Digitale Kompetenz in Kanzleien heißt mehr als E-Mails und Word. Wie österreichische Rechtsanwälte Mandanten und eigene Kanzlei wirksam vor Online-Betrug schützen.
Digitale Kompetenz für Rechtsanwälte: Mehr als nur Technik
2021 gingen in Österreich über 56.000 Beschwerden wegen Rufnummernmissbrauch ein. 2023 und 2024 waren es „nur“ noch rund 30.000 pro Jahr. Die Zahl sinkt – aber nicht, weil Betrüger weniger aktiv wären, sondern weil Nutzer wachsamer geworden sind.
Für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte hat das zwei Konsequenzen:
- Mandanten brauchen Beratung zu digitalen Risiken fast so häufig wie zu klassischen zivilrechtlichen Themen.
- Kanzleien selbst sind attraktive Angriffsziele – mit sensiblen Daten, hohem Vertrauensvorschuss und oft veralteter IT.
Der Begriff digitale Kompetenz wird im juristischen Alltag immer noch viel zu eng verstanden – als „kann Word, E‑Mails und Videokonferenz“. Die Realität? Wer heute Kanzlei führt oder als Anwalt arbeitet, braucht ein Set an Fähigkeiten, das von sicherem Endgeräte-Handling über Betrugsprävention bis zum verantwortungsvollen Einsatz von KI-Tools reicht.
Dieser Beitrag zeigt, wie digitale Kompetenz breiter gedacht werden sollte – speziell aus Sicht österreichischer Rechtsanwälte – und wo Sie konkret ansetzen können, um Mandanten besser zu schützen und zugleich Ihre eigene Kanzlei abzusichern.
1. Was „digitale Kompetenz“ im Rechtsbereich wirklich umfasst
Digitale Kompetenz bedeutet für Anwälte weit mehr als Grund-IT-Wissen. Sie ist eine Mischung aus rechtlichem Know-how, Sicherheitsbewusstsein und praktischem Technologieverständnis.
Aus meiner Sicht gehören mindestens folgende Bausteine dazu:
1.1 Technische Grundkenntnisse – aber mit Sicherheitsfokus
Nicht jeder Jurist muss Admin sein. Aber es reicht auch nicht, die Technik komplett „der IT“ zu überlassen.
Wichtig sind vor allem:
- Verständnis für Sicherheitsfunktionen von Smartphones, Laptops und Tablets (PIN, Biometrie, Verschlüsselung, Remote-Wipe)
- Sensibilität gegenüber Links und Anhängen in E‑Mails, SMS, Messengern und Social Media
- Fähigkeit, Updates und Patches als Kanzlei-Thema zu begreifen, nicht als lästige Unterbrechung
- Grundwissen, was Malware, Ransomware, Phishing, Smishing, Vishing ist – und wie sich diese Angriffe typischerweise zeigen
Das Zitat von Klaus M. Steinmaurer, Geschäftsführer der RTR, bringt es gut auf den Punkt:
„Digitale Kompetenz heißt auch, sich mit den verwendeten Endgeräten und deren Sicherheitseinstellungen und Features auseinanderzusetzen.“
1.2 Rechtliche Digital-Kompetenz
Dazu kommt die Fähigkeit, digitale Risiken rechtlich einzuordnen und Mandanten sauber zu beraten, etwa in Bezug auf:
- Betrug, Datendiebstahl, Identitätsmissbrauch
- Haftungsfragen bei Sicherheitsvorfällen
- DSGVO, Geheimnisschutz, Berufsrecht
- Dokumentation und Beweissicherung bei Cybercrime-Fällen
Wer heute Verbraucher, Unternehmer oder Organisationen berät, kommt an diesen Themen nicht mehr vorbei. Mandanten erwarten, dass ihr Anwalt nicht nur das StGB, sondern auch die digitale Praxis kennt.
1.3 Strategische Kompetenz: Digitalisierung & LegalTech
Digitale Kompetenz bedeutet auch, die eigene Arbeitsweise zu hinterfragen:
- Welche Prozesse lassen sich digitalisieren oder automatisieren?
- Wo helfen LegalTech- und KI-Tools (Recherche, Dokumentenerstellung, Vertragsanalyse)?
- Wie bleiben dabei Datenschutz, Berufsgeheimnis und Vertraulichkeit gewahrt?
Wer das ignoriert, verliert mittelfristig Effizienz – und wirkt auf jüngere, digital geprägte Mandanten wenig glaubwürdig.
2. Datendiebstahl & Betrug: Typische Szenarien aus der Praxis
Online-Betrug funktioniert selten über hochkomplexe Hacks. Meist kombinieren Täter technische Lücken mit menschlicher Gutgläubigkeit. Genau hier können Anwälte viel bewirken – sowohl in der Prävention als auch in der Aufarbeitung.
2.1 Wo Daten im Alltag „nebenbei“ wegfließen
Steinmaurer nennt es klar: Unwissen, Gutgläubigkeit und Überrumpelung sind zentrale Faktoren. Typische Situationen aus dem österreichischen Alltag:
- Ein erfundener „Bankmitarbeiter“ ruft an und bittet „kurz um Bestätigung“ eines TAN-Codes.
- Eine SMS mit „Ihr Paket konnte nicht zugestellt werden“ enthält einen Link zur gefälschten Tracking-Seite.
- In Social-Media-Nachrichten wird ein scheinbar harmloser Link zu einem „wichtigen Dokument“ geschickt.
- Eine vermeintliche „Kanzlei-E-Mail“ mit angeblicher Klagezustellung fordert zum Öffnen eines ZIP-Anhangs auf.
Für Mandanten – und leider auch für manche Kanzleien – ist die Grenze zwischen seriöser Kommunikation und Betrugsversuch oft nicht auf den ersten Blick erkennbar.
2.2 Konkrete Red Flags, die Mandanten kennen sollten
Anwälte können Mandanten mit ein paar einfachen Regeln schon enorm helfen. Sinnvoll ist etwa ein Präventionsmerkblatt oder ein Abschnitt auf der Kanzleiwebsite mit klaren Hinweisen wie:
- Banken, Behörden und seriöse Unternehmen fragen niemals per Telefon nach TANs, Passwörtern oder vollständigen Kreditkartendaten.
- Kein seriöser Dienst zwingt zu sofortigen Entscheidungen („sonst Konto gesperrt“, „letzte Chance“, „Strafanzeige folgt“).
- Links in SMS und Messengern sollten kritisch hinterfragt und im Zweifel nicht direkt angetippt, sondern die Original-Website manuell aufgerufen werden.
- Bei unerwarteten Anrufen: Auflegen, über offizielle Kontaktkanäle zurückrufen.
Wer als Kanzlei diese Punkte regelmäßig kommuniziert – etwa im Newsletter, in Social-Media-Posts oder in Erstgesprächen – stärkt seine Position als moderner, verantwortungsvoller Berater.
3. Endgeräte-Sicherheit in der Kanzlei: Praxis statt Theorie
Die meisten erfolgreichen Angriffe auf Kanzleien beginnen nicht mit einem Hollywood-Hacker, sondern mit einem unsicheren Endgerät oder einem unbedachten Klick.
Steinmaurer formuliert das drastisch: Hinter jeder Kontaktaufnahme kann sich der Versuch verbergen, Schadsoftware zu installieren oder Bankkonten leerzuräumen. Übertragen auf Kanzleien heißt das: Mandantendaten, Schriftsätze, interne Strategien, Zugänge zu beA- oder ERV-ähnlichen Systemen – alles im Feuer.
3.1 Mindeststandard für Anwalts-Endgeräte
Wer heute eine Kanzlei fĂĽhrt, sollte aus meiner Sicht folgende Mindeststandards setzen:
-
Starke Authentifizierung
- Geräte mit PIN + Biometrie (Fingerprint/Face-ID)
- Passwortmanager statt immer gleicher Passwörter
- Wo möglich: Zwei-Faktor-Authentifizierung für Kanzlei-Accounts
-
Aktuelle Software
- Betriebssystem- und Browser-Updates nicht aufschieben
- E‑Mail-Client und Office-Suite aktuell halten
-
VerschlĂĽsselung
- Vollverschlüsselung für Laptops und externe Datenträger
- Verschlüsselte Kommunikationskanäle (z.B. statt unverschlüsselter E‑Mails nur noch TLS-gesicherte Verbindungen, ggf. zusätzliche Ende-zu-Ende-Lösungen)
-
Mobile Arbeit regeln
- Kein Zugriff auf sensible Mandantendaten ĂĽber unsichere WLANs ohne VPN
- Klare Richtlinien, welche Daten auf Smartphones landen dĂĽrfen
3.2 Organisatorische MaĂźnahmen, die oft fehlen
Technik allein reicht nicht. Viele Kanzleien haben gute Hardware, aber keine klaren Regeln.
Sinnvolle organisatorische MaĂźnahmen:
- Kurze Sicherheitsleitlinie fĂĽr alle Mitarbeiter (inkl. Praktikanten)
- Regelmäßige Awareness-Schulungen zu Phishing, Social Engineering und Rufnummernmissbrauch
- Definierte Meldewege: Was tun Mitarbeiter konkret, wenn etwas „komisch“ wirkt?
- Klare Vorgaben, wie Mandanten kontaktiert werden (z.B. keine Zahlungsaufforderungen ausschlieĂźlich per SMS)
Wer das professionell aufsetzt, reduziert nicht nur das Risiko, sondern stärkt auch die eigene Verteidigungsposition im Haftungsfall.
4. Mandantenberatung: Digitale Kompetenz als Beratungsangebot
Die RTR-Seite zu Rufnummernmissbrauch zeigt, wie groß der Informationsbedarf der Bevölkerung ist. Für Anwälte ist das eine Chance: digitale Kompetenz wird zum Beratungsfeld.
4.1 Typische Beratungsanlässe rund um Online-Betrug
In der Praxis auftauchende Fragen, bei denen Kanzleien punkten können:
- „Ich habe meine Kontodaten am Telefon herausgegeben – was jetzt?“
- „Wie sichere ich Beweise, wenn ich über WhatsApp betrogen wurde?“
- „Welche Ansprüche habe ich gegen Bank, Plattform oder Anbieter?“
- „Wie organisiere ich als Unternehmen ein internes Meldesystem für Cybervorfälle?“
Wer hier strukturierte Abläufe und Checklisten hat, arbeitet effizienter und schafft Vertrauen.
4.2 Konkrete Services, die Kanzleien anbieten können
Einige Ideen, wie sich digitale Kompetenz gezielt in Angebot und Außenauftritt integrieren lässt:
- Fixpreis-Erstberatung bei Online-Betrug / Rufnummernmissbrauch
- Workshops für Unternehmen zu Betrugsprävention, Social Engineering, Umgang mit Verdachtsfällen
- Erstellung oder PrĂĽfung von Sicherheits-Policies, Datenschutzkonzepten und Richtlinien fĂĽr Mitarbeitende
- Begleitung bei Incident-Response: Von der ersten Einschätzung über die rechtliche Bewertung bis zur Kommunikation mit Behörden und Betroffenen
Wer seine Website, Vorträge und Social-Media-Beiträge mit klaren digitalen Schwerpunkten versieht, wird von Betroffenen eher gefunden – gerade, wenn sie nach „Anwalt Phishing“, „Betrug im Internet“ oder „Rufnummernmissbrauch Hilfe“ suchen.
5. Nächster Schritt: Digitale Kompetenz gezielt ausbauen
Digitale Kompetenz ist kein einmaliges Projekt, sondern ein laufender Anpassungsprozess. Die Betrüger entwickeln ihre Methoden weiter – darauf hat Steinmaurer explizit hingewiesen. Kanzleien müssen Schritt halten.
Sinnvoll ist ein strukturiertes Vorgehen in drei Stufen:
-
Status-Check in der Kanzlei
- Wie werden Geräte geschützt?
- Gibt es klare Regeln zu Passwörtern, Fernzugriff, Cloud-Diensten, KI-Tools?
- Welche digitalen Betrugsfälle sind in den letzten 12–24 Monaten bei Mandanten aufgetreten?
-
Sicherheits- und Kompetenzplan definieren
- Technische MaĂźnahmen (z.B. 2FA, VerschlĂĽsselung, Backups)
- Organisatorische MaĂźnahmen (Leitlinien, Schulungen, Meldewege)
- Beratungsangebot schärfen (Landingpage, Info-Blätter, Standardprozesse)
-
Regelmäßige Aktualisierung
- Mindestens einmal jährlich Review von Technik, Prozessen und Schulungsbedarf
- Beobachtung neuer Angriffsmuster (z.B. KI-generierte Fake-Anrufe oder -Videos)
- Anpassung von Mandanteninformationen und Verträgen
Wer so vorgeht, macht digitale Kompetenz zu einem bewussten Bestandteil der Kanzleiführung – und nicht zu einem Sammelsurium aus spontanen Einzelmaßnahmen nach jedem Vorfall.
Fazit: Digitale Kompetenz als Wettbewerbsfaktor fĂĽr Kanzleien
Digitale Kompetenz entscheidet inzwischen darüber, ob Mandanten sich bei einer Kanzlei sicher und gut aufgehoben fühlen. Es geht nicht mehr nur um IT-Sicherheit im Hintergrund, sondern um sichtbare Professionalität im Umgang mit digitalen Risiken.
Für österreichische Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte heißt das:
- Wer Endgeräte-Sicherheit, Betrugsprävention und rechtliche Digital-Themen beherrscht, stärkt zugleich Mandantenschutz und eigene Haftungsposition.
- Digitale Kompetenz ist ein klarer Differenzierungsfaktor – gerade in einem zunehmend digital beratenen Markt.
- Der Aufwand ist ĂĽberschaubar, wenn man strukturiert vorgeht: Status analysieren, Standards definieren, laufend anpassen.
Die Betrugszahlen zeigen: Nutzer werden sensibler, Täter kreativer. Kanzleien, die digitale Kompetenz ernst nehmen, werden in den nächsten Jahren nicht nur weniger anfällig für Angriffe sein – sie werden auch jene sein, die Mandanten im digitalen Alltag tatsächlich Orientierung und Schutz bieten.