Die HPE-Herbsttagung 2025 zeigt, wie Europa-Regeln, KI und Kreislaufwirtschaft zusammenwachsen. Was Bauunternehmen jetzt für Baustelle 4.0 konkret ableiten können.
Europa, KI und Kreislauf: Was HPE fĂĽr Baustelle 4.0 zeigt
110 Teilnehmer bei einer Fachtagung für Holzpackmittel – das ist im deutschen Mittelstand kein Zufall, sondern ein Stimmungsbild. Wer heute mit Holz, Verpackungen und Logistik arbeitet, spürt den Druck: neue EU-Verordnungen, steigende Nachhaltigkeitsanforderungen, Fachkräftemangel – und gleichzeitig ein massiver Technologieschub durch KI.
Die Herbsttagung des Bundesverbands Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackungen (HPE) 2025 in Schwäbisch Gmünd bündelt genau diese Themen: Europa, Künstliche Intelligenz und Kreislaufwirtschaft. Und auch wenn es vordergründig „nur“ um Paletten und Holzverpackungen geht, ist die Botschaft für Bauunternehmen, Baustoffhersteller und Logistiker klar: Wer jetzt nicht systematisch digitalisiert und Kreisläufe aufbaut, verliert in den nächsten Jahren Tempo – und Aufträge.
In diesem Beitrag schauen wir uns an, was hinter HPECycle, EUDR, PPWR und dem KI-Fokus steckt – und wie Sie diese Trends konkret für Ihre Baustelle 4.0 nutzen können.
1. HPE-Herbsttagung als Seismograf: Warum 110 Teilnehmer ein Signal sind
Die HPE-Herbsttagung 2025 bricht mit rund 110 Teilnehmern einen Rekord. Das ist mehr als eine nette Randnotiz. Es zeigt: Kreislaufwirtschaft und Regulierung sind endgĂĽltig in der Chefetage angekommen.
Was dort passiert ist – kurz und knapp
- Fokus auf Europa-Themen: EUDR (Entwaldungsverordnung) und PPWR (Verpackungen & Verpackungsabfälle)
- Workshop zur Weiterentwicklung des Kreislaufsystems „HPECycle“
- Vortrag eines KI-Experten zu Arbeitsmarkt, Suche im Netz und praktischen Folgen fĂĽr die Branche
- Besuch der Stihl-Markenwelt mit Schwerpunkt Akku-Technologie und Intralogistik
Besonders spannend: Beim HPECycle-Workshop füllten über 100 Teilnehmer zunächst in absoluter Ruhe einen Online-Fragebogen im 630 m² großen Saal aus – ein fast symbolisches Bild. Die Branche weiß, dass subjektive Erfahrung jetzt systematisch in Daten und Prozesse übersetzt werden muss.
„Dabei helfen uns die Motivation, das breite Wissen und die vielfältigen Erfahrungen enorm weiter.“ – Marcus Kirschner, HPE-Geschäftsführer
FĂĽr die Bau- und Baustoffbranche lohnt sich der Blick auf diese Tagung, weil hier sichtbar wird, wie ein traditioneller, holzbasierter Industriezweig den Ăśbergang zur datengetriebenen Kreislaufwirtschaft organisiert. Genau dieses Muster ist ĂĽbertragbar auf Schalungen, Baustellenlogistik, Mehrwegverpackungen, Palettenpools und modularen Holzbau.
2. HPECycle: Wie ein Kreislaufsystem zum Produktivitätshebel wird
HPECycle ist im Kern ein standardisiertes, organisiertes Kreislaufsystem für Holzpackmittel. Es steht exemplarisch für das, was viele Bauunternehmen gerade brauchen: weg vom Einweg-Denken, hin zu planbaren Materialkreisläufen mit klaren Daten.
Was ein solches Kreislaufsystem leistet
Ein professionelles Kreislaufsystem fĂĽr Paletten, Kisten und Holzverpackungen schafft:
- Transparenz über Bestände: Wo befinden sich welche Ladungsträger?
- Kostensicherheit: weniger Schwund, klarere Lebenszyklus-Kosten
- Dokumentation fĂĽr Compliance: Nachweise fĂĽr EUDR, PPWR, COâ‚‚-Bilanz
- Standardisierung: einheitliche Qualitäten, einfachere Prozesse in Logistik und Baustellenabwicklung
Der HPE meldet aktuell 38 Partnerunternehmen, die bereits an HPECycle teilnehmen – Tendenz steigend. Das Ziel: das System in der gesamten Holzverpackungsbranche und bei deren Kunden zu etablieren.
Ăśbertrag auf die Bauindustrie: Drei konkrete Anwendungsfelder
Für die Kampagne „Baustelle 4.0“ sind ähnliche Systeme hoch relevant. Typische Hebel:
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Mehrweg-Transportsysteme fĂĽr Baustoffe
- Wiederverwendbare Kisten, Palettenaufsätze, Gitterboxen
- Digital gekennzeichnet (QR/RFID), zentral erfasst
- Automatisierte RĂĽckfĂĽhrung ĂĽber definierte Logistikpartner
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Kreislauf fĂĽr Schalungsmaterial und Holzbauteile
- Erfassung von Lebenszyklen: Einsatzanzahl, Schäden, Reparaturen
- Wiederverkauf oder „Second Life“ für nicht mehr tragende Bauteile
- Integration in BIM-Modelle und Materialpässe
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Digitaler Paletten- und Ladungsträger-Pool
- Plattformbasiertes Management von Paletten, Containern, Gestellen
- KI-gestützte Bedarfsprognose: wo werden wann wie viele Träger benötigt?
- Reduktion von Überbeständen und Engpässen
Wer das ernsthaft umsetzt, erreicht schnell harte Effekte: weniger Materialverluste, weniger Ad-hoc-Bestellungen, niedrigere Lagerflächen, bessere CO₂-Kennzahlen – alles Themen, die bei Ausschreibungen 2025 deutlich stärker gewichtet werden als noch vor drei Jahren.
3. EU-Regulierung (EUDR, PPWR): Von „lästig“ zu Wettbewerbsvorteil
Auf der HPE-Herbsttagung standen zwei EU-Verordnungen im Fokus – EUDR und PPWR. Viele Unternehmen empfinden solche Vorgaben zuerst als Zusatzlast. Die Realität: Wer sie klug nutzt, verschafft sich einen echten Marktvorteil.
EUDR – Europäische Entwaldungsverordnung
Die EUDR soll verhindern, dass Produkte auf den EU-Markt kommen, die zur Entwaldung beitragen. FĂĽr holzbasierte Materialien bedeutet das:
- Herkunftsnachweise fĂĽr Holzprodukte
- RĂĽckverfolgbarkeit bis zu bestimmten Lieferkettenstufen
- Dokumentationspflichten fĂĽr Importeure und Hersteller
FĂĽr Bauunternehmen mit Holzbau, Paletten, Schalungen oder Holzverpackungen heiĂźt das:
- Sie brauchen Lieferanten, die diese Nachweise liefern können.
- Gleichzeitig können sie das in Ausschreibungen und gegenüber Bauherren aktiv als Qualitätsmerkmal ausspielen.
PPWR – Verordnung zu Verpackungen und Verpackungsabfällen
Die PPWR treibt Mehrweg- und Recyclingquoten massiv nach oben. FĂĽr Baustoffverpackungen, Big Bags, Folien und Paletten bedeutet das mittelfristig:
- Deutlich höhere Anforderungen an Recyclingfähigkeit und Materialeinsatz
- Stärkere Förderung von Mehrweg- und Pool-Systemen
- Druck auf Einwegverpackungen und Mischmaterialien
Für die Baustelle 4.0 ist die Frage nicht: „Kommen diese Regeln?“, sondern: „Wer baut als Erster ein System, das sie wirtschaftlich nutzt?“
So machen Sie Regulierung zum Verkaufsargument
- Erstellen Sie klare Ăśbersichten, welche Produkte und Prozesse von EUDR/PPWR betroffen sind.
- Entwickeln Sie Standardnachweise und Datenblätter, die Ihre Vertriebsteams bei Ausschreibungen einreichen können.
- Kommunizieren Sie offensiv: „Wir erfüllen nicht nur, wir gestalten aktiv mit.“
Gerade öffentliche Auftraggeber achten 2025 deutlich stärker auf Nachweisbarkeit von ESG-Kriterien. Wer hier vorbereitet ist, gewinnt Ausschreibungen, bevor der Wettbewerb überhaupt die Unterlagen sortiert hat.
4. KI als Werkzeug, nicht als Buzzword: Was der HPE-Vortrag bedeutet
KI-Experte Gregor Schmalzried zeigte in Schwäbisch Gmünd, wie stark sich Arbeitsmarkt und Informationssuche verändern. Für viele wirkt KI noch abstrakt. Für die Baustelle 4.0 ist sie ein sehr konkretes Werkzeug – vor allem an der Schnittstelle von Kreislaufwirtschaft und operativem Alltag.
Drei praxisnahe KI-Szenarien fĂĽr Bau und Holzlogistik
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Prognose von Paletten- und Ladungsträgerbedarf
KI-Modelle können historische Daten (Baustellentyp, Bauphase, Lieferrhythmen) auswerten und Prognosen erstellen:- Wie viele Paletten werden im Januar auf Baustelle X benötigt?
- Wann lohnt sich eine Zwischenreparatur statt Neukauf?
- Wo entstehen typische Schwund-Hotspots?
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Automatisierte Dokumentation fĂĽr EUDR/PPWR
Statt manuell Daten aus Lieferscheinen, Zertifikaten und Systemen zusammenzuklicken, kann KI:- Informationen aus PDFs und E-Mails extrahieren
- Nachweise vorklassifizieren (z.B. Herkunft, Zertifikatsnummern)
- Standardreports fĂĽr Auditoren und Auftraggeber vorbereiten
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Visuelle Erkennung von Schäden und Sortierung
Mit Kameras (z.B. an Toren oder in Intralogistiklinien) lassen sich Paletten und Verpackungen automatisch beurteilen:- Erkennung von Bruchstellen, Nässe, Verzug
- Entscheidung: Reparatur, Weiterverwendung, Recycling
- Automatisches Labeling für das Kreislaufsystem (HPECycle-ähnlich)
Die Quintessenz: KI sollte dort eingesetzt werden, wo viele repetitive Datenentscheidungen nötig sind. Nicht als Prestigeprojekt, sondern als skalierbare Prozesshilfe.
Warum das Thema gerade jetzt Fahrt aufnimmt
Zwei Entwicklungen verstärken sich aktuell gegenseitig:
- Die Mengen an Prozessdaten steigen durch digitale Kreislaufsysteme, Intralogistik-Tracking, BIM und Telematik.
- KI-Tools werden gleichzeitig zugänglicher und günstiger. Unternehmen müssen keine großen Forschungsteams mehr aufbauen, um konkrete Anwendungsfälle zu realisieren.
Wer die HPE-Tagung aufmerksam liest, erkennt: Die Branche beginnt genau jetzt damit, das breite Erfahrungswissen der Praktiker mit Maschinendaten und KI zusammenzubringen. FĂĽr deutsche Bauunternehmen ist das eine Steilvorlage.
5. Praxisleitfaden: So nutzen Sie die HPE-Impulse fĂĽr Ihre Baustelle 4.0
Die Frage ist weniger „ob“, sondern „wie“ Sie starten. Ein praxistauglicher Einstieg besteht aus vier Schritten, die ich in Projekten immer wieder als funktionierend erlebt habe.
Schritt 1: Material- und Kreislaufanalyse starten
- Erfassen Sie alle Holz- und Verpackungsströme, die Ihr Unternehmen bewegen: Paletten, Kisten, Folien, Big Bags, Schalungen, Holzbauteile.
- Ordnen Sie zu: Einweg, Mehrweg, potenziell mehrwegfähig.
- Kennzeichnen Sie: Wo entstehen Wertverluste (Schwund, Schäden, Entsorgungskosten)?
Ziel: ein klares Bild, wo ein HPECycle-ähnlicher Ansatz für Ihr Unternehmen den größten Hebel hat.
Schritt 2: Pilot-Kreislaufsystem definieren
- Wählen Sie eine Region, einen Kundentyp oder ein Produktsegment als Pilot (z.B. Paletten für Trockenbauprodukte in Süddeutschland).
- Legen Sie Standards fest: Abmessungen, Qualitätsklassen, Kennzeichnung (QR/RFID), Rücklaufprozesse.
- Vereinbaren Sie mit 2–3 Schlüsselpartnern (Logistiker, Entsorger, Baustoffhändler) verbindliche Abläufe.
Wichtig: Kleiner, gut gesteuerter Pilot schlägt große, unklare Vision.
Schritt 3: KI-fähige Datenbasis schaffen
Bevor KI Mehrwert bringt, mĂĽssen die Grundlagen stimmen:
- Einführung einer einheitlichen ID für jeden Ladungsträger / jedes Holzbauteil im Pilot
- Erfassung von: Standort, Nutzungshäufigkeit, Schäden, Reparaturen, Entsorgungspfaden
- Ablage aller relevanten Dokumente (Zertifikate, EUDR-Nachweise, PPWR-Infos) in durchsuchbarer Form
Erst wenn diese Daten halbwegs sauber vorliegen, lohnt sich der Einsatz von KI fĂĽr Prognosen und Automatisierung.
Schritt 4: Zwei konkrete KI-Anwendungsfälle umsetzen
Statt „Wir machen jetzt KI“ empfehle ich, zwei klar umrissene Use Cases zu wählen:
- Bedarfsprognose für Paletten/Ladungsträger im Pilotgebiet
- Automatisierte Dokumentenaufbereitung fĂĽr regulatorische Nachweise
Beide Use Cases haben einen direkten Business-Nutzen (Kosten, Zeit, Compliance) und erzeugen intern Akzeptanz. Gleichzeitig bauen Sie Erfahrung auf, um später komplexere Szenarien (z.B. visuelle Schadenserkennung) umzusetzen.
6. Warum sich die deutsche Bauindustrie jetzt positionieren muss
Die HPE-Herbsttagung 2025 zeigt exemplarisch, wohin die Reise geht: Branchenverbände strukturieren Kreisläufe, Unternehmen vernetzen sich, KI rückt vom Panelthema in den Werkzeugkoffer.
Für die Bauindustrie, die ohnehin zwischen Fachkräftemangel, Kostendruck und Klimavorgaben steht, ist das keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Wer heute beginnt,
- Kreislaufsysteme nach HPECycle-Vorbild fĂĽr eigene Materialien aufzubauen,
- EU-Regulierung als Verkaufsargument statt als Last zu begreifen und
- KI dort einzusetzen, wo täglich hunderte kleine Datenentscheidungen getroffen werden,
legt das Fundament fĂĽr eine wirtschaftliche und regulatorisch robuste Baustelle 4.0.
Die spannende Frage für die nächsten Jahre lautet nicht, ob KI und Kreislaufwirtschaft die Bauindustrie verändern – das tun sie bereits. Die entscheidende Frage ist: Wer nutzt diese Entwicklung aktiv und wer wird von ihr getrieben?
Wenn Sie diesen Wandel gestalten wollen, ist jetzt – Ende 2025 – der richtige Zeitpunkt, intern eine klare Roadmap für Kreislauf- und KI-Projekte aufzusetzen und die richtigen Partner an den Tisch zu holen.