Warum KI jetzt zur Chefsache fĂĽr Versicherer wird

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

KI ist fĂĽr Versicherer kein Buzzword mehr, sondern Chefsache. Der Beitrag zeigt, wie Versicherer und InsurTechs durch Kooperation und konkrete KI-Use-Cases realen Mehrwert schaffen.

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Warum KI jetzt zur Chefsache fĂĽr Versicherer wird

Die deutschen Versicherer haben 2024 im Durchschnitt rund 70–80 % ihrer Kundenkontakte bereits digital angebahnt oder abgewickelt – aber nur ein kleiner Teil davon nutzt heute wirklich künstliche Intelligenz (KI) konsequent. Genau hier setzt die Haltung von Peter Stockhorst an, dem neuen Vorstandsvorsitzenden des InsurLab Germany: „Digitalisierung ist ein Freund der Mutigen. Und sie macht auch noch Spaß.“

Für österreichische Versicherer ist das mehr als ein nettes Zitat aus Deutschland. Es ist ein ziemlich klarer Hinweis: Wer KI und InsurTech heute nur „beobachtet“, riskiert morgen Marktanteile, Margen und Relevanz. Wer dagegen Kooperationen mit Start-ups sucht, Daten strategisch nutzt und KI in Kerprozesse bringt, kann die berühmten „zwei Seiten derselben Medaille“ heben: höhere Kundenzufriedenheit und mehr Produktivität.

In diesem Beitrag schauen wir uns an, was aus der Perspektive von Stockhorst und dem InsurLab Germany für Versicherer konkret wichtig wird – und übertragen es auf die Situation in Österreich. Vor allem: Was können Vorstände, Digital-Verantwortliche und Innovations-Teams jetzt sofort tun, um KI sinnvoll im Versicherungsgeschäft zu verankern?


1. Versicherer und Start-ups: Warum Kooperationen kein „Nice to have“ mehr sind

Die zentrale Botschaft aus dem InsurLab-Interview ist glasklar: Etablierte Versicherer und InsurTech-Start-ups brauchen einander. Allein wird es weder der Konzern noch das junge Tech-Team schaffen.

Versicherer bringen Erfahrung, Kundenbasis und Kapital. Start-ups bringen Tempo, Kreativität und Technologie.

Was Corporates einbringen – und was InsurTechs liefern

Etablierte Versicherer punkten vor allem mit:

  • groĂźer Bestandskundenbasis und Markenvertrauen
  • regulatorischer Erfahrung (z.B. Fit & Proper, Solvency II, IDD)
  • Kapital und Skalierungsfähigkeit
  • tiefem Verständnis fĂĽr Produkte, Risikomodelle und Schadenprozesse

InsurTech-Start-ups bringen dagegen:

  • nutzerzentrierte Produktlogik („Mobile first“, „Customer first“)
  • moderne Technologie-Stacks und KI-Kompetenz
  • agile Arbeitsweisen und schnelle Iteration
  • frische Sicht auf Vertrieb, Schaden, Underwriting und Service

Das Beispiel, das Stockhorst nennt – die Entwicklung von getnow/DA Direkt zum großen InsurTech-Player im Markt – zeigt: Wenn Corporate und Start-up ernsthaft kooperieren, entsteht etwas Drittes. Kein aufgebohrtes altes System, sondern ein neues digitales Geschäftsmodell.

Was heißt das für österreichische Versicherer konkret?

Österreichische Häuser – vom Marktführer bis zum regionalen Player – haben aktuell drei realistische Optionen:

  1. Start-ups beobachten und hoffen, dass der Trend vorbeigeht. (Spoiler: Tut er nicht.)
  2. Punktuelle Piloten mit InsurTechs machen, aber ohne klare Skalierungsstrategie.
  3. Strukturiert in ein Ökosystem einsteigen, das Corporates und Start-ups zusammenbringt – zum Beispiel über Hubs, Kollaborationsprogramme oder gemeinsame Projektinitiativen.

Wer Leads und Wachstum will, kommt an Option 3 nicht vorbei. Entscheidend ist, dass Kooperationen nicht als PR-Tool laufen, sondern auf klare Business-Cases einzahlen:

  • mehr AbschlĂĽsse im Online-Vertrieb
  • geringere Bearbeitungszeiten im Schaden
  • geringere Stornoquoten durch bessere Customer Experience
  • schlankere Backoffice-Prozesse

2. Vier Erfolgsfaktoren für Transformation – aus der Praxis eines Vorstandes

Stockhorst hat nach eigener Aussage seit 2008 eine Reihe von digitalen Transformationsprojekten verantwortet. Was er nennt, ist erstaunlich bodenständig – und genau deshalb relevant:

„Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein.“

1) Echte Kundenorientierung – nicht nur im Slide-Deck

Alle reden über „Customer Centricity“. Die harte Realität in vielen Versicherungen: Produkte, Tarife und Prozesse werden immer noch von innen nach außen gedacht.

FĂĽr erfolgreiche KI- und Digitalprojekte gilt:

  • Startpunkt ist immer eine konkrete Alltagssituation der Kund:innen (Schadenmeldung, Vertragsänderung, Angebotsanfrage …).
  • Der Mehrwert muss messbar sein: weniger Klicks, weniger RĂĽckfragen, kĂĽrzere Durchlaufzeit.
  • KI wird nicht eingefĂĽhrt, weil es alle machen, sondern weil sie einen klaren Nutzen bringt.

Praxisidee für österreichische Versicherer:

Wählen Sie einen Prozess, bei dem heute viel Frust entsteht (z.B. Kfz-Schaden, Haushaltsversicherung nach Wasserschaden).

  • Messen Sie Status quo (Durchlaufzeit, NPS, Anrufquote).
  • Setzen Sie KI genau dort an (z.B. Bilderkennung fĂĽr Schadenhöhe, Chat-Assistent fĂĽr Status-Updates).
  • Messen Sie nach 3–6 Monaten erneut und kommunizieren Sie die Ergebnisse intern.

2) RĂĽckhalt durch das Top-Management

KI-Einführung in der Versicherung ist kein IT-Projekt, sondern ein Thema für Vorstand und Geschäftsführung. Warum?

  • KI verändert Aufgabenprofile (z.B. in Schaden, Underwriting, Vertriebssupport).
  • Sie kostet am Anfang Geld und Kapazität – bevor sie sich rechnet.
  • Sie greift in bestehende Machtstrukturen und Verantwortlichkeiten ein.

Ohne ein klares Commitment von oben („Wir gehen diesen Weg, auch wenn es unbequem wird“) kippen viele Projekte in der Mitte.

3) Offene, kontinuierliche Kommunikation

Transformation erzeugt Unsicherheit: „Braucht man mich in drei Jahren noch?“, „Macht jetzt ein Bot meinen Job?“

Wer das ignoriert, riskiert Widerstand. Wer offen kommuniziert, gewinnt VerbĂĽndete:

  • Benennen Sie klar, wo KI Routineaufgaben ĂĽbernimmt – und wo Menschen unersetzlich bleiben.
  • Bieten Sie Weiterbildung an, z.B. fĂĽr Sachbearbeiter:innen, die mit KI-Systemen arbeiten.
  • Kommunizieren Sie Etappenerfolge: reduzierte Bearbeitungszeiten, bessere Kundenzufriedenheit, weniger Fehler.

4) Klarer Fokus statt 30 lose Piloten

Viele Versicherer starten zu viele Piloten parallel – und skalieren keinen einzigen. Erfolgreiche Häuser machen es anders:

  • 1–3 strategische Kernfelder definieren (z.B. Schaden, Vertrieb, Kundenservice)
  • Pro Feld ein bis zwei Leuchtturmprojekte aufsetzen
  • Von Anfang an die Frage stellen: „Wie skalieren wir das auf den gesamten Bestand?“

Für KI gilt: Lieber wenige, durchdachte Anwendungsfälle mit ordentlicher Datengrundlage und klarem ROI, als eine bunte Sammlung von Proofs-of-Concept, die im Intranet verstauben.


3. KI im Versicherungsalltag: Wo der Nutzen heute schon real ist

Stockhorst sagt klar: Wir sind nach dem ersten Hype in einer Phase der ErnĂĽchterung. Das ist positiv. Denn genau jetzt trennt sich Buzzword-Theater von echtem Business-Nutzen.

„Es sind zwei Seiten derselben Medaille – höhere Kundenzufriedenheit und steigende Produktivität.“

Konkrete KI-Anwendungsfälle für Versicherer

Für österreichische Versicherungen bieten sich aktuell vor allem fünf Felder an:

  1. Kundenkommunikation und Service

    • Generative KI unterstĂĽtzt bei der Beantwortung von E-Mails.
    • Intelligente Chatbots klären Standardanfragen (Adresse, IBAN, Deckungsfragen) vor.
    • Ergebnis: schnellere Reaktionszeiten, zufriedene Kund:innen, weniger Telefonspitzen.
  2. Schadenbearbeitung

    • Bilderkennung (Computer Vision) schätzt Schadenshöhen, etwa bei Kfz oder Haushalt.
    • Text-Mining analysiert Freitextangaben und ordnet sie automatisch Kategorien zu.
    • Ergebnis: deutlich schnellere Regulierung, bessere Fraud-Erkennung.
  3. Underwriting und Pricing

    • KI-Modelle helfen bei der Risikoanalyse und tarifieren feiner.
    • Szenarioanalysen zeigen, wie sich Portfolios bei Marktänderungen entwickeln.
  4. Vertrieb & Lead-Management

    • KI identifiziert im Bestand Upgrade- und Cross-Selling-Potenziale.
    • Priorisierung von Leads fĂĽr Makler, Agenturen und Bankenkooperationen.
  5. Interne Effizienz

    • Automatisierte Dokumentenklassifikation.
    • UnterstĂĽtzung beim Erstellen von Standardtexten (z.B. Vertragszusammenfassungen).

Beispiel: Generative KI in der Kundenkommunikation

Stockhorst beschreibt den Einsatz von GenAI zur UnterstĂĽtzung der Kundenkommunikation: Die Bearbeitungszeiten sinken, die Kundenzufriedenheit steigt. Genau dieses Muster ist auch in Ă–sterreich realistisch.

Ein typisches Setup könnte so aussehen:

  • Eingangskanäle: E-Mail, Kontaktformular, Chat
  • KI-System analysiert Inhalt, erkennt Anliegen, schlägt Antwortbausteine vor
  • Sachbearbeiter:in prĂĽft, ergänzt, finalisiert
  • Antwort geht in Minuten statt in Tagen raus

Damit werden nicht nur Service-Level-Ziele erreicht, sondern auch neue Vertriebschancen gehoben: Wer eine gute Service-Erfahrung macht, ist offener für ein Beratungsgespräch oder ein Zusatzprodukt.


4. „Digitalisierung ist ein Freund der Mutigen“ – was das für Führung in Versicherungen heißt

Die vielleicht wichtigste Aussage von Stockhorst ist keine technische, sondern eine haltungspolitische:

„Ich möchte gestalten. Dinge besser machen. Versicherungen sind für unsere Gesellschaft wichtig und ich möchte helfen, dass sie auch wichtig bleiben.“

Das trifft den Kern der aktuellen Situation – auch in Österreich:

  • Demografie, Inflation und Niedrigzinsphasen setzen die Branche seit Jahren unter Druck.
  • Kund:innen erwarten digitale Services auf dem Niveau von E-Commerce und Banken.
  • Regulatorik verschärft die Anforderungen an Transparenz und Dokumentation.

Ohne Gestaltungswillen von oben bleibt KI ein Experiment. Mit klarer Haltung kann sie zum Hebel werden, die gesellschaftliche Relevanz der Assekuranz zu sichern.

Was mutige Versicherer jetzt konkret tun sollten

  1. KI zur Chefsache machen
    Vorstand oder Geschäftsführung benennt ein Mitglied als klar verantwortliche Person für KI & Digitalisierung – mit Budget und Mandat.

  2. Klares Zielbild formulieren
    Beispiel: „Bis Ende 2026 werden 60 % aller Standardschäden KI-unterstützt bearbeitet, bei mindestens gleichbleibender Kundenzufriedenheit.“

  3. Mit Ă–kosystemen arbeiten
    Statt alles selbst zu entwickeln, bewusst auf Partnerschaften mit InsurTechs, Tech-Providern und Hubs setzen.

  4. Mitarbeiter:innen mitnehmen
    KI-Schulungen, Rollenprofile anpassen, neue Karrierewege im Digitalbereich eröffnen.

  5. Erfolge sichtbar machen
    Intern wie extern: schnellere Schadenregulierung, bessere Service-Bewertungen, verkĂĽrzte Durchlaufzeiten.

Wer diese Punkte ernsthaft angeht, positioniert sich nicht nur technologisch, sondern auch kulturell deutlich vor dem Markt.


5. Nächste Schritte für österreichische Versicherer und InsurTechs

Die Botschaft aus dem InsurLab-Ökosystem lässt sich auf den Punkt bringen: Warten ist die riskanteste Strategie.

Für österreichische Versicherer, Maklerpools und InsurTechs bieten sich jetzt drei unmittelbare Schritte an:

  1. Status-Check KI & Digitalisierung

    • Wo setzen wir heute bereits KI ein – bewusst oder unbewusst?
    • Welche Prozesse sind fĂĽr Kund:innen besonders schmerzhaft?
    • Wo liegen ungehobene Datenpotenziale?
  2. Kooperationspotenziale identifizieren

    • Mit welchen Start-ups oder Technologiepartnern könnten wir konkrete Use Cases testen?
    • Welche internen HĂĽrden mĂĽssen wir abbauen (Datensilos, Verantwortlichkeiten, Einkauf)?
  3. Pilot mit Skalierungsperspektive starten

    • Ein klar definierter Use Case (z.B. KI-gestĂĽtzte Schadenkommunikation)
    • Messbare Ziele (Bearbeitungszeit, NPS, Kosten je Vorgang)
    • Plan, wie bei Erfolg der Rollout auf das gesamte Unternehmen aussieht

Wer hier Tempo macht, sammelt nicht nur Erfahrungsvorsprung, sondern wird auch fĂĽr Talente, Partner und Investor:innen deutlich attraktiver.

Die Realität ist tatsächlich einfacher, als sie auf den ersten Blick wirkt: KI in der Versicherung ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um Kundenprobleme besser zu lösen und gleichzeitig effizienter zu werden. Die Kunst liegt nicht im perfekten Algorithmus, sondern im Mut, anzufangen – und im Willen, Kund:innen, Mitarbeitende und Partner auf diesem Weg mitzunehmen.


Call-to-Action fĂĽr InsurTech & KI in Ă–sterreich

Wer als Versicherer oder InsurTech in Österreich jetzt den nächsten Schritt gehen will, sollte sich zwei Fragen stellen:

  1. Wo kann KI in den nächsten 12 Monaten konkret Wert schaffen – messbar und kundennah?
  2. Mit wem kooperieren wir, um das schneller, besser und risikoärmer zu erreichen?

Genau dort beginnt die wirkliche Transformation – im Zusammenspiel aus klarer Führung, mutiger Digitalisierung und starken Partnerschaften.