Finanzbildung in Österreich hinkt hinterher. Warum Versicherungswissen ein zentraler Baustein ist, was #InvestInYou bringt und wie Versicherer jetzt handeln sollten.
Finanzbildung in Österreich: Warum Versicherungen jetzt handeln müssen
Die meisten Österreicher:innen überschätzen ihr Finanzwissen massiv – und liegen damit daneben. Studien der letzten Jahre zeigen immer wieder: Begriffe wie Zinseszins, Risikoabsicherung oder Diversifikation sind vielen nur vage bekannt. Gleichzeitig werden Finanzentscheidungen immer komplexer und digitaler. Genau hier entsteht eine gefährliche Lücke – und eine riesige Chance für die Versicherungswirtschaft.
Dieses Thema trifft 2025 einen Nerv: Teuerung, volatile Kapitalmärkte, Reformdiskussionen rund um Pensionen und Gesundheitswesen. Wer sein Geld und seine Risiken nicht versteht, trifft Fehlentscheidungen – oft mit Folgen für Jahrzehnte. Die EU reagiert darauf mit einer neuen Finanzbildungsstrategie (#InvestInYou), und Versicherer in Österreich stehen im Zentrum dieser Entwicklung.
In diesem Beitrag geht es darum, wie Finanzbildung und Versicherungsbildung zusammenspielen, was die neue EU-Strategie vorsieht, welche Rolle der Versicherungsverband VVO dabei einnimmt – und vor allem, wie Versicherer das Thema konkret nutzen können, um Vertrauen aufzubauen, Kund:innen zu gewinnen und langfristige Kundenbeziehungen zu stärken.
Warum Finanzbildung ohne Versicherungswissen unvollständig ist
Wer nur über Sparen und Investieren spricht, lässt einen entscheidenden Teil der privaten Finanzplanung aus: Risiken und deren Absicherung. Genau hier kommt die Versicherungswirtschaft ins Spiel.
Risiko als blinder Fleck in der Finanzplanung
Die Realität ist simpel:
- Ein gut verzinstes Wertpapierdepot hilft wenig, wenn ein Berufsunfall das Einkommen dauerhaft reduziert.
- Das schönste Eigenheim wird zum finanziellen Albtraum, wenn es nicht ausreichend gegen Feuer, Sturm oder Haftpflichtschäden abgesichert ist.
Finanzbildung ohne Risikobewusstsein ist wie Autofahren ohne Bremsen. Man kommt vielleicht voran, aber jeder Fehler kann existenzielle Folgen haben.
Versicherungsunternehmen arbeiten täglich mit drei Kernfragen, die in jede Finanzbildung gehören:
- Welche Risiken gibt es überhaupt? (Krankheit, Berufsunfähigkeit, Haftung, Tod, Langlebigkeit, Pflegebedürftigkeit …)
- Wie hoch ist die Eintrittswahrscheinlichkeit?
- Welche finanziellen Folgen hätte ein Schadenfall – und wer trägt sie?
Genau dieses Denken fehlt vielen Menschen. Die Folge: Unterversicherung in zentralen Bereichen (z.B. Berufsunfähigkeit, Haftpflicht, Pensionsvorsorge) bei gleichzeitigem Übergewicht weniger relevanter Produkte.
Warum Versicherungswissen ein eigener Baustein in der Finanzbildung sein muss
Insurance Europe hat daher 12 Empfehlungen zur Stärkung der Finanzbildung veröffentlicht, mit einem klaren Punkt: Versicherungswissen muss als eigener Bestandteil von Finanzbildung verstanden werden.
Dazu gehört aus meiner Sicht ganz konkret:
- Verständnis der wichtigsten Versicherungsarten (Haftpflicht, Kranken-, Unfall-, Lebens-, Pensions-, Pflegeversicherung etc.)
- Grundbegriffe wie Selbstbehalt, Deckungssumme, Wartezeit, Ausschlüsse
- Unterschied Risikoabsicherung vs. Vermögensaufbau
- Rolle von Versicherungen im Vermögens- und Generationenaufbau (z.B. Ablebensversicherung, fondsgebundene Lebensversicherung)
Wer das früh versteht, trifft später deutlich bessere Entscheidungen – und ist weniger anfällig für Fehlkäufe oder emotionale Schnellentscheidungen.
Die neue EU-Initiative #InvestInYou: Was sich konkret ändert
Mit der Spar- und Investitionsunion und der Kampagne #InvestInYou setzt die EU einen klaren Schwerpunkt: Bürger:innen sollen ihr Geld produktiver anlegen und gleichzeitig besser verstehen, welche Risiken sie eingehen.
Kern der Initiative sind zwei Elemente:
- „Savings and Investment Accounts“ – standardisierte Spar- und Anlagekonten, die Transparenz und Vergleichbarkeit verbessern sollen.
- Eine EU-weite Strategie für Finanzbildung – mit Fokus auf Alltagstauglichkeit und breitenwirksamer Ansprache.
Gerade für Österreich ist das spannend: Der Kapitalmarkt ist im internationalen Vergleich eher vorsichtig, Sparbücher und klassisches Bausparen dominieren. Wenn Menschen aber lernen, Risiko und Ertrag realistisch zu bewerten, werden sowohl Wertpapiermärkte als auch Versicherungsprodukte verständlicher – und attraktiver.
Vier Säulen der EU-Finanzbildungsstrategie
Die EU-Strategie zur Förderung von Finanzbildung baut auf vier Säulen, die alle direkt mit der Versicherungswirtschaft verknüpft sind:
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Koordination und Best Practices
Die EU-Kommission will Akteur:innen vernetzen und erfolgreiche nationale Initiativen sichtbar machen. Für Österreich bedeutet das:- Projekte des VVO mit Schulen und Hochschulen können als Vorbild dienen.
- Versicherer können eigene Bildungsprojekte einbringen und mit EU-weiten Formaten abgleichen.
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Kommunikation und Bewusstseinsbildung
Eine EU-weite Informationskampagne soll das Thema breit in die Öffentlichkeit bringen. Versicherer haben hier großes Potenzial:- Aufklärungskampagnen zu Themen wie Pensionslücke, Berufsunfähigkeit oder Pflegevorsorge
- verständliche Inhalte zu digitalen Risiken (Cyber, Identitätsdiebstahl, Datenverlust)
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Finanzierung von Bildungsinitiativen
Mitgliedstaaten werden ermutigt, EU-Fördergelder für Finanzbildung zu nutzen. Versicherer können:- sich an öffentlich geförderten Programmen beteiligen,
- gemeinsam mit Schulen, Universitäten oder NGOs Bildungsprojekte entwickeln.
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Monitoring und Wirkungskontrolle
Regelmäßige Eurobarometer-Umfragen und nationale Messinstrumente sollen Fortschritte sichtbar machen. Für die Branche heißt das: Wer heute in überprüfbare Bildungsmaßnahmen investiert, kann morgen mit konkreten Ergebnissen punkten – auch in politischen Diskussionen.
Welche Rolle der VVO und österreichische Versicherer jetzt spielen können
Der Verband der Versicherungsunternehmen Österreichs (VVO) engagiert sich seit Jahren in der Finanzbildung – etwa durch Kooperationen mit Schulen, Hochschulen und Bildungsinitiativen. Mit der EU-Strategie im Rücken entsteht daraus aber mehr als nur „Engagement“: Es wird zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor.
Vom Produktverkäufer zum Wissenspartner
Viele Versicherungsunternehmen agieren noch stark produktgetrieben. Broschüren, Tarifrechner, Verkaufsargumente. Wer 2025 Vertrauen gewinnen will, muss den Schritt zum Sparringspartner für Finanz- und Risikothemen schaffen.
Konkrete Ansätze, die ich für Versicherer in Österreich sinnvoll finde:
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Schulkooperationen ausbauen
Workshops zu Risiko, Versicherungen und Pensionen ab der Oberstufe. Nicht mit Verkaufsfolien, sondern mit echten Fällen aus dem Alltag: Unfall beim Skifahren, Haftpflichtschaden mit hohen Folgekosten, Einkommensausfall nach Krankheit. -
Digitale Lernangebote entwickeln
Interaktive Rechner, kurze Erklärvideos, Risiko-Checks, die Kund:innen anonym nutzen können. Wer versteht, warum er eine Versicherung braucht, diskutiert später eher über das Wie statt über den reinen Preis. -
Transparente Kommunikation über Kosten und Leistungen
Je höher die Finanzbildung, desto skeptischer reagieren Menschen auf versteckte Gebühren und unklare Klauseln. Offene, klare Tariferklärungen schaffen Vertrauen – gerade bei komplexeren Produkten wie fondsgebundenen Lebensversicherungen oder Pensionslösungen.
Corporate Social Responsibility, die sich lohnt
Finanz- und Versicherungsbildung ist längst mehr als „nice to have“. Sie ist Sozialpolitik, Standortpolitik und Kundenpolitik zugleich:
- Sozial: Wer Risiken versteht und absichert, fällt im Ernstfall dem Sozialsystem weniger massiv zur Last.
- Wirtschaftlich: Eine finanzgebildete Bevölkerung investiert mehr, nutzt Kapitalmärkte und Vorsorgeprodukte effizienter.
- Für Versicherer: Wer Bildung anbietet statt nur Produkte, wird zum langfristigen Partner – und reduziert zugleich Beschwerden, Stornos und Fehlabschlüsse.
Der VVO betont diesen Aspekt zu Recht: Finanzbildung ist ein Beitrag zur gesellschaftlichen Verantwortung der Branche – und verbessert nebenbei das Image einer oft als „kompliziert“ wahrgenommenen Industrie.
Praxisnah: Wie Versicherer Finanzbildung in der Kundenreise verankern können
Die spannendste Frage für InsurTechs und etablierte Versicherer lautet: Wie integrieren wir Finanz- und Versicherungsbildung konkret in unsere Prozesse? Hier einige praxisnahe Hebel entlang der Customer Journey.
1. Aufmerksamkeit: Bildungscontent statt nur Produktwerbung
Bereits in der ersten Kontaktphase kann Wissen der Türöffner sein:
- Blogartikel zu Alltagsfragen: „Was passiert, wenn ich jemanden unabsichtlich verletze?“, „Wie groß ist meine Pensionslücke wirklich?“
- Reels oder kurze Videos, die typische Irrtümer aufgreifen: „Die fünf größten Mythen zur Haushaltsversicherung“
- Interaktive Quiz-Formate: „Wie finanzfit bist du?“ – mit individueller Auswertung
Wichtig: Keine versteckte Verkaufsshow. Wer sofort auf Produkte drückt, verspielt Vertrauen.
2. Beratung: Erklären, bevor verkauft wird
Digitale Beratungstools und KI-gestützte Systeme können Finanzbildung direkt „mitliefern“:
- Risikoprofile: Statt nur Fragen abzuhaken, aktiv erklären, warum bestimmte Risiken besonders relevant sind (z.B. junge Familien, Selbständige, Singles in der Stadt).
- Szenario-Simulationen: „Was bedeutet ein sechsmonatiger Einkommensausfall für dich konkret?“ – mit Zahlen, nicht nur mit Worten.
- Vergleichsansichten: Unterschied Risikoabsicherung vs. Ansparprodukt transparent darstellen.
So wird die Beratung selbst zum Bildungsangebot – und Kund:innen fühlen sich ernst genommen statt „überfahren“.
3. Betreuung: Finanzbildung als laufender Service
Finanzbildung ist kein Einmalprojekt, sondern ein lebenslanger Begleiter. Versicherer können das nutzen, um regelmäßig in positivem Kontext sichtbar zu bleiben:
- Jahres-Check: „Was hat sich geändert? Einkommen, Familie, Wohnsituation?“ – inkl. kurzer Erklärungen, warum das für Risikodeckung wichtig ist.
- Verständliche Updates zu rechtlichen Änderungen (z.B. Pensionsrecht, Pflegefinanzierung) mit klarem Praxisbezug.
- Newsletter-Formate mit Mikro-Lerneinheiten: 3-Minuten-Wissen zu Themen wie Selbstbehalt, Indexanpassung, Dynamik.
Wer so arbeitet, wird nicht nur als Produktlieferant, sondern als Finanz- und Risikocoach wahrgenommen.
Blick nach vorn: Warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist
2025 ist ein Wendepunkt. Die EU hat eine klare Finanzbildungsagenda, die Versicherungswirtschaft in Österreich verfügt über jahrzehntelange Expertise in Risiko und Absicherung, und die Bevölkerung spürt die Folgen finanzieller Fehlentscheidungen deutlicher denn je.
Die zentrale Chance für Versicherer lautet:
Wer heute konsequent in Finanz- und Versicherungsbildung investiert, gewinnt morgen nicht nur Kund:innen – sondern Verbündete.
Für die Praxis bedeutet das:
- Finanz- und Versicherungsbildung als festen Bestandteil der Unternehmensstrategie definieren
- Kooperationen mit Schulen, Hochschulen, Sozialpartnern und Medien ausbauen
- Digitale Tools und KI so nutzen, dass sie nicht nur Produkte empfehlen, sondern Wissen vermitteln
Eine finanziell gebildete Bevölkerung kann besser sparen, gezielter investieren, Risiken realistischer einschätzen und Versicherungen bewusster nutzen. Genau das entspricht auch den Zielen der EU – und bietet der österreichischen Versicherungswirtschaft die Chance, sich als verlässlicher Partner für finanzielle Lebensplanung zu positionieren.
Wer diese Chance jetzt ergreift, gestaltet nicht nur sein eigenes Geschäftsmodell zukunftsfähig, sondern stärkt auch das Vertrauen in die gesamte Branche.