Exoskelette in der Produktion richtig einsetzen: Nutzen, Grenzen, Evaluationsmethoden und wie der Exo Experience Day des Fraunhofer IPA bei der Auswahl hilft.
Exoskelette in der Produktion: Praxis, Nutzen, Next Steps
Rund 23 % aller krankheitsbedingten Fehltage in der deutschen Industrie gehen auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurück – mit deutlich steigender Tendenz in alternden Belegschaften. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte, Schichtpläne sind dicht und strukturelle Umbauten dauern Jahre.
Genau in dieser Zange sitzen viele Werke in der deutschen Automobilindustrie und im industriellen Mittelstand. Schweres Heben, Überkopfarbeit, einseitige Haltungen – die Belastung ist real. Und sie lässt sich nicht allein mit mehr Schulungen und neuen Leitfäden lösen.
Hier kommen Exoskelette ins Spiel: tragbare Unterstützungssysteme, die Beschäftigte körperlich entlasten. Aber der Markt ist unübersichtlich, die Versprechen sind groß und die Investitionsentscheidungen heikel. Das Fraunhofer IPA reagiert darauf mit einem Format, das Klarheit schafft: dem Exo Experience Day am 17.03.2026 in Stuttgart.
In diesem Beitrag schauen wir uns an,
- wofür Exoskelette in der Produktion – besonders in der Automobilindustrie – wirklich taugen,
- wie man die passenden Systeme auswählt,
- warum Praxistests wie der Exo Experience Day enorm helfen,
- und wie sich Exoskelette sinnvoll in eine KI-gestĂĽtzte, digitale Arbeitsgestaltung einfĂĽgen.
Warum Exoskelette fĂĽr die deutsche Automobilproduktion jetzt relevant sind
Exoskelette sind kein Zukunftsthema mehr, sondern eine sehr konkrete Antwort auf gleich mehrere strukturelle Probleme:
- Fachkräftemangel – körperlich anstrengende Arbeitsplätze sind schwer zu besetzen.
- Älter werdende Belegschaften – erfahrene Mitarbeitende sollen länger gesund im Einsatz bleiben.
- Know-how sichern – Spezialwissen steckt oft in Menschen, nicht in Prozessen.
- Hohe Krankheitstage durch körperliche Belastung – Kosten explodieren, Produktivität sinkt.
- Langsame bauliche Anpassungen – ergonomische Umbauten sind teuer und dauern oft Jahre.
Exoskelette setzen genau hier an: Sie verändern nicht die Maschine, sondern die Schnittstelle zwischen Mensch und Arbeit. Gerade in der Automobilproduktion, wo Takte eng und Variantenvielfalt groß ist, kann das flexibler sein als jede bauliche Maßnahme.
Ich habe in Projekten immer wieder gesehen: Dort, wo klassische Ergonomie an Grenzen stößt, können gut ausgewählte Exoskelette eine echte Entlastung bringen – vorausgesetzt, man geht strukturiert vor.
Was Exoskelette leisten – und wo ihre Grenzen liegen
Kernbotschaft: Exoskelette reduzieren Muskellast und Belastungsspitzen – aber sie ersetzen weder gutes Arbeitsplatzdesign noch eine kluge Produktionsplanung.
Typen von Exoskeletten in der Produktion
Der Markt ist inzwischen breit: Mehr als 100 kommerzielle Systeme sind verfĂĽgbar. Sie unterscheiden sich im Wesentlichen nach:
-
Körperregion
- Rücken / Lendenwirbelsäule (z. B. für häufiges Bücken und Heben)
- Schulter / Arme (z. B. fĂĽr Ăśberkopfarbeiten an Fahrzeugkarosserien)
- Beine / Unterkörper (z. B. für stehende Tätigkeiten, statische Haltungen)
-
Funktionsprinzip
- passiv: mechanische Federn, Elastomere, Gasdruck – keine Energieversorgung
- aktiv: Motoren, Sensorik, Akkus – höhere Unterstützung, komplexer im Handling
- soft: textile, flexible Strukturen – hoher Tragekomfort, eher moderate Unterstützung
-
Einsatzumgebung
- Montagelinien in der Automobilproduktion (z. B. Dachmontage, Sitzmontage)
- Intralogistik (Kommissionierung, KLT-Handling)
- Karosseriebau, Nacharbeit, Qualitätskontrolle
Der Exo Experience Day des Fraunhofer IPA nutzt diese Kategorien, um Unternehmen eine strukturierte Einordnung zu ermöglichen: Statt Produktnamen-Dschungel bekommen Teilnehmende klare Vergleichsmaßstäbe.
Realistischer Nutzen – was ist drin?
Gut ausgewählte Exoskelette können:
- Muskelaktivität in bestimmten Bewegungsabläufen um 10–40 % reduzieren,
- subjektive ErmĂĽdung deutlich senken,
- Belastungsspitzen bei Ăśberkopfarbeit und Heben abfedern,
- Älteren Mitarbeitenden ermöglichen, Tätigkeiten länger auszuüben.
Sie können aber nicht:
- eine schlechte Taktzeitplanung ausgleichen,
- falsche Körperhaltungen komplett „wegzaubern“,
- ohne Akzeptanz im Team wirken.
Genau deshalb ist die Verbindung von technischer Evaluation und Akzeptanzfaktoren so wichtig – ein zentraler Punkt am Exo Experience Day.
Wie man Exoskelette seriös bewertet: Methoden und Praxis
Kernbotschaft: Ohne fundierte Evaluation landet man schnell beim „Gadget-Einsatz“ statt bei einer tragfähigen Lösung.
Evaluationsmethoden: Von EMG bis Exoworkathlon®
Forschungsinstitute wie das Fraunhofer IPA nutzen mehrere Ebenen, um die Wirksamkeit von Exoskeletten im Arbeitsumfeld zu prĂĽfen:
-
Biomechanische Messungen
- Muskelaktivität (z. B. EMG-Messung)
- Gelenkbelastungen, Bewegungsprofile
-
Arbeitswissenschaftliche Analysen
- Belastungs- und Beanspruchungsbewertung
- Vergleich mit ergonomischen Leitlinien und Grenzwerten
-
Subjektive Bewertungen
- Tragekomfort
- Bewegungsfreiheit
- wahrgenommene Entlastung
Am Exo Experience Day können Teilnehmende all das nicht nur theoretisch kennenlernen, sondern vor allem selbst erleben. Herzstück sind die Exoworkathlon®-Parcours: realistische, mit Industriepartnern entwickelte Anwendungsszenarien, in denen unterschiedliche Exoskelette im direkten Vergleich getestet werden.
Das ist ein gewaltiger Unterschied zu einer kurzen Produktdemo auf einer Messe: Mitarbeitende spüren hier, wie sich ein System in tatsächlichen Bewegungsabläufen anfühlt – mit Zeitdruck, Reichweiten, Griffhöhen, wie sie in der Produktion üblich sind.
Akzeptanzfaktoren: Warum gute Technik trotzdem scheitern kann
Wenn Exoskelette nach wenigen Wochen im Schrank landen, liegt es selten an der Physik – meistens an der Einführung. Entscheidende Erfolgsfaktoren:
- Einbindung der Belegschaft von Anfang an, nicht erst beim Roll-out
- saubere Aufgabenanalyse: Wo passt welches System wirklich?
- Tragezeit und Einsatzstrategie: nicht ganztägig „durchdrücken“, sondern gezielt steuern
- Komfort, Hitze, Bewegungsfreiheit – besonders relevant in der Automobilproduktion mit PSA
- Transparente Kommunikation: Exoskelette sind UnterstĂĽtzung, kein Leistungs-Booster
Der Exo Experience Day adressiert diese Themen ausdrücklich und bietet Implementierungshilfen und Leitlinien – ein Punkt, der in vielen Einzelgesprächen mit Herstellern zu kurz kommt.
Von der Einzellösung zur Strategie: Exoskelette in eine digitale, KI-gestützte Arbeitswelt einbinden
Kernbotschaft: Exoskelette entfalten ihr volles Potenzial, wenn sie Teil einer gesamthaften, datenbasierten Arbeitsgestaltung werden – idealerweise im Zusammenspiel mit KI.
Wie KI die EinfĂĽhrung von Exoskeletten unterstĂĽtzt
In der deutschen Automobilindustrie entstehen ohnehin riesige Datenmengen: Taktzeiten, Qualitätsdaten, Ergonomie-Bewertungen, Arbeitsplatzanalysen. Clevere Unternehmen nutzen das, um Exoskelett-Projekte zielgerichtet aufzusetzen.
Typische Ansätze:
-
DatengestĂĽtzte Auswahl von Einsatzbereichen
- Kombination aus Krankheitsstatistik, Ergonomiebewertungen und Prozessdaten
- KI-gestĂĽtzte Mustererkennung: Wo treten besonders oft Ăśberlastungen auf?
-
SimulationsgestĂĽtzte Planung
- Digitale Zwillinge von Arbeitsplätzen
- Simulation von Bewegungsabläufen mit und ohne Exoskelett
-
Laufende Wirksamkeitskontrolle
- Auswertung von Produktions- und Gesundheitskennzahlen vor/nach EinfĂĽhrung
- KI-Analysen, um zu erkennen, ob Exoskelette richtig eingesetzt werden oder Anpassungen nötig sind
Damit werden Exoskelette nicht als Einzeltechnik betrachtet, sondern als Baustein einer KI-unterstĂĽtzten Produktions- und Arbeitsstrategie.
Digital, ergonomisch, menschzentriert
Moderne Produktionskonzepte setzen nicht auf „Mensch vs. Maschine“, sondern auf Mensch mit Technologie. Exoskelette, kollaborative Robotik, Assistenzsysteme, KI-gestützte Planung – das alles gehört zusammen.
Ein realistisches Zielbild fĂĽr 2026 und darĂĽber hinaus:
- KI identifiziert belastende Tätigkeiten und schlägt geeignete Maßnahmen vor.
- Exoskelette werden dort eingesetzt, wo Umbauten kurzfristig nicht möglich oder wirtschaftlich sind.
- Ergonomische Daten fließen zurück ins System, sodass Arbeitsplätze kontinuierlich optimiert werden.
- Mitarbeitende werden qualifiziert, Technologien zu verstehen und mitzugestalten statt nur „auszuhalten“.
Der Exo Experience Day liefert hierfür eine praktische Grundlage: Verständnis der Technologien, das Einordnen von Potenzialen und Grenzen sowie ein Gefühl dafür, wie Exoskelette sich in reale Arbeitsprozesse einfügen.
FĂĽr wen lohnt sich der Exo Experience Day konkret?
Kernbotschaft: Wenn Sie Verantwortung für Menschen, Produktivität oder Innovation in der Produktion tragen, gehört ein Praxistag mit Exoskeletten auf Ihre Agenda.
Die Veranstaltung richtet sich vor allem an:
- Werks- und Produktionsleiter
- Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Ergonomie-Experten
- Innovationsmanager und Digitalisierungsverantwortliche
- Arbeitsmediziner und Betriebsärzte
- alle, die im Unternehmen als „Exoskelett-Multiplikatoren“ auftreten sollen
Ihr konkreter Nutzen
Teilnehmende bekommen:
- einen strukturierten Ăśberblick ĂĽber Exoskelette und relevante Kategorien,
- Einblick in Evaluationsmethoden und Wirksamkeitsuntersuchungen,
- ein GefĂĽhl fĂĽr Akzeptanzfaktoren und typische Stolpersteine,
- die Möglichkeit, verschiedene Systeme real zu testen, nicht nur Prospekte zu vergleichen,
- praxisnahe Implementierungshilfen und Leitlinien fĂĽr das eigene Unternehmen,
- einen Ausblick auf digitale Arbeitsgestaltung mit Exoskeletten.
Der Exo Experience Day findet am 17.03.2026 von 09:30–16:00 Uhr am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart statt. Die Teilnahmegebühr liegt bei 790 Euro.
FĂĽr Unternehmen, die ohnehin ĂĽber mehrere Systeme nachdenken, ist das im Vergleich zu Fehlinvestitionen oder Fehlentscheidungen gut angelegtes Geld.
So könnte Ihr nächster Schritt aussehen
Wenn Ihre Produktion mit Fachkräftemangel, steigender körperlicher Belastung und älter werdenden Belegschaften ringt, sollten Exoskelette nicht nur ein Randthema sein. Gerade in der deutschen Automobilindustrie können sie ein wichtiges Puzzleteil sein, um Produktivität und Gesundheit in Einklang zu bringen.
Statt von Hersteller zu Hersteller zu springen, bietet der Exo Experience Day eine neutrale, forschungsbasierte Entscheidungsgrundlage. Sie erleben unterschiedliche Systeme im direkten Vergleich, verstehen die Methoden dahinter und nehmen konkrete Leitlinien fĂĽr die Umsetzung mit.
Ob Sie am Ende ein oder mehrere Exoskelette einführen – oder bewusst dagegen entscheiden – ist weniger wichtig als eines: Ihre Entscheidung basiert auf echter Erfahrung, belastbaren Daten und Akzeptanz in der Belegschaft.
Die Frage ist weniger, ob Exoskelette in den nächsten Jahren Einzug in die Produktion halten, sondern wo, wie und mit welcher Strategie. Wer sich jetzt systematisch vorbereitet, verschafft sich einen Vorsprung – technologisch und vor allem menschlich.