KI, InsurTechs und mutige Kooperationen entscheiden über die Zukunftsfähigkeit von Versicherern. So nutzen Sie 2025 das Potenzial wirklich – nicht nur auf Folien.

Warum KI in der Assekuranz nur den Mutigen nĂĽtzt
Bis 2030 könnten laut europäischen Marktstudien bis zu 30–40 % der heutigen Versicherungsprozesse weitgehend automatisiert sein – vor allem durch künstliche Intelligenz. Gleichzeitig kämpfen viele Häuser noch mit papierbasierten Prozessen, historisch gewachsenen IT-Landschaften und sinkender Kundennähe.
Hier setzt das Denken von Peter Stockhorst, neuem Vorstandsvorsitzenden des InsurLab Germany, an: Digitalisierung ist für ihn „ein Freund der Mutigen“ – und genau das ist die Haltung, die Versicherer und InsurTechs in Österreich und Deutschland jetzt brauchen.
Dieser Beitrag fasst nicht nur die Kernbotschaften aus seinem Interview zusammen, sondern übersetzt sie in konkrete Handlungsimpulse für Versicherer, InsurTechs und Entscheidungsträger:innen, die KI und Kooperationen im Jahr 2025 wirklich nutzen wollen – nicht nur auf Folien.
1. Was etablierte Versicherer von InsurTechs wirklich brauchen
Der Kernpunkt ist klar: Ohne Kooperation zwischen etablierten Versicherern und Start-ups bleibt die Branche unter ihren Möglichkeiten.
Peter Stockhorst beschreibt die Rollenverteilung sehr deutlich:
- Versicherer bringen Kundenbasis, Kapital, Marke, Regulatorik-Know-how
- Start-ups bringen Kreativität, Geschwindigkeit, moderne Technologie-Stacks
Das ist kein nettes „Ökosystem-Gespräch“, sondern eine sehr nüchterne Arbeitsteilung.
Praxisbeispiel: Vom Start-up zum fĂĽhrenden InsurTech
Ein Fall zeigt, wie das aussehen kann:
- Ein innovatives Start-up wird von einem etablierten Versicherer ĂĽbernommen
- Im Zusammenspiel mit einem Direktversicherer entsteht daraus das nach Beitragseinnahmen größte InsurTech in Deutschland
- Parallel gewinnen weitere InsurTechs internationale Innovationswettbewerbe eines groĂźen Versicherers und werden in reale Use Cases integriert
Die Botschaft dahinter ist für den österreichischen Markt hochrelevant:
InsurTechs, die echte Probleme lösen und gut in bestehende Prozesse integrierbar sind, haben die beste Chance, vom „Pilotprojekt“ zum strategischen Asset zu werden.
Was das für österreichische Versicherer bedeutet
Wenn man ehrlich ist, laufen viele InsurTech-Kooperationen im DACH-Raum nach diesem Muster schief:
- Ein spannendes Start-up wird entdeckt
- Man macht einen PoC „am Rand“ der Organisation
- Ergebnisse sind gut, aber niemand fĂĽhlt sich verantwortlich fĂĽr das Skalieren
- Das Thema verläuft im Sand
Wer es besser machen will, braucht drei Dinge:
- Strategischen Fit klären: Passt das Start-up zu Kernprozessen (Schaden, Vertrieb, Underwriting) oder ist es nur „nice to have“?
- Business Owner benennen: Eine FĂĽhrungskraft mit Budget und Zielverantwortung muss das Thema ziehen
- Roadmap zur Integration: Von PoC zu Pilot zu Roll-out – mit klaren Milestones, KPIs und Entscheidungen
Genau hier können Hubs wie InsurLab Germany oder InsurTech-Initiativen in Österreich enorm helfen: Sie strukturieren Scouting, Matching und Kooperationsdesign, statt nur bunte Events zu liefern.
2. Vier Erfolgsfaktoren fĂĽr echte digitale Transformation
Stockhorst bringt die Erfolgsfaktoren von Transformationsprojekten auf vier klare Punkte herunter – und die sind deutlich weniger „Buzzword-lastig“, als man erwarten würde.
1. Radikale Kundenorientierung statt Technik-Show
Digitale Projekte scheitern oft, weil sie sich um Technologie drehen, nicht um Kund:innen.
Wer ernst macht, stellt Fragen wie:
- Wie reduziert dieses Projekt Bearbeitungszeit fĂĽr Kund:innen konkret?
- Wo senkt es Komplexität – etwa bei Antragsstrecken oder in der Schadenmeldung?
- Welche spĂĽrbaren Vorteile hat ein:e Kund:in innerhalb von 30 Sekunden?
In vielen Häusern fehlt genau dieser Pragmatismus. Da werden neue Portale, Apps oder KI-Funktionen gebaut, ohne dass klar ist, warum ein Kunde das überhaupt nutzen sollte.
2. RĂĽckhalt durch das Top-Management
Transformation tut weh. Sie bricht Silos auf, zwingt zu Entscheidungen, macht alte Rollen ĂĽberflĂĽssig und neue notwendig.
Ohne VorstandsrĂĽckhalt passiert Folgendes:
- Mittleres Management blockt Veränderungen passiv
- Fachbereiche verteidigen ihre gewohnten Prozesse
- Projekte werden „politisch glattgeschliffen“ – und damit wirkungslos
Wer KI, Automatisierung oder InsurTech-Kooperationen ernst meint, braucht:
- Klare Priorisierung durch den Vorstand
- Explizite Schutzräume für Teams, die Neues ausprobieren
- Entscheidungen, welche alten Prozesse konsequent eingestellt werden
3. Offene und kontinuierliche Kommunikation
Veränderung schafft Unsicherheit. In Versicherungen, die oft über Jahrzehnte sehr stabil gearbeitet haben, noch stärker.
Transparente Kommunikation heiĂźt:
- Klar sagen, warum etwas verändert wird
- Früh benennen, was wegfällt und was neu entsteht
- Erfolge und Lernschritte nicht nur im Projektkreis, sondern im ganzen Haus sichtbar machen
Gute Transformationskommunikation verhindert, dass Gerüchte und Ängste die Oberhand gewinnen – und schafft Verständnis für harte Entscheidungen.
4. Klarer Fokus statt Projekt-Zoo
Viele Versicherer leiden an Projekt-Inflation: zu viele Initiativen, zu wenig Wirkung.
Fokus heiĂźt:
- Max. 3–5 wirklich strategische Transformationsprojekte gleichzeitig
- Alle anderen Themen mĂĽssen diese Projekte entweder unterstĂĽtzen oder warten
- Führungskräfte sind nah am Geschehen, kennen KPIs und Blocker
Die Realität? Oft das Gegenteil. Wer das ändert, beschleunigt automatisch auch seine KI- und Digitalisierungsagenda.
3. Sind Versicherer nah genug an ihren Kund:innen?
Die ehrliche Antwort: besser als vor fünf Jahren, aber noch lange nicht da, wo sie sein könnten.
Digitale Services entlang der Customer Journey haben sich stark entwickelt:
- Online-Abschlussstrecken
- Digitale Schadenmeldungen
- Self-Service-Portale
- Chatbots und Messaging-Kanäle
Trotzdem nutzen viele Kund:innen ihre Versicherer nur im Schadensfall oder bei Vertragsänderungen. Das ist eine verpasste Chance.
Wo das ungenutzte Potenzial liegt
Die eigentliche Stärke von Versicherungen liegt darin, in Schlüsselmomenten des Lebens präsent zu sein:
- Wohnungssuche und Hauskauf
- FamiliengrĂĽndung
- UnternehmensgrĂĽndung
- Mobilitätswechsel (E-Auto, Sharing, Leasing)
Genau hier können digitale Ökosysteme und KI-gestützte Services ansetzen:
- Proaktiver Versicherungsschutz anlassbezogen vorschlagen
- Komplexität reduzieren („Versicherungsklartext“ statt Paragraphen)
- Verträge dynamischer gestalten – angepasst an Lebenssituationen
Daten und KI werden damit zum Enabler einer relevanteren, persönlicheren Kundenbeziehung – vorausgesetzt, Datenschutz und Transparenz werden ernst genommen.
4. Künstliche Intelligenz: Produktivität + Kundenzufriedenheit
Stockhorst ist sehr klar: KI ist kein Hype-Thema mehr, sondern ein langfristiger Produktivitätsmotor. Auch wenn der erste Hype abflacht, ist die Richtung eindeutig.
„Es sind zwei Seiten derselben Medaille – eine höhere Kundenzufriedenheit und eine steigende Produktivität.“
Konkrete Einsatzfelder von KI in Versicherungen
Schon heute entstehen in vielen Häusern produktive Use Cases, zum Beispiel:
- GenAI in der Kundenkommunikation: Vorschläge für Antworten, Zusammenfassungen komplexer Vorgänge, Mehrsprachigkeit
- Assistenzsysteme fĂĽr Sachbearbeitung: automatische VorbefĂĽllung von Formularen, Aktenzusammenfassungen, Next-Best-Action-Hinweise
- Schadenmanagement: Bildanalyse (z. B. Kfz-Schäden), Plausibilitätschecks, Priorisierung nach Dringlichkeit
- Vertrieb & Beratung: personalisierte Angebote, KI-gestĂĽtzte Beratungsunterlagen, Risiko- und Bedarfsanalysen
Der Clou: Die Technologie ist weitgehend verfĂĽgbar. Die eigentliche Herausforderung liegt in:
- Datenqualität und -integration
- Governance, Compliance und ModellĂĽberwachung
- Change Management in den Fachbereichen
Beispiel: GenAI in der Kundenkommunikation
Ein groĂźer Versicherer nutzt generative KI, um die Bearbeitung von Kundenanfragen zu beschleunigen. Konkret heiĂźt das:
- E-Mails werden automatisch klassifiziert und priorisiert
- Die KI erstellt Antwortvorschläge, die von Mitarbeitenden geprüft und angepasst werden
- Standardfälle werden nahezu vollautomatisch erledigt
Ergebnis:
- Deutlich kĂĽrzere Bearbeitungszeiten
- Stabiler oder sogar besserer Service-Level
- Höhere Zufriedenheit bei Kund:innen und Mitarbeitenden, weil weniger Zeit für Routine-Anfragen draufgeht
Für österreichische Versicherer, die aktuell viele Ressourcen im Backoffice binden, ist das ein enormer Hebel.
5. Warum Digitalisierung Mut braucht – und sich auszahlt
„Digitalisierung ist ein Freund der Mutigen. Und sie macht auch noch Spaß.“ Dieser Satz ist mehr als nur ein nettes Zitat. Er beschreibt sehr gut, warum einige Häuser vorankommen – und andere feststecken.
Was „mutig“ in der Praxis bedeutet
Mut heißt in der Versicherungsrealität unter anderem:
- Pilotprojekte schnell starten, statt zwei Jahre zu konzipieren
- Fehler als Lernquelle akzeptieren, statt sie politisch zu bestrafen
- Alte Produkte und Prozesse abschalten, wenn neue Lösungen besser sind
- Interdisziplinäre Teams aufbauen, in denen IT, Fachbereich, Recht und Vertrieb wirklich zusammenarbeiten
Mutige Häuser haben eines gemeinsam: Sie testen konkrete Anwendungsfälle am Markt – mit echten Kund:innen, echten Prämien und echten Schäden.
Die Rolle von Brancheninitiativen wie InsurLab
Mit ĂĽber 90 Mitgliedern aus Versicherungsunternehmen, Start-ups, Wissenschaft und Beratung zeigt das InsurLab Germany, wie so ein Ă–kosystem aussehen kann.
FĂĽr Versicherer und InsurTechs bedeutet das:
- Zugang zu fertigen Use Cases und Best Practices
- Möglichkeit, Pilotprojekte mit Partnern schneller zu starten
- Austausch zu AI-Governance, Regulatorik und Skalierung
Für österreichische Versicherer und InsurTechs lohnt sich der Blick über die Grenze: Wer sich heute in solchen Netzwerken aktiv einbringt – sei es in Deutschland oder in lokalen InsurTech-Communities – reduziert Risiko, Kosten und Geschwindigkeit der eigenen Transformation.
Fazit: KI, InsurTech und Mut – was Sie jetzt konkret tun können
Die Stoßrichtung ist klar: Ohne Kooperation mit InsurTechs, ohne echte Kundenorientierung und ohne mutigen Einsatz von KI wird die Versicherungsbranche an Relevanz verlieren. Mit den richtigen Weichenstellungen ist aber genau das Gegenteil möglich: mehr Effizienz, zufriedenere Kund:innen, attraktivere Arbeitsplätze.
Drei konkrete Schritte für die nächsten 6–12 Monate:
-
AI-Use-Case-Portfolio definieren
3–5 konkrete, messbare KI-Anwendungsfälle auswählen (z. B. Kundenkommunikation, Schaden, Underwriting) und mit Business-KPIs hinterlegen. -
Partner gezielt auswählen
Prüfen, welche InsurTechs, Hubs oder Ökosysteme konkrete Lösungen bieten, die zu den eigenen Kernprozessen passen – und Kooperationen so designen, dass Skalierung von Beginn an mitgedacht wird. -
Leadership und Kommunikation stärken
Verantwortlichkeiten im Vorstand klären, interne Kommunikation auf Transformation ausrichten und Mut explizit als gewünschtes Verhalten adressieren.
Wer Digitalisierung als „Freund der Mutigen“ begreift, hat 2025 und darüber hinaus einen klaren Vorteil – gerade im Versicherungsmarkt in Österreich und Deutschland, der sich spürbar schneller verändert als noch vor wenigen Jahren.