Google ersetzt Headlines in Discover durch KI – mit falschen und reißerischen Titeln. Was das für SEO, Marke und Leads bedeutet und wie du jetzt reagierst.
Google-KI verfälscht Headlines – was Publisher jetzt wissen und tun müssen
BG3-Spieler „sollen Kinder ausbeuten“, der „Steam Machine“-Preis sei enthüllt – zwei Beispiele für Schlagzeilen, die nie jemand so geschrieben hat. Sie stammen nicht von Clickbait-Portalen, sondern von der KI, mit der Google in Discover experimentiert.
Das ist mehr als nur eine kuriose Anekdote. Wenn Google eigenmächtig Artikel-Titel durch KI ersetzt, hat das direkte Folgen für Reichweite, Markenwahrnehmung und Vertrauen – also genau die Kennzahlen, auf denen Content-Marketing, SEO und Vertrieb inzwischen aufbauen. Und ja: Auch rechtliche und ethische Fragen hängen da dran.
In diesem Artikel schauen wir uns an, was Google konkret testet, warum diese KI-Headlines so problematisch sind – und wie Marketing- und Publishing-Teams jetzt strategisch reagieren sollten, statt nur frustriert auf die Klickkurve zu starren.
Was Google in Discover gerade wirklich macht
Google testet derzeit in Discover KI-generierte Headlines, die die originalen Titel der Publisher ersetzen. Das Experiment ist offiziell als „kleines UI-Experiment“ deklariert, betrifft aber genau den Moment, in dem Nutzer:innen entscheiden: Klicke ich oder scrolle ich weiter?
Die beobachteten Muster:
- Alle KI-Titel haben genau vier Wörter.
- Die KI komprimiert komplexe Themen radikal – und schießt dabei oft am Inhalt vorbei.
- Die generierten Headlines können faktisch falsch sein und sogar völlig andere Aussagen transportieren.
Beispiele, die dokumentiert wurden:
- „BG3 players exploit children“ – aus einem Artikel zu „Baldur’s Gate 3“.
- „Steam Machine price revealed“ – obwohl gar kein finaler Preis bekanntgegeben wurde.
Beide Headlines greifen inhaltlich massiv daneben. Für Nutzer:innen wirkt es aber so, als wären das Original-Titel der Publisher.
Warum das fĂĽr Publisher so heikel ist
Das Experiment klingt aus Googles Sicht harmlos: „Themen leichter verdaulich darstellen“. Aus Sicht der Publisher bedeutet es:
-
Kontrollverlust ĂĽber die eigene Marke
Wer kontrolliert deine Botschaft im Moment der Wahrnehmung? Nicht mehr du, sondern ein KI-Modell, dessen Optimierungsziel eher „Scroll-Stopp“ als journalistische oder markenkonforme Präzision ist. -
Gefahr fĂĽr Reputation und Vertrauen
Wenn deine Marke plötzlich mit reißerischen oder falschen Aussagen assoziiert wird, trifft das nicht Google, sondern dich. Leser:innen sehen zuerst das Logo des Mediums, nicht den Hinweis „KI hat das generiert“ – der ist gut versteckt. -
Ein weiterer Schlag fĂĽr organische Reichweite
Schon AI Overviews und der KI-Modus in der Suche haben bei vielen Seiten die Klickrate spürbar gedrückt. Wenn jetzt auch noch die wenigen verbleibenden Klickflächen „optimiert“ werden, kann das die Situation weiter verschärfen.
Die Realität: Google experimentiert öffentlich mit deiner Außenwirkung – und du hast aktuell kaum technische Möglichkeiten, das sauber zu verhindern.
Auswirkungen auf SEO, Marke und Vertrieb – was wirklich auf dem Spiel steht
FĂĽr Marketing- und Vertriebsteams ist das keine rein redaktionelle Randnotiz. KI-Headlines schlagen an gleich drei neuralgischen Punkten durch: SEO-Performance, Markenwahrnehmung und Lead-Generierung.
1. SEO & Discover-Traffic
Discover ist für viele Publisher – aber auch für Unternehmensblogs – eine wichtige zusätzliche Traffic-Quelle, die sich anders verhält als klassische Suche:
- Discover basiert stark auf User-Interessen, nicht auf Suchanfragen.
- Thumbnails und Headlines sind die entscheidenden Trigger.
Wenn Google die Headline austauscht, können passieren:
- Falsche Erwartungshaltung: Die Nutzer:innen klicken aufgrund einer sensationellen KI-Überschrift, bekommen aber einen seriösen, anders fokussierten Artikel. Folge: höhere Bounce Rate, kürzere Verweildauer.
- Fehlende Relevanzsignale: Eine zu knappe Vier-Wort-Headline kann zentrale Keywords oder Entitäten verlieren. Das macht es für Googles eigene Systeme schwerer, das Thema korrekt zuzuordnen.
Beides schwächt mittelbar deine SEO-Signale und kann die Sichtbarkeit im Discover-Ökosystem weiter drücken.
2. Markenwahrnehmung & Vertrauen
Headlines sind Branding. Punkt. Sie transportieren Ton, Haltung und Professionalität.
Wenn nun KI-Titel suggerieren, du wĂĽrdest:
- skandalisieren,
- ĂĽbertreiben,
- oder gar falsche Behauptungen aufstellen,
entsteht schnell ein Bild von „Clickbait-Marke“. Für Medienhäuser ist das kritisch, für B2B-Unternehmen im Marketing- und Vertriebsumfeld mindestens genauso:
- Thought-Leadership-Artikel wirken plötzlich sensationsgeil.
- Fachbeiträge werden auf boulevardeske Vier-Wort-Slogans eingedampft.
- Juristisch heikle Themen können durch falsche Verkürzungen gefährlich werden.
Vertrauen wird langsam aufgebaut, aber extrem schnell beschädigt. Das gilt im Content-Marketing genauso wie im Journalismus.
3. Lead-Generierung & Funnel-Qualität
FĂĽr viele Unternehmen ist Organik + Content der wichtigste Einstiegs-Kanal fĂĽr Leads. Wenn Google deine Inhalte mit Fehl- oder Ăśbertreibungs-Headlines versieht, beeinflusst das direkt:
- Wer auf deinen Artikel klickt (Zielgruppe vs. Zufallsverkehr)
- Wie diese Personen dein Produkt/Unternehmen wahrnehmen
- Ob sie sich am Ende des Artikels in ein Formular eintragen
Ein Beispiel aus der Praxis, wie ich es in Projekten gesehen habe:
- Serioser Fachartikel zu KI im Vertrieb
- KI-Headline im Suggestions-Umfeld wird zugespitzt („Sales-Teams ersetzen durch KI“)
- Folge: Hohe Klickrate von kritischen, aber nicht passenden Lesern, die eher diskutieren wollen als Lösungen suchen.
- Conversion-Rate auf Lead-Magneten sinkt massiv, weil die Erwartung nicht zum Inhalt passt.
Falsche Erwartungshaltungen erzeugen falsche Leads – und damit höhere Kosten pro qualifiziertem Kontakt.
Warum Google auf ultra-kurze KI-Headlines setzt – und was das verrät
Google scheint im aktuellen Test klaren Vorgaben zu folgen: vier Wörter, maximal knackig, maximal snackable. Das verrät viel über die Denke hinter dem Experiment.
Der Interface-Blick von Google
Aus Produktsicht geht es Google offenbar um:
- Mehr Klarheit im Feed: Kurze Headlines wirken auf den ersten Blick aufgeräumter.
- Höhere Scrolldichte: Mehr Inhalte pro Screen, weniger umbrochener Text.
- Schnellere Entscheidung: Nutzer:innen sollen in Millisekunden erkennen, ob sie das Thema interessiert.
Das Problem: Gute Kommunikation funktioniert anders als platte Verknappung. Gerade komplexe Themen wie KI, Politik, Finance oder B2B brauchen Kontext.
Warum Vier-Wort-Headlines inhaltlich so oft scheitern
Vier Wörter zwingen die KI zu extremen Abstraktionen. Typische Fehler:
- Wichtige Attribute fallen weg (z.B. „Studie zeigt Trend“ vs. „Studie zeigt kurzfristigen Einbruch im Q3 2025“)
- Negationen gehen verloren („keine Datenpanne“ wird zu „Unternehmen erleidet Datenpanne“)
- Starke Verben werden durch vage Verben ersetzt (aus „analysiert Auswirkungen“ wird „spricht über Auswirkungen“)
Solche Verkürzungen sind in Social-Media-Teasern schon riskant genug. Wenn sie aber als Quasi-Titel im Google-Ökosystem erscheinen, haben sie eine andere Autorität – und damit auch ein anderes Schadenspotenzial.
Was Marketing- und Publishing-Teams jetzt konkret tun sollten
Die schlechte Nachricht: Du kannst Googles Test nicht einfach abschalten. Die gute: Du kannst dich strategisch so aufstellen, dass du Schaden begrenzt, Chancen nutzt und Resilienz aufbaust.
1. Monitoring: Wo tauchen KI-Headlines auf?
Bevor du reagieren kannst, brauchst du Transparenz. Sinnvolle Schritte:
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Discover manuell beobachten
Mit verschiedenen Test-Accounts (privat, beruflich, unterschiedliche Interessen) regelmäßig den eigenen Content in Discover prüfen. -
Screenshots sammeln
Jede auffällige KI-Headline dokumentieren: Screenshot, Datum, Gerät, Region – als interne Evidenzbasis. -
Analytics im Blick behalten
- Ungewöhnliche Peaks bei Impressions vs. Klicks?
- Höhere Bounce-Rates bei Artikeln, die typischerweise stabil performen?
Solche Muster können auf veränderte Darstellung in Discover hindeuten.
2. Kommunikation & Erwartungsmanagement
Wenn du ein Medienhaus oder eine größere Content-Marke verantwortest, solltest du:
- Intern aufklären: Redaktion, Marketing, Sales und Management müssen verstehen, was gerade passiert – sonst interpretiert jede:r die KPIs anders.
- Externe Klarheit schaffen, wo sinnvoll:
Ein kurzer Hinweis im Impressum, in FAQ oder in einem Meta-Artikel, dass Drittplattformen (inkl. Google) Titel automatisiert verändern können, kann Missverständnisse reduzieren.
Für B2B-Marken kann es zudem sinnvoll sein, im Sales-Gespräch offen zu sagen: „Google zeigt unsere Inhalte teils mit eigenen KI-Überschriften an, die nicht von uns stammen.“ Das wirkt transparenter als betretenes Schweigen.
3. Content-Strategie anpassen – ohne panisch zu werden
Man sollte seine Content-Strategie jetzt nicht komplett umwerfen, aber an ein paar Stellen lohnt eine Anpassung:
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Klarere, strukturierte HauptĂĽberschriften
Je eindeutiger dein Original-Titel das Thema, den Kontext und den Nutzen benennt, desto schwerer ist er fĂĽr KI, ihn komplett fehlzudeuten. -
Starke Unterzeilen und H2s
Wenn Discover oder andere Features künftig stärker Textteile recyceln, sollten auch Untertitel und Zwischenüberschriften klare, korrekte Aussagen enthalten. -
Konsistente Botschaft entlang des Funnels
- Titel
- Snippet/Meta-Description
- Einleitung
- Call-to-Action
sollten thematisch so eng beieinanderliegen, dass verkĂĽrzte Darstellung weniger Schaden anrichtet.
4. Juristische und ethische Fragen prĂĽfen
Gerade in Deutschland stellen sich naheliegende Fragen:
- Wer haftet, wenn KI-Headlines rufschädigend oder ehrverletzend sind?
- Wie geht man mit Falschbehauptungen in Bezug auf Personen oder Marken um?
Ich bin kein Rechtsanwalt, aber aus Projektsicht hat sich bewährt:
- Ein vordefiniertes Eskalationsschema zu haben:
Wer macht Screenshots, wer bewertet das Risiko, wer entscheidet über Kontakt zu Google oder rechtliche Schritte? - Klarer Ansprechpartner intern (Legal/Compliance oder Chefredaktion), der solche Fälle bündelt statt sie im Slack-Noise untergehen zu lassen.
5. Eigene KI im Marketing kontrolliert einsetzen
Der eigentliche Witz: Viele Unternehmen nutzen bereits KI für ihre eigenen Headlines – aber kontrolliert, im Rahmen ihrer Brand-Guidelines.
Statt KI pauschal zu verteufeln, lohnt sich ein differenzierter Ansatz:
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Eigene KI-Workflows fĂĽr Titel:
- KI generiert 10 Varianten auf Basis deiner Briefings.
- Redaktion/Marketing wählt und feintunt manuell.
- Style-Guides und No-Go-Listen werden in den Prompt eingebaut.
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A/B-Tests mit KI-Varianten für Newsletter, Ads und Social, um zu lernen, welche Tonalität deine Zielgruppe wirklich anspricht – ohne Klickbait.
Wer KI im eigenen Haus verantwortungsvoll nutzt, ist besser gewappnet, um Experimente großer Plattformen einzuordnen – und im Zweifel auch fundiert zu kritisieren.
Wie es weitergeht – und was du jetzt planen solltest
Es wäre naiv zu glauben, dass Google dieses Experiment wieder einpackt und nie wieder ausrollt. Realistischer ist:
- KI-Generierung von Headlines und Snippets wird fester Bestandteil der Suche.
- Publisher und Marken müssen lernen, damit umzugehen – technisch, strategisch, kommunikativ.
FĂĽr Marketing- und Vertriebsteams bedeutet das:
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Resilienz statt Abhängigkeit:
Nicht nur auf organischen Traffic aus Google setzen, sondern Owned Kanäle (Newsletter, Community, Events, Podcasts) stärken. -
Know-how zu KI im Marketing aufbauen:
Wer versteht, wie KI-Modelle „denken“, kann Content besser strukturieren – und wird weniger oft Opfer von Fehlinterpretationen. -
Brand-Safety endlich ernst nehmen:
Nicht nur in Programmatic Ads, sondern entlang der gesamten Customer Journey, inklusive Suchergebnisseiten.
Am Ende geht es um eine einfache Frage: Willst du passiver Datenpunkt in fremden KI-Experimenten sein – oder dein Marketing so aufstellen, dass du aktiv steuerst, wie deine Marke im KI-Zeitalter wahrgenommen wird?
Wer das zweite anstrebt, sollte jetzt anfangen, Kompetenzen, Prozesse und Monitoring aufzubauen – nicht erst, wenn die nächste Welle an KI-Features ausgerollt wird.