EU‑Taxonomie 2025: Mehr Daten, aber wenig Fortschritt. Warum die Quoten stagnieren – und wie Finanzinstitute Taxonomie-KPIs endlich strategisch nutzen können.

EU-Taxonomie 2025: Stagnation trotz mehr Daten – und was das für Sie bedeutet
2025 melden europäische Finanzinstitute ihre EU‑Taxonomie-Kennzahlen bereits zum dritten Mal. Die Datenlage ist besser, die regulatorischen Erwartungen höher – aber die Fortschritte bleiben überschaubar. Viele Institute bewegen sich bei einstelligen Alignment-Quoten, strategisch genutzt werden die Kennzahlen selten.
Das ist ein Problem. Denn die EU‑Taxonomie ist nicht nur ein Reporting-Format, sondern ein zentrales Werkzeug, um Kapital in nachhaltige Aktivitäten zu lenken – von Green Bonds bis hin zu nachhaltigen Kreditportfolios. Wer sie nur als Pflichtprogramm behandelt, verspielt Wettbewerbsvorteile, erhöht regulatorische Risiken und verliert Anschluss an Investorenerwartungen.
In diesem Beitrag geht es darum, was die PwC-Studie „EU Taxonomy Reporting 2025“ konkret zeigt, warum die Quoten trotz besserer Daten kaum steigen – und wie Finanzinstitute die Taxonomie gezielt für Steuerung, Produktentwicklung und Risikomanagement nutzen können.
1. Was 2025 bei der EU‑Taxonomie anders ist – und warum die Quoten trotzdem kaum steigen
2025 ist für Finanzinstitute ein Übergangsjahr: Die Datenbasis verbessert sich deutlich, gleichzeitig verändern neue Klarstellungen aus Brüssel die Berechnung der Kennzahlen.
Erweiterter Anwendungsbereich und neue Umweltziele
FĂĽr Finanzinstitute gilt 2025:
- Zweites Jahr Alignment-Reporting fĂĽr die beiden Klimaziele
- Ziel 1: Klimaschutz (climate change mitigation)
- Ziel 2: Anpassung an den Klimawandel (climate change adaptation)
- Erstes Jahr Eligibility-Reporting fĂĽr die weiteren vier Umweltziele:
- nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
- Ăśbergang zu einer Kreislaufwirtschaft
- Vermeidung und Verminderung von Umweltverschmutzung
- Schutz und Wiederherstellung von Biodiversität und Ökosystemen
Damit wird die EU‑Taxonomie von vielen Häusern erstmals nicht nur als „Klimatool“, sondern als breiter Umweltstandard wahrgenommen. Gleichzeitig ist klar: Je breiter der Scope, desto komplexer die Datenanforderungen.
Bessere Datengrundlage – vor allem für Banken und Versicherer
Die PwC-Analyse von 93 Instituten aus 11 europäischen Ländern zeigt drei wesentliche Fortschritte:
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Nutzung von Taxonomie-Daten der Gegenparteien
Seit 2024 müssen große Unternehmen eigene Taxonomie-KPIs veröffentlichen. 2025 können Banken, Versicherer und Asset Manager diese Informationen erstmals systematisch in ihre Berechnung einbeziehen. -
Mehr Transparenz bei Privatkunden-Exposures
Vor allem im Immobiliengeschäft steigen die Anteile taxonomiefähiger und -ausgerichteter Aktivitäten – unter anderem, weil Institute besser erfassen, welche Wohnimmobilien energieeffizient sind. -
Einsatz von Energieausweisen (EPCs) deutlich gestiegen
Rund 70 % der untersuchten Institute nutzen nun systematisch Energieausweise für die Ermittlung von Taxonomie-Quoten – ein deutlicher Sprung gegenüber dem Vorjahr.
Die Erwartung wäre: bessere Daten, höhere Alignment-Quoten. Die Realität: durchschnittliche Eligibility und Alignment bleiben weitgehend stagnierend.
Warum die Kennzahlen trotz besserer Daten kaum steigen
DafĂĽr gibt es drei HauptgrĂĽnde:
- Methodenänderungen durch FAQs der EU‑Kommission (12/2023) erschweren den Vorjahresvergleich und bremsen nominell die Quoten.
- Geschäftsmodell-Effekte: Viele Portfolios sind schlicht (noch) nicht taxonomiefähig, etwa SME-Finanzierungen ohne Offenlegungspflicht oder Engagements in Nicht-EU-Märkten.
- Steuerungsrelevanz bleibt gering: Solange Vorstände und Risiko-Committees die Taxonomie nicht aktiv als Steuerungsgröße verwenden, bleibt sie ein Reporting-Thema – ohne echten Push für Portfolioumbau.
Wer wissen will, wie gut er wirklich vorankommt, muss daher tiefer schauen als nur auf die nackten Prozentwerte.
2. FAQs der EU‑Kommission 2023: Warum sich viele Quoten „künstlich“ verändern
Die FAQs der EU‑Kommission vom Dezember 2023 klingen nach Detailarbeit – haben aber klare Effekte auf die KPIs.
Positive Effekte: Konzernquoten und bessere Zuordnung
Konzernquoten fĂĽr Tochtergesellschaften
Wenn Tochterunternehmen ihre eigenen Taxonomie-KPIs nicht veröffentlichen, erben sie nun die Quoten der Muttergesellschaft. Ergebnis:
- höherer Anteil an Exposures zu Unternehmen mit NFRD-/CSRD-Pflichten
- dadurch mehr Positionen, die überhaupt taxonomiefähig sind
- tendenziell steigendes Alignment in bestimmten Portfolios
Gerade in großen Bankengruppen führen diese Regeln dazu, dass bisher „graue“ Exposures plötzlich taxonomiefähig und teils ausgerichtet werden.
Negative Effekte: Erweiterter Nenner und „Premium Split“
Auf der anderen Seite drĂĽcken zwei Klarstellungen die Quote nach unten:
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Einbezug aller regionalen und lokalen Regierungen in den Nenner
Öffentliche Hand ist bisher nur sehr begrenzt taxonomiefähig. Wenn aber alle entsprechenden Forderungen im Nenner landen, sinkt die Alignment-Quote – unabhängig davon, ob das Portfolio real „grüner“ geworden ist. -
Versicherungs-Underwriting nur mit klimaÂbezogener Prämie im Zähler
Für Versicherer zählt beim Underwriting-Geschäft nicht mehr das Gesamtvolumen, sondern nur der „klimabezogene“ Anteil der Prämien im Zähler. Das kann Alignment rechnerisch verringern, obwohl der Impact des Produkts steigt.
Die Folge:
Viele Häuser sehen 2025 veränderte Taxonomie-Quoten, ohne dass sich ihr Portfolio grundlegend gewandelt hat.
FĂĽr das Management heiĂźt das: ohne saubere Attribution zwischen Methoden- und Portfolioeffekt kann die KPI-Entwicklung leicht fehlinterpretiert werden.
3. Geschäftsmodell schlägt Quote: Warum Eligibility stark variiert
Ein entscheidender Befund der Studie: Taxonomie-Eligibility hängt massiv vom Geschäftsmodell ab. Wer Kennzahlen ohne diesen Kontext vergleicht, landet schnell bei falschen Schlussfolgerungen.
Banken: leichte Verschiebungen, stark abhängig von Kundensegmenten
In der Bankenwelt zeigt sich:
- Eligibility leicht rückläufig,
- Alignment minimal steigend.
Treiber sind unter anderem:
- hoher Anteil an KMU-Finanzierungen, die (noch) nicht berichtspflichtig sind
- Engagements in Nicht-EU-Ländern, für die keine Taxonomie-Quoten vorliegen
- traditionell große Bestände an Allzweckkrediten ohne eindeutige Zweckbindung
Eine Retailbank mit starkem Hypothekenbuch für energieeffiziente Gebäude kann daher deutlich höhere Quoten erreichen als eine Spezialbank für KMUs oder Projektfinanzierung in Schwellenländern – selbst bei vergleichbarer Nachhaltigkeitsambition.
Versicherer: Investment vs. Underwriting
Bei Versicherern differenziert die Studie klar zwischen Kapitalanlage und Underwriting:
- Investment-Geschäft: leichte Zuwächse bei Eligibility und Alignment – hier wirken CSRD-Daten der Emittenten und nachhaltige Investmentstrategien.
- Underwriting-Geschäft: Eligibility geht zurück, Alignment steigt nur moderat – auch wegen der neuen „Premium-Split“-Logik.
Für das Management bedeutet das: Es bringt wenig, einen einheitlichen Zielwert für das gesamte Haus festzulegen. Sinnvoller ist ein segmentierter Zielkorridor, der die Realität der Geschäftsmodelle abbildet.
Warum der direkte Vergleich zwischen Instituten wenig aussagt
Ein Institut mit 5 % Alignment kann ambitionierter unterwegs sein als eines mit 15 %, wenn:
- das Portfolio einen höheren Anteil strukturell nicht-taxonomiefähiger Engagements hat,
- interne Kreditrichtlinien deutlich strenger sind,
- Transformationsfinanzierungen eine größere Rolle spielen.
Wer die EU‑Taxonomie für externe Kommunikation und Peergroup-Benchmarking nutzt, braucht daher ergänzende Narrative und Kennzahlen – sonst ist die reine Quote irreführend.
4. Das eigentliche Problem: Taxonomie-Daten werden kaum strategisch genutzt
Die PwC-Studie zeigt deutlich: Die meisten Häuser nutzen EU‑Taxonomie-Daten bisher primär für Compliance.
Warum Taxonomie-KPIs oft im Reporting steckenbleiben
Dafür werden in der Studie mehrere Gründe genannt, die ich aus der Praxis nur bestätigen kann:
- niedrige, einstellige Alignment-Quoten wirken demotivierend und strategisch „irrelevant“.
- starke Abhängigkeit vom Geschäftsmodell erschwert Zielbild und Steuerung.
- KPIs sind nicht immer steuerungsgeeignet, etwa weil sie zu aggregiert sind oder methodisch volatil.
- Regulatorische Dauerbaustellen (CSRD, SFDR-Review, Omnibus-Vorschläge, EBA-Guidelines) binden Ressourcen im „Abwehrmodus“ – für strategische Nutzung bleibt wenig Kapazität.
Das Ergebnis: Taxonomie-Kennzahlen landen im Lagebericht, nicht in der Produktentwicklung, nicht im Risk Appetite Framework und selten in der Vorstandsagenda.
Was Institute konkret ändern sollten
Wer aus der Compliance-Falle heraus will, sollte drei Schritte gehen:
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Taxonomie-KPIs ins Steering-Set integrieren
- Taxonomie-Quoten als Ergänzung zu CO₂-Intensität, PACTA, Temperaturpfaden
- Einbindung in Kredit- und Underwriting-Guidelines (z.B. Mindestanteile förderfähiger Aktivitäten in Neugeschäftssegmenten)
-
Granular statt nur auf Gesamtbankebene steuern
- Taxonomie-Kennzahlen je Segment, Produktgruppe, Land
- interne Zielkorridore für ausgewählte Portfolios (z.B. Immobilien, Projektfinanzierung, Infrastruktur)
-
Taxonomie mit Incentives verknĂĽpfen
- Einbindung in Management-Boni und Zielvereinbarungen
- Anreizsysteme für Vertriebseinheiten, wenn nachhaltige Produkte und taxonomiefähige Aktivitäten wachsen
Wo Taxonomie-Daten in Pricing, Produktdesign und Portfolioallokation einfließen, entsteht echte Wirkung – und plötzlich macht das Thema auch betriebswirtschaftlich Sinn.
5. Blick nach vorn: Neue KPIs, Green Products und ESG-Risiken
Die Studie zeigt auch, wohin die Reise geht: EU‑Taxonomie-Daten werden in den nächsten Jahren deutlich relevanter – ob man will oder nicht.
Neuer KPI: Alignment geteilt durch Eligibility
Die Omnibus-Vorschläge sehen einen zusätzlichen KPI vor:
Taxonomie-Alignment / Taxonomie-Eligibility
Dieser Indikator misst, wie viel des potenziell taxonomiefähigen Geschäfts tatsächlich taxonomiekonform ist. Vorteile:
- unabhängiger vom Geschäftsmodell als die reine Alignment-Quote,
- zeigt Fortschritt im „Greening“ des Portfolios über die Zeit,
- eignet sich als interne Steuerungsgröße für Business Lines.
Wer heute schon pilotiert, wie dieser KPI im Reporting und in der Steuerung genutzt werden kann, ist der Regulierung ein bis zwei Jahre voraus.
Taxonomie als DNA fĂĽr Green Financial Products
Parallel dazu wird Taxonomie-Data zum Rohstoff für die nächste Generation nachhaltiger Produkte:
- Green Bonds & Green Loans: klare Zuordnung der Use-of-Proceeds zu taxonomiekonformen Aktivitäten
- Nachhaltige Fonds & Mandate: Anpassung an die kĂĽnftige SFDR-Systematik mit neuen Produktkategorien
- Strukturierte Produkte: Kombination klassischer Ertragsprofile mit taxonomiebasierten Underlyings
Der SFDR-Review dürfte die Produktlandschaft neu ordnen. Institute, die Taxonomie-Daten bereits heute qualitativ hochwertig aufbereiten, können schneller neue Produktlinien launchen – ein echter Wettbewerbsvorteil im deutschen Markt, in dem institutionelle Investoren immer klarere Nachhaltigkeitsvorgaben formulieren.
ESG-Risikomanagement und Net-Zero-Pfade
Aufsicht und Marktteilnehmer erwarten zunehmend, dass Net-Zero-Ziele nicht nur auf Folien existieren, sondern im Kredit- und Investmentprozess ankommen.
- Die EBA-Guidelines zu ESG-Risikomanagement verschärfen die Anforderungen an Governance, Strategie und Risikosteuerung.
- Taxonomie-KPIs können als Frühindikator für Übergangsrisiken genutzt werden: Je höher der „braune“ Anteil in einem Sektor, desto höher potenziell das Transformationsrisiko.
- In Kombination mit Emissionsdaten und Sektorpfaden werden Taxonomie-Quoten zu einem wichtigen Planungsinstrument fĂĽr Net-Zero-Strategien.
Mein Fazit an dieser Stelle: Wer Taxonomie nur als Offenlegungstool sieht, ĂĽbersieht ihren Wert als Steuerungsinstrument fĂĽr Dekarbonisierung und Risikoreduktion.
6. Konkrete To-dos für 2026: Wie Sie Ihre Taxonomie-Strategie schärfen
Damit aus Reporting echte Steuerung wird, sollten Institute 2026 gezielt an fĂĽnf Hebeln arbeiten:
-
Datenarchitektur und Governance festziehen
- klare Owner fĂĽr Taxonomie-Daten in Risiko, Finanzen und Nachhaltigkeit
- transparente Dokumentation von Methodenänderungen und deren Effekten
-
Segmentierte Zielbilder definieren
- realistische, aber ambitionierte Zielkorridore je Geschäftssegment
- Einsatz des neuen KPI
Alignment/Eligibilityals FortschrittsmaĂź
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Taxonomie in Produktprozesse integrieren
- Standardanforderungen fĂĽr Green Loans, Green Bonds, nachhaltige Fonds
- verbindliche Checklisten und Mindeststandards in der Produktfreigabe
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Verzahnung mit CSRD, SFDR und EBA-Anforderungen
- konsistentes Storytelling ĂĽber alle Berichtsformate hinweg
- Vermeidung von Doppelarbeit durch integrierte Datennutzung
-
Management und Vertrieb befähigen
- Schulungen zu Interpretation und Grenzen der Taxonomie-KPIs
- Vertriebsmaterialien, die Taxonomie-Logik kundenverständlich machen
Wer diese Punkte konsequent angeht, wird die nächsten Regulierungswellen nicht nur „überstehen“, sondern geschäftlich nutzen.
Schlussgedanke: Von der Quote zur Steuerung – jetzt den Schalter umlegen
Die PwC-Studie zum EU Taxonomy Reporting 2025 zeigt deutlich: Mehr Daten fĂĽhren nicht automatisch zu besseren Ergebnissen. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, Taxonomie-Kennzahlen aus der Compliance-Ecke herauszuholen und in Strategie, Produkte und Risikomanagement zu ĂĽberfĂĽhren.
EU‑Taxonomie ist kein Selbstzweck. Richtig eingesetzt wird sie zu einem praktischen Kompass für die Transformation von Portfolios, für glaubwürdige nachhaltige Produkte und für robuste ESG-Risikosteuerung. Die entscheidende Frage für 2026 lautet daher:
Nutzen Sie Taxonomie-Daten schon aktiv zur Steuerung – oder berichten Sie sie nur, weil Sie müssen?