Justice without Litigation II: Chance fĂĽr Kanzleien

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

EU-Projekt JuWiLi II treibt außergerichtliche, digitale Verfahren voran. Was das für österreichische Kanzleien bedeutet – und welche Schritte jetzt sinnvoll sind.

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Justice without Litigation II: Was jetzt auf Kanzleien zukommt

Österreichische Gerichte sind seit Jahren stark ausgelastet. Gleichzeitig erwarten Mandant:innen schnelle, digitale und verständliche Lösungen – gerade in sensiblen Bereichen wie Scheidung oder Verlassenschaft. Genau an diesem Spannungsfeld setzt das EU-Projekt „Justice without Litigation II“ (JuWiLi II) an, das Ende Jänner 2025 in Wien hochkarätig gestartet ist.

Für österreichische Rechtsanwält:innen ist JuWiLi II mehr als nur ein „Notariats-Thema“. Das Projekt zeigt, wohin sich die europäische Justizlandschaft entwickelt: weg von rein gerichtlichen Verfahren, hin zu außergerichtlichen, digital gestützten Lösungen. Wer als Kanzlei hier nicht rechtzeitig seine Strategie und LegalTech-Praxis anpasst, wird mittelfristig Marktanteile verlieren.

In diesem Beitrag geht es darum,

  • was JuWiLi II konkret vorhat,
  • warum Notariate als SchlĂĽsselfiguren gesehen werden,
  • welche Rolle Digitalisierung und KI dabei spielen können
  • und wie österreichische Rechtsanwält:innen diese Entwicklung aktiv fĂĽr sich nutzen, statt nur zuzuschauen.

Was steckt hinter „Justice without Litigation II“?

JuWiLi II ist ein vom EU-Programm für Justiz gefördertes Projekt, das bis Ende 2026 läuft. Kernidee: Justiz entlasten, ohne Rechtsstaatlichkeit zu opfern, indem mehr Verfahren außergerichtlich – vor allem über Notariate – abgewickelt werden.

55 Vertreter:innen aus 22 EU-Ländern waren zur Auftaktkonferenz am 24.01.2025 in Wien. Beteiligt sind unter anderem:

  • Justizministerien
  • Notariatskammern
  • Universitäten und Forschungsinstitute
  • Ă–konom:innen und Verhaltensökonom:innen

Die Projektziele sind erstaunlich konkret:

  • Rolle der Notariate in nicht-streitigen Verfahren europaweit analysieren
  • ökonomische Effekte (Kosten, Zeit, Entlastung der Gerichte) quantifizieren
  • Digitalisierungspotenziale in Nachlass- und Scheidungsverfahren herausarbeiten
  • Best Practices aus EU-Staaten vergleichen und ĂĽbertragbar machen

Oder anders gesagt: JuWiLi II stellt die Frage, welche Konflikte wirklich noch vor Gericht gehören – und welche besser, schneller und günstiger bei Notariat oder anderen außergerichtlichen Stellen aufgehoben sind.


Notariate als „One-Stop-Shop“ – was heißt das für Anwält:innen?

Die Konferenz machte deutlich: In Brüssel und vielen Hauptstädten gelten Notariate als Schlüsselakteure der nicht-streitigen Justiz. Insbesondere bei einvernehmlichen Scheidungen und Verlassenschaften.

Aktueller Trend: Scheidung lieber beim Notar

Eine in Österreich 2024 durchgeführte Studie zeigt: Eine klare Mehrheit der Befragten würde eine einvernehmliche Scheidung lieber im Notariat als vor Gericht abwickeln. Gründe sind erfahrungsgemäß:

  • weniger Konfliktatmosphäre
  • schneller Ablauf
  • klar kalkulierbare Kosten
  • mehr „Service-Charakter“ als klassisches Gerichtsverfahren

In bereits sieben EU-Staaten – etwa in Estland – werden einvernehmliche Scheidungen seit Jahren vollständig über Notare abgewickelt. Die Erfahrungen dort fließen nun in JuWiLi II ein. Der politische Druck, ähnliche Modelle auch in anderen Ländern zu verankern, steigt.

Für Anwält:innen bedeutet das zweierlei:

  1. Bestimmte Verfahrensarten wandern aus der Gerichtsbarkeit ab.
  2. Mandant:innen erwarten dieselbe Geschwindigkeit und Klarheit auch von Kanzleien.

Wer weiter so arbeitet wie vor zehn Jahren, riskiert, dass Notariate in bestimmten Segmenten zum primären „First Contact“ für Rechtsfragen werden.

Notariat als digitaler One-Stop-Shop

Der Präsident der Österreichischen Notariatskammer, Michael Umfahrer, bringt es auf den Punkt: Notariate wollen als „One-Stop-Shop“ auftreten – von der Beratung bis zur Beurkundung und Beglaubigung, möglichst komplett online und digital.

Mit modernen Technologien lassen sich heute:

  • Video-Identifikationen,
  • digitale Signaturen,
  • Online-Termine,
  • Dokumenten-Workflows

rechtssicher abbilden, auch grenzĂĽberschreitend. Genau das macht Notariate fĂĽr den EU-Gesetzgeber attraktiv: Sie sind reguliert, zentral organisiert und technisch bereits gut vernetzt.

Die entscheidende Frage für Kanzleien lautet daher: Werden Notariate im Bereich der außergerichtlichen Verfahren zu direkten Wettbewerbern – oder zu Kooperationspartnern?


Entlastung der Justiz: Chancen und Risiken fĂĽr Kanzleien

Die offizielle Argumentation von JuWiLi II ist klar: Wenn mehr einvernehmliche Scheidungen, Verlassenschaften und andere nicht-streitige Akte außergerichtlich laufen, werden öffentliche Budgetmittel effizienter eingesetzt und die Justiz systemisch entlastet. Gerichte können sich stärker auf echte Streitfälle, komplexe Verfahren und Grundrechtsfragen konzentrieren.

Ă–konomische Dimension: Wer spart hier eigentlich?

Ökonomische Analysen im Rahmen des Projekts – u.a. von Prof. Christian Helmenstein – sollen belegen, dass:

  • auĂźergerichtliche Verfahren Wohlfahrtsgewinne fĂĽr BĂĽrger:innen erzeugen (Zeit, Nerven, Kosten),
  • der Staat bei Personal- und Verfahrenskosten spart,
  • gesamtwirtschaftlich Produktivitätsgewinne entstehen, wenn Konflikte schneller bereinigt werden.

Für Anwält:innen sind zwei Punkte wichtig:

  1. Der Kuchen wird nicht kleiner, er wird anders geschnitten. Rechtsberatung, Vertragsgestaltung, Vermögensaufteilung, steuerliche Optimierung – all das verschwindet nicht, nur weil der Ort der Abwicklung sich ändert.
  2. Standardfälle wandern nach vorne in die Wertschöpfungskette. Wer sich als Kanzlei auf „gerichtliche Massenverfahren“ verlässt, könnte mittelfristig an Relevanz verlieren.

Risiko: Margenverlust bei Standardmandaten

Einvernehmliche Scheidungen, einfache Verlassenschaften und Standardverträge sind in vielen Kanzleien ein stabiler Umsatzbringer. Wenn diese Bereiche künftig stärker bei Notariaten angesiedelt werden und zusätzlich durch digitale Tools stärker standardisiert werden, sinkt dort der Honorardruck – oder die Mandate wandern vollständig ab.

Gleichzeitig eröffnen sich neue Beratungsfelder:

  • komplexe grenzĂĽberschreitende Fälle,
  • Vermögensstrukturen mit Gesellschafts- und Steuerbezug,
  • mediative UnterstĂĽtzung bei der Einigung,
  • strategische Gestaltung vor auĂźergerichtlicher Beurkundung.

Hier ist anwaltliche Expertise schwer ersetzbar – vorausgesetzt, sie wird aktiv angeboten und klar kommuniziert.


Digitalisierung, LegalTech und KI: Was Mandant:innen 2026 erwarten werden

JuWiLi II ist kein reines „Papierprojekt“. Die Beteiligten sprechen ausdrücklich von der Digitalisierung nicht-streitiger Verfahren. Viele Bausteine dafür sind längst vorhanden – und werden in den nächsten zwei Jahren Standard werden.

Typische Digital-Bausteine in auĂźergerichtlichen Verfahren

Folgende Elemente sind in der EU-Justizstrategie hoch im Kurs und werden im Projektkontext immer wieder genannt:

  • Online-Terminvereinbarung und digitale Mandatsaufnahme
  • standardisierte, gefĂĽhrte Fragebögen zur Erhebung des Sachverhalts
  • elektronische Signaturen und Identitätsfeststellung via Video
  • zentrale Register und Datenbanken (z.B. Nachlass- und Grundbuchsdaten)
  • vollständig digitale AktenfĂĽhrung inkl. sicherem Dokumentenaustausch

Wer als Kanzlei hier 2025/26 noch mit Fax und Papier arbeitet, wirkt fĂĽr Mandant:innen schlicht aus der Zeit gefallen.

Rolle von KI für österreichische Rechtsanwält:innen

Im Rahmen des LegalTech-Schwerpunkts vieler Kanzleien zeigt sich: KI eignet sich gerade im auĂźergerichtlichen Bereich fĂĽr sehr konkrete Aufgaben, zum Beispiel:

  • automatisierte Entwurfsfassungen von Scheidungsfolgenvereinbarungen oder Testamenten auf Basis strukturierter Eingabemasken
  • PrĂĽfung auf formale Vollständigkeit (Pflichtteilsrechte, Fristen, Zuständigkeiten)
  • Mandantenkommunikation via sichere, KI-gestĂĽtzte Chat-Assistenten mit klaren juristischen Leitplanken
  • Risikohinweise etwa zu Unterhaltsdauer, Vermögensaufteilung oder grenzĂĽberschreitenden Aspekten

Wichtig ist: KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz für anwaltliche Verantwortung. Kanzleien, die früh klare Prozesse aufsetzen – inklusive DSGVO-konformer Datenverarbeitung, Geheimnisschutz und sauberer Dokumentation – werden von der erwarteten „Digitaloffensive“ der EU profitieren, statt überrollt zu werden.


Was österreichische Kanzleien jetzt konkret tun sollten

Wer aus JuWiLi II nur eine Branchenmeldung macht, verschenkt Potenzial. Das Projekt zeigt ziemlich deutlich, wohin die Reise in Europa geht. Für österreichische Rechtsanwält:innen bieten sich daher sehr konkrete nächste Schritte an.

1. Geschäftsmodell für außergerichtliche Verfahren schärfen

  • Klar definierte Pakete fĂĽr einvernehmliche Scheidungen (inkl. Beratung, Vertragsgestaltung, Kommunikation mit Notariat oder Gericht)
  • Transparente Pauschalhonorare, statt nur nach Stunden abzurechnen
  • Spezialisierung auf „komplexe Einvernehmlichkeit“: also Fälle, die rechtlich anspruchsvoll, aber interessensmäßig lösbar sind

2. Kooperationen mit Notariaten aufbauen

Anstatt in Konkurrenz zu gehen, kann sich gerade in Österreich ein Modell bewähren, bei dem:

  • Kanzleien die einigungsorientierte, strategische Beratung ĂĽbernehmen,
  • Notariate Beurkundung und formalen Vollzug verantworten,
  • beide Seiten digitale Workflows nutzen, um Mandanten reibungslose Abläufe zu bieten.

So lassen sich Mehrwerte schaffen, die keine Seite alleine so effizient anbieten kann.

3. Interne Prozesse digitalisieren – aber mit Plan

Statt einzelne Tools „auszuprobieren“, lohnt sich ein strukturiertes Vorgehen:

  1. Prozessanalyse: Wo entstehen Wartezeiten? Wo wird mehrfach händisch abgeschrieben? Wo sind Medienbrüche (Papier–E-Mail–Fax)?
  2. Zielbild 2026: Wie soll eine ideale, vollständig digitale Abwicklung einer einvernehmlichen Scheidung oder Verlassenschaft aussehen?
  3. Tool-Auswahl: DMS, eSignatur, sichere Mandantenplattform, KI-Assistenz – passend zu Kanzleigröße und Spezialisierung.
  4. Schulung & Guidelines: Gerade beim Einsatz von KI sind klare interne Spielregeln unverzichtbar (Daten, Haftung, Qualitätssicherung).

4. Kommunikation nach auĂźen anpassen

Mandant:innen suchen heute nach Begriffen wie „Scheidung ohne Gericht“, „digitale Rechtsberatung“, „Online-Rechtsdienstleistung“. Kanzleien sollten:

  • ihre Website um klare Landingpages zu auĂźergerichtlichen Lösungen erweitern,
  • verständlich erklären, wie digitale Abläufe funktionieren,
  • gezielt hervorheben, wie sie mit Notariaten, Gerichten und Registern zusammenarbeiten.

Wer hier im deutschsprachigen Raum früh sichtbar ist, wird von den anstehenden europarechtlichen Änderungen profitieren.


Ausblick: Warum JuWiLi II ein Weckruf ist – nicht nur für Notariate

JuWiLi II wird bis Dezember 2026 laufen, mit Fachtreffen in Berlin, einer Zwischenpräsentation in Rom und einer Abschlusskonferenz in Brüssel. Spätestens dann ist zu erwarten, dass konkrete Reformvorschläge für EU-weit harmonisierte außergerichtliche Verfahren auf dem Tisch liegen.

Für österreichische Kanzleien ist das Projekt ein klarer Weckruf:

  • Nicht-streitige Justiz wandert in Richtung Standardisierung und Digitalisierung.
  • Notariate positionieren sich aktiv als zentrale Player und digitale One-Stop-Shops.
  • Mandant:innen gewöhnen sich an schnelle, transparente Online-Verfahren.

Die gute Nachricht: Juristische Expertise wird dadurch nicht weniger wert, sondern anders nachgefragt. Wer bereits heute

  • sein Geschäftsmodell neu denkt,
  • LegalTech und KI gezielt einsetzt
  • und Kooperationen mit Notariaten und anderen Institutionen aufbaut,

wird in dieser „neuen“ außergerichtlichen Justiz nicht Zuschauer, sondern Mitgestalter sein.

Der eigentliche Hebel liegt dabei nicht nur in der Technik, sondern in einer klaren Haltung: Rechtsanwält:innen, die sich als Architekt:innen fairer, effizienter und digital unterstützter Lösungen verstehen, werden auch 2030 noch mehr als genug zu tun haben.