IFC 5 Core bekommt grünes Licht. Was die Konsultation bedeutet, welche Kritik ernst zu nehmen ist und wie sich die österreichische Baupraxis jetzt vorbereiten sollte.
IFC 5 Core: Warum dieser Schritt fĂĽr digitale Baustellen entscheidend ist
67 % Zustimmung – so deutlich fiel die Rückmeldung der buildingSMART Standards Committee zur IFC 5 Core Draft Project Plan aus. Für Außenstehende wirkt das vielleicht wie ein weiteres Gremiumsergebnis. Für alle, die mit BIM, openBIM und Datenstandards arbeiten, ist es ein klares Signal: Die nächste IFC‑Generation kommt – und sie wird ernsthaft vorbereitet.
Für die österreichische Bauindustrie, die sich gerade in Richtung digitale Baustelle bewegt, ist das mehr als eine Randnotiz. IFC ist das Fundament für offenen Datenaustausch. Jede Verbesserung daran entscheidet mit, ob Modelle später im Alltag auf der Baustelle, im Baubüro und im Facility Management wirklich funktionieren – oder eben nicht.
In diesem Beitrag schauen wir uns an, was hinter der IFC 5 Core Konsultation steckt, welche Konflikte es gibt und wie sich Planer:innen, Bauunternehmen und Softwarehäuser in Österreich jetzt strategisch positionieren sollten.
Was ist IFC 5 Core und warum braucht die Branche es ĂĽberhaupt?
IFC 5 Core ist der geplante nächste große Entwicklungsschritt des IFC‑Standards, der das Datenmodell grundlegend ordnen und zukunftsfähig machen soll. Während IFC 4.3 bereits Infrastruktur und Gebäude gemeinsam adressiert, geht es bei IFC 5 weniger um „noch mehr Objekte“, sondern vielmehr um die Struktur des Kerns:
- klarere, modulare Architektur des Datenmodells
- bessere Basis für Infrastruktur, Gebäude und technische Anlagen gleichermaßen
- robustere Zusammenarbeit mit ISO‑Normen
- langfristige Stabilität für Softwarehersteller
Der Kernpunkt: IFC 5 Core soll die Grundlage für alle weiteren IFC‑Erweiterungen bilden. Wenn dieser Kern sauber geplant ist, werden spätere Erweiterungen (z. B. für neue Gewerke, Spezialanwendungen oder regulatorische Anforderungen) deutlich einfacher und konsistenter.
Für österreichische Unternehmen, die auf openBIM, ÖNORM‑gerechte Prozesse und digitale Ausschreibung setzen, bedeutet das: weniger Medienbrüche, stabilere Workflows und bessere Integrationen zwischen Planung, Ausführung und Betrieb.
Die Konsultation: 60 Rückmeldungen, 67 % Zustimmung – und viel Kritik
Die Standards Committee Executive (SCE) von buildingSMART hat die Ergebnisse der Konsultation zum IFC 5 Core Draft Project Plan ausgewertet. Das Bild ist klar – und trotzdem differenziert.
Harte Zahlen – klare Tendenz
- 60 Rückmeldungen aus dem Standards Committee – so viele wie noch nie
- nach Gewichtung (Kapitel und strategische Mitglieder zählen doppelt):
- 44 Stimmen dafĂĽr, 22 dagegen
- mit verspäteten Rückmeldungen: 46 dafür, 22 dagegen
- das entspricht rund 67 % Unterstützung – der übliche Schwellenwert für eine Fortführung liegt bei 65 %
Damit steht fest: Der IFC 5 Core Prozess erhält ein Momentum, das man ernst nehmen muss. Gleichzeitig war es keine formale Abstimmung, sondern eine Konsultation – also ein qualifiziertes Stimmungsbild.
Unterstützer, Skeptiker, Gegner – was dahinter steckt
Die RĂĽckmeldungen lassen sich grob in drei Gruppen einteilen:
-
Starke BefĂĽrworter
- fordern eine rasche Weiterentwicklung von IFC 5 Core
- sehen dringenden Bedarf, um IFC langfristig fĂĽr neue Use Cases fit zu machen
-
Zustimmung mit Bauchweh
- grundsätzlich positiv, aber:
- Wunsch nach vorsichtigerem Vorgehen
- Forderung nach klareren Zielen und sauberem Projektplan
- grundsätzlich positiv, aber:
-
Klare Kritiker
- stellen die Frage, ob der aktuelle Plan zur bestehenden buildingSMART‑Landschaft passt
- Sorge vor Überlappungen, Doppelstrukturen oder zusätzlicher Komplexität
Gerade für Praktiker:innen ist diese Mischung gesund: Weder blindes Durchwinken noch Blockade – sondern kritische Unterstützung.
Der Brief der nationalen Chapters: Governance, Geld und Transparenz
Ein besonderes Signal in der Konsultation war ein gemeinsamer Brief von neun nationalen Chapters, darunter auch Schwergewichte wie Deutschland, Schweiz, Frankreich, Japan – und mehrere, die trotz Kritik „Ja“ gestimmt hatten.
Welche Kapitel waren beteiligt?
Der Brief wurde gemeinsam eingereicht von den Chapters:
- Deutschland
- Dänemark
- Norwegen
- UK & Ireland
- Schweiz
- Italien
- Schweden
- Frankreich
- Japan
Damit sprechen nicht nur Einzelmeinungen, sondern ein breites Spektrum erfahrener nationaler Communities.
Die Kernkritik im Brief
Die Chapters benennen vier kritische Bereiche, die fĂĽr den Erfolg von IFC 5 Core zentral sind:
-
Finanzierung
- Wie wird das Projekt nachhaltig finanziert?
- Welche Anteile tragen Mitglieder, Chapters, Sponsoren?
- Besteht Risiko, dass Projekte begonnen, aber nie sauber fertiggestellt werden?
-
Governance
- Wer trifft welche Entscheidungen – und mit welchem Mandat?
- Wie werden nationale Anforderungen und RĂĽckmeldungen eingebunden?
- Wie vermeidet man Parallelstrukturen zu bestehenden Gremien?
-
Technische Klarheit
- Wie genau sieht die Architektur von IFC 5 Core aus?
- Welche Teile von IFC 4.x werden ĂĽbernommen, welche ersetzt?
- Welche Migration wird später von Softwarehäusern und Anwendern verlangt?
-
Prozesstransparenz
- Wie wird entschieden, welche Anforderungen umgesetzt werden?
- Wie werden Konsultationen dokumentiert und rĂĽckgespiegelt?
- Wie bleiben Roadmap und Prioritäten nachvollziehbar?
Für Bauunternehmen, Planungsbüros und öffentliche Auftraggeber in Österreich ist genau das entscheidend: Wer heute auf BIM‑Prozesse setzt, braucht Planungssicherheit über mehrere Jahre. Standards, die ständig „heimlich“ gedreht werden, sind für Ausschreibungen oder Vergaben kaum nutzbar.
Beschluss des SCE: Grünes Licht – aber mit klaren Hausaufgaben
Die Standards Committee Executive hat auf Basis der Konsultation klare SchlĂĽsse gezogen. Ja, IFC 5 Core geht weiter. Aber nicht um jeden Preis und nicht im Blindflug.
Mandat fĂĽr die IFC 5 Core Working Group
Die IFC 5 Core Working Group erhält den Auftrag, einen Final Project Plan zu erstellen, der deutlich konkreter ist als der Entwurf. Dieser Plan muss:
- die wichtigsten Unklarheiten aus der Konsultation adressieren
- Governance‑Fragen präzise beantworten
- die Zusammenarbeit mit ISO klar darstellen
- das Thema Offenheit und Einbindung der Community konkret machen
- realistische Aussagen zu Finanzierung und Ressourcen treffen
IFC 5 Core darf kein akademisches Experiment sein. Es muss ein tragfähiges Industrieprojekt werden.
Transparenz als Pflicht, nicht als KĂĽr
Das SCE fordert explizit, dass die im Prozess aufgeworfenen Themen offen und nachvollziehbar adressiert werden. Dazu gehört auch:
- Veröffentlichung der Konsultationsergebnisse
- Bereitstellung des Chapters‑Briefes
- neutrale Haltung des SCE zu den inhaltlichen Positionen – bei gleichzeitiger Verpflichtung zur Transparenz
Für die Praxis heißt das: Organisationen können den Entscheidungsweg nachvollziehen und später intern begründen, warum sie auf IFC 5 setzen – oder abwarten.
Was bedeutet IFC 5 Core konkret fĂĽr digitale Baustellen in Ă–sterreich?
Für den österreichischen Markt ist die Frage entscheidend: Wie wirkt sich IFC 5 in den nächsten Jahren auf Projekte, Tools und Prozesse aus? Es geht nicht darum, morgen alles umzustellen, sondern heute richtig zu planen.
1. Strategische Planung von BIM‑Roadmaps
Unternehmen, die eine BIM‑Roadmap bis 2030 definieren, sollten IFC 5 Core bereits einplanen – auch wenn es noch keinen finalen Standard gibt. Konkrete Empfehlungen:
- Roadmaps mehrstufig denken:
- kurzfristig: saubere Umsetzung von IFCÂ 4/4.3
- mittelfristig: Monitoring der IFC 5‑Entwicklung und Pilotprojekte einplanen
- Verträge und Pflichtenhefte flexibel formulieren:
- heute: IFCÂ 4.3 als Referenz
- zusätzlich: Klauseln, die eine spätere Umstellung auf IFC 5 ermöglichen
2. Software‑Landschaft auf Zukunftsfähigkeit prüfen
FĂĽr Bau- und Planungsunternehmen lohnt sich ein kritischer Blick auf ihre Software:
- Unterstützt der Hersteller bereits IFC 4.3 zuverlässig?
- Ist eine IFC 5‑Roadmap angekündigt?
- Gibt es aktive Teilnahme an buildingSMART‑Programmen oder Implementers‑Meetings?
Wer heute in neue Software investiert, sollte beim Anbieter gezielt nach IFC 5‑Plänen fragen. Das reduziert das Risiko, in eine Sackgasse zu investieren.
3. Datenqualität und Informationsanforderungen schärfen
IFC 5 Core wird den Datenaustausch nicht magisch lösen. Die Qualität der Informationen bleibt eine organisatorische Aufgabe.
Sinnvoll ist es, schon jetzt zu:
- klare Informationsanforderungen (AIA/EIR) zu formulieren
- Informationslieferpläne mit klaren Rollen zu definieren
- interne BIM‑Standards und Vorlagen so aufzubauen, dass sie sich an IFC‑Strukturen orientieren
Wer diese Hausaufgaben mit IFC 4 macht, wird den Umstieg auf IFC 5 später deutlich einfacher bewältigen.
4. Ă–sterreichische Perspektive aktiv einbringen
Die Konsultation hat gezeigt: Nationale Chapters haben Gewicht. FĂĽr Ă–sterreich heiĂźt das:
- Unternehmen sollten den Kontakt zu buildingSMART Austria suchen
- Praxisprobleme (z. B. in Hochbau, Infrastruktur, Wohnbau, öffentlichen Projekten) sollten als konkrete Use Cases eingebracht werden
- Pilotprojekte können helfen, österreichische Besonderheiten (ÖNORMen, Vergaberecht, öffentliche Förderprogramme) in die internationale Standardentwicklung zu integrieren
Wer sich jetzt beteiligt, sorgt dafür, dass IFC 5 nicht nur für globale Konzerne, sondern auch für den österreichischen Mittelstand funktioniert.
Praxisnahe Schritte: Wie Sie sich heute vorbereiten können
Damit dieser Beitrag nicht theoretisch bleibt, hier eine konkrete Checkliste, wie Sie das Thema IFC 5 Core im Unternehmen verankern können.
Kurzer MaĂźnahmenplan fĂĽr 2026
-
Statuscheck BIM & IFC
- Welche Projekte laufen bereits mit IFC?
- Welche Versionen (IFCÂ 2x3, 4, 4.3) sind im Einsatz?
- Wo treten aktuell die größten Probleme im Datenaustausch auf?
-
Dialog mit Softwarepartnern
- IFC‑Roadmap und IFC 5‑Pläne anfragen
- Teilnahme an Beta‑Programmen oder Pilotprojekten prüfen
-
Interne Kompetenz aufbauen
- BIM‑Koordinator:innen gezielt zu IFC‑Themen schulen
- internes „Core‑Team“ für Datenstandards benennen
-
Prozesse dokumentieren
- Wie werden IFC‑Modelle heute importiert, geprüft, weitergegeben?
- Welche Regeln gelten fĂĽr Modellstruktur, Eigenschaften, Attributbelegung?
-
Anbindung an die Community
- Austausch mit österreichischen und DACH‑Netzwerken suchen
- Erfahrungen aus laufenden Projekten zurĂĽckspiegeln
Wer diesen Fünf‑Punkte‑Plan ernst nimmt, ist auf IFC 5 Core deutlich besser vorbereitet als der Durchschnitt – und wird von den Verbesserungen schneller profitieren.
Warum es sich lohnt, IFC 5 Core aufmerksam zu verfolgen
IFC 5 Core ist kein Randthema für Nerds, die sich gerne mit Datenmodellen beschäftigen. Es ist die nächste Ausbaustufe der digitalen Infrastruktur der Bauwirtschaft.
Für die österreichische Bauindustrie – vom Planungsbüro über Bauunternehmen bis zum öffentlichen Auftraggeber – bedeutet das:
- mehr Sicherheit bei langfristigen BIM‑Investitionen
- bessere Interoperabilität auf der digitalen Baustelle
- klarere Grundlagen fĂĽr regulatorische Anforderungen und PrĂĽfprozesse
Die Konsultation zeigt: Es gibt breite Unterstützung, aber auch berechtigte Kritik. Genau das macht Hoffnung. Standards, die unter kritischer Beobachtung entstehen, haben am Ende meist höhere Qualität und Akzeptanz.
Wer jetzt:
- sein BIM‑Setup analysiert,
- gezielt nach IFC‑Roadmaps fragt und
- sich ĂĽber nationale Netzwerke einbringt,
positioniert sich für die nächsten Jahre deutlich besser.
Die spannende Frage für 2026 und darüber hinaus lautet daher: Wer gestaltet den Übergang zu IFC 5 aktiv mit – und wer lässt sich später von den Entwicklungen überrollen?