KKR steigt bei Agiloft ein: Was das für Kanzleien heißt

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche LeitfadenBy 3L3C

Der Einstieg von KKR bei Agiloft zeigt: CLM und KI werden für Kanzleien zum Wettbewerbsfaktor. Was das für österreichische Rechtsanwälte jetzt konkret bedeutet.

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KKR steigt bei Agiloft ein: Was das für Kanzleien heißt

Als globale Investoren dreistellige Millionenbeträge in Contract Lifecycle Management (CLM) stecken, ist das kein Nischentrend mehr, sondern ein deutliches Signal: Verträge werden zur strategischen Datenquelle. Genau das zeigt der Einstieg von KKR bei Agiloft – einem der bekanntesten CLM-Anbieter.

Für österreichische Rechtsanwält:innen, Kanzleien und Unternehmensjurist:innen stellt sich damit eine konkrete Frage: Wie wirkt sich dieser Deal auf die eigene Legal-Tech-Strategie aus – und lohnt sich CLM gerade jetzt?

In diesem Beitrag geht es weniger um die Transaktionsdetails, sondern um die Folgen: für Legal-Tech, für Kanzleien im DACH-Raum und speziell für alle, die überlegen, Vertragsarbeit mit KI und Automatisierung neu aufzusetzen.


Was ist passiert – und warum das Signalwirkung hat

Kurz gesagt: KKR übernimmt eine Mehrheitsbeteiligung an Agiloft, einem Anbieter für datengetriebenes Contract Lifecycle Management. Bestehende Investoren wie FTV Capital legen nach, JMI Equity steigt neu ein. Das ist klassisches „Smart Money“: erfahrene Tech-Investoren, die Wachstum erzwingen wollen.

Der Deal zeigt drei Dinge sehr klar:

  1. CLM ist ein Milliardenmarkt. Investoren gehen nicht in junge, gesättigte Nischen, sondern in Segmente mit Wachstum über Jahre.
  2. Verträge werden als Daten verstanden. Agilofts Positionierung als „data-first CLM“ passt genau zu dem, was KI aktuell braucht: strukturierte, auswertbare Vertragsdaten.
  3. Recht ist kein Randthema mehr im Software-Portfolio. Wenn globale Fonds Legal-Tech so deutlich in ihr Technologie-Cluster aufnehmen, ist das ein weiterer Schritt in Richtung Industrialisierung der Rechtsarbeit.

Für österreichische Rechtsanwält:innen heißt das: Wer heute noch mit Word-Ordnern, Netzlaufwerken und E-Mail-Freigaben arbeitet, steht mitten in einem massiven Technologiewechsel – ob er es will oder nicht.


Warum CLM für Rechtsanwälte plötzlich Chefsache wird

Contract Lifecycle Management ist längst nicht mehr nur ein Tool für den Einkauf großer Konzerne. Durch KI, No-Code und Integrationen in bestehende Systeme (ERP, CRM, DMS) wird CLM zur Schaltzentrale für die gesamte Vertragsarbeit – und genau dort gehören Jurist:innen hin.

Was moderne CLM-Systeme konkret leisten

Ein System wie Agiloft deckt den gesamten Lebenszyklus eines Vertrags ab:

  • Vorvertragliche Phase: Vorlagen, Klausel-Bibliotheken, KI-gestützte Vertragserstellung
  • Freigabe & Verhandlung: Workflows, Versionierung, Playbooks, Verhandlungshistorie
  • Unterzeichnung: E-Signatur, Fristenkontrolle beim Closing
  • Nach der Unterschrift: Fristenmanagement, KPIs, Obligation Tracking, Reporting

Wichtig ist weniger die Funktionsliste als der Effekt:

„Verträge werden von Dokumentenstapeln zu auswertbaren Datensätzen, auf die KI sinnvoll zugreifen kann.“

Warum das speziell für österreichische Kanzleien relevant ist

Viele österreichische Kanzleien stehen aktuell vor denselben Themen:

  • Mandant:innen erwarten Transparenz und Geschwindigkeit. „Bitte schicken Sie mir rasch ein Reporting zu allen Verträgen mit Laufzeit > 3 Jahre“ ist mit Ordnerstrukturen kaum noch effizient machbar.
  • Unternehmen professionalisieren ihre Rechtsabteilungen. Inhouse-Teams bauen CLM und Legal Operations auf – und fragen Kanzleien konkret, wie gut sie sich in diese Systeme integrieren können.
  • Compliance-Anforderungen steigen. ESG, Lieferkette, Datenschutz, Bankenaufsicht: Verträge sind dafür die Hauptquelle, aber nur, wenn sie strukturiert vorliegen.

Hier entsteht ein klarer Wettbewerbsvorteil für Kanzleien, die CLM und KI in ihre Beratungs- und Serviceangebote einbauen – statt nur „klassisch“ Verträge zu schreiben.


Daten-first CLM: Was hinter dem Buzzword steckt

„Data-first“ klingt nach Marketing, ist aber technisch wie juristisch hoch relevant. Der Kern: Verträge werden nicht mehr nur als PDFs abgelegt, sondern in einzelne Datenpunkte zerlegt.

Was heißt das in der Praxis?

Statt „Vertrag_Musterkunde_final_final_3.pdf“ liegen zum Beispiel folgende Informationen strukturiert vor:

  • Vertragspartner, Adresse, Branche
  • Vertragsart (z.B. SaaS, Liefervertrag, Arbeitsvertrag)
  • Startdatum, Laufzeit, Kündigungsfrist, Verlängerungsmechanismen
  • Zahlungsmodalitäten, Indexierung, Haftungshöchstgrenzen
  • Gerichtsstand, Rechtswahl, Schiedsklauseln
  • ESG- oder Datenschutzklauseln, Audit-Rechte etc.

Diese Daten können:

  • gefiltert werden (z.B. „alle Verträge mit Haftungsbegrenzung unter 100.000 EUR“),
  • überwacht werden (z.B. automatische Reminder 90 Tage vor Kündigungsfrist),
  • für KI genutzt werden (z.B. automatischer Risiko-Score pro Vertrag).

Warum KI ohne strukturierte Daten nur halbe Wirkung hat

Viele Kanzleien experimentieren derzeit mit KI-Tools, die einzelne Verträge analysieren oder Klauseln vorschlagen. Das ist ein guter Anfang, geht aber oft an der eigentlichen Hebelwirkung vorbei.

Ohne CLM bleibt KI meist punktuell – mit CLM wird sie strategisch.

Ein Beispiel aus der Praxis:

  • Ohne CLM: Ein Associate checkt einen Liefervertrag mit einer KI auf Standardklauseln.
  • Mit CLM: Das System erkennt automatisch, dass dieser Vertrag von der bisherigen Standard-Haftungslogik abweicht, stuft ihn als „High Risk“ ein, meldet das dem verantwortlichen Partner und passt gleichzeitig das Vertrags-Reporting der Mandantin an.

Genau dort entsteht Wert – und dort zielt auch Agilofts „data-first“-Ansatz hin.


Was der KKR-Deal konkret für den Markt bedeutet

Der Einstieg eines globalen Fonds verändert nicht nur das jeweilige Unternehmen – er beeinflusst die gesamte Legal-Tech-Landschaft.

Mehr Tempo, mehr Integrationen, mehr Enterprise-Fokus

Mit KKR im Rücken wird Agiloft voraussichtlich:

  • stärker in Produktentwicklung investieren, insbesondere in KI-Funktionen und Automatisierung,
  • Integrationen zu anderen Systemen ausbauen (ERP, CRM, E-Signatur, DMS),
  • international skalieren – was auch mehr DACH-Fokus wahrscheinlich macht.

Für Rechtsanwält:innen bedeutet das:

  • Inhouse-Jurist:innen werden CLM öfter als Standard erwarten. Wenn große Konzerne ihre Systeme ausrollen, ziehen Mittelständler nach.
  • Ausschreibungen (RFPs) enthalten häufiger Fragen zu Legal-Tech-Fähigkeiten. Wer mit CLM und KI arbeiten kann, wird das aktiv als Vorteil kommunizieren.

Signal an andere Legal-Tech-Anbieter

Der Deal ist auch ein Weckruf für Wettbewerber: Wer im CLM- oder Vertragsautomatisierungsbereich unterwegs ist, wird jetzt nachziehen müssen – technologisch wie vertrieblich.

Das führt mittelfristig zu:

  • besserer Produktqualität (niemand kann sich mehr auf reines Vertrags-Repository beschränken),
  • klareren Spezialisierungen (z.B. CLM für bestimmte Branchen oder Unternehmensgrößen),
  • mehr Kooperationen mit Kanzleien, die als Implementierungspartner oder Berater für Vertragsdaten-Strategien auftreten.

Für österreichische Kanzleien eröffnet das eine Chance: Wer sich jetzt positioniert, kann als „CLM‑kompetente Kanzlei“ in der Region sichtbar werden, bevor der Markt voll ist.


Praxisblick: Wie Kanzleien jetzt strategisch vorgehen sollten

Die spannende Frage ist weniger, ob CLM kommt, sondern wie man den Einstieg klug gestaltet. Hier ein praxisnaher Ansatz, der sich im DACH-Umfeld bewährt hat.

1. Vertragsarbeit ehrlich analysieren

Bevor irgendeine Software evaluiert wird, lohnt ein nüchterner Blick auf die eigene Vertragslandschaft:

  • Welche Vertragstypen machen 80 % des Volumens aus?
  • Wo entstehen die größten Reibungsverluste? (Freigaben, Versionierung, Fristen, Reporting)
  • Wer „besitzt“ die Verträge aktuell – Kanzlei, Mandant:in, verschiedene Abteilungen?

Ein halbtägiger interner Workshop reicht oft, um die größten Schmerzpunkte sichtbar zu machen.

2. Pilotbereich definieren statt „Big Bang“

Erfolgreiche Kanzleien starten selten mit „alle Themen, alle Mandant:innen, alle Verträge“. Besser funktioniert:

  • Ein klar begrenzter Use Case, z.B. NDAs, Standard-Lieferverträge oder SaaS-Verträge.
  • Ein Mandant oder ein kleiner Cluster von Mandant:innen, die offen für Innovation sind.
  • Ein Team, das Lust hat, Prozesse neu zu denken.

Ziel: Innerhalb von 3–6 Monaten zeigen, dass CLM Zeit spart und Risiken reduziert, statt nur „neue Software“ zu sein.

3. Rollen klären: Wer macht was?

CLM ist kein reines IT-Projekt. Erfolgreich wird es, wenn folgende Rollen klar sind:

  • Fachliche Verantwortung (Legal): Partner:in oder Senior Counsel, der/die Standards definiert.
  • Operative Verantwortung: Legal Operations, Knowledge Management oder ein „Tech-affiner“ Associate.
  • Technische Umsetzung: IT, externer Implementierungspartner oder internes Legal-Tech-Team.

Gerade in kleineren Kanzleien kann eine Person zwei Rollen übernehmen – Hauptsache, sie sind bewusst vergeben.

4. KI sinnvoll einbinden – nicht als Selbstzweck

Mit einem datengetriebenen CLM-System wird KI plötzlich deutlich nützlicher. Beispiele, die sich in der Praxis bewährt haben:

  • Automatisches Auslesen von Vertragsinhalten beim Import älterer Verträge
  • Risikobewertungen auf Basis von Klausel-Varianten (z.B. Haftung, Gerichtsstand)
  • Vorschläge für alternative Klauseln während der Verhandlung, abgestimmt auf Kanzlei-Playbooks

Wichtig ist, dass juristische Qualität und Dokumentation der Entscheidungswege gewahrt bleiben – beides lässt sich in CLM-Workflows gut abbilden.


Was bedeutet das konkret für österreichische Rechtsanwälte?

Für den österreichischen Markt hat der KKR-Agiloft-Deal eine klare Botschaft: Legal-Tech ist nicht mehr „Nice-to-have“, sondern ein Wettbewerbsfaktor.

Wer heute als Kanzlei oder Inhouse-Team vorankommen will, sollte:

  1. CLM strategisch einplanen, nicht als Experiment am Rande.
  2. Eigene Vertragsdaten als Vermögenswert verstehen, nicht als Beifang in Ordnerstrukturen.
  3. KI auf ein solides Fundament stellen, statt nur einzelne Tools zu testen.
  4. Mandant:innen aktiv beraten, wie sie Vertragsarbeit strukturieren – das ist ein Beratungsfeld mit echtem Honorarpotenzial.

Die gute Nachricht: Der Markt ist im DACH-Raum – und speziell in Österreich – noch lange nicht gesättigt. Kanzleien, die 2025 mit einem klaren CLM- und KI-Profil auftreten, können sich spürbar vom Wettbewerb absetzen.

Wer jetzt erste Schritte gehen will, sollte mit einem fokussierten Pilotprojekt starten und parallel prüfen, welche CLM-Lösungen fachlich, technisch und wirtschaftlich wirklich zum eigenen Geschäftsmodell passen.

Die zentrale Frage für die nächsten Jahre lautet nicht: „Brauchen wir CLM?“, sondern: „Wie nutzen wir Vertragsdaten und KI besser als unsere Wettbewerber?“