RoHS, REACH, PFAS & Co.: Warum Global Environmental Compliance 2025/26 zur Chefsache wird – und wie Unternehmen Strukturen, Daten und Prozesse jetzt richtig aufsetzen.
Warum Global Environmental Compliance jetzt zur Chefsache wird
2025 ist für produzierende Unternehmen ein Wendepunkt: Neue RoHS‑Anhänge, REACH‑Beschränkungen, PFAS‑Initiativen, strengere Batterie- und WEEE-Regeln – vieles greift gleichzeitig. Wer Elektroprodukte, Maschinen oder komplexe Systeme entwickelt, merkt das im Alltag: mehr Abfragen aus dem Vertrieb, mehr Fragebögen von OEMs, mehr Druck aus der Lieferkette.
Die Realität? Material Compliance ist längst kein Spezialthema mehr, das man „irgendwie mitmacht“. Sie entscheidet darüber, ob Produkte weltweit verkauft werden dürfen, ob Rückrufe drohen – und wie glaubwürdig die eigene Nachhaltigkeitsstrategie ist. Gerade die deutsche Automobil- und Zulieferindustrie steht hier im Fokus, weil sie global agiert, extrem komplexe Stücklisten hat und gleichzeitig unter massivem Kostendruck steht.
Das Expertenforum „Global Environmental & Material Compliance“ am Fraunhofer IPA am 04.12.2025 adressiert genau diese Spannung: Wie halten Unternehmen Schritt mit der Flut neuer Umweltvorgaben – und wie lässt sich das sinnvoll in Prozesse, IT und letztlich auch KI-gestützte Produktentwicklung integrieren? In diesem Beitrag fasse ich die Kernherausforderungen zusammen, ordne die Inhalte des Forums ein und zeige, welche praktischen Schritte sich jetzt lohnen.
1. Was unter Global Environmental & Material Compliance wirklich steckt
Global Environmental & Material Compliance bedeutet konkret: Ein Unternehmen kennt die stoffliche Zusammensetzung seiner Produkte, kann sie regulatorisch bewerten und nachweisen, dass alle relevanten Umwelt- und Stoffvorgaben eingehalten werden – weltweit.
Zentrale Regelwerke im Fokus
Beim Expertenforum am Fraunhofer IPA stehen insbesondere diese Regime im Mittelpunkt:
- RoHS (Beschränkung gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten)
- REACH (Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien)
- WEEE (Entsorgungs- und Rücknahmepflichten für Elektro- und Elektronikgeräte)
- Batterieregulierung inkl. neuer Nachhaltigkeits- und Informationsanforderungen
- Konfliktmineralien und weitere globale Sorgfaltspflichten
- PFAS-Gesetzgebung (geplante bzw. teilweise schon laufende Beschränkungen „Ewigkeitschemikalien“)
Für Automobilhersteller, Zulieferer und Maschinenbauer kommt noch ein weiterer Aspekt dazu: Sie müssen parallel Branchenanforderungen (z.B. von OEMs, Branchenverbänden, Kundenportalen) bedienen, die oft über das gesetzliche Minimum hinausgehen.
Warum ist das so anspruchsvoll?
- Die Regelwerke ändern sich permanent (z.B. RoHS-Ausnahmen, neue REACH-SVHCs).
- Die Lieferketten sind global, mehrstufig und intransparent.
- Die Verantwortung wird von Kunden vertraglich nach unten durchgereicht.
- Verstöße führen zu Marktverboten, Bußgeldern und Imageschäden.
Wer hier kein strukturiertes Material-Compliance-Management aufbaut, arbeitet nur reaktiv im Krisenmodus.
2. 2025/26: Diese Compliance-Trends sollten Unternehmen ernst nehmen
Die Agenda des Expertenforums zeigt ziemlich klar, wo 2025 und 2026 die Reise hingeht. Mehrere Trends stechen heraus.
2.1 PFAS – das nächste große Thema nach Blei und Nickel
PFAS („Per- und Polyfluoralkylsubstanzen“) sind in tausenden Anwendungen im Einsatz: Dichtungen, Beschichtungen, Kabel, Elektronik, Textilien. Auf EU-Ebene laufen Initiativen, einen Großteil dieser Stoffgruppe stark einzuschränken.
FĂĽr die Industrie heiĂźt das:
- Ohne saubere Stoffdaten in der Lieferkette lässt sich das Risiko kaum bewerten.
- Einzelne Verbote treffen besonders hart, wenn sie kurzfristig greifen und kein Ersatz verfĂĽgbar ist.
- Frühe Szenarioanalysen sind Gold wert: Welche Baugruppen wären betroffen? Welche Lieferanten habe ich als Single Source?
Ich habe bei einigen Unternehmen gesehen: Wer PFAS erst ernst nimmt, wenn eine endgültige Beschränkung veröffentlicht ist, zahlt später mit Hektik, Eilfreigaben und teuren Redesigns.
2.2 RoHS-Ausnahmen (z.B. Pack 22) – Zeitfenster für Redesign wird kleiner
Im Programm taucht explizit das Thema „RoHS Pack 22 Exemption“ (Ausnahmen 6a, 6b, 6c, 7a, 7c „series“) auf. Dahinter steckt eine Kernfrage: Wie lange darf ich bestimmte Stoffe, z.B. Blei in Loten oder Legierungen, noch verwenden?
Wichtig fĂĽr Entwicklungs- und Produktionsleiter:
- Ausnahmen sind zeitlich befristet – das ist kein Dauerstatus.
- Verlängerungsanträge werden zunehmend kritisch geprüft.
- Komplexe IndustriegĂĽter (z.B. groĂźe Maschinen, Energie- oder Automationssysteme) brauchen oft mehrere Jahre fĂĽr konstruktive Alternativen.
Wenn Sie erst mit Maßnahmen starten, sobald klar ist, dass eine Ausnahme ausläuft, sind Sie in der Regel zu spät. Besser: Risikoportfolio je Ausnahme erstellen und parallel an alternativen Werkstoffen und Designs arbeiten – idealerweise mit Simulation und KI-gestützter Werkstoffsuche.
2.3 Chemikaliensicherheit & Marktüberwachung: Kontrolle wird schärfer
Ein Programmpunkt kommt direkt aus dem Umweltministerium Baden-Württemberg: „Chemikaliensicherheit Aktuell“ inklusive Schwerpunkten der Marktüberwachung.
Das ist ein klarer Hinweis:
- Kontrollen werden fokussierter.
- Hersteller- und Importeursverantwortung wird ernster verfolgt.
- Dokumentation und Nachweise rücken noch stärker in den Fokus.
Wer heute noch mit verstreuten Excel-Listen und E-Mail-Anfragen arbeitet, hat spätestens bei einer Marktüberwachungsanfrage ein Problem – schlicht, weil die Datenqualität und Nachvollziehbarkeit fehlen.
2.4 Produktsicherheit, Produktumwelt- und Produkthaftungsrecht wachsen zusammen
Ein weiterer Vortrag beleuchtet die aktuelle Rechtsprechung im Produktumwelt-, Produktsicherheits- und Produkthaftungsrecht. Die Tendenz ist eindeutig:
Umweltbezogene Produktspezifikationen werden zunehmend zu einem Haftungsthema.
Das heißt: Wenn ein Unternehmen Umweltvorgaben missachtet, kann das nicht nur zu Marktverboten führen, sondern auch zu Haftungsfällen – etwa bei Schadensersatz oder Rückrufen. Für die Praxis bedeutet das:
- Compliance ist kein reines QM-Thema.
- Rechtsabteilung, Entwicklung und Einkauf mĂĽssen enger zusammenarbeiten.
- Dokumentierte Entscheidungswege sind wichtiger denn je.
3. Wie Unternehmen Material Compliance organisatorisch sauber aufsetzen
Die Präsentation „Material Compliance Management bei Gardena“ im Rahmen des Forums liefert ein gutes Stichwort: Es geht nicht um einzelne Listen oder Tools, sondern um Strukturen und Abläufe. Aus Projekterfahrung lässt sich ein pragmatisches Zielbild ableiten.
3.1 Klare Rollen und Verantwortlichkeiten
Erfolgreiche Unternehmen definieren Material Compliance als Querschnittsfunktion mit klarer Verankerung:
- Zentrale Stelle fĂĽr Environmental / Material Compliance (Fachteam oder Stabstelle)
- Verantwortliche in Entwicklung fĂĽr Designentscheidungen und Freigaben
- Einkauf als Owner fĂĽr Lieferantendaten und Vertragsklauseln
- Qualitäts- und Umweltmanagement für Audits und Managementsysteme
Wichtig: Material Compliance braucht Rückendeckung aus der Geschäftsleitung. Sonst bleibt sie eine „Bittstellerfunktion“, die ständig gegen Termine und Kosten argumentieren muss.
3.2 Prozesse entlang des Produktlebenszyklus
Ein reifes System verankert Compliance entlang des gesamten Produktlebenszyklus:
- Produktplanung: Anforderungskatalog mit regulatorischen Muss-Kriterien.
- Entwicklung & Konstruktion: Freigabepunkte, an denen Stoffverbote, RoHS, REACH, Batterieregeln etc. geprĂĽft werden.
- Beschaffung: Vertragsklauseln, Lieferantenerklärungen, standardisierte Datenformate (z.B. Materialdeklarationen).
- Produktion & Änderungen: Änderungsmanagement mit Compliance-Check.
- After-Sales & Markt: Umgang mit Rückrufen, regulatorischen Änderungen, Ersatzteilthemen.
Das Schöne: Viele dieser Schritte lassen sich digital abbilden und später mit KI unterstützen – etwa bei der automatischen Plausibilisierung von Lieferantendaten oder der Früherkennung von Hochrisikostoffen.
3.3 Daten aus der Lieferkette: Vom Fragebogen zum System
Im Forum wird explizit die Datenerfassung in der Lieferkette angesprochen. Hier scheitern viele Unternehmen in der Praxis:
- Unterschiedliche Formate und Sprachen
- Unvollständige oder widersprüchliche Angaben
- Keine Aktualisierung bei Produkt- oder Rezepturänderungen
Ein robuster Ansatz kombiniert:
- Standardisierte Fragebögen und Datenmodelle
- IT-Systeme (PLM, ERP, Spezialtools), die Stoffdaten strukturiert fĂĽhren
- Eskalationslogik, wenn Lieferanten nicht oder unzureichend antworten
- Automatisierte PrĂĽfungen (z.B. Abgleich mit aktuellen Verbotslisten)
Wer frühzeitig auf strukturierte Daten und digitale Workflows setzt, schafft die Basis, später KI-gestützte Auswertungen und Prognosen einzusetzen – ein Thema, das im Rahmen der Kampagne „KI in der deutschen Automobilindustrie: Produktion und Innovation“ besonders spannend ist.
4. Praxisnutzen des Expertenforums: Wissen, Netzwerk, Strategie
Die Agenda des Fraunhofer-Expertenforums ist so aufgebaut, dass Teilnehmende nicht nur Rechtsupdates bekommen, sondern ein Gesamtbild:
- Ăśberblicksvortrag Material Compliance: Verdichtet die aktuellen Pflichten zu RoHS, REACH, WEEE, Batterien und globalen Regulierungen.
- Industrie-Case (Gardena): Zeigt, wie ein konkretes Unternehmen Strukturen, Abläufe und Lieferantendaten organisiert.
- Verbands- und Politikperspektive: Ordnet die Umwelt- und Nachhaltigkeitsgesetzgebung im Spannungsfeld Ressourcenschonung vs. Wettbewerbsfähigkeit ein.
- Juristische Einordnung: Verbindet Produktumweltrecht mit Produkthaftung – für viele ein Augenöffner.
- Regulierungs-Deep-Dive (RoHS-Ausnahmen): Hilft, Planungs- und Ausstiegsstrategien zu entwickeln.
Der Mehrwert liegt aus meiner Sicht in drei Punkten:
- Klarheit: Statt sich durch einzelne Verordnungen zu kämpfen, bekommen Sie eine priorisierte Sicht: Was trifft meine Branche tatsächlich, was ist „nice to know“?
- Benchmarking: Im Austausch mit anderen Unternehmen sehen Sie, wo Sie im Vergleich stehen – und welche Lösungen bereits funktionieren.
- AnknĂĽpfungspunkte fĂĽr Digitalisierung & KI: Sobald Prozesse und Verantwortlichkeiten klar sind, wird sichtbar, wo sich Automatisierung und KI-Tools in der Produktion, im Einkauf oder in der Entwicklung wirklich lohnen.
Gerade fĂĽr Verantwortliche aus der Automobil- und Zulieferindustrie ist dieser Mix spannend: Sie bewegen sich ohnehin in einer hochregulierten Umgebung und stehen unter Druck, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Kosteneffizienz zusammenzubringen.
5. Konkrete nächste Schritte für Unternehmen
Damit das Thema Global Environmental Compliance nicht abstrakt bleibt, hier ein pragmatischer Fahrplan, mit dem viele Unternehmen gute Erfahrungen machen.
5.1 Standortbestimmung durchfĂĽhren
- Erheben Sie, welche Regelwerke Ihre Kernprodukte wirklich betreffen.
- Prüfen Sie, wo Material-Compliance-Prüfungen heute stattfinden – und wo nicht.
- Analysieren Sie, welche Systeme und Datenquellen (ERP, PLM, Lieferantentools) bereits existieren.
Ein kompaktes internes Audit oder ein Workshop mit externen Experten reicht oft aus, um die größten Lücken sichtbar zu machen.
5.2 Verantwortlichkeiten und Ziele festlegen
- Benennen Sie eine verantwortliche Stelle fĂĽr Environmental / Material Compliance.
- Legen Sie konkrete Ziele fest, z.B.: „Bis Q4 2026 haben wir für alle A‑Lieferanten standardisierte Materialdeklarationen vorliegen.“
- Verankern Sie Compliance-Themen in Entwicklungs-Freigaben und Einkaufsprozessen.
5.3 Digitalisierungs- und KI-Potenziale identifizieren
Sobald Prozesse stehen, lohnt sich der Blick auf Technologie – gerade mit Blick auf die Kampagne KI in der deutschen Automobilindustrie:
- Wo entstehen heute manuelle Routineaufgaben (z.B. Abgleich tausender Materialdaten mit Verbotslisten)?
- Welche Daten liegen strukturiert vor und könnten von KI-Systemen analysiert bzw. priorisiert werden?
- Welche Schnittstellen existieren zwischen PLM, ERP und Compliance-Tools?
Ziel sollte nicht sein, „KI um der KI willen“ einzuführen, sondern messbare Effekte zu erzielen:
- schnellere Bewertung neuer Stofflisten
- automatische Priorisierung kritischer Teile
- frĂĽhere Erkennung regulatorischer Risiken in der Produktentwicklung
5.4 Austausch und Weiterbildung sichern
Regulatorik bleibt in Bewegung. Sinnvoll ist deshalb ein wiederkehrendes Update-Format:
- Teilnahme an Expertenforen wie dem Fraunhofer-Format
- aktive Mitarbeit in Branchenverbänden und Arbeitskreisen
- interne Schulungen fĂĽr Entwicklung, Einkauf und Vertrieb
Wer dieses Wissen systematisch im Unternehmen verankert, wird bei der nächsten größeren Gesetzesänderung deutlich gelassener reagieren.
Fazit: Compliance als Enabler fĂĽr Innovation nutzen
Global Environmental & Material Compliance wirkt auf den ersten Blick wie reines Pflichtprogramm. Wer genauer hinschaut, erkennt: Regulatorik zwingt Unternehmen dazu, ihre Produkte, Materialien und Prozesse besser zu verstehen. Genau dieses tiefere Verständnis ist die Basis für nachhaltigere Produkte, robuste Lieferketten und den sinnvollen Einsatz von KI in Entwicklung und Produktion.
Das Expertenforum am Fraunhofer IPA ist ein guter Gradmesser für den Status quo 2025/26: Es zeigt, welche Themen rechtlich und politisch auf uns zukommen – und wie Unternehmen bereits heute darauf reagieren. Wer jetzt in Strukturen, Datenqualität und bereichsübergreifende Zusammenarbeit investiert, verschafft sich einen echten Vorsprung.
Die Frage ist weniger, ob Sie sich mit Global Environmental Compliance befassen, sondern wie früh und wie strategisch. Unternehmen, die das Thema aktiv anpacken, werden in den nächsten Jahren nicht nur regulatorisch sauber aufgestellt sein, sondern auch innovativere, ressourcenschonendere und marktfähigere Produkte entwickeln.