CSRD-Reports von Versicherern: Was 2025 wirklich zählt

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

Die ersten CSRD-Berichte europäischer Versicherer zeigen klare Muster – und große Lücken. Wer 2026 vorne liegen will, braucht jetzt Fokus, Klarheit und echte Steuerungslogik.

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CSRD-Reports von Versicherern: Was 2025 wirklich zählt

Wenn 99,3 % der gemeldeten Emissionen eines Versicherers aus Scope 3 stammen, ist klar: Ein paar LED-Lampen im Headquarter werden die Klimabilanz nicht retten. Genau dieses Bild zeichnen die ersten CSRD-Berichte europäischer Versicherer – und sie zeigen, wo der Markt schon weit ist und wo 2026 unangenehm werden kann.

Für deutsche Versicherer in der ersten Berichtswelle ist 2025 mehr als nur ein weiteres Reporting-Jahr. Wer jetzt seine CSRD-Berichterstattung nicht von einem „Pflichtprojekt“ zu einem Steuerungsinstrument macht, verliert den Anschluss: an Aufsicht, an Investoren – und an Talente.

Dieser Beitrag fasst die Ergebnisse einer Analyse von 27 europäischen (Rück-)Versicherern zusammen, ordnet sie ein und übersetzt sie in konkrete Handlungsfelder für Vorstände, Nachhaltigkeitsverantwortliche und CSRD-Projektleiter.


1. Reporting-Struktur: Von der Dokumentenflut zur Steuerungslogik

Der Kernbefund: Die ersten CSRD-Berichte sind formal oft korrekt, aber fĂĽr Management und Stakeholder schwer nutzbar. Das ist kein Luxusproblem, sondern ein Risiko fĂĽr GlaubwĂĽrdigkeit und Steuerbarkeit.

ESRS-Anwendung: Mut zur Vollanwendung – aber mit Fokus

  • 52 % der analysierten Versicherer wenden die ESRS vollständig an (teilweise sogar freiwillig)
  • 33 % nutzen nur Teile der Standards, vor allem mit LĂĽcken bei Emissionen (E1-6) und VergĂĽtung (S1-16)
  • 74 % integrieren den Nachhaltigkeitsbericht in den Lagebericht, 26 % wählen noch einen Stand-alone-Report

Für deutsche Häuser ist die Richtung klar: Integration in den Lagebericht und Vollanwendung der ESRS, wo sinnvoll, zahlt direkt auf Kapitalmarkt- und Aufsichtsanforderungen ein. Aber: Vollanwendung heißt nicht, jede mögliche Zahl auszuschütten.

Praxis-Tipp fĂĽr 2025:

  • Zuerst ĂĽber die Steuerungslogik nachdenken, dann ĂĽber die Seitenzahl
  • Klar definieren: Welche Kennzahlen nutzt der Vorstand tatsächlich? Genau diese bilden das GerĂĽst des Berichts – nicht umgekehrt

Umfang und Phase-ins: Weniger „alles“, mehr „material“

Die Berichte reichen von 51 bis 267 Seiten, Median 108 Seiten. Die meiste Aufmerksamkeit bekommen:

  • ESRS 2 (Allgemeine Angaben)
  • ESRS E1 (Klima)
  • ESRS S1 (Eigene Belegschaft)

Umweltstandards jenseits des Klimas (E2–E5) und Governance (G1) bleiben oft kurz – teils, weil Inhalte noch in Arbeit sind, teils aus echter Nicht-Materialität.

Fast alle nutzen Phase-ins, etwa bei:

  • klimabezogenen finanziellen Effekten (E1-9)
  • Angaben zu Nicht-Angestellten (S1-7)

Das Problem: Nur wenige nennen die Übergangsregeln explizit. Damit kann niemand mehr sauber unterscheiden: Fehlt etwas, weil es nicht wesentlich ist – oder weil es aufgeschoben wird?

Was starke Berichte anders machen:

  1. Phase-ins explizit benennen (Standard, Paragraph, Zeitraum)
  2. Gleichzeitig schon skizzieren, wann und wie die LĂĽcken geschlossen werden

Lesbarkeit: Executive Summary ist kein „Nice to have“

Viele CSRD-Berichte lesen sich wie ein Daten-Export aus dem Projektmanagement. Für KI, Analysten und Ratingagenturen reicht das gerade so – für Aufsichtsrat, Vertrieb oder Belegschaft nicht.

Die kommenden ESRS-Anpassungen erlauben eine Executive Summary. Wer klug ist, wartet nicht darauf.

Konkrete Empfehlung:

  • Auf den ersten 5–7 Seiten:
    • Geschäftsmodell, Wesentlichkeit, 5–10 Top-KPI (Klima, Soziales, Governance)
    • klare Aussage zu Transformationspfad und Risiken
  • Danach erst der Detail-Teil mit ESRS-Struktur

2. Doppelte Wesentlichkeit: Drei Dimensionen – viele blinde Flecken

Die gute Nachricht: Ein Marktstandard bei der doppelten Wesentlichkeit entsteht. Alle untersuchten Versicherer strukturieren entlang von drei Dimensionen:

  1. Eigener Geschäftsbetrieb
  2. Kapitalanlage
  3. Underwriting

Ăśber alle Dimensionen hinweg gelten drei Standards praktisch ĂĽberall als wesentlich:

  • ESRS E1 – Klimawandel
  • ESRS S1 – Eigene Belegschaft
  • ESRS G1 – Governance

Damit ist klar: Wer diese drei Themen nicht im Kern der Geschäftsstrategie verankert, hat kein Reporting-, sondern ein Geschäftsproblem.

Underwriting & Kapitalanlage: Wo zusätzliche Pflichtthemen entstehen

  • ESRS S4 (Verbraucher & Endnutzer) ist fĂĽr alle Erstversicherer materiell – logisch, es geht um Kundenerlebnis, Produktfairness und Schadensregulierung
  • ESRS S2 (Arbeitnehmer in der Wertschöpfungskette) gewinnt in der Kapitalanlage an Bedeutung, vor allem in Bezug auf Arbeitsbedingungen bei Beteiligungen
  • ESRS E4 (Biodiversität) ist bisher nur bei etwa einem Drittel der Häuser materiell – trotz klarer VerknĂĽpfung mit Klimarisiken

Gerade in Deutschland ist Biodiversität in Haftpflicht- und Sachsparten strategisch relevanter, als viele Vorstände aktuell sehen (Stichwort: Umwelthaftpflicht, Lieferketten, landwirtschaftliche Risiken).

Custom IROs: Cyber, Datenschutz & IAE als Vorboten des nächsten Levels

Rund 69 % der Versicherer berichten ĂĽber unternehmensspezifische IROs, etwa:

  • Cybersecurity
  • Datenschutz
  • spezifische Produkt- oder Branchenrisiken

Sechs Versicherer berichten bereits über Insurance Associated Emissions (IAE), insbesondere in Kfz- und Industriegeschäft. Noch ist das freiwillig und oft lückenhaft – aber die Richtung ist eindeutig:

Langfristig wird kein groĂźer Kompositversicherer um eine konsistente IAE-Logik herumkommen.

Was das fĂĽr deutsche Versicherer bedeutet:

  • Materialität nicht nur „Check-the-box“, sondern als strategische Priorisierung verstehen
  • FrĂĽhzeitig entscheiden: Wo will man Vorreiter sein (z.B. IAE, Biodiversität) – und wo reicht „solide Marktmitte“?

3. Klima-Reporting (ESRS E1): Financed Emissions schlagen alles

Beim Klima-Reporting ist das Bild klarer als in vielen anderen Bereichen: Die Kapitalanlage dominiert die Emissionsbilanz vollständig.

Emissionsprofil: 0,7 % vs. 99,3 %

Medianwerte aus der Analyse:

  • 0,7 % der Emissionen: Scope 1 und 2
  • 99,3 % der Emissionen: Scope 3
  • Davon 99,6 % aus Kategorie 15: finanzierte Emissionen

Trotzdem berichten fast alle Versicherer zusätzliche Scope-3-Kategorien, etwa:

  • Geschäftsreisen (100 %)
  • Pendelverkehr der Mitarbeitenden (82 %)
  • Eingekaufte GĂĽter und Dienstleistungen (89 %)
  • Abfall, vorgelagerte Energieaktivitäten etc.

Das ist gut für Vollständigkeit, aber: Steuerung ohne klaren Fokus auf Kategorie 15 ist Augenwischerei.

Vergleichbarkeit: Derzeit nur begrenzt sinnvoll

Warum Benchmarks zwischen Versicherern aktuell gefährlich sind:

  • Unterschiedliche Portfolioabdeckung (Sovereigns ja/nein, Alternatives ja/nein)
  • Verschiedene Methoden (inkl. oder exkl. Scope 3 der Beteiligungen)
  • Divergente Behandlung von Immobilien (Scope 1/2 vs. 3)

Wer intern sauber steuern will, braucht eine stabile Methodik über mehrere Jahre und klare Governance dazu – selbst wenn der Marktvergleich noch holpert.

Insurance Associated Emissions: Material, aber kaum quantifiziert

  • 93 % der Versicherer stufen Emissionen aus dem Versicherungsgeschäft als wesentlich ein
  • Trotzdem berichten bislang nur 6 Häuser konkrete IAE-Werte, meist auf Basis PCAF Part C

Das zeigt: Fachlich ist das Thema erkannt, technisch steckt es noch in den Kinderschuhen.

FĂĽr 2025/2026 empfehle ich drei pragmatische Schritte:

  1. Pilotportfolio wählen (z.B. Kfz, gewerbliche Sachversicherung)
  2. Datengrundlage und Methodik testen, statt alles auf einmal zu wollen
  3. Offen kommunizieren, dass es sich um ein Lernfeld handelt

Klimaziele & Transition Plans: Anspruch und Realität klaffen auseinander

Aktuell haben:

  • 31 % Net-Zero-Ambitionen fĂĽr die Kapitalanlage
  • 15 % Net-Zero-Ambitionen fĂĽr den eigenen Betrieb
  • Nur 8 von 27 Häusern Zielsetzungen fĂĽr Underwriting, davon drei mit wissenschaftsbasierten Net-Zero-Zielen

Transition Plans nach ESRS E1-1 sind noch rar:

  • Nur 3 Versicherer haben einen veröffentlichten Ăśbergangsplan, zwei davon voll ESRS-konform

Viele andere arbeiten mit weichen Formulierungen wie „in den kommenden Jahren“ – das mag rechtlich noch genügen, strategisch ist es schwach.

Mein Rat:

  • Einen klaren, aber ehrlichen Transition Plan erarbeiten, statt perfekte Pläne ewig vorzubereiten
  • Zwischenziele (2030, 2035) klar benennen – inklusive Wirkung auf Portfolio, Underwriting, Produktpalette

4. Soziale Nachhaltigkeit (ESRS S1): Demografie, Fachkräfte, Vergütung

ESRS S1 ist für Versicherer mindestens so brisant wie E1 – vor allem vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der Altersstruktur in Deutschland.

Workforce-Struktur: Wenige Junge, viele ĂĽber 50

Die Analyse zeigt:

  • Fluktuation meist unter 10 % – Stabilität ja, Erneuerung nein
  • Nur 15 % der Belegschaft sind unter 30
  • Rund 30 % sind ĂĽber 50, in manchen deutschen Häusern ĂĽber 40 %

Das ist ein klarer Handlungsauftrag fĂĽr:

  • Wissensmanagement und Nachfolgeplanung
  • Attraktive Angebote fĂĽr jĂĽngere Zielgruppen (flexible Arbeitsmodelle, Purpose, moderne Tech-Umgebung)
  • Bewusste Entscheidung: Welche Funktionen bleiben im Kern, was wird gesourct oder automatisiert?

Variable Vergütung: ESG drin – aber oft ohne Biss

  • 73 % der Versicherer binden ESG-Kriterien an variable VorstandsvergĂĽtung
  • Häufige Themen: Klima, Kundenzufriedenheit, Diversity, ESG-Integration

Viele Ziele bleiben jedoch vage („Unterstützung der Transformation“, „Förderung von Diversity“). Für Investoren und Mitarbeitende ist das wenig überzeugend.

FĂĽr glaubwĂĽrdige ESG-VergĂĽtung braucht es:

  • 2–3 klar messbare KPI pro ESG-Dimension
  • Transparenz zu Schwellenwerten, Zielerreichung und Auszahlungswirkung

Pay Ratio & Gender Pay Gap: Zahlen, die Fragen erzeugen

  • Pay Ratio (Top-VergĂĽtung vs. Median): Spannweite von 6 bis 187, Median 33
  • Unbereinigter Gender Pay Gap: Median 21 %, Bandbreite 8–32 %

Die Ursachen sind vielfältig (Standorte, Outsourcing, Rollenzuschnitt), aber eines ist sicher: Diese Kennzahlen werden in Deutschland in den kommenden Jahren in Medien, Aufsichtsräten und Betriebsräten viel Aufmerksamkeit bekommen.

Dazu passt, dass Frauen zwar 52 % der Belegschaft, aber nur:

  • 25 % der ersten FĂĽhrungsebene
  • 19 % der Vorstände

ausmachen.

Wer hier ĂĽberzeugen will, sollte:

  • einen klaren Zielkorridor fĂĽr Frauenanteile in FĂĽhrung definieren
  • interne Karrierepfade und Auswahlprozesse sichtbar ĂĽberarbeiten
  • Fortschritt jährlich mit harten Zahlen belegen

5. Was starke CSRD-Reports 2026 auszeichnen wird

Die erste Welle zeigt: Struktur, Umfang und Themen sind da – strategische Schärfe und Vergleichbarkeit fehlen oft noch. Das eröffnet einen klaren Wettbewerbsvorteil für Häuser, die 2025/2026 drei Dinge ernst nehmen:

  1. Klarheit:

    • Eindeutige Materialitätslogik
    • Unterschied zwischen Impact, Risiko, Chance sauber ziehen
    • Opportunitäten nicht nur als Feigenblatt erwähnen, sondern mit Geschäftsmodellen und Umsatzzielen verknĂĽpfen
  2. Kohärenz:

    • Klimaziele, Transition Plan, Kapitalanlage- und Underwriting-Strategie passen zueinander
    • Personalkennzahlen, VergĂĽtung und Diversity-Ziele ergeben ein stimmiges Bild
  3. Konsequente Integration in die Steuerung:

    • Wenige, dafĂĽr robuste KPI als „Management-Kernset“ definieren
    • Reporting-Prozesse so aufsetzen, dass Zahlen auch unterjährig genutzt werden (Risikobericht, Produktentwicklung, Pricing)

Gerade im deutschen Markt – mit starker Regulierung, kritischer Öffentlichkeit und wachsendem Fachkräftemangel – wird CSRD in den nächsten zwei Jahren vom Reporting- zum Führungsinstrument. Wer das früh akzeptiert, kann Nachhaltigkeit, Profitabilität und Innovationskraft sinnvoll verbinden.

Die Basis ist gelegt. Jetzt entscheidet sich, welche Versicherer aus einem Pflichtbericht ein glaubwürdiges, steuerungsrelevantes Nachhaltigkeitsnarrativ formen – und welche sich 2027 erklären müssen, warum ihre CSRD-Berichte zwar dick, aber wirkungslos sind.