Das neue FINMA–UK-Abkommen eröffnet Schweizer Banken und Vermögensverwaltern ab 2026 neue Marktzugänge – besonders für KI-getriebene Finanzdienstleistungen.

FINMA–UK-Abkommen: Neue Chancen für Schweizer Finanzhäuser
Am 01.01.2026 tritt das Berner Finanzdienstleistungsabkommen voll in Kraft – flankiert von einem neuen Memorandum of Understanding (MoU) zwischen FINMA, FCA und PRA. Für Schweizer Banken, Versicherer und Vermögensverwalter ist das kein Randthema, sondern eine strategische Weichenstellung.
Die Realität: Wer heute im grenzüberschreitenden Geschäft mit Grossbritannien unterwegs ist, ringt mit Regulierung, Marktzugang und steigenden Compliance-Kosten. Das neue Abkommen verspricht hier vereinfachten Marktzugang auf Basis gegenseitiger Anerkennung – vor allem in Versicherung und Anlageberatung. Genau das macht den Schritt auch für KI-getriebene Geschäftsmodelle in der Schweizer Finanzbranche hoch relevant.
In diesem Beitrag schauen wir uns an, was das MoU konkret regelt, welche Chancen sich für Schweizer Institute ergeben und wie Sie sich – gerade auch im Hinblick auf KI im Banking und in der Vermögensverwaltung – bis Anfang 2026 strategisch aufstellen sollten.
1. Was regelt das MoU zwischen FINMA und den UK-Behörden?
Kernpunkt des neuen Memorandum of Understanding ist die praktische Umsetzung des Berner Finanzdienstleistungsabkommens (BFSA) zwischen der Schweiz und dem Vereinigten Königreich.
Das MoU beschreibt im Detail, wie die Aufsichtsbehörden zusammenarbeiten und wie der gegenseitige Marktzugang organisiert wird – insbesondere in den Segmenten:
- Versicherungen
- Anlage- und Investmentdienstleistungen
Die wichtigsten Elemente des MoU auf einen Blick
Die Vereinbarung enthält vier zentrale operative Bausteine:
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Meldungen und Jahresberichte
Schweizer und britische Institute, die vom BFSA profitieren, unterliegen klar definierten Melde- und Berichtspflichten. Diese werden zwischen FINMA und den UK-Behörden koordiniert, sodass Doppelspurigkeiten reduziert werden können. -
Registereinträge
Institute, die im jeweils anderen Markt tätig werden, müssen in den zutreffenden Registern erfasst werden. Das MoU regelt, wie die Registrierung funktioniert und wie Informationen ausgetauscht werden. -
Behörden-Dialog
FINMA, FCA und PRA verpflichten sich zu einem regelmässigen, strukturierten Austausch – sowohl anlassbezogen (z.B. bei Vorfällen) als auch proaktiv zu Trends, Risiken und Marktentwicklungen. -
Interventionsrechte vor Ort
Die Aufsichtsbehörden behalten das Recht, im Land der Tätigkeit einzugreifen, wenn Institute gegen Regeln verstossen oder Kundenschutz gefährdet ist. Dieses Recht ist klar beschrieben, damit es keine Grauzonen gibt.
Dazu kommt ein systematischer Informationsaustausch, sowohl auf Anfrage als auch spontan. Für Institute bedeutet das: Mehr Klarheit, aber auch höhere Transparenz gegenüber den Aufsehern beider Länder.
2. Was bedeutet das für Schweizer Banken und Vermögensverwalter?
Für Schweizer Banken und Vermögensverwalter ist das BFSA in Kombination mit dem MoU im Kern ein Marktzugangsabkommen. Es beruht auf dem Prinzip der gegenseitigen Anerkennung gleichwertiger Regulierung.
Konkrete Effekte im Tagesgeschäft
FĂĽr viele Institute sind vor allem folgende Punkte relevant:
- Erleichterter Zugang zu britischen Kunden im Bereich Anlageberatung und Portfolio Management, ohne vollständige „Vollzulassung“ wie ein lokales Institut.
- Mehr Rechtssicherheit bei der Betreuung von bestehenden UK-Kunden von der Schweiz aus (z.B. vermögende Privatkunden, Family Offices, institutionelle Investoren).
- Stabilerer Rahmen für langfristige Kooperationen mit britischen Finanzdienstleistern, z.B. White-Label-Lösungen oder Co-Branding im Anlagebereich.
Ein praktisches Beispiel:
Ein Schweizer Vermögensverwalter, der heute mit einem Londoner Partnerhaus zusammenarbeitet, muss oft komplexe Strukturen bauen, um Kunden konform zu betreuen. Ab 2026 können einzelne grenzüberschreitende Dienstleistungen unter dem Dach der gegenseitigen Anerkennung abgewickelt werden – mit klar definierten Aufsichtsprozessen und weniger juristischer Unsicherheit.
Chancen fĂĽr das KI-gestĂĽtzte Wealth Management
Gerade fĂĽr Institute, die KI im Wealth Management einsetzen, ist das MoU interessant:
- KI-gestützte Anlageempfehlungen können für britische Kunden bereitgestellt werden, wenn das Setup den Kundenschutzstandards beider Jurisdiktionen genügt.
- Datenbasierte Beratungsmodelle (z.B. Hybrid Advisory mit Relationship Manager plus KI-Copilot) lassen sich in beiden Märkten konsistenter ausrollen.
- Schweizer Institute können ihre KI-Plattformen skalieren, ohne für jeden Use Case eine völlig neue regulatorische Architektur für den UK-Markt zu entwickeln.
Wer hier frĂĽh eine saubere, FINMA- und FCA-kompatible Governance fĂĽr KI schafft, wird 2026 deutlich schneller in die Umsetzung kommen.
3. Mehr Stabilität und Kundenschutz – auch für digitale Angebote
Das MoU verfolgt ausdrücklich das Ziel, die Stabilität und Integrität der Finanzmärkte in der Schweiz und im UK zu stärken – und gleichzeitig den Schutz von Kunden und Investoren zu verbessern.
Warum Kundenschutz im Zeitalter von KI noch wichtiger wird
Mit KI-basierten Produkten steigen Komplexität und Intransparenz für Endkunden. Genau deshalb ist der grenzüberschreitende Aufsichtsrahmen entscheidend:
- Transparente Information: Kunden müssen verstehen, ob Empfehlungen von einem Menschen, einer KI oder einer Kombination stammen – und auf welcher Datenbasis.
- Geeignetheit und Angemessenheit: KI-Modelle müssen sicherstellen, dass Produktempfehlungen zur Risikofähigkeit und Risikobereitschaft passen – und das auch gegenüber beiden Aufsichtsbehörden plausibel erklärbar machen.
- Fehler- und Bias-Management: Wenn Algorithmen falsch liegen oder Verzerrungen aufweisen, muss klar sein, wer haftet und wie korrigiert wird.
Durch die enge Zusammenarbeit von FINMA, FCA und PRA entsteht ein harmonisierter Erwartungshorizont, gegen den sich Institute ausrichten können. Das reduziert das Risiko, dass ein KI-gestütztes Produkt in einem Markt akzeptiert ist und im anderen als problematisch gilt.
Was heisst das fĂĽr Produktentwicklung und Compliance?
Praktisch gesehen sollte jede Produkt- und Compliance-Roadmap bis 2026 folgende Fragen beantworten:
- Sind unsere Beratungs- und KI-Modelle dokumentiert, testbar und nachvollziehbar – auch für ausländische Aufseher?
- Können wir nachweisen, dass wir Kundenschutzregeln beider Länder einhalten (z.B. Suitability Tests, Disclosure, Kosten-Transparenz)?
- Haben wir ein grenzĂĽberschreitendes Incident-Management, das sowohl FINMA als auch FCA/PRA mit relevanten Infos versorgt, wenn etwas schiefgeht?
Institute, die hier proaktiv handeln, werden von der neuen Kooperationsstruktur profitieren, statt von ihr ĂĽberrascht zu werden.
4. Operative Vorbereitung bis Anfang 2026
Das MoU tritt in Kraft, wenn das BFSA zu Beginn 2026 gültig wird. Der Zeithorizont ist kurz – aber ausreichend, wenn man strukturiert vorgeht.
Vier konkrete Schritte fĂĽr Schweizer Institute
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Regulatorisches Mapping Schweiz–UK erstellen
- Welche unserer Dienstleistungen fallen in den Anwendungsbereich des BFSA?
- Wo haben wir heute bereits UK-Exposure (Kunden, Produkte, Kooperationspartner)?
- Was sind die Unterschiede in den Anforderungen von FINMA, FCA und PRA fĂĽr genau diese Services?
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Geschäftsstrategie für UK überarbeiten
- Welche Segmente wollen wir ab 2026 gezielt adressieren (z.B. HNWI, Pensionskassen, Versicherungen, FinTechs)?
- Welche Rolle spielt der Schweizer Standort (z.B. Kompetenzzentrum fĂĽr KI-gestĂĽtzte Anlageprozesse)?
- Wo lohnt sich eine Partnerschaft mit britischen Playern statt eigener Präsenz?
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Compliance- und Reporting-Prozesse anpassen
- Interne Richtlinien so gestalten, dass sie sowohl FINMA- als auch UK-Standards abdecken.
- Frühzeitig klären, welche Melde- und Berichtspflichten auf uns zukommen und wie sie technisch integriert werden (RegTech, automatisiertes Reporting).
- Schnittstellen zu UK-Partnern fĂĽr Daten- und Informationsaustausch definieren.
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KI-Governance und Datenstrategie harmonisieren
- KI-Modelle auf Transparenz, Nachvollziehbarkeit („Explainability“) und Bias testen.
- Prüfen, ob Datenhaltung und -transfer im Einklang mit Datenschutzanforderungen beider Länder stehen.
- Richtlinien erstellen, wie KI im Kundenkontakt eingesetzt wird – und wie das kommuniziert wird.
Wer diese Punkte im ersten Halbjahr 2026 durchgearbeitet hat, kann die neue Regulierung gezielt für Wachstum nutzen, statt sie nur als zusätzliche Pflicht zu empfinden.
5. Strategische Chancen fĂĽr KI in der Schweizer Finanzbranche
Das MoU ist mehr als ein technokratisches Dokument. Es ist ein Signal, dass die Schweiz und das Vereinigte Königreich ihre Finanzmärkte langfristig eng verzahnen wollen – trotz Brexit, geopolitischer Spannungen und Regulierungswellen.
Für die Kampagne „KI in der Schweizer Finanzbranche: Banking & Vermögensverwaltung“ heisst das konkret:
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Schweizer Institute können KI-Kompetenz exportieren.
KI-gestützte Risikoanalyse, Robo-Advisory, Personalisierung von Portfolios – all das lässt sich künftig strukturierter britischen Kunden anbieten. -
UK-Markt als Testfeld für skalierbare KI-Lösungen.
Der britische Markt ist innovationsaffin und gross genug, um neue Modelle schnell zu skalieren. Wer aus der Schweiz heraus testet, kann Erkenntnisse direkt zurück in das heimische Geschäft einspeisen. -
Kooperationen mit britischen FinTechs werden attraktiver.
Gemeinsame KI-Plattformen, Datenkooperationen oder White-Label-Lösungen profitieren von der klareren Aufsichtslage.
Meine Einschätzung: Institute, die KI nur als „nice to have“ in der Schweiz betrachten, werden diese Chance verpassen. Wer KI dagegen als strategischen Exportfaktor versteht und rechtzeitig eine robuste Governance dafür etabliert, kann ab 2026 eine sichtbare Rolle im erweiterten CH–UK-Finanzökosystem spielen.
Fazit: Jetzt Weichen stellen – nicht warten, bis 2026 da ist
Das neue MoU zwischen FINMA, FCA und PRA macht das Berner Finanzdienstleistungsabkommen praktisch anwendbar – mit klaren Regeln für Marktzugang, Aufsicht und Informationsaustausch. Für Schweizer Banken, Versicherer und Vermögensverwalter bedeutet das: bessere Chancen im UK-Markt, aber auch höhere Anforderungen an Governance und Transparenz.
Wer KI im Banking und in der Vermögensverwaltung ernsthaft nutzen will, sollte 2025 und Anfang 2026 nutzen, um:
- das eigene UK-Geschäft strategisch zu schärfen,
- Compliance- und Reportingprozesse grenzĂĽberschreitend aufzustellen,
- eine belastbare KI-Governance zu schaffen, die sowohl FINMA- als auch UK-Anforderungen standhält.
Der eigentliche Hebel liegt nicht im Wortlaut des Abkommens, sondern darin, wie konsequent Institute die neue Regulierungsarchitektur in skalierbare Geschäftsmodelle übersetzen. Die Frage ist daher weniger: „Was bringt das MoU?“ – sondern: Wie wollen Sie es für Ihre KI- und Wachstumsstrategie nutzen?