Konkrete KI-Use-Cases für Kanzleien: Vertrags-Review, Mandantenkommunikation, Wissensmanagement und Compliance – praxisnah erklärt für österreichische Anwält:innen.
Warum KI für österreichische Kanzleien jetzt Chefsache ist
Die Mehrheit der größeren Kanzleien im DACH-Raum testet bereits generative KI – aber nur ein kleiner Teil hat konkrete, produktive Use Cases im Alltag verankert. Genau darüber spricht Jan Niklas Hasenpusch, GTM Manager DACH bei Legora, auf der Future-Law Legal Tech Konferenz: Welche KI-Anwendungen funktionieren wirklich im Kanzleibetrieb – und welche bleiben PowerPoint-Folien.
Für österreichische Rechtsanwält:innen ist das Thema längst nicht mehr theoretisch. Seit den LTK-Konferenzen 2023–2025 hat sich eines gezeigt: Die Kanzleien, die systematisch mit KI arbeiten, sind schneller, kalkulierbarer und für Mitarbeiter:innen deutlich attraktiver. Der Wettbewerbsdruck kommt nicht nur von Legal-Tech-Startups, sondern von Kolleg:innen, die Mandate schlicht effizienter abarbeiten.
In diesem Beitrag geht es um genau das, was viele Partner heimlich auf dem Zettel haben: Welche konkreten KI-Use-Cases bringen in der Kanzlei wirklich etwas – und wie setzt man sie um, ohne das Haftungsrisiko zu sprengen?
1. Der wichtigste KI-Use Case: Smartes Vertrags-Review statt „Copy-Paste-Juristerei“
Der direkteste Mehrwert von KI in der Kanzlei entsteht beim Review und der Analyse von Verträgen. Dieser Bereich ist prädestiniert für Tools wie Legora – und genau hier sehen wir derzeit die meisten produktiven Einführungen.
Was ein KI-basiertes Vertrags-Review heute leisten kann
Ein spezialisierter Legal-KI-Assistent kann unter anderem:
- lange Verträge in Minuten statt Stunden auf Risiken durchsuchen
- abweichende Klauseln im Vergleich zu eigenen Standard-Clauses markieren
- Change-Logs erzeugen, die auf Mandant:innen-taugliche Sprache übersetzt sind
- relevante Fristen, Kündigungsrechte und Haftungsobergrenzen extrahieren
Der Unterschied zur „normalen“ Volltextsuche ist massiv: Die KI arbeitet nicht mit simplen Stichworten, sondern mit juristischen Bedeutungen. Sie erkennt etwa, ob eine Haftungsbeschränkung nur für leichte Fahrlässigkeit gilt, ob Personenschäden ausgenommen sind oder ob ein ungewöhnlicher Gerichtsstand vereinbart wird.
Ein sinnvolles Zielbild: Die KI macht den „ersten Durchgang“ – die Anwältin trifft die Entscheidung.
Konkretes Einsatzszenario aus der Praxis
Ein typischer Use Case, wie er bei DACH-Kanzleien mit Legora & Co. umgesetzt wird:
- Mandat: Mittelständisches Unternehmen legt ein 45-seitiges Liefervertragswerk eines internationalen Konzerns vor.
- Upload: Der Vertrag wird im KI-Tool (on-premise oder in einer DSGVO-konformen Cloud) hochgeladen.
- Analyse: Die KI markiert kritische Klauseln (Haftung, IP, Verzug, Vertragsstrafe) und bewertet Abweichungen zu vordefinierten Kanzlei-Standards.
- Output: Die Anwältin erhält eine strukturierte Liste mit Risiken, Vorschlägen für Alternativformulierungen und einem Executive Summary für den Geschäftsführer.
Ergebnis: Statt 5–6 Stunden Partner- oder Senior-Associate-Zeit fallen vielleicht 2–3 Stunden an – bei höherer Transparenz gegenüber dem Mandanten.
2. Mandantenkommunikation: KI als Turbo für verständliche, schnelle Antworten
Der zweite große Block, den viele Kanzleien unterschätzen: Mandantenkommunikation und Wissensaufbereitung. Gerade hier punktet ein Legal-KI-Assistent, weil er juristische Inhalte in verständliche Sprache übersetzen kann.
Typische Use Cases in der Kommunikation
KI-gestützte Assistenten können u. a.:
- komplexe Rechtsfragen in mandantengerechte Kurz-Memos überführen
- Erstantworten auf wiederkehrende Standardanfragen vorbereiten
- FAQ-Dokumente für Unternehmen (z. B. HR, Einkauf, Vertrieb) erstellen
- Inhalte für Client Alerts und Newsletter strukturieren
Ein Beispiel aus dem österreichischen Alltag: Nach Gesetzesänderungen im Arbeitsrecht muss ein Newsletter an Hunderte Arbeitgeber-Mandanten raus. Statt dass Associates mühsam Formulierungen abstimmen, kann die KI auf Basis eines Kanzlei-Templates verschiedene Versionen erzeugen (z. B. „für HR-Leiter:innen“, „für Geschäftsführer:innen“, „für Betriebsräte“).
Warum das auch wirtschaftlich interessant ist
Viele Kanzleien kämpfen mit nicht verrechenbarer Zeit für Kommunikation, Newsletter, interne Notizen. KI hilft, diese „versteckten Kosten“ zu reduzieren:
- Entwürfe in Minuten statt Stunden
- Partner:innen steigen erst für den Feinschliff ein
- Einheitlichere Tonalität und Corporate Language
Für Lead-Generierung ist das ein Bonus: Wer schnell klare Informationen liefert, wird eher empfohlen und wahrgenommen.
3. Wissensmanagement: Von der Dokumentenwüste zum durchsuchbaren Kanzlei-Gedächtnis
Die ehrlichste Frage vieler Partner lautet: „Wir haben tausende Dokumente – aber wer findet was wann wieder?“ Genau hier spielt KI ihre Stärke aus.
Vom Fileserver zum intelligenten Wissenssystem
Moderne Legal-KI-Plattformen können:
- Urteile, Schriftsätze, Memos, Gutachten semantisch durchsuchen
- „Ähnliche Fälle“ auffinden, auch wenn die Begriffe unterschiedlich sind
- Argumentationsmuster identifizieren, die in früheren Fällen erfolgreich waren
- Knowledge Nuggets (z. B. Formulierungsbausteine) extrahieren
Statt 30 Minuten manuellem Suchen in alten Ordnern reicht oft eine gezielte Frage in natürlicher Sprache:
„Zeig mir unsere letzten Schriftsätze zu Mietminderung wegen Schimmelbefall in Gewerbemietverträgen mit Erfolg beim OGH.“
Die KI liefert keine fertige Rechtsberatung, aber sie zeigt, wo im eigenen Datenbestand relevante Vorlagen liegen. Dadurch wird Erfahrung skalierbar – vor allem über Standorte hinweg.
Warum das gerade für österreichische Kanzleien spannend ist
Viele österreichische Kanzleien arbeiten in engen, eingespielten Teams. Wissen ist häufig „im Kopf der Partner:innen“. Mit KI-gestütztem Wissensmanagement lässt sich dieses Know-how:
- standortübergreifend nutzbar machen
- für Onboarding neuer Kolleg:innen verwenden
- als Alleinstellungsmerkmal gegenüber internationalen Wettbewerbern vermarkten
Wer sein internes Wissen besser nutzbar macht, kann auf Pitches und Ausschreibungen mit konkreten, datenbasierten Argumenten auftreten („In 27 vergleichbaren Fällen…“ statt „Wir haben viel Erfahrung“).
4. Risikomanagement & Compliance: KI als Frühwarnsystem
Ein weiterer Lieblings-Use-Case vieler Legal-Tech-Anbieter – zu Recht – ist der Einsatz von KI im Compliance-Umfeld. Gerade in regulierten Branchen (Banken, Versicherungen, Energie, öffentliche Auftraggeber) können Anwaltskanzleien mit KI-gestützten Angeboten punkten.
Typische Anwendungsfälle
- Screening von Richtlinien und Verträgen auf Compliance-Verstöße
- Monitoring regulatorischer Änderungen und automatische Alerts
- Prüfung von Standardverträgen großer Unternehmen (z. B. AGB, Lieferantenverträge)
- Unterstützung von Internal Investigations durch intelligente Dokumentenanalyse
Beispiel: Eine Kanzlei betreut einen Konzern mit hunderten Lieferantenverträgen. Die Frage lautet: „Wo verstoßen unsere Vertragswerke möglicherweise gegen aktuelle kartellrechtliche oder sanktionsrechtliche Vorgaben?“ Eine KI kann hier vorstrukturieren, clustern und Verdachtsbereiche markieren – die juristische Bewertung bleibt natürlich beim Menschen.
Haftung & Qualitätssicherung
Gerade bei Compliance und Risikomanagement ist die Sorge groß: „Wenn die KI etwas übersieht, haften wir dann?“ Die pragmatische Antwort, die sich in vielen Projekten durchsetzt:
- KI ersetzt keine Prüfung, sie priorisiert Fälle.
- Die Kanzlei definiert klar, dass die KI ein Werkzeug im Prüfprozess ist.
- Qualitätsstandards (Vier-Augen-Prinzip, Dokumentation) bleiben unangetastet.
Kanzleien, die das offen mit ihren Mandant:innen kommunizieren, werden eher als innovativ und verantwortungsbewusst wahrgenommen – nicht als Risiko.
5. Einführung von KI in der Kanzlei: Was funktionierende Projekte gemeinsam haben
Die spannendsten Use Cases bringen nichts, wenn das Projekt intern scheitert. Gerade hier zeigen Erfahrungsberichte, wie sie auf der Future-Law Legal Tech Konferenz 2025 diskutiert werden, ein klares Muster.
Erfolgsfaktor 1: Klein starten, aber verbindlich
Statt die ganze Kanzlei „auf KI zu drehen“, hat sich bewährt:
- Ein konkretes Team auswählen (z. B. M&A, Arbeitsrecht, Immobilienrecht)
- Einen klaren Use Case definieren (z. B. Vertrags-Review, Standard-Memos)
- Pilotphase mit 8–12 Wochen ansetzen
- Messbare Ziele festlegen: Zeitersparnis, Fehlerquote, Mandantenfeedback
Wichtig: Die Partner:innen in diesem Team müssen wirklich Zeit investieren wollen. KI-Einführung ist kein IT-Projekt allein, sondern ein Change-Projekt.
Erfolgsfaktor 2: Klare Guidelines und Schulung
Die zwei größten Risiken bei generativer KI in Kanzleien sind:
- unbedachte Eingabe von Mandantendaten in nicht abgesicherte Systeme
- unkritische Übernahme von KI-Vorschlägen
Seriöse Kanzleien reagieren mit:
- internen KI-Richtlinien (was ist erlaubt, was nicht?)
- Schulungen für Anwält:innen und Assistent:innen
- klaren Vorgaben zur Dokumentation von KI-Einsatz im Mandat
So wird aus einem „Spielzeug“ ein professionelles Werkzeug.
Erfolgsfaktor 3: Business-Modell mitdenken
KI kann Honorarmodelle durcheinanderbringen. Wer ausschließlich auf Stundenhonorare setzt, spürt den Produktivitätsschub möglicherweise im eigenen Umsatz. Erfolgreiche Kanzleien reagieren mit:
- Pauschal- oder Paketpreisen für bestimmte KI-gestützte Leistungen
- Retainer-Modellen für regelmäßige Prüfungen / Monitoring
- klarer Kommunikation des Mehrwerts („schneller, transparenter, besser erklärt“)
Gerade für österreichische Kanzleien, die sich im DACH-Markt positionieren wollen, ist das eine Chance: Effizienz als Verkaufsargument, nicht als Bedrohung.
6. Was österreichische Rechtsanwält:innen jetzt konkret tun sollten
Wer auf der Future-Law Legal Tech Konferenz war – oder einen Blick ins Programm wirft – erkennt: Wir sind über das „Ob“ von KI im Rechtsmarkt längst hinweg. Die eigentliche Frage lautet: „Welche drei KI-Use-Cases setzen wir 2026 verbindlich um?“
Ein pragmatischer Fahrplan für die nächsten 6–12 Monate könnte so aussehen:
-
Ist-Stand klären
- Welche Teams arbeiten bereits informell mit KI (z. B. Chatbots)?
- Welche Use Cases tauchen ständig auf (Vertrags-Review, Memos, Newsletter)?
-
Tool-Auswahl vorbereiten
- Fokus auf Legal-spezifische Tools (wie Legora), nicht nur generische Chatbots
- Datenschutz, Hosting, Integration mit DMS/Word prüfen
-
Pilot definieren
- 1–2 Use Cases auswählen, z. B.:
- KI-gestütztes Vertrags-Review im M&A-Team
- Erstellung mandantengerechter Kurz-Memos im Arbeitsrecht
- 1–2 Use Cases auswählen, z. B.:
-
Ergebnisse messen und skalieren
- Zeitersparnis und Qualität erfassen
- Feedback von Mandant:innen einholen
- Entscheidung: Ausrollen, anpassen oder stoppen
Wer diesen Weg geht, wird merken: KI ist weniger „Magie“ und mehr strukturiertes Prozess-Redesign. Genau darin liegt der Vorteil für Kanzleien, die gewohnt sind, strategisch zu denken.
Fazit: KI-Use-Cases sind kein Zukunftsthema mehr – sie entscheiden über Marktposition
Die Lieblings-Use-Cases von Anbietern wie Legora – Vertrags-Review, Mandantenkommunikation, Wissensmanagement und Compliance – sind längst nicht mehr experimentell. Sie laufen in immer mehr Kanzleien produktiv, gerade im DACH-Raum.
Für österreichische Rechtsanwält:innen heißt das: Wer jetzt konkrete KI-Use-Cases in der eigenen Kanzlei verankert, sichert sich einen klaren Vorsprung – fachlich, wirtschaftlich und im Recruiting. Wer zuwartet, wird in ein, zwei Jahren erklären müssen, warum Mandate langsamer und teurer bearbeitet werden als anderswo.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob KI in die Kanzlei kommt, sondern: Mit welchem Use Case fangen Sie 2026 als Erstes an – und wer übernimmt in Ihrer Kanzlei die Verantwortung dafür?