EU-Taxonomie 2024: Zahlen, Stolpersteine, Chancen

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche LeitfadenBy 3L3C

EU-Taxonomie 2024: Datenqualität steigt, aber Strategien fehlen. Warum GAR & Co. mehr sind als Pflichtkennzahlen – und wie Unternehmen sie jetzt klug nutzen können.

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EU-Taxonomie 2024: Zahlen, Stolpersteine, Chancen

Die durchschnittliche Green Asset Ratio europäischer Banken liegt laut aktueller Studie bei gerade einmal 2 %. Gleichzeitig steigt der Druck von EU-Regulierung, Investoren und Kund:innen – insbesondere in Deutschland, wo Nachhaltigkeit längst ein Wettbewerbsthema ist.

Genau hier wird deutlich: Die EU-Taxonomie ist schon heute ein massiver Datengenerator, wird aber von vielen Unternehmen noch nicht als Steuerungsinstrument genutzt. Das ist eine vertane Chance – vor allem für Institute und Unternehmen, die sich glaubwürdig auf eine Net-Zero-Strategie ausrichten wollen.

In diesem Beitrag schauen wir uns die Ergebnisse der PwC-Studie „EU Taxonomy Reporting 2024“ an, übersetzen sie in klare Konsequenzen für Praxis und Strategie und zeigen, wie sich Unternehmen jetzt für die Berichtssaison 2025 (CSRD!) sinnvoll aufstellen.

1. Wo stehen wir 2024 beim EU-Taxonomie-Reporting?

Die EU-Taxonomie ist inzwischen im dritten Berichtsjahr angekommen. Seit 2022 müssen große, kapitalmarktorientierte Industrie- und Finanzunternehmen über Taxonomie-Fähigkeit (eligibility) und -Übereinstimmung (alignment) berichten. 2023 kamen erstmals breiter die Umweltziele 1 und 2 (Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel) in der Praxis an.

Die Studie zeigt drei zentrale Punkte:

  1. Datenqualität und Standardisierung verbessern sich.
  2. Die Quote taxonomiefähiger Aktivitäten ist deutlich höher als die tatsächlich taxonomiekonformen Umsätze und Investitionen.
  3. Taxonomie-Daten werden kaum für strategische Entscheidungen genutzt – sondern hauptsächlich für Compliance.

Für die Analyse wurden 530 nichtfinanzielle und 97 Finanzunternehmen aus 12 EU-Ländern ausgewertet. Damit ist das Bild relativ robust – und die Aussage klar: Fortschritte ja, strategische Nutzung nein.

2. Finanzsektor: Gute Datengrundlage, schwache Kennzahlen

Die kurze Antwort: Banken und Versicherer berichten zwar mehr und strukturierter, aber wirklich grüne Bilanzen sieht man in den Zahlen noch nicht.

2.1 Banken: 2 % GAR sind ein Weckruf

Die Green Asset Ratio (GAR) – also der Anteil taxonomiekonformer Assets an den relevanten Finanzierungen – liegt im Schnitt bei nur 2 % (sowohl umsatz- als auch CapEx-basiert).

Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Datenlücken bei Kund:innen: Viele Unternehmen liefern noch unvollständige oder uneinheitliche Taxonomie-Daten.
  • Enger Anwendungsbereich: Ein großer Teil klassischer Bankprodukte fällt (noch) gar nicht oder nur teilweise unter die technischen Bewertungskriterien.
  • Methodenvielfalt: Unterschiedliche Interpretationen der EU-Vorgaben führen zu stark abweichenden Ergebnissen.

Die Folge: Die GAR ist aktuell kein belastbarer Indikator für die Nachhaltigkeitsleistung einer Bank – aber sie ist ein stark beachteter KPI im Markt und bei Aufsicht und Investoren. Gerade deutsche Institute, die ohnehin unter Renditedruck stehen, können es sich kaum leisten, hier dauerhaft im unteren Feld zu bleiben.

2.2 Länderunterschiede: Niederlande weit vorne

Die länderspezifische Taxonomie-Alignment-Quote (Umsatz und CapEx) schwankt im Schnitt zwischen 0 und 23 %. Besonders auffällig: Niederländische Unternehmen erzielen im Schnitt rund 13 % Alignment.

Ein wesentlicher Treiber dürfte die bessere Verfügbarkeit von Energieausweisen (EPC) und detaillierten Gebäudedaten sein. Für Banken mit großem Immobilienbuch macht das einen massiven Unterschied in der GAR-Berechnung.

Für deutsche Institute heißt das ganz konkret:

  • Ohne strukturierte Datenerhebung im Immobilienportfolio bleiben GAR-Werte künstlich niedrig.
  • Wer frühzeitig EPC-Daten, CO₂-Intensitäten und Transformationspfade erfasst, kann sich im Wettbewerbsvergleich deutlich absetzen.

2.3 Versicherer: Underwriting als Problemzone

Bei europäischen Versicherern zeigt die Studie:

  • Taxonomiefähigkeit im Underwriting: Spannbreite 1 bis 47 % je nach Methodik.
  • Taxonomiefähigkeit im Investmentgeschäft: etwa 3 bis 27 % (umsatzbasiert) und 4 bis 32 % (CapEx-basiert).
  • Taxonomie-Alignment im Underwriting: im Schnitt ebenfalls nur rund 2 %.

Die starke Streuung im Underwriting ist ein Warnsignal: Wo Methoden so unterschiedlich angewendet werden, ist die Vergleichbarkeit gering – und der Mehrwert für Steuerung und Produktentwicklung entsprechend begrenzt.

Für deutsche Versicherer bietet sich eine klare Chance: Wer früh auf konsistente Underwriting-Kriterien, KI-gestützte Risikoanalyse (z.B. Klimarisiken, physische Risiken, Transitionsrisiken) und transparente Taxonomie-Methodik setzt, kann sowohl Aufsicht als auch Kund:innen mit belastbaren Zahlen überzeugen.

3. Nichtfinanzielle Unternehmen: Mehr Reporting, aber große Lücke

Nichtfinanzielle Unternehmen – also Industrie, Handel, Services – liegen bei der Umsetzung ein gutes Stück weiter als viele denken.

3.1 Reporting-Quote und Templates

Die Studie zeigt:

  • 93 % der Industrieunternehmen berichten inzwischen zur EU-Taxonomie.
  • 76 % nutzen dafür den Jahresabschluss, so wie es auch im Kontext der CSRD ab 2025 gefordert wird.
  • 87 % verwenden die verpflichtenden EU-Templates – ein deutlicher Anstieg zum Vorjahr.
  • Rund 40 % berichten bereits über die neuen technischen Bewertungskriterien (TSC) für die Umweltziele 3 bis 6.

Das ist ein klarer Fortschritt: Struktur, Formate und Prozesse setzen sich durch. Viele DAX- und MDAX-Konzerne haben ihre internen ESG-Reporting-Teams inzwischen wie klassische Controlling-Einheiten aufgestellt.

3.2 Die zentrale Baustelle: Eligibility vs. Alignment

Trotz dieser Fortschritte bleibt die zentrale Kennzahl ernüchternd:

  • Durchschnittliche Taxonomiefähigkeit (Umsatz-basiert): ca. 30 %
  • Durchschnittliches Alignment (Umsatz-basiert): nur etwa 9 %

Mit anderen Worten: Ein großer Teil der wirtschaftlichen Aktivitäten könnte theoretisch unter die Taxonomie fallen, erfüllt aber (noch) nicht die strengen technischen Kriterien.

Häufige Ursachen:

  • Technische Grenzwerte (z.B. Emissionsgrenzen) werden nicht erreicht.
  • Do-No-Significant-Harm-Kriterien (DNSH) sind unzureichend dokumentiert.
  • Mindestschutz (Minimum Safeguards) zu Menschenrechten oder Governance ist nicht sauber nachweisbar.

Gerade in energieintensiven Branchen – etwa Chemie, Stahl oder Textil – wird deutlich: Ohne klare Transformationspfade, Investitionsprogramme und Technologieentscheidungen bleibt die Lücke zwischen Eligibility und Alignment bestehen.

4. Warum Taxonomie-Daten noch kaum für Strategie genutzt werden

Der vielleicht wichtigste Befund der Studie: Finanzinstitute und viele Industrieunternehmen nutzen Taxonomie-Daten bisher fast ausschließlich zur Erfüllung regulatorischer Transparenzpflichten. Für Steuerung, Pricing, Produktentwicklung oder Portfolio-Management werden sie nur vereinzelt eingesetzt.

Die Gründe sind pragmatisch:

  • Niedrige Alignment-Quoten: Wenn nur ein kleiner Teil des Geschäfts taxonomiekonform ist, erscheint der KPI wenig hilfreich für die Steuerung.
  • Methodische Unsicherheit: Unterschiedliche Auslegungen führen zu Skepsis im Management.
  • Zeitpunkt der Regulierung: Die wichtige Auslegungshilfe der EU-Kommission vom Dezember 2023 kam kurz vor der Berichtssaison – zu spät für eine umfassende Implementierung im Geschäftsjahr 2023.

Dabei könnte die Taxonomie bereits heute zentrale Kennzahlen für Net-Zero-Strategien liefern:

  • Anteil taxonomiekonformer Umsätze und Investitionen
  • Transformationsquoten auf Basis CapEx für grüne Technologien
  • Übergangspfad von taxonomiefähig zu taxonomiekonform über mehrere Jahre

Die Realität: Viele Unternehmen erfassen diese Daten, ohne sie konsequent ins Risikomanagement, Produktportfolio oder die Vorstandssteuerung zu überführen.

5. Was Unternehmen jetzt konkret tun sollten

Die gute Nachricht: Die Grundlagen sind gelegt. Die Kombination aus EU-Taxonomie, CSRD und besserer ESG-Datenlage ab 2025 eröffnet die Chance, Nachhaltigkeit nicht mehr nur zu berichten, sondern aktiv zu steuern – und zwar mit Kennzahlen, die Investor:innen, Banken und Regulierer verstehen.

5.1 Standardisierung der Methoden – intern und in der Branche

Unternehmen sollten kurzfristig:

  • Ein einheitliches Taxonomie-Handbuch definieren (Scope, Methodik, Interpretationen, Datenquellen).
  • Branchenstandards und Verbandspositionen aktiv verfolgen und wo möglich mitgestalten.
  • Prüfung und Assurance für wesentliche Taxonomie-Kennzahlen vorbereiten, um Vertrauen im Kapitalmarkt zu erhöhen.

Je klarer und stabiler die Methodik, desto eher taugen Taxonomie-KPIs als Grundlage für Investitionsentscheidungen oder Kreditvergaben.

5.2 Taxonomie-Kennzahlen in die Steuerung integrieren

Konkrete Hebel, die ich in der Praxis als besonders wirksam erlebt habe:

  • Banken

    • GAR und weitere grüne KPIs in das Risikomanagement und die Portfolio-Lenkung aufnehmen.
    • Kreditrichtlinien und Pricing mit Taxonomie-Kriterien verknüpfen (z.B. Zinsvorteile für taxonomiekonforme Aktivitäten).
    • KI-gestützte Tools nutzen, um Unternehmensdaten, Energieausweise und Klimarisiken effizient auszuwerten.
  • Versicherer

    • Underwriting-Guidelines mit klaren Ausschluss- und Positivkriterien auf Basis der Taxonomie anreichern.
    • Szenarioanalysen zu physischen und Übergangsrisiken in Pricing und Produktdesign integrieren.
  • Nichtfinanzielle Unternehmen

    • Taxonomie-Kennzahlen in die Investitionsplanung (CapEx) einbinden: Welche Projekte erhöhen Alignment, welche nicht?
    • Bonussysteme für Management so ausrichten, dass Taxonomie-Alignment und Emissionsreduktionen messbare Ziele werden.
    • KI nutzen, um komplexe Lieferketten zu analysieren, Textil- oder Produktionsdaten mit Emissionsfaktoren zu verbinden und DNSH-Kriterien effizient zu prüfen – gerade in Branchen wie Mode, Automobil oder Maschinenbau.

5.3 Vorbereitung auf CSRD 2025: Taxonomie und ESRS zusammendenken

Ab dem Berichtsjahr 2025 werden viele deutsche Unternehmen erstmals CSRD- und ESRS-konform berichten. Wer jetzt nur Taxonomie-Daten sammelt, ohne sie mit den übrigen ESG-Kennzahlen zu verknüpfen, verpasst Synergien.

Sinnvolle Schritte:

  • Datensilos aufbrechen: Finanz-, Nachhaltigkeits- und Risikoabteilung müssen mit einem gemeinsamen ESG-Datenmodell arbeiten.
  • Taxonomie, Klimaziele und Übergangsplanung in einem konsistenten Narrativ verbinden.
  • Digitale ESG-Plattformen und KI-gestützte Analysen aufsetzen, um aus Pflichtberichterstattung wirkliche Steuerungsintelligenz zu machen.

Gerade für deutsche Unternehmen in der Mode- und Konsumgüterbranche gilt: Wer jetzt seine Wertschöpfungsketten transparent macht, Lieferanten nach Taxonomie-Kriterien bewertet und nachhaltige Materialien datenbasiert priorisiert, gewinnt einen echten Vorsprung – bei Banken, Kund:innen und regulatorischer Resilienz.

6. Fazit: Von der Pflichtkennzahl zum strategischen Kompass

Die PwC-Studie zur EU-Taxonomie 2024 zeigt ein klares Bild: Mehr Unternehmen berichten, die Daten werden besser – aber die Kennzahlen werden noch zu selten genutzt, um das Geschäft wirklich zu steuern.

Wer jetzt umdenkt, kann die EU-Taxonomie vom reinen Regulierungsthema zum strategischen Kompass für die Transformation machen. Das gilt für Banken und Versicherer ebenso wie für Industrie, Handel und insbesondere für Branchen mit hohem öffentlichem Nachhaltigkeitsdruck wie die Modebranche in Deutschland.

Die zentrale Frage für die nächsten 12–24 Monate lautet deshalb nicht mehr: Müssen wir berichten? Sondern: Wie nutzen wir unsere Taxonomie-Daten, um Kapital, Produkte und Innovation konsequent in Richtung nachhaltige Wirtschaft zu lenken?

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