Massiv weniger CSRD-Pflichten klingt nach Entlastung – droht aber Klimarisiken zu verschärfen. Warum Transparenz für Banken, Versicherer und Unternehmen jetzt zum Risikoinstrument wird.

Warum weniger Berichtspflichten mehr Klimarisiko bedeuten
2024 hat die Versicherungsbranche weltweit Klimaschäden von weit über 100 Milliarden US‑Dollar getragen – und ein wachsender Teil davon war nicht versichert. Während sich diese Lücke vergrößert, diskutiert die EU parallel darüber, die Nachhaltigkeitsberichtspflichten für Unternehmen massiv zu reduzieren.
Genau hier entsteht ein Problem: Ohne solide Nachhaltigkeitsdaten kann der Finanzsektor seine Rolle als Risikomanager im Klimawandel nicht erfüllen. Und wenn Banken, Versicherer und Investoren Risiken schlecht einschätzen, zahlen am Ende alle – Unternehmen, Kund:innen und Steuerzahler:innen.
In diesem Beitrag geht es darum,
- wie die aktuellen EU‑Vorschläge zu CSRD und CSDDD den Markt verändern,
- warum Transparenz keine BĂĽrokratie-Laune, sondern ein Risikoinstrument ist,
- und was Finanzinstitute sowie Unternehmen jetzt praktisch tun sollten, um trotz möglicher Verwässerungen beim Reporting handlungsfähig zu bleiben.
1. Was sich bei CSRD, CSDDD & ESRS gerade wirklich verschiebt
Die aktuelle Omnibus‑Diskussion in Brüssel zielt offiziell darauf ab, Bürokratie abzubauen. Faktisch geht es aber weit darüber hinaus: Es steht eine drastische Verkleinerung des Kreises der berichtspflichtigen Unternehmen im Raum.
Kernpunkte der aktuellen Positionen:
- Der Anwendungsbereich der CSRD soll um rund 92 % schrumpfen.
- Der Scope der CSDDD wĂĽrde um etwa 70 % reduziert.
- Statt ca. 50.000 Unternehmen in der EU wären nur noch etwa 4.000 Unternehmen CSRD‑berichtspflichtig.
- Schwellenwerte sollen angehoben werden, etwa auf 1.750 Mitarbeitende und hohe Umsatzgrößen.
- Im Rahmen der CSDDD soll die Pflicht zur Umsetzung von Klimatransitionsplänen teilweise komplett gestrichen werden.
Parallel dazu arbeitet EFRAG an einer Vereinfachung der ESRS‑Standards. Im Gespräch sind unter anderem:
- eine Halbierung der Klimadatenpunkte,
- weniger verpflichtende Angaben zu Biodiversität und Naturkapital.
Das geht deutlich weiter als eine rein technische Entschlackung. Es verändert die Informationsbasis, auf der der Finanzsektor Klimarisiken heute und in den nächsten Jahren steuern soll.
2. Ohne standardisierte Daten kein funktionierendes Klimarisikomanagement
FĂĽr Banken, Versicherer und institutionelle Investoren ist Transparenz kein Selbstzweck, sondern Rohstoff fĂĽr Risikomodelle.
Christine Lagarde hat es im Herbst klar formuliert: Ohne qualitativ hochwertige, umfassende Nachhaltigkeitsdaten aus der Realwirtschaft lassen sich klima- und naturbezogene Finanzrisiken nicht verlässlich abschätzen. Das betrifft vor allem drei Dimensionen:
-
Physische Risiken
Überschwemmungen, Dürren, Stürme, Hitzewellen – sie zerstören Assets, unterbrechen Lieferketten und drücken Produktivität. -
Transitionsrisiken
Regulatorische Eingriffe, CO₂‑Bepreisung, Technologiewandel und verändertes Konsumverhalten entwerten Geschäftsmodelle oder Assets. -
Haftungs- und Reputationsrisiken
Greenwashing-Vorwürfe, Klagen wegen Versäumnissen beim Klimaschutz oder bei Menschenrechten.
Warum standardisierte Nachhaltigkeitsberichterstattung hier so wichtig ist:
- Banken brauchen ESRS‑Datenpunkte, um Klimarisiken in Kreditportfolios zu quantifizieren.
- Versicherer nutzen diese Informationen, um Solvency‑II‑Anforderungen zu erfüllen und eigene Klimaszenarien zu kalibrieren.
- Asset Manager müssen zunehmend ESG‑und SF‑Regulierung bedienen und ihren Kund:innen erklären, wie Portfolien gegenüber Klimarisiken aufgestellt sind.
Der neue Klimafaktor im Sicherheitenrahmen des Eurosystems zeigt, wie ernst die EZB Transitionsrisiken nimmt: Wer Klimarisiken ignoriert, läuft Gefahr, bei Sicherheiten plötzlich mit Wertabschlägen konfrontiert zu werden. Dafür braucht die Zentralbank – genau wie der Markt – konsistente Unternehmensdaten.
3. Warum eine massive Reduktion der Berichtspflichten nach hinten losgeht
Die politischen Vorschläge klingen für viele Unternehmen zunächst attraktiv: weniger Aufwand, weniger Komplexität, weniger Reporting. Der Haken: Ein Teil des Aufwands verschwindet nicht – er verschiebt sich.
RĂĽckkehr zur individuellen Datenabfrage
Wenn nur noch ein kleiner Teil der Unternehmen standardisiert berichten muss, passiert Folgendes:
- Banken, Versicherer und Investoren haben DatenlĂĽcken bei einem GroĂźteil ihrer Kredit- und Beteiligungsportfolios.
- Um regulatorische Anforderungen (z.B. EBA‑Guidelines zu ESG‑Risiken, EZB‑Erwartungen, Solvency II) trotzdem zu erfüllen, müssen sie eigene Fragebögen und Reportinganforderungen an ihre Kund:innen und Beteiligungen stellen.
- Mittelständler, die dachten, sie seien „aus dem Schneider“, bekommen plötzlich unterschiedliche ESG‑Fragebögen von jeder Hausbank, jedem Versicherer und jedem Investor.
Das Ergebnis:
Weniger gesetzliche Berichtspflichten fĂĽhren nicht zu weniger Aufwand, sondern zu mehr Wildwuchs.
Statt einmal nach ESRS‑Logik zu berichten, müssen Unternehmen mehrfach in unterschiedlichen Formaten Auskunft geben – teilweise mit höherem Aufwand und schlechterer Vergleichbarkeit.
Risikoaufschläge und Finanzierungslücken
Für Finanzinstitute ist eine naheliegende Reaktion auf unklare Daten: Risikoaufschläge einpreisen oder Finanzierung ganz zurückfahren.
- Branchen und Geschäftsmodelle mit hohem CO₂‑Fußabdruck und geringer Datenqualität werden teurer oder gar nicht mehr finanziert.
- Unternehmen, die keine belastbaren Transition Stories liefern können, geraten im Wettbewerb um Kapital ins Hintertreffen.
- Für die deutsche Industrie – insbesondere energieintensive Sektoren und große Teile der Lieferketten – kann das schnell zu einem strukturellen Nachteil werden.
Gerade für den deutschen Mittelstand ist das heikel: Viele stehen ohnehin mitten in der Transformation (Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft, Lieferkettenthemen). Wer hier nicht transparent und nachvollziehbar berichten kann, wird an Bonität und Attraktivität verlieren.
4. Klimarisiken steigen – Aufsicht und Markt ziehen die Schrauben an
Während politisch über „Entlastung“ gestritten wird, laufen andere Entwicklungen in die entgegengesetzte Richtung.
Aufsicht: ESG‑Risiken sind systemische Risiken
- Die EBA‑Guidelines verlangen von Banken ein strukturiertes Management von ESG‑Risiken quer durch alle Geschäftsbereiche.
- Die EZB prüft in ihren Aufsichten explizit Klima- und Umweltrisiken – inklusive Szenarioanalysen und Stresstests.
- Für Versicherer bedeutet Solvency II, dass klimabezogene Transitionsrisiken in prudentiellen Transitionsplänen berücksichtigt werden müssen.
Diese Anforderungen werden nicht zurückgedreht, nur weil in Brüssel Berichtspflichten diskutiert werden. Im Gegenteil: Mit jedem weiteren Extremwetterereignis wächst der Druck auf Aufsicht und Zentralbanken, Klimarisiken noch konsequenter zu adressieren.
Realwirtschaft: Von der Versicherungslücke zur Geschäftsmodellanpassung
Gleichzeitig wächst die Versicherungslücke für Klimarisiken – also der Anteil der Schäden, die nicht (mehr) versicherbar sind.
FĂĽr Unternehmen und Finanzinstitute bedeutet das konkret:
- Standortentscheidungen, Lieferketten, Lagerhaltung und Produktion mĂĽssen klimastresstauglich werden.
- Dekarbonisierungs- und Transformationspfade sind nicht mehr Kür, sondern Risikoprävention.
- Wer frühzeitig robuste Klimatransitionspläne aufsetzt, kann Risiken senken und Finanzierungskonditionen verbessern.
Hier zeigt sich der Kernkonflikt der aktuellen politischen Debatte: Während Klimarisiken objektiv zunehmen, droht die regulatorische Infrastruktur für Transparenz schwächer zu werden.
5. Was Finanzinstitute jetzt konkret tun sollten
Auch wenn die finalen Ergebnisse der Trilogverhandlungen noch offen sind: Finanzinstitute können es sich nicht leisten, auf Klarheit aus Brüssel zu warten. Wer heute reagiert, reduziert morgen Klumpenrisiken.
a) Eigenes ESG‑Datenframework aufbauen
- Ein hausintern konsistentes Set von ESG‑Kernindikatoren definieren, das unabhängig vom Mindestumfang gesetzlicher Berichtspflichten gilt.
- Standardisierte ESG‑Fragebögen und Datenmodelle entwickeln, die an ESRS angelehnt sind – auch für nicht CSRD‑pflichtige Kund:innen.
- Wo möglich, auf digitale ESG‑Plattformen und Datenpools setzen, um Mehrfachabfragen zu vermeiden.
b) Klimarisikomanagement professionalisieren
- Physische und transitorische Klimarisiken explizit in Kredit- und Underwritingprozesse integrieren.
- Szenarioanalysen und Portfoliostresstests entlang wissenschaftlich fundierter Klimapfade durchfĂĽhren.
- Interne Risikobudgets und Limits fĂĽr besonders exponierte Sektoren definieren.
c) Transitionspläne als Steuerungsinstrument nutzen
Auch wenn auf EU‑Ebene an einer Abschwächung der Pflicht zu Transitionsplänen gearbeitet wird, gilt: Gute Häuser machen das trotzdem.
- FĂĽr eigene Portfolien klare Dekarbonisierungspfade bis 2030 und 2050 definieren.
- Transitionsziele und -Meilensteine in Kredit- und Anlageentscheidungen verankern.
- Kund:innen aktiv bei der Entwicklung eigener Transitionspläne unterstützen – z.B. über Beratung, Nachhaltigkeitsratings oder spezielle Finanzierungslösungen.
6. Was Unternehmen tun können – auch wenn sie nicht (mehr) berichtspflichtig sind
Unternehmen, die aufgrund angehobener Schwellenwerte voraussichtlich nicht mehr unter die CSRD fallen, sollten sich nicht in Sicherheit wiegen. FĂĽr sie gilt strategisch:
a) Freiwillig an den ESRS orientieren
- Ein „Light‑Reporting“ auf Basis der ESRS‑Struktur aufsetzen, fokussiert auf die wichtigsten Themen: Klima, Energie, Emissionen, Lieferkette.
- Datenhaushalt und Governance so aufbauen, dass bei zukünftigen regulatorischen Verschärfungen kein hektischer Nachlauf nötig wird.
b) Finanzierungsfähigkeit aktiv absichern
- Nachhaltigkeitskennzahlen gezielt in Bankgespräche und Investorendialoge einbringen.
- Transparente Klimastrategie und konkrete Maßnahmen (z.B. Energieeffizienz, Umstellung auf erneuerbare Energien, Kreislauflösungen) klar dokumentieren.
- Prüfen, welche Förderprogramme und grünen Finanzierungsinstrumente für Transformationsprojekte genutzt werden können.
c) Risikobild fokussiert erweitern
- Physische Standort- und Lieferkettenrisiken analysieren: Wo bin ich bei Flut, Hitze, Wasserknappheit verwundbar?
- Übergangsrisiken identifizieren: Welche meiner Produkte und Prozesse könnten in einem 1,5°‑Szenario unter Druck geraten?
Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsdaten im Griff haben, werden im Dialog mit Banken, Versicherern und Kund:innen nachweislich besser bewertet – selbst wenn sie rechtlich nicht zur Berichterstattung gezwungen sind.
7. Warum Transparenz kein Luxus, sondern eine Versicherungsprämie ist
Die aktuelle politische Diskussion suggeriert: Weniger Berichtspflichten = Entlastung. FĂĽr die Klimarisiken im System gilt eher das Gegenteil.
- Weniger Transparenz macht Risikomodelle schlechter.
- Schlechtere Modelle machen Kapital teurer oder knapper.
- Teureres Kapital verlangsamt die Transformation – genau in einer Phase, in der sie eigentlich beschleunigt werden müsste.
Es lohnt sich, Berichtspflichten anders zu denken: Nicht als lästige Regulierung, sondern als Investition in eine stabilere, widerstandsfähigere Wirtschaft.
Wer heute dafür sorgt, dass Klimarisiken sichtbar, messbar und steuerbar werden, spart morgen reale Schäden, Ausfälle und Wertverluste.
Für Finanzinstitute heißt das: ESG‑Daten und Klimarisikomanagement gehören ins Zentrum der Geschäftssteuerung – unabhängig davon, wie die finalen CSRD‑ und CSDDD‑Texte aussehen.
Für Unternehmen heißt das: Auch ohne formale Pflicht ist professionelles Nachhaltigkeitsreporting längst zu einem Wettbewerbsfaktor bei Finanzierung, Kundenbeziehungen und Talentgewinnung geworden.
Die nächsten Monate in Brüssel werden zeigen, wie ambitioniert Europa in Sachen Transparenz bleibt. Die strategische Entscheidung, Klimarisiken ernst zu nehmen, muss die Finanz- und Realwirtschaft allerdings jetzt treffen – nicht erst, wenn die nächste Flut, Dürre oder Regulierungsschraube vor der Tür steht.