Digitale Transformation im EVU: Wie Energieversorger und Handwerksbetriebe mit Cloud, Security, Anwendungen und KI den Schritt zur smarten Schweiz schaffen.
Warum die digitale Transformation im EVU jetzt entscheidet
Strompreise schwanken, Netzengpässe nehmen zu, Kund:innen erwarten Transparenz in Echtzeit – und gleichzeitig werden die Margen kleiner. Viele Energieversorger (EVU) in der Schweiz stehen damit genau zwischen Regulierung, Kostendruck und Wandel der Kundenerwartungen.
Die Realität: ohne konsequente digitale Transformation wird ein EVU in den nächsten Jahren kaum noch wirtschaftlich und organisatorisch mithalten können. Aber Digitalisierung heisst nicht einfach „eine neue App“ oder „Smart Meter einbauen“. Es geht um ein komplett anderes Denken in Prozessen, Daten und Services – vom Handwerksbetrieb, der Photovoltaik-Anlagen montiert, bis zum regionalen Versorger mit Verteilnetz.
In diesem Beitrag zeige ich, wie sich EVU und angeschlossene Handwerksbetriebe Schritt für Schritt zu einem smarten, datengetriebenen Energie-Dienstleister entwickeln können: mit Cloud Computing, Security, digitalen Anwendungen und KI – pragmatisch, machbar und auf Schweizer Verhältnisse zugeschnitten.
1. Was „digitale Transformation im EVU“ konkret bedeutet
Digitale Transformation im EVU heisst: vom klassischen Energie-Lieferanten zum orchestrierenden Plattformbetreiber zu werden.
Statt nur Kilowattstunden zu verkaufen, bauen EVU und ihre Partner ein digitales Ă–kosystem auf, das drei Dinge zusammenbringt:
- Daten (Verbrauch, Erzeugung, Netzstatus, Tarife)
- Prozesse (Netzbetrieb, Abrechnung, Kundenservice, Installation vor Ort)
- Services (dynamische Tarife, E-Mobility, PV, Speicher, Smart Home, Lastmanagement)
Für Schweizer Handwerksbetriebe – etwa Elektroinstallateure, Solar- und Heizungsfirmen – ist das eine riesige Chance: Sie werden Teil dieser digitalen Wertschöpfung, statt nur „Montage-Dienstleister“ zu sein.
Wer Energieprojekte heute nur analog plant, baut und abrechnet, verliert morgen den Zugang zum Kunden.
Digitale Transformation im EVU umfasst typischerweise:
- Smart Metering & Smart Grid: vom Ablesezettel zur Echtzeit-Datenbasis
- Kundenplattformen: Self-Service-Portale, Apps, digitale Angebote
- Automatisierte Backoffice-Prozesse: Billing, Forderungsmanagement, Dokumentation
- Datenbasierte Entscheidungen: Netzplanung, Investitionen, Lastverschiebung
- Neue Geschäftsmodelle: Energiegemeinschaften, Flexibilität, „Energy as a Service“
Und die Grundlage fĂĽr alles: eine solide, sichere IT- und Cloud-Infrastruktur.
2. Cloud Computing als Technologie-Basis der Digitalisierung
Ohne Cloud kommen EVU und Handwerksbetriebe kaum mehr aus. Der Grund ist simpel: Datenmengen, Integrationen und Echtzeit-Anforderungen sprengen in der Regel klassische On-Premise-Lösungen.
2.1 Warum Cloud fĂĽr EVU und Handwerk Sinn macht
Cloud Computing ist für Energieunternehmen nicht „nice-to-have“, sondern die technische Basis der Digitalisierung:
- Skalierung: Mehr Smart Meter, mehr Kunden, mehr Daten – ohne neue Hardware-Investitionen
- Schnellere EinfĂĽhrung neuer Anwendungen (Portale, KI-Auswertungen, IoT-Plattformen)
- Bessere Zusammenarbeit zwischen EVU, Installationsbetrieben, Planern und Herstellern
- Standardisierte Sicherheitsmechanismen und Updates
FĂĽr kleinere Schweizer Handwerksbetriebe, die im Auftrag von EVU arbeiten, bietet die Cloud zudem:
- Mobile Auftragssteuerung (Tablet/Smartphone statt Papierauftrag)
- Gemeinsame Datenbasis mit dem EVU (Zähler, Anlagen, Historie)
- Digitales Fotoprotokoll, Dokumentation, digitale Unterschriften vor Ort
2.2 Typische Cloud-Anwendungsfälle im EVU-Umfeld
Konkrete Beispiele, wie Cloud im Energieumfeld genutzt wird:
- Smart-Metering-Plattformen: Zählerdaten werden in der Cloud gesammelt und aufbereitet
- Kundenportal & App: Verbrauch in Echtzeit, TarifĂĽbersicht, Vertragsverwaltung
- Abrechnung & ERP in der Cloud: Integration von EVU, Netzbetreiber und Installationsbetrieben
- Monitoring von PV-Anlagen & Speichern: Betriebszustand, Erträge, Störungen
- KI-gestĂĽtzte Prognosen: Lastprognosen, Einspeisung aus PV und Wind, Ausfallrisiken
Wer heute als EVU oder Dienstleister eine neue Anwendung plant, sollte standardmässig fragen: „Wie setzen wir das cloudbasiert, sicher und integrationsfähig auf?“ – alles andere erzeugt morgen technische Schulden.
3. Sicherheit und Datenschutz: Grundlage fĂĽr Vertrauen
Gerade in der Schweiz ist Vertrauen das wichtigste Kapital eines EVU. Kund:innen erwarten, dass ihre Verbrauchsdaten, Installationsdaten und Vertragsinformationen sicher sind – und nur für sinnvolle Zwecke genutzt werden.
3.1 Security ist Chefsache – nicht nur IT-Thema
Cyberangriffe auf Energieinfrastrukturen nehmen seit Jahren zu. FĂĽr EVU und vernetzte Handwerksbetriebe bedeutet das:
- Strom- und Wärmeversorgung hängen an vernetzten Systemen
- Smart Meter, Gateways und Steuerboxen sind potenzielle Angriffspunkte
- Ransomware-Attacken können ganze Geschäftsprozesse lahmlegen
Darum braucht es:
- Klare Sicherheitsstrategie (inkl. Business Continuity & Incident Response)
- Rollenkonzepte und Rechte-Management: Wer sieht welche Kundendaten?
- Regelmässige Schulungen für Mitarbeitende und Partnerbetriebe
- Security-by-Design bei neuen digitalen Projekten
3.2 Datenschutz im EVU-Umfeld: Mehr als ein Formular
Mit Smart Metering, E-Mobilität und PV entstehen hochsensible Daten: Lebensgewohnheiten, Anwesenheiten, typische Lastprofile. Diese Daten sind wertvoll – aber eben auch heikel.
Ein verantwortungsbewusster Umgang umfasst:
- Transparente Information, welche Daten wofĂĽr genutzt werden
- Gesetzeskonforme Einwilligungen und Widerrufsmöglichkeiten
- Datenminimierung: nur so viel speichern, wie wirklich nötig
- Pseudonymisierung/Anonymisierung fĂĽr Auswertungen
Ich bin überzeugt: EVU, die Datenschutz offensiv und verständlich kommunizieren, gewinnen langfristig Marktanteile, weil Kund:innen bewusster entscheiden, wem sie ihre Energiedaten anvertrauen.
4. Anwendungen: Von CRM bis KI – die Werkzeuge für digitales Handwerk
Die beste Cloud-Plattform bringt wenig, wenn darauf keine schlauen Anwendungen laufen. Für EVU und Handwerksbetriebe sind insbesondere vier Typen von Lösungen entscheidend.
4.1 CRM & xRM: Kundenbeziehungen systematisch managen
Viele Energieprojekte scheitern nicht an der Technik, sondern an der Koordination zwischen EVU, Installateur und Kunde. Ein modernes CRM bzw. xRM (Extended Relationship Management) löst genau dieses Problem:
- Ăśbersicht ĂĽber alle Kundenkontakte und Projekte
- Dokumentation von Offerten, Aufträgen und Servicefällen
- Automatische Wiedervorlagen und Terminerinnerungen
- Einheitliche Kommunikation (E-Mail-Vorlagen, SMS, Kundenportal)
FĂĽr einen Elektro- oder Solar-Handwerksbetrieb heisst das ganz konkret:
- weniger Chaos in Excel-Listen
- kĂĽrzere Angebotszeiten
- bessere Auslastung der Monteure
4.2 ERP & MES: Von der Planung bis zur Abrechnung
Ein durchgängiges ERP-System (und bei grösseren Betrieben MES für die operative Steuerung) sorgt dafür, dass Material, Personal und Termine zusammenpassen:
- Digitale Auftragsplanung im Kalender
- MaterialverfĂĽgbarkeiten in Echtzeit
- Zeiterfassung direkt auf dem Smartphone
- Automatische Rechnungsstellung nach Abschluss
Gerade in der aktuellen Marktsituation mit Fachkräftemangel ist das entscheidend: Wer seine Prozesse digital im Griff hat, schafft 20–30 % mehr produktive Zeit für das eigentliche Handwerk.
4.3 KI im digitalen Handwerk: Pragmatik statt Hype
KI im Energie- und Handwerksumfeld muss nicht Science-Fiction sein. Es geht darum, Routinearbeit zu reduzieren und bessere Entscheidungen zu treffen:
Praktische Einsatzfelder:
- Texterstellung: Offertentexte, Protokolle, Wartungsempfehlungen
- Bilderkennung: automatische Auswertung von Fotos (z.B. Zählerstände, Schäden)
- Prognosen: Angebots-Pipeline, Auslastung, Servicebedarf
- Chatbots: erste Kundenanfragen auf der Website beantworten
Wichtig ist: klein starten, Erfahrungen sammeln, dann skalieren. Ein KI-Pilotprojekt im Kundenservice oder in der internen Dokumentation ist oft der beste Einstieg.
5. So bauen EVU und Handwerksbetriebe ihr digitales Ă–kosystem auf
Die meisten Unternehmen wissen, dass sie digitaler werden müssen – sie wissen nur nicht, wo sie anfangen sollen. Der Schlüssel ist ein schrittweiser, klar priorisierter Fahrplan.
5.1 Schritt 1: Digitalstrategie und Geschäftsmodell schärfen
Bevor Tools eingefĂĽhrt werden, braucht es Antworten auf Fragen wie:
- Welche Rolle wollen wir im Energiemarkt 2030 spielen?
- Welche Kundensegmente sind fĂĽr uns zentral?
- Welche Services bieten wir zusätzlich zur Kilowattstunde an?
- Mit welchen Partnern (Installateure, Hersteller, Plattformen) arbeiten wir zusammen?
Ohne diese Klarheit entsteht nur ein „Tool-Zoo“, aber kein durchgängiges digitales Handwerk.
5.2 Schritt 2: Daten- und Cloud-Architektur definieren
Dann folgt die technische Grundlage:
- Welche Datenquellen gibt es (Netz, Kunden, Anlagen, IoT-Geräte)?
- Wo werden die Daten gespeichert (Cloud, hybride Modelle)?
- Welche Plattform dient als „Single Source of Truth“?
- Wie integrieren wir bestehende Systeme sauber und sicher?
Die Erfahrung zeigt: Eine saubere Datenarchitektur spart später enorme Kosten, weil Integrationsprojekte nicht jedes Mal bei null anfangen.
5.3 Schritt 3: Schnell sichtbare Use Cases umsetzen
Um interne Akzeptanz zu gewinnen, sollten EVU und Handwerksbetriebe zuerst 2–3 sichtbare Anwendungsfälle realisieren, z.B.:
- Kundenportal mit VerbrauchsĂĽbersicht und digitalen Rechnungen
- Mobile Auftragsabwicklung fĂĽr Monteure inkl. Fotos und Unterschrift
- Automatisierte Angebots- und Rechnungserstellung
Solche Use Cases bringen messbare Effekte:
- weniger RĂĽckfragen im Kundendienst
- weniger MedienbrĂĽche
- deutlich kĂĽrzere Durchlaufzeiten von Auftrag bis Zahlung
5.4 Schritt 4: Organisation, Kultur und Skills entwickeln
Digitale Transformation im EVU ist kein IT-Projekt, sondern ein Organisationsprojekt.
Dazu gehören:
- Schulungen fĂĽr Mitarbeitende (digitale Tools, Datenkompetenz, KI-Grundlagen)
- Neue Rollen wie Product Owner, Data Analyst, Security Officer
- Klare Verantwortung fĂĽr digitale Services ĂĽber Abteilungsgrenzen hinweg
- Kooperative Modelle mit Handwerksbetrieben (z.B. gemeinsame Plattformen)
Ich erlebe immer wieder: Unternehmen, die in Menschen und Kompetenzen investieren, holen aus denselben Tools ein Vielfaches mehr heraus als andere.
6. Fazit: Vom Energieversorger zum digitalen Möglichmacher
Digitale Transformation im EVU ist kein Projekt, das 2026 „fertig“ ist. Es ist ein dauerhafter Wandel hin zu vernetzten, datengetriebenen und kundenorientierten Energie-Ökosystemen.
Wer jetzt Cloud-Infrastruktur, Sicherheit, Anwendungen und Organisation konsequent ausrichtet, profitiert gleich mehrfach:
- stabilere Netze und effizientere Prozesse
- neue Erlösquellen mit Services rund um PV, Speicher, E-Mobilität und Smart Home
- engere Zusammenarbeit mit Handwerksbetrieben – mit digitalem Handwerk als Qualitätsmerkmal
FĂĽr EVU und Handwerksbetriebe in der Schweiz heisst das: Nicht warten, bis der Druck von Regulierung oder Konkurrenz zu gross wird, sondern heute mit einem klaren, realistischen Fahrplan starten.
Wenn Sie als Energieversorger oder Handwerksbetrieb prüfen wollen, wo Sie stehen und welcher nächste Schritt sich lohnt, beginnen Sie mit einer ehrlichen Frage: „Welche drei Prozesse würden wir so nie mehr neu bauen, wenn wir morgen von null anfangen könnten?“ – genau dort sollte Ihre digitale Transformation ansetzen.