Wie Österreichs Industrie wieder konkurrenzfähig wird

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

Österreichs Industrie steht unter Druck. Warum KI für KMU zum Schlüssel der Wettbewerbsfähigkeit wird – unabhängig davon, ob Europa auf Champions oder Wettbewerb setzt.

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Wie Österreichs Industrie wieder konkurrenzfähig wird

Europas Industrie verliert Marktanteile: Laut EU-Kommission ist der Anteil der EU an der weltweiten Wertschöpfung in der Industrie seit 2005 von rund 22 % auf etwa 16 % gefallen. Österreich steckt mitten in diesem Trend – und gleichzeitig mitten in der Debatte, wie der Standort wieder nach vorne kommt.

Für heimische Industrieunternehmen – vor allem KMU – ist das keine theoretische Frage. Es geht um Auftragsbücher, Investitionsentscheidungen für 2025/2026 und darum, ob Produktion in Österreich bleibt oder abwandert. Die Regierung arbeitet an einer neuen Industriestrategie für Österreich, Brüssel diskutiert über die künftige EU-Industriepolitik – und Fachleute liefern zwei scheinbar gegensätzliche Rezepte.

In diesem Beitrag schauen wir uns an, welche zwei Strategien derzeit im Raum stehen, warum der Gegensatz oft überzeichnet ist – und wie insbesondere österreichische KMU konkrete Vorteile daraus ziehen können. Ein Schwerpunkt liegt darauf, wie Künstliche Intelligenz (KI) als Hebel in beiden Szenarien funktioniert.


Zwei Lager in der Debatte: „Europäische Champions“ vs. harter Wettbewerb

Der Kern der aktuellen Diskussion ist einfach formuliert: Soll die EU wenige sehr groĂźe Konzerne aufbauen oder lieber konsequent auf Wettbewerb und KMU setzen?

Strategie 1: Europäische Champion-Konzerne

Befürworter dieser Linie sagen: China und die USA sind mit Giganten unterwegs – wir brauchen unsere eigenen. Dort werden Halbleiter, Batterien, Cloud, Plattformen und KI massiv subventioniert. Einzelne europäische Mittelständler können da kaum mithalten.

Typische Argumente:

  • GroĂźe Konzerne können Milliarden in Forschung und Entwicklung stecken.
  • Sie stemmen globale Lieferketten und Skaleneffekte.
  • Sie können in SchlĂĽsseltechnologien wie KI, Halbleiter, Green Tech in einer Größenordnung investieren, die im Mittelstand kaum möglich ist.

In der Praxis hieĂźe das:

  • gezielte Industriepolitik: staatliche Beihilfen, Förderprogramme, Steuervorteile
  • Lockerung des EU-Wettbewerbsrechts, um groĂźe Fusionen zu ermöglichen
  • Fokus auf „strategische Sektoren“ wie Energie, Digitalisierung, Verteidigung, Mobilität

Strategie 2: Mehr innereuropäischer Wettbewerb

Die Gegenseite hält dagegen: Europa verliert nicht, weil unsere Firmen zu klein sind, sondern weil viele Märkte zu geschlossen und zu stark reguliert sind.

Ihre Argumente:

  • Wettbewerb erzwingt Innovation – auch bei KI und Automatisierung.
  • Zu starke Förderung einzelner Konzerne erstickt kleinere, oft innovativere Anbieter.
  • Effiziente, wettbewerbsfähige Märkte senken Preise, erhöhen Qualität und fördern Exportfähigkeit.

Was das konkret bedeutet:

  • Striktes Wettbewerbsrecht, weniger Markt-Konzentration
  • Starker Fokus auf KMU und Start-ups, einfache GrĂĽndung und Wachstum
  • Offene Binnermärkte ohne nationale Sonderregeln und BĂĽrokratiehĂĽrden

Die Realität? Österreich und die EU werden beides brauchen: starke Player in Schlüsseltechnologien und einen harten, fairen Wettbewerb, in dem insbesondere KMU wachsen können.


Was heißt das für Österreichs Industrie – vor allem für KMU?

Für österreichische Unternehmen reicht es nicht, die Brüsseler Debatte zu beobachten. Die Weichenstellungen heute bestimmen, wie konkurrenzfähig Produktionsstandorte in Oberösterreich, der Steiermark oder Tirol 2030 sein werden.

Drei harte Standort-Fakten

  1. Hohe Lohnkosten: Im Vergleich zu Osteuropa und Teilen Asiens ist Österreich teuer. Das zwingt zu höherer Produktivität und Automatisierung.
  2. Energiepreise: Nach der Energiekrise liegen europäische Industriestrompreise teils deutlich über US-Niveau.
  3. Fachkräftemangel: Besonders in Technik und IT fehlen laut WKO bereits heute Zehntausende Fachkräfte.

Die Schlussfolgerung ist unangenehm klar: Wer in Österreich produzieren will, braucht einen massiven Produktivitätsvorsprung. Genau hier kommen Digitalisierung und KI ins Spiel.


KI als Hebel für Wettbewerbsfähigkeit – egal welche EU-Strategie kommt

Egal, ob die EU mehr auf „Champions“ oder mehr auf Wettbewerb setzt: KI wird zum Standardwerkzeug der konkurrenzfähigen Industrie. Der Unterschied liegt eher in der Geschwindigkeit der Verbreitung – nicht in der Richtung.

Wo KI österreichischen Industrie-KMU konkret hilft

Aus Projekten im DACH-Raum sieht man fĂĽnf besonders wirkungsstarke Anwendungsfelder:

  1. Predictive Maintenance (vorausschauende Wartung)

    • Sensoren erfassen Schwingungen, Temperaturen, Ströme.
    • KI-Modelle erkennen Muster und melden, bevor eine Maschine ausfällt.
    • Ergebnis: weniger Stillstand, planbarere Wartung, geringere Ersatzteilkosten.
  2. Qualitätsprüfung mit Computer Vision

    • Kamerasysteme prĂĽfen SchweiĂźnähte, Oberflächen oder Verpackungen.
    • KI erkennt Fehler, die menschlichen PrĂĽfern entgehen oder sie entlastet bei Routinekontrollen.
    • Gut geeignet fĂĽr Branchen wie Metall, Kunststoff, Lebensmittel, Pharma.
  3. Produktionsplanung & Supply Chain Optimierung

    • KI analysiert historische Aufträge, RĂĽstzeiten, Lieferverzögerungen.
    • Vorschläge fĂĽr optimalere Reihenfolgen, Bestände, Schichtplanung.
    • Gerade bei volatilen Märkten 2025/2026 ein spĂĽrbarer Vorteil.
  4. Vertrieb & Angebotserstellung

    • KI-gestĂĽtzte Tools unterstĂĽtzen bei Angebotstexten, Variantenkonfigurationen und Kalkulation.
    • Technischer Vertrieb wird schneller, Fehlerquote sinkt, Reaktionszeit auf Kundenanfragen verkĂĽrzt sich.
  5. Wissensmanagement & Onboarding

    • Interne Chatbots auf Basis von Betriebsanleitungen, Normen, HandbĂĽchern.
    • Neue Mitarbeitende finden schneller Antworten, Experten werden entlastet.

Warum viele KMU bei KI noch blockiert sind

Ich erlebe in Gesprächen mit Geschäftsführern in Österreich immer wieder ähnliche Hürden:

  • „Wir haben keine Daten.“ – Stimmt selten. Meist sind die Daten nur nicht strukturiert oder in Silos.
  • „KI ist nur was fĂĽr Konzerne.“ – Heute gibt es Standardlösungen, die mit vier- bis fĂĽnfstelligen Beträgen starten.
  • „Unsere Leute machen da nicht mit.“ – Mitarbeiter ziehen mit, wenn klar ist, dass KI unterstĂĽtzt und nicht ersetzt.

Gerade in einem Hochlohnland wie Österreich ist Abwarten das gefährlichste Szenario. Wettbewerbsfähigkeit verschiebt sich leise – zuerst beim Durchlauf, dann bei Kosten, dann wandern Aufträge.


Industriepolitik, Wettbewerb – und was Unternehmen selbst in der Hand haben

Österreich kann und muss industriepolitisch Weichen stellen. Aber: Der wichtigste Hebel für die eigene Wettbewerbsfähigkeit liegt im Unternehmen selbst.

Was Politik liefern muss

Aus Unternehmenssicht sind drei Punkte besonders relevant:

  1. Planbare Energie- und Klimapolitik
    Ohne Klarheit zu CO₂-Preisen, Förderungen und Netzinfrastruktur wird kaum jemand langfristig investieren.

  2. Attraktiver F&E-Standort

    • Stabile bzw. verbesserte Forschungsprämie
    • UnbĂĽrokratische Förderprogramme, speziell fĂĽr KMU
    • Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen
  3. Digitale Infrastruktur & Bildung

    • Glasfaser, 5G, Cloud-Infrastruktur
    • Weiterbildung in Datenkompetenz, Programmierung und KI – in HTLs, FHs und betrieblicher Ausbildung

Was Unternehmen sofort selbst tun können

Warten, bis die neue Industriestrategie beschlossen ist, ist keine Option. Wer 2026 konkurrenzfähig sein will, muss 2025 handeln. Ein pragmatischer Fahrplan für KMU könnte so aussehen:

  1. Standort-Check: Wo verdienen wir morgen unser Geld?

    • Welche Produkte/Services haben 2028 noch Potenzial?
    • Wo droht Preisdruck aus Asien oder Osteuropa?
    • Welche Kunden erwarten digitale Services, Transparenz, Vernetzung?
  2. Prozesslandkarte zeichnen

    • Kernprozesse von Angebot bis Auslieferung auf einem A3-Blatt skizzieren.
    • Markieren: Wo entstehen heute Wartezeiten, Fehler, Doppelarbeiten?
  3. Dateninventur machen

    • Welche Daten fallen bereits an? (Maschinen, ERP, CRM, QualitätsprĂĽfungen)
    • Wo liegen sie? Wer hat Zugriff? Wie sauber sind sie?
    • Ziel: 2–3 Datenquellen identifizieren, die sich gut fĂĽr einen KI-Pilot eignen.
  4. KI-Pilotprojekt in 6–9 Monaten

    • Ein klar abgegrenztes Thema wählen (z.B. QualitätsprĂĽfung in einer Linie).
    • Erfolgskennzahlen definieren: OEE, Ausschussquote, Durchlaufzeit.
    • Externe Partner einbinden, aber internes Know-how aufbauen.
  5. Menschen mitnehmen

    • FrĂĽh und ehrlich kommunizieren, wozu KI eingefĂĽhrt wird.
    • Schulungen anbieten, „KI-Pat:innen“ in den Abteilungen benennen.
    • Erfolge transparent machen – und Widerstände ernst nehmen.

Wer diesen Weg geht, ist für beide industriepolitischen Szenarien gerüstet – egal, ob am Ende „EU-Champions“ dominieren oder ein stärker wettbewerbsorientiertes Europa entsteht.


Was heißt „wieder konkurrenzfähig“ konkret für ein österreichisches KMU?

Der Begriff klingt gern abstrakt. Konkurrenzfähigkeit lässt sich aber sehr konkret herunterbrechen. Typischerweise geht es um fünf Kennzahlenblöcke:

  1. Stückkosten – Wie viel kostet eine Einheit im Vergleich zum internationalen Wettbewerb?
  2. Lieferzeit & Termintreue – Wie schnell und wie verlässlich liefern wir?
  3. Qualität & Reklamationsquote – Wie viele Fehler entstehen, was kosten sie?
  4. Innovationsgeschwindigkeit – Wie rasch bringen wir neue Varianten/Produkte auf den Markt?
  5. Attraktivität als Arbeitgeber – Finden und halten wir die Leute, die wir brauchen?

KI- und Digitalisierungsprojekte sollten genau an diesen Punkten gemessen werden. Wer nur „KI einführt“, ohne Zielwerte zu definieren, verbrennt Zeit und Budget.

Ein praktischer Ansatz:

  • Pro Jahr 1–2 Kennzahlenblöcke priorisieren, z.B. 2025 Fokus auf StĂĽckkosten & Lieferzeit.
  • Pro Block maximal 2 Projekte, die spĂĽrbare Verbesserung bringen.
  • Alle Projekte nach 6–12 Monaten anhand klarer KPIs bewerten – und konsequent stoppen oder skalieren.

So wird „wieder konkurrenzfähig werden“ von einem politischen Schlagwort zu einem klar steuerbaren Unternehmensziel.


Fazit: Industriewende ist kein Zuschauer-Sport

Die Diskussion, ob Österreichs und Europas Wirtschaft durch Subventionen für große Konzerne oder durch mehr Wettbewerb wieder aufholt, wird uns die nächsten Jahre begleiten. Wahrscheinlich endet sie nicht in einem Entweder-oder, sondern in einer Kombination beider Ansätze.

Für österreichische Industrie-KMU ist vor allem eines entscheidend: Nicht abwarten, bis die nächste Strategie präsentiert ist, sondern die eigene Wettbewerbsfähigkeit aktiv gestalten. Wer heute seine Prozesse versteht, Daten nutzbar macht und erste KI-Projekte sauber aufsetzt, schafft sich einen Vorsprung – unabhängig davon, wie Brüssel die Linie nennt.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht: „Welche industriepolitische Schule setzt sich durch?“, sondern: „Wo stehen wir als Unternehmen am 31.12.2026 im Vergleich zu unseren wichtigsten Wettbewerbern – und was tun wir 2025 konkret dafür?“

Wer darauf eine klare Antwort hat, ist bereits einen großen Schritt konkurrenzfähiger.