ISSB & ESRS: Interoperabilität clever nutzen

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

ISSB und ESRS wachsen zusammen: Wie Unternehmen mit einem interoperablen ESG-Zielbild Doppelarbeit vermeiden, Klimaberichte effizient aufsetzen und KI sinnvoll nutzen.

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ISSB & ESRS: Interoperabilität clever nutzen

Viele Konzerne stehen gerade vor einem unangenehmen Déjà-vu: Die CSRD-Berichterstattung wird vorbereitet, parallel klopfen Investoren an und fragen nach ISSB‑Kennzahlen – für scheinbar dieselben ESG-Inhalte, nur in anderem Format. Doppelarbeit, Zeitdruck, hohe Kosten.

Genau hier setzen die neuen Interoperabilitätsleitlinien von ISSB und EFRAG an. Wer sie richtig nutzt, kann große Teile seiner Nachhaltigkeitsberichterstattung so strukturieren, dass ein Datenhaushalt beide Welten bedient – die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) und die ISSB-Standards.

In diesem Beitrag zeige ich, wie Sie:

  • verstehen, wo ESRS und ISSB inhaltlich ĂĽbereinstimmen,
  • Ihre Materialitätsanalyse und Klimaberichterstattung effizient aufsetzen,
  • Doppelarbeit vermeiden und ein skalierbares Reporting-Zielbild aufbauen,
  • das Ganze strategisch in deutsche Geschäftsmodelle – inkl. Modebranche – und KI‑Gestaltung einbetten.

1. Was bedeuten die Interoperabilitätsleitlinien konkret?

Die neuen Leitlinien von ISSB und EFRAG sind im Kern ein Umsetzungswerkzeug: Sie zeigen, wie Unternehmen gleichzeitig die Anforderungen der CSRD/ESRS und der ISSB-Standards erfüllen können, ohne alles doppelt zu erheben und zu berichten.

ISSB vs. ESRS – zwei Welten, ein Datenfundament

Kurz geordnet:

  • ISSB-Standards (IFRS S1, IFRS S2)

    • Ziel: globale Baseline fĂĽr unternehmensbezogene Nachhaltigkeitsinformationen,
    • klar investororientiert, Kapitalmarkt-Fokus,
    • derzeit v. a. allgemeiner Standard (S1) und Klimastandard (S2) final.
  • ESRS (European Sustainability Reporting Standards)

    • Rechtsrahmen: CSRD, ab Berichtsjahr 2025 schrittweise verpflichtend,
    • adressiert ein breiteres Stakeholder-Spektrum (Mitarbeitende, Gesellschaft, NGOs usw.),
    • umfasst Umwelt, Soziales und Governance,
    • sektorĂĽbergreifende ESRS sind final, sektorspezifische ESRS und KMU-Standards folgen.

Die Leitlinien zeigen nun: Große Teile der Logik, Definitionen und KPIs sind kompatibel. Wer sauber strukturiert, kann ein Set an Daten, Prozessen und Kontrollen für beide Regelwerke nutzen – besonders im Bereich Klima.

Kernaussage: Ein gut aufgebautes ESRS/ISSB‑Reporting ist kein Doppelprojekt, sondern ein einheitliches Datenmodell mit zwei Ausgabekanälen.


2. Materialität: der gemeinsame Ankerpunkt

Die Materialitätsanalyse ist der Dreh- und Angelpunkt jeder ESG-Berichterstattung. Hier entscheiden Sie, welche Themen Sie überhaupt berichten müssen.

Doppelte Wesentlichkeit vs. Finanzmaterialität

  • ESRS / CSRD verlangen doppelte Wesentlichkeit:

    • Impact-Materialität: Welche Auswirkungen hat das Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft?
    • Finanzielle Materialität: Welche finanziellen Risiken und Chancen ergeben sich aus Nachhaltigkeitsthemen fĂĽr das Unternehmen?
  • ISSB fokussiert auf finanzielle Materialität aus Investorensicht.

Die Leitlinien machen klar: Wenn ein Unternehmen die doppelte Wesentlichkeit nach ESRS fundiert durchfĂĽhrt, kann es die finanzielle Perspektive fĂĽr ISSB direkt mit abdecken. Praktisch heiĂźt das:

  • Sie fĂĽhren eine integrierte Materialitätsanalyse durch,
  • strukturieren Ihre Bewertung so, dass Impact und finanzielle Effekte explizit bewertet werden,
  • nutzen das Ergebnis sowohl fĂĽr die ESRS-Berichterstattung als auch fĂĽr ISSB‑Anforderungen.

Praxis-Tipp: So bauen Sie eine interoperable Wesentlichkeitsanalyse

Ein pragmatischer Ansatz, den viele Unternehmen aktuell fahren:

  1. Themenuniversum definieren: Angelehnt an ESRS-Umwelt-, Sozial- und Governancebereiche, ergänzt um branchenspezifische Themen (z. B. Fast Fashion, Lieferkettentransparenz in der Modebranche).
  2. Stakeholder- und Finanzperspektive trennen, aber verbinden: FĂĽr jedes Thema getrennte Ratings fĂĽr Impact und finanzielle Relevanz, dazu klare Schwellenwerte.
  3. Dokumentation standardisieren: Methodik, Scorings, Quellen und Annahmen strukturiert dokumentieren – so können Prüfer:innen, Investoren und Aufsichtsräte die Logik nachvollziehen.
  4. ISSB-Abdeckung markieren: Innerhalb der Analyse kennzeichnen, welche Themen eindeutig in den ISSB‑Scope fallen. So entsteht eine saubere Brücke zwischen ESRS‑Pflichten und ISSB‑Erwartungen.

Wer diesen Schritt sauber löst, spart später massiv Zeit in den Offenlegungen – unabhängig davon, ob zuerst ein ESRS‑ oder ein ISSB‑Report erstellt wird.


3. Klimaberichterstattung: größtes Synergiepotenzial nutzen

Die größte Schnittmenge zwischen ESRS und ISSB liegt beim Klima. Genau hier setzen die Leitlinien besonders detailliert an und zeigen, wie ein Unternehmen mit einem Set an Klimadaten beide Standards erfüllt.

Gemeinsame Kernbausteine der Klimareportings

Sowohl ESRS E1 als auch ISSB S2 verlangen im Kern Informationen zu vier Bereichen:

  1. Governance: Wer im Unternehmen trägt die Verantwortung für Klimarisiken? Wie ist das in Gremien und Vergütung verankert?
  2. Strategie: Welche klimabezogenen Risiken und Chancen gibt es, wie beeinflussen sie Geschäftsmodell, Wertschöpfungskette und Finanzplanung?
  3. Risikomanagement: Wie werden Klimarisiken identifiziert, bewertet und gesteuert?
  4. Kennzahlen & Ziele (Metrics & Targets): Scope 1–3 Emissionen, Reduktionspfade, Zieljahre, Zwischenziele, Investitionspläne usw.

Die Leitlinien zeigen Punkt für Punkt, welche Angaben beide Standards gemeinsam verlangen und wo zusätzliche EU-spezifische Anforderungen hinzukommen (z. B. Übergangspläne im Einklang mit EU‑Zielen, detailliertere Angaben zu Energieverbrauch oder physischen Risiken in bestimmten Sektoren).

Vorgehen: Ein Klimareport – zwei Standards bedienen

Praktisches Zielbild fĂĽr Unternehmen:

  • Ein zentrales Klimadatenmodell aufbauen (Emissionen, Szenarien, Ziele, MaĂźnahmen, CAPEX/OPEX),
  • darauf aufbauend zwei „Layouts“ entwickeln:
    • ein ESRS-konformes Klima-Kapitel fĂĽr den CSRD‑Bericht,
    • ein ISSB-orientiertes Kapitel oder separates Dokument fĂĽr internationale Investoren.

Dadurch müssen Emissionen, Szenarioanalysen und Klimaziele nur einmal berechnet, aber unterschiedlich narrativ gerahmt werden. Genau diese Modularität unterstützt die Interoperabilitätsleitlinie mit Überleitungstabellen und Zuordnungen.


4. Startpunkt wählen: schon ESRS oder schon ISSB im Einsatz?

Der Leitfaden macht konkrete Vorschläge, wie Unternehmen vorgehen können, die bereits nach einem der beiden Standards berichten und den anderen ergänzen wollen.

Unternehmen mit ESRS-Fokus (z. B. groĂźe EU-Konzerne)

Wer wegen CSRD sowieso vollständig nach ESRS berichten muss, hat einen klaren Vorteil:

  • Die Datenbasis ist meist breiter als fĂĽr ISSB erforderlich.
  • Die finanzielle Materialität ist bereits Teil der doppelten Wesentlichkeit.
  • Klimadaten liegen oft detaillierter vor.

Konkreter Weg in Richtung ISSB:

  1. Mapping erstellen: Für alle klimarelevanten Offenlegungen prüfen, welche ISSB‑Paragrafen abgedeckt sind.
  2. Lücken schließen: Wo erwartet ISSB eine stärkere Investororientierung (z. B. explizitere Informationen zu Cash-Flows, Kapitalkosten, Resilienz der Strategie)?
  3. Investorenkommunikation anpassen: Informationen aus dem CSRD‑Bericht in kapitalmarktorientierte Formate überführen (Analystenpräsentationen, Fact Sheets, integrierte Berichte).

Unternehmen mit ISSB-Fokus (z. B. internationale Gruppen mit EU-Tochter)

Für global agierende Konzerne mit ISSB‑Baseline, deren europäische Einheiten nun CSRD‑pflichtig werden, gilt oft das Gegenteil: Das Reporting ist investorzentriert, aber Impact-Perspektive und EU‑Detailtiefe fehlen.

Vorgehen in Richtung ESRS:

  1. Impact-Materialität ergänzen: Bestehende Risikobetrachtungen um Umwelt- und Sozialauswirkungen erweitern.
  2. EUSpezifika ergänzen: Zusätzliche ESRS-Anforderungen (z. B. Angaben zu Menschenrechten in der Lieferkette, EU‑Taxonomiebezug, arbeitsrechtliche Aspekte) identifizieren.
  3. Systeme skalieren: Bereits etablierte Datentools für ISSB so erweitern, dass sie ESRS‑Datenpunkte ohne Medienbrüche mit erfassen.

Wer diesen Schritt vorausschauend angeht, verhindert, dass europäische Tochtergesellschaften Insellösungen aufbauen – ein klassischer Kostentreiber.


5. Was heißt das für deutsche Unternehmen – und speziell die Modebranche?

Für deutsche Unternehmen mit stark internationalem Bezug – etwa Mode- und Textilkonzerne mit globalen Lieferketten – hat die Interoperabilität einen ganz konkreten Vorteil: Sie können ein einheitliches ESG-Setup nutzen, um sowohl EU-Regeln als auch internationale Investorenanforderungen zu bedienen.

Typische Herausforderungen in der deutschen Modebranche

Modeunternehmen kämpfen bei ESG-Reporting oft mit:

  • hochkomplexen, globalen Lieferketten,
  • stark schwankenden Kollektionen und Produktlebenszyklen,
  • wachsendem Druck von Konsument:innen, Handel und Plattformen zu Transparenz,
  • zahlreichen Label- und Zertifizierungsanforderungen.

Ein interoperables ESRS/ISSB‑Setup hilft, diese Fragmentierung zu reduzieren:

  • Klimadaten (z. B. produktbezogene Emissionen, Transport, Retouren) werden einmal sauber erhoben und dann
    • fĂĽr ESRS E1 genutzt (inkl. EU‑Spezifika),
    • fĂĽr ISSB‑zwecke kapitalmarktfähig aufbereitet.
  • Sozial- und Lieferkettenthemen lassen sich strukturiert in die doppelte Wesentlichkeit integrieren – die finanzielle Seite dieser Risiken taucht dann automatisch im ISSB‑Reporting auf.

Rolle von KI in der deutschen Modebranche

Gerade in der Kampagne „KI in der deutschen Modebranche: Nachhaltigkeit und Innovation“ zeigt sich: KI ist nicht nur ein Kreativwerkzeug für Designs, sondern ein enormer Hebel für skalierbare ESG-Berichterstattung.

Konkrete Einsatzfelder von KI im Kontext ESRS/ISSB:

  • Automatisierte Datensammlung aus Lieferantensystemen, Logistikdaten und E‑Commerce-Plattformen,
  • Intelligente Klassifikation von Produkten nach Material, Herkunft und Emissionsfaktor,
  • Prognosemodelle fĂĽr Emissionsverläufe, Retourenquoten und daraus resultierende Klimarisiken,
  • Textgenerierung und -prĂĽfung fĂĽr Berichtsbausteine, die in unterschiedliche Reporting-Layouts (ESRS, ISSB, Nachhaltigkeitswebsite) ausgespielt werden.

Wer ESG-Reporting rein manuell organisiert, wird an der CSRD- und ISSB‑Kombination langfristig scheitern – insbesondere in datenintensiven Branchen wie Fashion. KI-gestützte Workflows sind hier weniger „nice to have“ als vielmehr Überlebensbedingung.


6. Strategische Schritte: Vom Pflichtprogramm zum Wettbewerbsvorteil

Die Interoperabilitätsleitlinien sind kein weiteres „Papierproblem“, sondern eine Steilvorlage für ein schlankes, skalierbares ESG-Setup. Drei Schritte bringen Sie voran:

  1. Zielbild definieren

    • Welche Märkte und Investoren sollen in den nächsten 3–5 Jahren adressiert werden?
    • Welche Reporting-Formate (CSRD‑Bericht, integrierter Bericht, Investorenpräsentationen) brauchen Sie wirklich?
  2. Datenarchitektur aufbauen

    • Ein ESG‑Datenmodell entwickeln, das ESRS- und ISSB-Anforderungen parallel abdeckt.
    • FrĂĽhzeitig prĂĽfen, wo KI-basierte Tools Mehrwert bieten – gerade bei Modeunternehmen mit tausenden SKUs und Lieferanten.
  3. Prozesse professionalisieren

    • Zuständigkeiten klären (Controlling, Nachhaltigkeit, Recht, Investor Relations).
    • Reporting-Zyklen mit Finanzberichterstattung verzahnen.
    • Schulungen fĂĽr Management und Fachbereiche organisieren, damit Wesentlichkeit, Klimaszenarien und KPIs wirklich verstanden werden.

Wer diesen Weg geht, hat nicht nur regulatorische Ruhe, sondern auch ein starkes Argument in der Kapitalmarktkommunikation: „Wir berichten nach ESRS und ISSB – auf einer integrierten Datenbasis.“


Fazit: Interoperabilität als Chance nutzen – jetzt

ISSB und EFRAG haben mit den Interoperabilitätsleitlinien einen klaren Weg aufgezeigt, wie Unternehmen Mehrfach-Reporting vermeiden und ihre ESG-Daten effizient nutzen können. Die größte Hebelwirkung liegt bei Materialität und Klima, doch die strategische Bedeutung geht weiter: Wer heute eine interoperable ESG‑Architektur aufbaut, gewinnt Transparenz, Effizienz und Glaubwürdigkeit.

Gerade für deutsche Unternehmen – ob Industrie, Handel oder Modebranche – ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Reporting, Datenmanagement und KI‑Nutzung neu zu denken. Die Frage ist weniger, ob Sie ESRS und ISSB adressieren müssen, sondern wie clever Sie es tun.

Wer heute strukturiert startet, wird in zwei, drei Jahren feststellen: Nachhaltigkeitsberichterstattung ist kein reines Compliance-Thema mehr, sondern ein Informationsvorsprung – für bessere Entscheidungen, stärkere Marken und überzeugende Geschichten gegenüber Kund:innen und Investoren.