Impact Festival 2024 zeigt klar: „Business as usual“ ist vorbei. Warum Nachhaltigkeit, KI, Impact Investing und Circular Fashion jetzt über Zukunftsfähigkeit entscheiden.

Warum „Business as usual“ für Nachhaltigkeit nicht mehr reicht
45 % der globalen CEOs gehen davon aus, dass ihr Unternehmen ohne grundlegende Veränderungen in zehn Jahren nicht mehr existiert. Diese Zahl wirkt wie ein Weckruf – und sie zog sich wie ein roter Faden durch das Impact Festival 2024 in Frankfurt.
Was dort klar wurde: Nachhaltigkeit ist kein Zusatzprojekt mehr, sondern entscheidet über Zukunftsfähigkeit, Finanzierung und Arbeitgeberattraktivität. Wer weiter „Business as usual“ betreibt, verliert – Märkte, Talente und Vertrauen.
In diesem Beitrag schauen wir uns die wichtigsten Impulse des Impact Festival 2024 an und übersetzen sie in konkrete Handlungsoptionen für Unternehmen in Deutschland – mit einem besonderen Blick auf Branchen wie die Modeindustrie, in der Kreislaufwirtschaft und Künstliche Intelligenz gerade massiv an Bedeutung gewinnen.
1. „Business as usual is over“ – was CEO:innen jetzt ändern müssen
Die zentrale Botschaft der Eröffnungs-Keynote von Petra Justenhoven: Transformation reicht nicht mehr, es braucht Reinvention. Gemeint ist kein Feinschliff am Geschäftsmodell, sondern ein radikales Neudenken von Wertschöpfung, Produkten und Unternehmenskultur.
„Mit einem ‚bisschen Strategie‘ kann man vielleicht ein Spiel gewinnen – das Grand Slam wird aber an jemanden anderen gehen.“
Drei Treiber, die den Wandel erzwingen
Unternehmen stehen gleichzeitig unter Druck aus drei Richtungen:
- Technologischer Wandel – Generative KI, Automatisierung und Datenanalytik verändern ganze Branchen in wenigen Jahren statt Jahrzehnten.
- Geopolitische Unsicherheit – fragile Lieferketten, neue Berichtspflichten, regulatorische Anforderungen wie CSRD oder LkSG.
- Ökologische Krisen – Klimarisiken, Ressourcenknappheit, Extremwetter mit direkten Auswirkungen auf Kostenstrukturen.
Der Punkt: Wer Nachhaltigkeit nur als Compliance-Thema behandelt, reagiert dauerhaft hinterher. Zukunftsfähige Unternehmen verankern Nachhaltigkeit im Kern ihres Geschäftsmodells.
Was das praktisch bedeutet
Für die Unternehmenspraxis lassen sich aus der Keynote drei klare Schritte ableiten:
- Strategie: Nachhaltigkeitsziele gleichrangig zu Umsatz- und Renditezielen verankern – inklusive klarer KPIs (z. B. Emissionen pro Produkt, Recyclingquote, Anteil kreislauffähiger Materialien).
- Governance: Verantwortung im Vorstand verankern, keine „Ein-Personen-Nachhaltigkeitsabteilung“ am Rand der Organisation.
- Technologie: KI, Datenplattformen und Automatisierung gezielt nutzen, um Energieverbrauch, Emissionen, Ausschuss und Materialeinsatz messbar zu reduzieren.
Gerade im deutschen Mittelstand, auch in der Mode- und Textilbranche, ist das oft der entscheidende Kulturwandel: weg vom „wir machen das nebenbei“ hin zu „Nachhaltigkeit ist Geschäftslogik“.
2. Impact Investing: Kapital sucht Wirkung, nicht nur Rendite
Eine zweite zentrale Botschaft des Festivals: Geld fließt zunehmend dorthin, wo ökologische und soziale Wirkung sichtbar wird. Dr. Christin ter Braak-Forstinger stellte klar, wie sich Impact Investing von klassischem Nachhaltigkeits-Investing unterscheidet.
- ESG-Investing: reduziert vor allem Risiken (z. B. Ausschluss fossiler Energien).
- Impact Investing: zielt aktiv auf messbare positive Wirkung – etwa CO₂-Einsparung, Biodiversität oder soziale Wirkung – bei gleichzeitigem finanziellen Ertrag.
Warum das für Unternehmen in Deutschland wichtig ist
Viele Unternehmen fragen sich: „Können wir uns Nachhaltigkeit leisten?“ Die ehrlichere Frage lautet inzwischen: „Können wir uns leisten, sie zu ignorieren?“
Denn:
- Kredite und Investitionen werden zunehmend an Nachhaltigkeitskennzahlen gekoppelt.
- Großkunden verlangen entlang der Lieferkette belastbare ESG-Daten – gerade relevant für produzierende Betriebe und Modeunternehmen.
- Versicherungsprämien orientieren sich stärker an Klimarisiken und Resilienz.
Wer Nachhaltigkeit in Produkte und Services integriert, spricht eine wachsende Gruppe von Investor:innen an, die genau solche Geschäftsmodelle suchen.
So wird Nachhaltigkeit zum Kernelement der Strategie
Unternehmen können Impact-Potenziale gezielt entwickeln, indem sie:
- Produkte neu denken – z. B. langlebige, reparierbare Mode statt Fast Fashion; modulare Designs, die leicht recycelt werden können.
- Services ergänzen – Reparaturservices, Miet- oder Abo-Modelle, „Take-Back“-Programme.
- Transparenz schaffen – Materialpässe, digitale Produktpässe, klare Kennzeichnung von Emissionen und Herkunft.
Gerade im Mittelstand gilt häufig noch starke Kurzfristorientierung. Die Festival-Diskussionen machten deutlich: Klimarisiken sind langfristig deutlich teurer als der Einstieg in nachhaltige Geschäftsmodelle heute.
3. KI als Beschleuniger der Nachhaltigkeitstransformation
Ein wiederkehrendes Thema des Impact Festivals 2024: Generative KI und Datenanalytik sind zentrale Hebel für eine effektive Nachhaltigkeitsstrategie. In der Session „Sustainability x GenAI“ wurde deutlich, wie Unternehmen KI sinnvoll nutzen können – jenseits von Buzzwords.
Konkrete Anwendungsfälle für KI in Nachhaltigkeit
Gerade für produzierende Unternehmen, Handelsketten und Modebrands ergeben sich vier besonders relevante Einsatzfelder:
-
Datenerfassung und -qualität verbessern
- Automatisierte Auswertung von Rechnungen, Lieferscheinen, Energiedaten
- Zusammenführung von ESG-Daten aus verschiedenen Systemen
- Identifikation von Datenlücken und Plausibilitätsprüfungen
-
Szenarioanalysen und Reporting
- Simulation von CO₂-Reduktionspfaden
- Unterstützung bei Berichten nach CSRD-Standard
- Entlastung von Fachabteilungen durch vorstrukturierte Reportentwürfe
-
Optimierung von Wertschöpfungsketten
- Routen- und Logistikoptimierung zur Reduzierung von Emissionen
- Bedarfsprognosen, um Überproduktion – etwa in der Modeindustrie – zu reduzieren
- Materialeinsatz minimieren und Ausschuss erkennen
- Transparente Kommunikation
- Erstellung konsistenter Nachhaltigkeitsbotschaften auf Basis geprüfter Daten
- Unterstützung im Customer Service bei Fragen zu Herkunft, Materialien und Recycling
Die Realität: KI ersetzt keine Nachhaltigkeitsstrategie, sie macht sie aber schneller, genauer und skalierbarer.
Greenwashing vermeiden: Daten statt Versprechen
Im Panel „Die Kunst der grünen Kommunikation“ wurde klar, warum Greenwashing heute so riskant ist:
- Verbraucherschutz und NGOs prüfen Aussagen deutlich schärfer.
- Fehlende oder schwache Datenbasis wird schnell entlarvt.
- Reputationsschäden treffen Marken stärker als je zuvor.
Wer KI und Daten nutzt, um nachprüfbare Kennzahlen zu liefern – etwa CO₂-Fußabdruck je Produkt, Recyclinganteil, Wasserverbrauch –, schafft die Basis für glaubwürdige Kommunikation.
Drei simple Regeln, die ich für sinnvoll halte:
- Nur versprechen, was belegt ist.
- Reduktion vor Kompensation.
- Fortschritte konkret benennen (z. B. „-28 % Emissionen in drei Jahren“ statt „wir werden immer nachhaltiger“).
4. Circular Economy in der Fashion Industry: Vom Trend zur Pflicht
Ein besonderes Highlight des zweiten Festivaltags war das Panel zur Circularity in the Fashion Industry. Kaum eine Branche steht so im Spannungsfeld zwischen Konsumdruck, Ressourcenverbrauch und Nachhaltigkeit wie die Mode.
Der Kern: Kreislaufwirtschaft ist nicht mehr nice-to-have, sondern Geschäftsgrundlage.
Die größten Hürden der Kreislaufwirtschaft in der Mode
In der Diskussion wurden typische Blockaden klar benannt, die gerade auch für deutsche Modeunternehmen relevant sind:
- Design: Viele Produkte sind nicht recyclingfähig, weil Materialien gemischt und schwer trennbar sind.
- Rücknahmesysteme: Fehlende Infrastruktur für Sammlung, Sortierung und Wiederaufbereitung.
- Datenlücken: Unklare Informationen zu Faserzusammensetzung, Chemikalieneinsatz und Herkunft.
- Fehlende Business Cases: Unklarheit, wie mit Reparatur, Mietmodellen oder Second-Hand Geld verdient werden kann.
Was Unternehmen konkret tun können
Wer als Modemarke, Händler oder Zulieferer jetzt handelt, kann sich strategisch vom Wettbewerb absetzen. Sinnvolle Einstiege sind:
-
Design for Circularity
- Monomaterialien dort, wo Recycling im Vordergrund steht
- Austauschbare Komponenten (Reißverschlüsse, Knöpfe)
- Langlebigkeit und Reparierbarkeit als Designkriterium
-
Transparente Wertschöpfungskette
- Digitale Produktpässe mit Infos zu Material, Herkunft, Pflege und Recycling
- Einsatz von KI zur Analyse von Lieferantenrisiken und Emissionen
-
Neue Geschäftsmodelle testen
- Miet- oder Abo-Modelle für Premium- oder Business-Mode
- Professionalisierte Second-Hand-Kanäle
- Rücknahmeprogramme mit klarer, überprüfbarer Weiterverwertung
-
Kollaboration statt Insellösungen
- Kooperation mit Recyclingunternehmen, Start-ups und Brancheninitiativen
- Gemeinsame Standards für Materialpässe und Rücknahmesysteme
Das Impact Festival hat eines deutlich gemacht: Wer Kreislaufwirtschaft ernsthaft angeht, sichert sich Zugang zu Kapital, Kund:innen und Talenten, die genau das einfordern.
5. ESG-Daten, Finanzierung und Purpose: Ohne Zahlen keine Zukunft
Am zweiten Tag rückten die Themen ESG-Datenqualität, Sustainable Finance und Purpose-orientierte Geschäftsmodelle in den Fokus.
Warum ESG-Daten zur neuen Unternehmenswährung werden
Im Panel „ESG Data – How to overcome data gaps and quality issues?“ wurde klar: Ohne belastbare ESG-Daten gibt es keine seriöse Nachhaltigkeitssteuerung.
Relevante Fragen für Unternehmen:
- Wo fehlen uns heute Daten (z. B. Scope-3-Emissionen in der Lieferkette)?
- Wie stellen wir sicher, dass Daten prüfbar und konsistent sind?
- Welche Rolle spielt Technologie bei Erfassung, Bereinigung und Auswertung?
Gerade im Hinblick auf CSRD und verschärfte Anforderungen an Nachhaltigkeitsberichterstattung sollten Unternehmen jetzt eine robuste Datenbasis schaffen – nicht erst, wenn der erste Bericht abgegeben werden muss.
Finanzierung und Purpose verbinden
In „Bridging Finance and Purpose“ wurde diskutiert, wie sich Finanzierungsstrategien und nachhaltiger Unternehmenszweck verbinden lassen. Die Kernaussage:
Kapital sucht zunehmend Unternehmen, die ein glaubwürdig nachhaltiges Geschäftsmodell haben – nicht nur eine ESG-Folie im Pitchdeck.
Für die Praxis heißt das:
- Kreditkonditionen können sich verbessern, wenn klare Klimaziele und ESG-Ratings vorliegen.
- Impact-orientierte Fonds sind bereit, langfristiger zu denken, wenn Wirkung transparent gemessen wird.
- Unternehmenswert steigt, wenn Nachhaltigkeit nachweislich im Kerngeschäft verankert ist.
Der rote Faden durch alle Panels: Ohne Zahlen, Daten und klare Ziele bleibt Purpose austauschbar.
Fazit: Zukunft haben die, die Verantwortung und Innovation verbinden
Das Impact Festival 2024 hat sehr deutlich gezeigt, wo die Reise hingeht: „Business as usual“ ist vorbei – für Vorstände, Investor:innen, Produktteams und Kommunikationsabteilungen gleichermaßen.
Wer heute nachhaltig handelt, baut nicht nur Reputation auf, sondern:
- sichert Finanzierungsspielräume,
- stärkt Resilienz gegenüber Krisen,
- gewinnt Fachkräfte, die gezielt nach sinnstiftenden Arbeitgebern suchen.
Die gute Nachricht: Die Werkzeuge sind da. Generative KI, robuste ESG-Daten, Impact Investing und Kreislaufwirtschaft sind keine Zukunftsmusik mehr, sondern bereits gelebte Praxis – auch in Deutschland.
Wenn Sie als Unternehmen jetzt an einem Punkt stehen, an dem klar ist, dass „ein bisschen Nachhaltigkeit“ nicht mehr reicht, dann ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, Strategie, Datenbasis und Technologieeinsatz neu zu denken. Denn die nächste Dekade gehört den Unternehmen, die Verantwortung und Innovation konsequent verbinden.