HP streicht Jobs für KI – was der Schweizer Handel lernen muss

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

HP streicht Tausende Stellen für KI. Was heisst das für den Schweizer Einzelhandel – und wie gelingt eine KI-Strategie, die Service stärkt statt Jobs vernichtet?

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HP streicht Tausende Stellen – ein Signal für den Rest der Wirtschaft

Bis 2028 will HP weltweit zwischen 4’000 und 6’000 Stellen abbauen. Offiziell, um mehr in künstliche Intelligenz (KI) zu investieren, Prozesse zu automatisieren und die Profitabilität zu steigern. Parallel dazu rechnet der Konzern mit bis zu 1 Milliarde US-Dollar an Einsparungen, nimmt aber 650 Millionen US-Dollar Restrukturierungskosten in Kauf.

Das Muster kennen wir inzwischen: Grosse Tech-Konzerne kündigen KI-Offensiven an – und kurz darauf folgen Entlassungen, auch in Bereichen wie Produktentwicklung und Kundenservice. Für Mitarbeitende ist das hart. Für Entscheider im Schweizer Einzelhandel ist es ein Weckruf.

Denn die eigentliche Frage lautet nicht: „Wird KI Jobs kosten?“ – das tut sie bereits. Die Frage ist: Wie gestalten Retail-Unternehmen in der Schweiz den Einsatz von KI so, dass Wertschöpfung, Kundenerlebnis und Beschäftigung sinnvoll zusammenspielen?

In diesem Beitrag schauen wir uns an, was hinter der HP-Entscheidung steckt, welche Entwicklung sich daraus ablesen lässt – und wie Schweizer Retailer KI anders nutzen können: wachstumsorientiert statt primär kostengetrieben.


Was HPs KI-Plan wirklich zeigt – jenseits der Schlagzeile

Die offizielle Story von HP klingt vertraut: Mehr KI soll Innovation, Kundenzufriedenheit und Effizienz steigern. Gleichzeitig sollen Tausende Stellen gestrichen werden. Das ist kein Widerspruch, sondern ein klares Geschäftsmodell: Automatisierung vor allem dort, wo sie schnell Kosten senkt.

Wo die Jobs wegfallen

Laut HP-Management sind besonders betroffen:

  • Produktentwicklung – z.B. Automatisierung von Tests, Dokumentation, Code-Generierung
  • Interne Prozesse – z.B. Finanz- und HR-Prozesse, Reporting, Standard-Workflows
  • Customer Service – z.B. KI-gestĂĽtzte Chatbots, Self-Service-Portale, automatisierte Ticket-Bearbeitung

Die Logik dahinter:

Alles, was hoch standardisiert, datengetrieben und repetitiv ist, wird früher oder später von KI unterstützt – oder komplett übernommen.

Dass HP damit bis zu 1 Milliarde US-Dollar bis 2028 sparen will, sendet ein deutliches Signal an den Kapitalmarkt: KI ist in diesen Unternehmen vor allem ein Kostensenkungs-Programm mit Technologieetikett.

Warum das fĂĽr den Schweizer Einzelhandel relevant ist

Der Schweizer Retail-Sektor steht unter massivem Druck:

  • steigende Personalkosten
  • Margendruck durch internationale Online-Player
  • verändertes Konsumverhalten (Omnichannel, Mobile, Same-Day-Erwartung)

Die Versuchung ist gross, KI genauso zu denken wie HP: „Wo können wir Personalkosten eliminieren?“

Ich halte das für kurzsichtig – gerade in der Schweiz, wo Servicequalität, Vertrauen und Nähe zentrale Wettbewerbsvorteile sind.


KI im Retail: Kostensenker oder Wachstumsmotor?

FĂĽr den Schweizer Einzelhandel gibt es zwei sehr unterschiedliche KI-Strategien:

  1. Kostenfokus: Primär Automatisierung, Reduktion von FTE, Abbau von Filialservice
  2. Wachstumsfokus: Verbesserung von Kundenerlebnis, Personalisierung, effizientere Teams statt weniger Teams

Die Erfahrung aus anderen Branchen ist eindeutig: Wer nur Kosten senkt, schwächt mittel- bis langfristig die Marke. Wer KI zur Verbesserung der Wertschöpfung nutzt, baut dagegen neue Ertragsquellen auf.

Typische KI-Einsatzfelder im Schweizer Handel

Hier ein realistischer Blick, wo KI heute im Retail bereits Mehrwert bringt – ohne zwangsläufig Stellen zu vernichten:

  • Bestands- und Nachfrageprognosen
    Bessere Forecasts verhindern Out-of-Stock-Situationen und Überbestände. Das entlastet Mitarbeitende, weil Feuerwehreinsätze („Wo ist die Ware?“) abnehmen.

  • Dynamische Preisgestaltung
    KI kann Preise nach Nachfrage, Konkurrenz und Lagerbestand anpassen. Die Preisstrategie wird smarter – ohne dass das Verkaufspersonal entmachtet wird.

  • Personalisierte Angebote und Empfehlungen
    Auf Basis von Kundendaten entstehen individuelle Coupons, Produktempfehlungen und Newsletter. So wird Marketing relevanter statt lauter.

  • KI-gestĂĽtzter Kundenservice
    Chatbots beantworten Standardfragen (Öffnungszeiten, Lieferstatus), während der menschliche Service sich auf komplexe Anliegen konzentriert.

  • Assistive Systeme am POS
    Verkaufende erhalten auf dem Tablet Produktempfehlungen, Cross-Selling-Ideen oder Echtzeit-Verfügbarkeiten. Das erhöht Beratungskompetenz, nicht den Druck.

Richtig gestaltet, entlasten diese Anwendungen Mitarbeitende, statt sie ĂĽberflĂĽssig zu machen. Genau hier unterscheidet sich eine verantwortungsvolle KI-Strategie von einem reinen Sparprogramm.


Was viele Unternehmen beim Thema KI und Jobs falsch machen

Die grösste Fehlannahme lautet: „Automatisierung = weniger Menschen.“ In der Praxis ist es deutlich differenzierter.

Drei typische Denkfehler

  1. „Jede automatisierte Aufgabe spart einen Arbeitsplatz.“
    Meist spart sie zuerst nur Zeit – und schafft Kapazität für Aufgaben, die vorher liegen geblieben sind: bessere Beratung, aktivere Kundenansprache, strukturierte Sortimentspflege.

  2. „Technologie-Einführung ist primär ein IT-Projekt.“
    Wenn HR, Betriebsrat, Store-Management und Verkauf nicht eingebunden sind, entsteht Widerstand. Dann wird KI als Bedrohung wahrgenommen – und man verschenkt Potenzial.

  3. „Upskilling ist nice-to-have.“
    Wer nicht früh in Weiterbildung investiert, produziert später genau das, was HP jetzt hat: Restrukturierungskosten in dreistelliger Millionenhöhe – plus Vertrauensverlust.

Die Realität ist klar: KI verändert Arbeit, aber Unternehmen entscheiden, ob sie Jobs abbauen oder Arbeit neu verteilen.


Leitplanken fĂĽr eine verantwortungsvolle KI-Strategie im Schweizer Retail

Wenn Sie im Einzelhandel in der Schweiz für Strategie, IT oder HR zuständig sind, können Sie aus dem HP-Fall drei zentrale Lehren ziehen.

1. KI-Projekte immer mit einem People-Plan verbinden

Jedes grössere KI-Projekt sollte einen verbindlichen Personal- und Kompetenzplan enthalten:

  • Welche Aufgaben fallen weg oder werden stark reduziert?
  • Welche neuen Aufgaben entstehen (z.B. KI-Monitoring, Datenpflege, Customer Success)?
  • Welche Rollen können umgestaltet statt gestrichen werden?
  • Welche Schulungen braucht es fĂĽr welche Zielgruppen, in welchem Zeitraum?

Pragmatisch funktioniert das mit einer einfachen Matrix: Aufgabe – heutiger Aufwand – künftig automatisiert – neue Rolle/Aktivität. Daraus lassen sich gezielte Weiterbildungsprogramme ableiten.

2. Transparenz gegenĂĽber Mitarbeitenden schaffen

Nichts schafft mehr Unsicherheit als vage KI-AnkĂĽndigungen. Besser ist:

  • klar benennen, welche Bereiche automatisiert werden sollen
  • offen kommunizieren, was das fĂĽr Teams und Rollen bedeutet
  • FrĂĽhzeitige Angebote fĂĽr Weiterbildung und interne Wechsel schaffen

Wer Transparenz meidet, landet irgendwann dort, wo HP jetzt steht: bei freundlichen Pressemitteilungen über „Produktivitätsgewinne“ – und Tausenden von Entlassungen im Kleingedruckten.

3. Servicequalität als nicht verhandelbaren Kernwert definieren

Gerade im Schweizer Handel ist Service ein Differenzierungsfaktor. Eine gute Leitlinie:

„Wir nutzen KI, um mehr menschliche Zeit für Kundinnen und Kunden zu schaffen, nicht weniger.“

Das heisst konkret:

  • Backoffice und Standardanfragen stärker automatisieren
  • frei werdende Kapazität bewusst in Beratung, Relationship Management und Cross-Selling investieren
  • Kennzahlen anpassen: nicht nur Kosten pro FTE messen, sondern auch Kundenzufriedenheit, Warenkorbwert, Wiederkaufsrate.

Konkrete erste Schritte fĂĽr Schweizer Retailer

Theorie ist schön, aber was heisst das operativ? Hier ein pragmatischer Fahrplan, der sich in vielen Unternehmen bewährt hat.

Schritt 1: KI-Potentialanalyse mit Fokus auf Filial- und Kundennähe

Statt nur auf interne Prozesse zu schauen, sollten Sie drei Fragen stellen:

  1. Wo sind unsere grössten Frustpunkte für Kundinnen und Kunden?
    (z.B. lange Wartezeiten, fehlende VerfĂĽgbarkeit, ungenaue AuskĂĽnfte)

  2. Wo fühlen sich unsere Mitarbeitenden am stärksten administrativ überlastet?
    (z.B. manuelle Lagerbuchungen, doppelte Datenerfassung, Reporting)

  3. Welche dieser Punkte lassen sich durch KI reduzieren oder beseitigen – ohne weniger direkte Kundenkontakte zu erzeugen?

Das Ergebnis ist eine Prioritätenliste für KI-Projekte, die Kundenerlebnis und Mitarbeiterentlastung koppelt.

Schritt 2: Pilotprojekte mit klaren Zielen

Statt einen riesigen KI-Masterplan zu schreiben, starten Sie 2–3 klare Pilotprojekte, z.B.:

  • KI-gestĂĽtzte Nachschubplanung in ausgewählten Filialen
  • Chatbot fĂĽr Standardanfragen im Kundenservice, mit Weiterleitung an echte Personen bei komplexen Fällen
  • KI-Assistenz fĂĽr Verkaufende, die Cross-Selling-Empfehlungen in Echtzeit ausspielt

FĂĽr jeden Piloten braucht es messbare Ziele, zum Beispiel:

  • Reduktion von Out-of-Stock-Fällen um 20 %
  • VerkĂĽrzung der Antwortzeit im Service um 30 %
  • Erhöhung des durchschnittlichen Warenkorbwerts um 10 % in Pilotfilialen

Schritt 3: Weiterbildung und Rollenklärung von Anfang an einplanen

Parallel zu den Piloten sollten Sie gezielte Schulungen anbieten:

  • kurze, praxisnahe Trainings fĂĽr Filialleitende und Verkaufsteams
  • Grundlagen zu „KI im Alltag“ fĂĽr alle Mitarbeitenden
  • vertiefende Schulungen fĂĽr Key-User, die als Multiplikatoren fungieren

Wichtig: KI-Schulungen sind kein technisches Nerd-Thema, sondern ein Change-Projekt. Wer die Menschen mitnimmt, reduziert Widerstand und erhöht den ROI der Technologie-Investitionen.

Schritt 4: Governance und Ethik definieren

Gerade im Schweizer Kontext sind Themen wie Datenschutz, Transparenz und Fairness zentral. Legen Sie fest:

  • welche Daten Sie fĂĽr KI nutzen (und welche bewusst nicht)
  • wie Sie Kunden ĂĽber KI-Einsatz informieren
  • welche Entscheidungen immer von Menschen getroffen werden mĂĽssen (z.B. kritische HR-Entscheidungen, heikle Kundenfälle)

Damit schaffen Sie Vertrauen – intern wie extern.


Fazit: Was der Schweizer Handel aus HPs KI-Strategie mitnehmen sollte

HP zeigt, wohin der Weg fĂĽhrt, wenn KI vor allem als Effizienz- und Sparmaschine verstanden wird: Tausende Jobs fallen weg, Restrukturierungskosten explodieren, der Fokus verschiebt sich von Menschen zu Margen.

Der Schweizer Einzelhandel hat die Chance, es anders zu machen. KI kann Servicequalität erhöhen, Mitarbeitende entlasten und Wachstum ermöglichen, statt primär als Instrument zum Stellenabbau zu dienen.

Wer jetzt:

  • KI-Projekte konsequent mit einem People- und Upskilling-Plan verknĂĽpft,
  • Servicequalität als Kernwert schĂĽtzt,
  • und Mitarbeitende aktiv in die Gestaltung neuer Prozesse einbindet,

wird in den nächsten Jahren nicht nur effizienter, sondern vor allem attraktiver für Kundinnen, Kunden und Talente.

Die eigentliche Frage lautet also: Nutzen Sie KI wie ein HP – oder wie ein Schweizer Retailer, der seine Stärken kennt?