihre Zusammenarbeit standardisieren und automatisieren können.
Zentrale Bausteine von Legora Portal
Legora kombiniert mehrere Elemente in einer Umgebung:
-
Wissensbasis des Unternehmens
Richtlinien, Standardklauseln, Verhandlungsleitlinien, interne FAQs – hinterlegt als strukturierte Knowledge Base, auf die GenAI zurückgreifen kann. -
Digitale Playbooks und Workflows
Beispielsweise: Prüfpfad für NDAs, Freigabeprozess für Lieferverträge, Eskalationsstufen bei Compliance-Fragen. Jeder Schritt ist definiert, zuordenbar und protokolliert. -
Dokumentenmanagement mit Versionierung
Statt „Vertrag_final_final_v5.docx“ existiert ein zentraler Dokumentenstand. Kommentare, Änderungen und Freigaben bleiben im System nachvollziehbar. -
Gemeinsame Bearbeitung mit Mandanten
Unternehmensjurist:innen können im Portal:- Dokumente kommentieren oder genehmigen,
- Aufgaben ĂĽbernehmen,
- Checklisten abarbeiten,
- definierte Workflows selbstständig anstoßen.
Die Kanzlei legt fest, wer was sehen und bearbeiten darf. Mandanten erhalten nur die Zugriffe, die für den jeweiligen Vorgang nötig sind.
Sicherheits- und Compliance-Perspektive
Legora betont Standards wie SOC 2 und ISO-Zertifizierungen, verschlüsselte Speicherung und auditfähige Protokolle. Für österreichische Kanzleien, die oft zu Recht sicherheitsorientiert agieren, ist das entscheidend:
- Vertraulichkeit und Berufsgeheimnis können technisch besser abgesichert werden als im E‑Mail-Verkehr.
- Interne und externe Audits profitieren von einem lĂĽckenlosen Protokoll.
- Die Zusammenarbeit mit Compliance- und Datenschutzbeauftragten wird einfacher, weil Prozesse sichtbar sind.
Praxisnaher Effekt: Statt jede Datenverarbeitungsfrage neu zwischen Kanzlei, Mandant und IT-Partner klären zu müssen, lässt sich auf ein geprüftes, standardisiertes System verweisen – ein spürbarer Zeit- und Nervenfaktor.
Harvey Shared Spaces: Kollaboration mit oder ohne Konto
Harvey ist vielen als GenAI‑Assistenz für komplexe juristische Aufgaben bekannt. Mit Shared Spaces weitet die Plattform den Fokus auf gemeinsame Bearbeitung und Austausch von Ergebnissen aus.
Was Shared Spaces ermöglichen
Shared Spaces sind digitale Räume für bestimmte Mandate, Projekte oder Themen. Innerhalb eines Space können:
- Dokumente erstellt, geprĂĽft und kommentiert werden,
- PrĂĽfprozesse und Workflows hinterlegt werden,
- KI‑gestützte Automatisierungen laufen (z.B. First-Draft-Analysen, Vergleich von Vertragsfassungen),
- alle Interaktionen lĂĽckenlos protokolliert werden.
Ein wesentlicher Punkt für die Praxis: Gäste ohne eigenes Harvey-Konto können eingebunden werden. So können etwa kleinere Mandanten oder einzelne Stakeholder teilnehmen, ohne eine Volllizenz zu benötigen.
Datenhoheit und Kontrolle
Harvey stellt klar, dass die Datenhoheit bei den Kanzleien bleibt. Das ist gerade für österreichische Berufsträger:innen zentral, wenn sie GenAI über Drittanbieter nutzen.
Wichtig in der täglichen Arbeit:
- Feingranulare Zugriffsrechte: Wer darf nur lesen, wer kommentieren, wer Inhalte ändern oder löschen?
- Getrennter Zugriff nach Mandat: Mandanten sehen nur, was fĂĽr ihre Angelegenheit freigegeben ist.
- Protokollierung: Jede Aktion ist zuordenbar – hilfreich bei internen Kontrollen und im Streitfall.
Damit eignet sich Harvey Shared Spaces insbesondere für größere Kanzleien mit vielen grenzüberschreitenden Mandaten, aber auch für Boutiquen, die eng mit technologieaffinen Corporate-Clients arbeiten.
Was das für österreichische Kanzleien bedeutet
Für Kanzleien in Österreich – vom Einzelanwalt bis zur Großkanzlei – ist die Botschaft klar: Kollaborative Legal GenAI wird zum Wettbewerbsfaktor.
Drei greifbare Vorteile
-
Weniger Reibungsverluste, mehr Mandatszeit
- weniger E‑Mail-Pingpong,
- weniger „Können Sie mir bitte die aktuelle Version schicken?“,
- weniger manuelle Statusupdates.
Diese Stunden lassen sich in Beratung investieren – oder in neue Mandate.
-
Messbare Servicequalität
Wenn Prozesse in Workflows abgebildet sind, wird Qualität messbar:- Durchlaufzeiten,
- Anzahl der Schleifen,
- Einhaltung von SLAs.
Gerade für Ausschreibungen von Unternehmen und der öffentlichen Hand ist das ein starkes Argument.
-
Attraktivität als Arbeitgeber
Jüngere Jurist:innen erwarten, dass digitale Zusammenarbeit normal ist. Wer weiterhin auf Fileserver, E‑Mail und manuelle Listen setzt, verliert im Kampf um Talente unnötig Boden.
Typische Bedenken – und wie man ihnen begegnet
Ich erlebe immer wieder drei Standard-Einwände:
-
„Das ist zu komplex für unseren Alltag.“
Die Realität: Man startet mit einem einzigen, klar abgegrenzten Use Case (z.B. NDA-Review oder arbeitsrechtliche Standardanfragen). Wichtig ist, klein zu beginnen – nicht die gesamte Kanzlei auf einen Schlag umzustellen. -
„Unsere Mandanten wollen das gar nicht.“
Viele Unternehmensjurist:innen sind dankbar, wenn sie einen strukturierten Überblick über laufende Themen bekommen und nicht mehr im Posteingang suchen müssen. Wichtig ist eine gute Einführung und die Option, parallel weiterhin E‑Mail zu nutzen. -
„Wie passt das zum österreichischen Berufsrecht?“
Kollaborative Workspaces ersetzen nicht die anwaltliche Verantwortung, sondern unterstĂĽtzen sie. Entscheidend ist ein sauberer Mandatsvertrag, klare Rollen sowie technische und organisatorische MaĂźnahmen, die dem Berufsrecht und dem Datenschutz gerecht werden.
So starten Sie pragmatisch mit kollaborativer Legal GenAI
Der Einstieg muss weder teuer noch kompliziert sein. Sinnvoll ist ein iterativer Ansatz in drei Schritten.
1. Use Cases auswählen
Beginnen Sie mit zwei bis drei Bereichen, in denen:
- viele Standardfragen auftreten,
- mehrere Personen beteiligt sind,
- E‑Mail‑Pingpong besonders weh tut.
Typische Kandidaten in österreichischen Kanzleien:
- NDA-Management,
- Standardlieferverträge,
- arbeitsrechtliche Standardanfragen,
- Datenschutz-Themen wie Auftragsverarbeiterverträge.
2. Einfachen Pilot definieren
Für jeden ausgewählten Use Case:
-
Ziel festlegen
z.B. „Durchlaufzeit von NDA-Prüfungen um 30 % reduzieren“. -
Beteiligte bestimmen
eine Partnerin / ein Partner als Sponsor, ein:e Associate als operativer Lead, ein:e Ansprechperson beim Mandanten. -
Minimalen Workflow skizzieren
Welche Schritte, welche Dokumente, welche Freigaben? Kein Perfektionismus – lieber starten und nachjustieren. -
Geeignete Plattform wählen
Je nach Mandantenstruktur und bestehender IT-Umgebung kann das ein spezialisiertes Legal-Portal, ein kollaborativer GenAI-Dienst oder – für erste Tests – eine einfache Kombination aus DMS und KI-Assistenz sein.
3. Messen, anpassen, skalieren
Ein Pilot ist nur dann sinnvoll, wenn Sie daraus lernen. Deshalb:
- vorab 2–3 Kennzahlen festlegen (z.B. Bearbeitungszeit, Anzahl Rückfragen, Zufriedenheit der Mandanten),
- nach 6–8 Wochen gemeinsam mit Mandanten und Team bewerten,
- Prozesse und Workflows anpassen,
- auf den nächsten Use Case ausweiten.
Der wichtigste Erfolgsfaktor ist nicht die Technologie, sondern Konsequenz in kleinen Schritten. Kanzleien, die regelmäßig verbessern, sind jenen weit voraus, die seit Jahren auf „das perfekte System“ warten.
Ausblick: Kollaboration wird zum Standard – nicht zur Ausnahme
Kollaborative GenAI‑Funktionen wie Legora Portal und Harvey Shared Spaces sind ein deutliches Signal: Die Zukunft der Rechtsberatung ist gemeinsam, digital und strukturiert.
Für österreichische Rechtsanwält:innen heißt das:
- Wer frĂĽh beginnt, kann seine Mandatsbeziehungen vertiefen und effizienter arbeiten.
- Wer wartet, läuft Gefahr, von technologieaffinen Mitbewerbern überholt zu werden.
2026 wird weniger die Frage sein, ob Kanzleien GenAI einsetzen, sondern wie reif ihre kollaborativen Arbeitsformen sind. Wer heute die ersten Piloten startet, hat in einem Jahr belastbare Strukturen – und kann Mandanten selbstbewusst zeigen: Unsere Zusammenarbeit ist nicht nur rechtlich exzellent, sondern auch digital auf Höhe der Zeit.
Wenn Sie intern gerade diskutieren, wie sich LegalTech und GenAI in Ihrer Kanzlei sinnvoll einsetzen lassen, dann starten Sie genau mit dieser Frage: An welcher Stelle würde ein gemeinsamer Arbeitsraum mit Mandanten morgen unseren Alltag ganz konkret erleichtern? Die Antwort darauf ist meist näher, als man denkt.