KI-Bauwahn: Was IBM warnt – und was Marketing lernen muss

KI fĂŒr Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden‱‱By 3L3C

IBM warnt vor einem ökonomisch kaum tragbaren KI-Bauwahn. Entscheidend ist jetzt: Wie setzen Marketing und Vertrieb KI 2026 wirtschaftlich sinnvoll ein?

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Der KI-Bauwahn frisst Billionen – und kaum einer rechnet nach

Über 8 Billionen US-Dollar Investitionen – so hoch schĂ€tzt IBM-Chef Arvind Krishna das globale WettrĂŒsten um KI-Rechenzentren. Alle paar Wochen kĂŒndigen Hyperscaler neue Supercluster mit einem Gigawatt Leistung und mehr an. FĂŒr viele klingt das nach Fortschritt, fĂŒr Krishna ist es vor allem eines: ökonomisch kaum tragbar.

FĂŒr Marketing- und Vertriebsverantwortliche in Deutschland ist diese Diskussion nicht akademisch. Sie entscheidet darĂŒber, ob KI-Projekte 2026 auf Budgetlisten bleiben – oder als teures Experiment abgestempelt werden. Wer jetzt blind dem Hype folgt, baut KI wie ein Prestige-BĂŒrogebĂ€ude: teuer, glĂ€nzend, wenig genutzt.

In diesem Artikel geht es darum, was hinter der Warnung des IBM-Chefs steckt – und wie Sie als Verantwortliche*r in Marketing und Vertrieb KI wirtschaftlich sinnvoll einsetzen, ohne sich vom Bauwahn anstecken zu lassen.


Was der IBM-Chef wirklich kritisiert

Die Kernaussage von Arvind Krishna ist ĂŒberraschend nĂŒchtern: Die derzeitigen Investitionen in KI-Infrastruktur stehen in keinem vernĂŒnftigen VerhĂ€ltnis zu den erwartbaren Renditen.

„Es kostet etwa 80 Milliarden US-Dollar, ein Rechenzentrum mit einer Leistung von einem Gigawatt zu fĂŒllen.“ – Arvind Krishna

Rechnen wir das kurz durch:

  • 1 Gigawatt KI-Rechenzentrum ≈ 80 Milliarden US-Dollar CAPEX
  • 20–30 Gigawatt, wie sie heute teilweise angekĂŒndigt werden ≈ rund 1,5 Billionen US-Dollar
  • Global geplanter Ausbau von ca. 100 Gigawatt ≈ 8 Billionen US-Dollar

Bei 8 Billionen Dollar Investitionsausgaben wĂ€ren – allein als Kapitalkosten – Hunderte Milliarden Dollar Gewinn pro Jahr nötig, um das ĂŒberhaupt zu rechtfertigen. Krishna sagt sehr klar: Das ist aus seiner Sicht unrealistisch.

Gleichzeitig betont er: Die Technologien, die wir heute haben – insbesondere große Sprachmodelle (LLMs) – sind fĂŒr Unternehmen extrem nĂŒtzlich. Er erwartet ProduktivitĂ€tsgewinne in Billionenhöhe. Er glaubt nur nicht daran, dass der aktuelle Weg automatisch zu echter AGI (Artificial General Intelligence) fĂŒhrt oder dass ein einzelnes Unternehmen „die eine universelle KI“ baut und den Markt dominiert.

FĂŒr deutsche Unternehmen ist genau dieser Mittelweg entscheidend: Nutzen ja, GrĂ¶ĂŸenwahn nein.


Hype vs. RealitĂ€t: Was bedeutet das fĂŒr deutsche Unternehmen?

FĂŒr Konzerne wie Microsoft oder Meta sind Milliardeninvestitionen in Rechenzentren Teil eines geopolitischen Technologierennens. Der MittelstĂ€ndler in Baden-WĂŒrttemberg oder die B2B-Marke in DĂŒsseldorf spielt aber ein ganz anderes Spiel: Es geht nicht um mehr GPUs, sondern um bessere Prozesse.

Drei gefÀhrliche Fehlannahmen aus dem KI-Bauwahn

Ich sehe bei vielen Unternehmen aktuell drei typische IrrtĂŒmer:

  1. „Wir brauchen unsere eigene große KI-Plattform.“
    In 95 % der FĂ€lle falsch. Sie brauchen keine eigene Foundation-Model-Infrastruktur, sondern gut integrierte Anwendungen auf Basis bestehender Modelle.

  2. „Je grĂ¶ĂŸer das Modell, desto grĂ¶ĂŸer der Business-Impact.“
    FĂŒr Marketing- und Vertriebs-Use-Cases zĂ€hlt nicht die theoretische Parameterzahl, sondern: Latenz, Kosten pro Anfrage, QualitĂ€t der DomĂ€nenanpassung.

  3. „Wer jetzt nicht massiv investiert, wird abgehĂ€ngt.“
    AbgehĂ€ngt wird, wer ohne Business Case investiert. Wer fokussiert in klar messbare Use Cases investiert, ist 2026 klar im Vorteil – auch mit deutlich kleineren Budgets.

Warum diese Warnung 2026 besonders relevant ist

  • Rechenzentrums-KapazitĂ€ten sind knapp, die Preise fĂŒr GPU-Compute bleiben hoch.
  • Der Gesetzgeber (Stichwort KI-Verordnung der EU) erhöht den Druck, risikobasiert statt hypegetrieben vorzugehen.
  • Viele Unternehmen haben 2024/2025 Pilotprojekte gestartet, die jetzt zeigen:
    Nicht jede KI-Initiative trÀgt sich wirtschaftlich.

Wer jetzt Kurskorrektur vornimmt, spart nicht nur Geld, sondern erhöht auch die Chance, dass die wirklich wichtigen KI-Projekte intern Akzeptanz finden.


Von AGI-Glaube zu pragmatischer KI: Was wirklich Wert schafft

Krishna nennt den Glauben an eine einzelne Super-KI, die „alles kann“, explizit einen Glauben – fast schon religiös. FĂŒr die Unternehmenspraxis ist diese Diskussion zweitrangig. Relevanter ist: Wo entstehen heute nachweisbar ProduktivitĂ€tsgewinne?

Welche KI schafft 2026 in Marketing & Vertrieb echten Mehrwert?

Die Erfahrungen aus deutschen Projekten der letzten zwei Jahre zeigen ein klares Muster. Wert entsteht vor allem dort, wo KI:

  • Arbeitszeit von Fachleuten freischaufelt (z.B. Recherche, EntwĂŒrfe, Auswertungen)
  • Conversion-Raten und Warenkörbe steigert (besseres Targeting, personalisierte Angebote)
  • Fehler & Reibungsverluste reduziert (z.B. fehlerfreie Angebote, saubere CRM-Daten)

Typische Beispiele:

  • KI-Assistenten fĂŒr Angebotserstellung im Vertrieb (Vorlagen, Formulierungen, Varianten)
  • Automatisierte Lead-Qualifizierung mit Scoring und Textanalyse eingehender Anfragen
  • Generative KI fĂŒr Content-Produktion, aber mit klaren Guidelines und Fact-Checking
  • KI-gestĂŒtzte Segmentierung und Personalisierung im E-Mail- und Performance-Marketing

Keine dieser Anwendungen braucht ein eigenes 80-Milliarden-Dollar-Rechenzentrum. Sie brauchen:

  • einen stabilen Cloud-Anbieter oder On-Premise-Partner,
  • ein vernĂŒnftiges Kostenmodell pro Nutzung,
  • ein Team, das Use Cases sauber definiert und misst.

Wissen + LLMs: Der unterschÀtzte Erfolgsfaktor

Krishna betont, dass echte Fortschritte eher aus der Verschmelzung von Wissen mit LLMs kommen werden. Genau das ist aktuell der Unterschied zwischen „Spielerei“ und strategischem ProduktivitĂ€tswerkzeug:

  • Ein generisches Modell, das „irgendeinen“ Marketingtext schreibt, ist austauschbar.
  • Ein KI-System, das auf Ihren Produktdaten, FAQs, Whitepapern und CRM-Informationen aufsetzt, ist ein Wettbewerbsvorteil.

Heißt fĂŒr die Praxis:

  • Investieren Sie nicht nur in Modelle, sondern in DatenqualitĂ€t, Taxonomien und Wissensmanagement.
  • Bauen Sie Retrieval-Lösungen (RAG), die Ihr Unternehmenswissen sicher und nachvollziehbar in die KI-Antworten einbeziehen.

Ein pragmatischer Fahrplan: KI wirtschaftlich einfĂŒhren

Wer Krishnas Warnung ernst nimmt, muss nicht bremsen – sondern gezielter steuern. So kann ein realistischer Fahrplan fĂŒr Marketing und Vertrieb aussehen.

1. Klare Business-Ziele statt Technologie-Shopping

Starten Sie nicht mit der Frage „Welches Modell ist das stĂ€rkste?“, sondern mit:

  • Wo verlieren wir heute Zeit? (z.B. manuelle Reportings, wiederkehrende E-Mails)
  • Wo verlieren wir Geld? (z.B. schlechte Lead-QualitĂ€t, AbbrĂŒche im Funnel)
  • Wo verlieren wir Chancen? (z.B. keine Personalisierung, zu langsame Reaktion)

Formulieren Sie pro Use Case eine einfache Rechnung:

  • Zeitersparnis in Stunden pro Monat × interner Stundensatz
  • Erwartete Steigerung von Conversion / Umsatz
  • Erwartete Reduktion von Fehlern / Reklamationen

Wenn sich diese Basisrechnung nicht positiv darstellen lÀsst, ist der Use Case (noch) nicht reif.

2. „Klein starten, groß skalieren“ – mit messbaren Piloten

Statt eines Mammutprojekts haben sich in Deutschland besonders diese Schritte bewÀhrt:

  1. Pilot in einem klar abgegrenzten Bereich (z.B. nur Inbound-Sales im DACH-Markt)
  2. Dauer: 8–12 Wochen, mit festgelegten KPIs (Zeit, QualitĂ€t, Conversion)
  3. Enge Zusammenarbeit von Fachbereich, IT, Datenschutz und Betriebsrat
  4. Am Ende: Entscheidung – skalieren, nachschĂ€rfen oder stoppen

So vermeiden Sie, dass aus einem Experiment ein stilles, teures Dauerprojekt wird.

3. Kostenkontrolle: KI wie eine Variable Cost behandeln

Einer der Fehler, den Krishna indirekt adressiert: gigantische Fixkosten fĂŒr Infrastruktur. FĂŒr Marketing & Vertrieb ist es fast immer sinnvoller, KI nutzer- oder transaktionsbasiert abzurechnen:

  • Cloudbasierte KI-APIs mit Kosten pro 1.000 Tokens / Anfrage
  • SaaS-Produkte mit klaren Nutzerpreisen (z.B. pro Sitz oder pro Workspace)
  • interne Budgets, die sich an KPIs und Nutzen orientieren, nicht an „wir wollen auch was mit KI machen“

Belasten Sie Ihr Budget nicht mit langfristigen, starren KI-Fixkosten, wenn Ihr GeschÀftsmodell selbst volatil ist.


Was Sie konkret aus Krishnas Warnung ableiten sollten

Die gute Nachricht zuerst: Sie mĂŒssen nicht im KI-Bauwahn mitmachen, um vom KI-Boom zu profitieren. Die teuren Rechenzentren bauen andere. Ihr Vorteil liegt darin, diese KapazitĂ€ten klug zu nutzen – nicht darin, sie zu besitzen.

FĂŒnf praktische Leitlinien fĂŒr 2026

  1. Kein KI-Projekt ohne Business Case.
    Jede Initiative braucht eine simple Nutzenrechnung – schwarz auf weiß.

  2. Fokus auf Prozesse, nicht auf Parameterzahlen.
    Entscheidend ist, wie sehr ein Modell Ihren Workflow verbessert, nicht wie groß es ist.

  3. Unternehmenswissen integrieren.
    Kombinieren Sie LLMs mit Ihrem eigenen Content, Ihren Produktdaten und Ihrem CRM.

  4. Kompetenzen im Team aufbauen.
    Schulen Sie Marketing und Vertrieb im Umgang mit KI, Prompting, QualitÀtskontrolle und rechtlichen Rahmenbedingungen.

  5. Risikobasiert statt hypegetrieben handeln.
    BerĂŒcksichtigen Sie Datenschutz, Haftung und Markenwirkung – insbesondere bei generiertem Content.

Die RealitÀt ist: KI wird 2026 in Marketing und Vertrieb so selbstverstÀndlich sein wie heute CRM oder Marketing-Automation. Der Unterschied zwischen Gewinnern und Verlierern wird nicht durch den Zugang zu GPUs bestimmt, sondern durch:

  • Klarheit ĂŒber Ziele,
  • QualitĂ€t der Daten,
  • Reife der Organisation.

Wer diese Hausaufgaben macht, profitiert von den Milliardeninvestitionen der Hyperscaler – ohne selbst in den Bauwahn zu verfallen.


NĂ€chste Schritte: Vom Hype zur belastbaren Roadmap

Wenn Sie gerade an Ihrer KI-Strategie fĂŒr Marketing und Vertrieb arbeiten, ist Krishnas Botschaft ein nĂŒtzlicher RealitĂ€ts-Check: Nicht alles, was technisch möglich ist, lohnt sich wirtschaftlich. Aber sehr vieles lohnt sich – wenn es sauber geplant wird.

Der sinnvollste nÀchste Schritt ist meist ein fokussierter KI-Strategieworkshop, in dem Sie:

  • Ihre wichtigsten Marketing- und Vertriebsprozesse durchgehen,
  • konkrete KI-Use-Cases mit Business Case priorisieren,
  • Governance, Datenschutz und Betriebsrat frĂŒhzeitig einbinden,
  • und eine Roadmap fĂŒr die nĂ€chsten 6–12 Monate definieren.

Der Wettlauf um Gigawatt-Rechenzentren wird sich in den nĂ€chsten Jahren weiter zuspitzen. Die spannendere Frage fĂŒr Sie lautet: Wo soll KI in Ihrem Unternehmen in 12 Monaten messbar Umsatz steigern oder Kosten senken?

Genau dort gehört Ihr Fokus hin – nicht in den Bauwahnsinn.