Design for Disassembly macht Produkte reparierbar, recycelbar und günstiger im Lebenszyklus. Warum sich die Fraunhofer-IPA-Schulung 2026 für Unternehmen lohnt.
Design for Disassembly: Vom Störfaktor zur strategischen Chance
Bis zu 80 % der späteren Recyclingkosten werden in der Produktentwicklung festgelegt – lange bevor das erste Teil in der Produktion auftaucht. Genau hier entsteht das Problem: Viele Teams optimieren heute noch fast ausschließlich auf eine möglichst effiziente Montage. Was am Band Sekunden spart, kostet in der Demontage später Stunden – und bares Geld.
Für die deutsche Industrie, insbesondere die Automobilbranche, wird das 2026 und darüber hinaus teuer: Recht auf Reparatur, neue EU-Ökodesign-Verordnungen, CO₂-Bepreisung und Vorgaben zum Rezyklateinsatz machen demontagegerechtes Design von einer „nice to have“-Option zu einer harten Anforderung.
Der Ansatz Design for Disassembly (DfD) bietet hier eine klare Antwort. Am Fraunhofer IPA gibt es dazu ab dem 16.04.2026 eine spezialisierte Schulung in Stuttgart. In diesem Beitrag geht es darum, warum DfD jetzt relevant ist, was hinter dem Konzept steckt, wie sich das mit KI in der Produktion verknüpfen lässt – und für wen sich die Schulung ganz konkret lohnt.
Warum Design for Disassembly jetzt zur Pflicht wird
Design for Disassembly ist heute nicht mehr nur ein Nachhaltigkeitsthema, sondern ein knallhartes Kosten- und Risikothema.
Gesetzliche Rahmenbedingungen werden scharf gestellt
Mehrere Regulierungen greifen direkt in die Produktentwicklung ein:
- Recht auf Reparatur: Produkte müssen so gestaltet werden, dass Komponenten zugänglich, austauschbar und reparierbar sind.
- Ökodesign-Vorgaben: Kreislauffähigkeit, Demontagezeiten und Materialtrennung werden zum Designkriterium.
- CO₂-Kosten und Energiepreise: Aufwändige Demontage, energieintensive Shredderprozesse und schlechte Materialtrennung erhöhen die CO₂-Bilanz und damit die Kosten.
- Rezyklatquoten: Wer hochwertige Rezyklate einsetzen oder bereitstellen will, braucht saubere Materialströme – ohne demontagegerechtes Design kaum machbar.
Besonders die Automobilindustrie steht unter Druck: End-of-Life-Fahrzeuge müssen wirtschaftlich zerlegt werden, Hochvolt-Batterien sicher ausgebaut, Elektronikkomponenten separiert und Materialien sortenrein zurückgeführt werden. Ohne DfD wird das zur Kostenfalle.
Vom Kostenblock zur Wertquelle
Hier liegt die Chance: Wenn Produkte von Anfang an demontagegerecht gestaltet sind,
- sinken Demontagezeiten deutlich,
- werden Komponenten besser wiederverwendbar,
- steigen Erlöse aus Sekundärrohstoffen,
- sinken Service- und Garantieaufwände.
Ich sehe in vielen Unternehmen dasselbe Muster: Montageoptimierung ist durchstandardisiert (Stichwort Design for Automation), Demontage ist dagegen ein „blinder Fleck“. Genau diesen blinden Fleck adressiert die Schulung des Fraunhofer IPA – mit einem klar strukturierten, praxisnahen Ansatz.
Was hinter Design for Disassembly wirklich steckt
Design for Disassembly bedeutet, Produkte so zu konstruieren, dass sie gezielt und effizient in sinnvolle Einheiten zerlegt werden können – manuell, teilautomatisiert oder vollautomatisiert.
Kernprinzipien des demontagegerechten Designs
Ein paar Grundsätze, die in der Schulung vertieft und systematisch aufbereitet werden:
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Reduktion der Verbindungstypen
Weniger unterschiedliche Schrauben, Clips und Verbinder senken Montage- und Demontageaufwand und ermöglichen automatisierte Prozesse. -
Bevorzugung lösbarer Verbindungen
Wo später repariert oder recycelt werden soll, sollten lösbare Verbindungen (z. B. Schrauben, Schnappverbindungen) Klebungen und Verguss ersetzen – oder zumindest gezielt eingesetzt werden. -
Logische Demontagesequenzen
Komponenten, die häufig gewartet oder getauscht werden, müssen zuerst erreichbar sein, ohne halbe Baugruppen zerlegen zu müssen. -
Material- und Komponenten-Clustering
Teile gleicher Werkstofffamilien oder gleicher Recyclingpfade sollten räumlich und konstruktiv gebündelt sein. -
Standardisierung und Modularität
Wiederverwendbare Module (z. B. Elektronik, Aktoren) erleichtern Remanufacturing- und Refurbishment-Konzepte.
Im Workshop am Fraunhofer IPA werden zu diesen Prinzipien konkrete Richtlinien vorgestellt, die das Institut aufbereitet hat – also keine abstrakten Schlagworte, sondern umsetzbare Designregeln, Checklisten und Bewertungsansätze.
Verbindungstechniken und ihre Demontagefolgen
Ein zentraler Baustein der Schulung ist das Thema Verbindungstechnik. Hier werden die Weichen gestellt, ob ein Produkt später wirtschaftlich zerlegt werden kann.
Typische Fragestellungen:
- Wann ist eine Schraubverbindung trotz höherer Montagekosten sinnvoll, weil sie Reparatur und Recycling massiv vereinfacht?
- Wie lassen sich Schnappverbindungen so gestalten, dass sie oft montiert, aber trotzdem zerstörungsfrei demontiert werden können?
- In welchen Fällen ist Kleben unverzichtbar – und wie kann man demontagegerechte „Sollbruchstellen“ oder Trennschichten vorsehen?
- Welche Verbindungstypen sind besonders gut für automatisierte Demontage geeignet (z. B. roboterfähige Zugänge, klare Angriffspunkte)?
Die Praxis zeigt: Wer Verbindungstechnik konsequent unter DfD-Gesichtspunkten bewertet, verhindert kostspielige „Design-Sünden“, die sonst über den gesamten Lebenszyklus nachwirken.
Design for Disassembly trifft KI und Automatisierung
Für die deutsche Automobilindustrie und ihre Zulieferer wird es strategisch spannend, wenn man DfD mit KI-gestützter Produktion und Demontage verbindet.
Warum KI ohne DfD an Grenzen stößt
Viele Unternehmen investieren aktuell in KI:
- Bilderkennung für Qualitätsprüfung,
- Robotik für Montage und Handling,
- KI-gestützte Planung von Linien und Materialflüssen.
Für Demontageprozesse gilt das Gleiche – allerdings mit einem Haken:
Wenn Produkte konstruktiv chaotisch aufgebaut sind, hilft selbst der beste Demontageroboter nur begrenzt. KI kann zwar erkennen, wo welche Schraube sitzt, aber sie kann keine klebevergossenen Baugruppen zu sortenreinen Materialien „zaubern“.
Fazit: KI-Demontageanlagen entfalten ihren wirtschaftlichen Nutzen nur dann, wenn das Produktdesign mitspielt. Design for Disassembly ist die Voraussetzung, damit KI in der Rücknahme-, Recycling- und Remanufacturingkette überhaupt sinnvoll skaliert.
Beispiele aus der Automobilindustrie
Gerade in Fahrzeugen treffen DfD und KI perfekt aufeinander:
- Batteriemodule können so gestaltet werden, dass Roboter standardisierte Verschraubungen lösen und Module automatisiert trennen.
- Elektronikkomponenten lassen sich in klar abgegrenzten Zonen bündeln, die von Robotern identifiziert, gelöst und sortiert werden.
- Innenraum-Baugruppen (Cockpit, Türverkleidungen) können modular und schichtweise aufgebaut werden, sodass Demontagepfade für Roboter planbar werden.
Wer hier früh ansetzt, verschafft sich einen Wettbewerbsvorteil:
Demontage wird planbar, automatisierbar und damit deutlich günstiger. Genau darauf zahlt die Fraunhofer-IPA-Schulung ein – sie verbindet klassische Konstruktionslehre mit den Anforderungen automatisierter Demontage.
Inhalte der Fraunhofer IPA Schulung im Überblick
Die „Design for Disassembly Schulung“ am Fraunhofer IPA ist als kompakter Tages-Workshop (09:00–16:00 Uhr) ausgelegt und richtet sich an Entwicklung, Konstruktion und Produktmanagement.
Was Sie fachlich mitnehmen
Die Schulung deckt vier Kernblöcke ab:
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Rahmenbedingungen und Einsparpotenziale
- Überblick über aktuelle und kommende gesetzliche Vorgaben
- Einordnung von CO₂-Kosten, Materialkosten und Recyclingerlösen
- Beispiele, wie DfD die Wirtschaftlichkeit über den Lebenszyklus verändert
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Grundlagen von Demontage und Verbindungstechniken
- Systematik der Demontage (Sequenzen, Zugänglichkeit, Werkzeuge)
- Vor- und Nachteile verschiedener Verbindungstechniken aus Demontagesicht
- typische Designfehler und wie man sie strukturiert vermeidet
-
Richtlinien für Design for Disassembly
- vom Fraunhofer IPA aufbereitete DfD-Gestaltungsrichtlinien
- Bewertungsmethoden für Demontagefreundlichkeit
- praxisnahe Checklisten für Konstruktionsreviews
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Praktische Optimierung von Kundenprodukten
- gemeinsame Analyse mitgebrachter Produkte/Module
- Erarbeitung von Verbesserungsansätzen für (automatisierte) Demontage
- Diskussion realer Restriktionen (Kosten, Bauraum, Normen, Lieferkette)
Der Charme dieses Formates: Es bleibt nicht bei Folien. Die Teilnehmenden arbeiten an konkreten Beispielen und sehen unmittelbar, wie sich kleine Designentscheidungen auf Montage, Service und Recycling auswirken.
Nutzen für Unternehmen und Teams
Aus meiner Sicht zahlt der Workshop auf drei Ebenen ein:
-
Methodik:
Teams lernen ein systematisches Vorgehen zur demontagegerechten Produktgestaltung – weg von Bauchgefühl, hin zu klaren Kriterien. -
Mindset:
Entwicklung, Produktion, Service und Nachhaltigkeit kommen miteinander ins Gespräch.
So entsteht ein gemeinsames, abteilungsübergreifendes Produktverständnis. -
Direkter Business-Impact:
DfD führt oft zu doppeltem Mehrwert:
Was sich einfach demontieren lässt, ist in der Regel auch einfacher zu montieren. Das spart Zykluszeit, reduziert Fehler und senkt Logistikkosten.
Bei einem Teilnahmebeitrag von 300 € ist der Return-on-Investment wahrscheinlich bereits dann gegeben, wenn ein einziges Serienprodukt durch DfD-Optimierung eine kleine Senkung der Montagezeiten oder Demontagekosten erreicht.
Für wen lohnt sich die Teilnahme besonders?
Nicht jede Rolle profitiert in gleicher Weise von der Schulung. Es gibt aber drei Zielgruppen, für die DfD aktuell extrem relevant ist.
1. Entwicklungs- und Konstruktionsingenieur:innen
Wer Stücklisten, Bauraum und Verbindungstechnik verantwortet, bekommt mit DfD konkrete Werkzeuge, um regulatorische und ökologische Anforderungen direkt im CAD umzusetzen.
Typische Fragen aus der Praxis:
- Wie bringe ich DfD in unsere Konstruktionsrichtlinien?
- Wie bewerte ich alternative Verbindungslösungen objektiv?
- Wie argumentiere ich gegenüber Einkauf und Management für demontagefreundliche Varianten?
2. Produktions- und Demontageverantwortliche
Für Verantwortliche in Produktion, Remanufacturing, Rücknahme und Recycling liefert die Schulung eine gemeinsame Sprache mit der Entwicklung.
Beispiele:
- Wie lassen sich Demontageerfahrungen strukturiert in die Entwicklung zurückspielen?
- Wie sieht ein Produkt aus, das sich für automatisierte Demontagezellen eignet?
3. Nachhaltigkeits-, Strategie- und Innovationsverantwortliche
Wer Unternehmensstrategie, Nachhaltigkeitsziele (ESG) oder Kreislaufwirtschaftskonzepte verantwortet, braucht ein realistisches Bild davon, was technisch machbar ist.
Das Training hilft dabei,
- Nachhaltigkeitsziele mit konkreten Produktanforderungen zu verknüpfen,
- Business Cases für DfD zu kalkulieren,
- das Thema mit KI, Automation und neuen Geschäftsmodellen (z. B. Pay-per-Use, Refurbished-Produkte) zusammenzubringen.
Nächste Schritte: Vom Workshop zur internen Kompetenz
Ein eintägiger Workshop allein löst noch keine strukturellen Probleme – aber er ist ein sehr effizienter Startpunkt.
Praktischer Fahrplan nach der Schulung:
-
DfD in den Entwicklungsprozess integrieren
- Checklisten in Konstruktionsfreigaben aufnehmen
- Reviews explizit um Demontageaspekte ergänzen
-
Pilotprojekt definieren
- Ein existierendes Produkt oder eine Baugruppe auswählen
- DfD-Richtlinien anwenden und Effekte (Zeit, Kosten, Recyclingqualität) messen
-
Schnittstelle zu KI- und Automationsprojekten schaffen
- Mit KI-Teams klären, welche Designinfos Demontagezellen brauchen
- Standards für Markierungen, Zugriffspunkte und Sequenzen festlegen
-
Schulung multiplizieren
- Teilnehmende als interne Multiplikator:innen einsetzen
- Nachfolge-Workshops oder Inhouse-Trainings aufbauen
Wer diesen Weg geht, macht aus Design for Disassembly keinen zusätzlichen Aufwand, sondern einen integrierten Bestandteil der Produktstrategie – mit spürbaren Effekten auf Kosten, Compliance und Innovationsfähigkeit.
Fazit: Design for Disassembly als strategischer Hebel
Design for Disassembly ist weit mehr als ein Nischenthema für Recyclingbetriebe. Es ist ein strategischer Hebel, mit dem Unternehmen ihre Produkte fit machen für:
- strengere Regulierung,
- steigende CO₂- und Materialkosten,
- KI-gestützte Produktions- und Demontageprozesse,
- neue Geschäftsmodelle rund um Reparatur, Refurbishment und Kreislaufwirtschaft.
Die Design for Disassembly Schulung am Fraunhofer IPA bietet einen kompakten Einstieg, der sowohl technisches Detailwissen als auch strategischen Weitblick verbindet. Wer Produktentwicklung, Produktion oder Nachhaltigkeit ernst nimmt, sollte das Thema nicht auf später schieben.
Die Frage ist weniger, ob Sie Design for Disassembly einführen – sondern wie konsequent und wie früh Sie damit beginnen.