Versteckte Fahrer und Nutzungen treiben die Schadenquote im Kfz-Flottengeschäft. So können österreichische Versicherer mit KI und InsurTech ihr Commercial-Auto-Risiko steuern.

Warum „versteckte Fahrer“ für Versicherer teuer werden
Ein Detail frisst Jahr fĂĽr Jahr Millionen im Kfz-FlottenÂgeschäft – und fast jede Gesellschaft in Ă–sterreich kennt das Problem: Das größte Risiko sitzt nicht immer dort, wo der Vertrag es vermuten lässt. Dienstwagen werden privat genutzt, Fahrer wechseln kurzfristig, Subunternehmer springen ein, Leasingfahrzeuge wandern zwischen Standorten. Auf dem Papier passt der Tarif. Auf der StraĂźe fährt ein völlig anderes Risikoprofil.
Genau hier setzen moderne Commercial Auto Risk‑Plattformen wie SambaSafety in den USA an: Sie holen die „versteckten Fahrer“ ans Licht und machen aus statischer Policenlogik ein datengetriebenes, dynamisches Risikomanagement. Für österreichische Versicherer im InsurTech‑Umfeld ist das eine Steilvorlage.
In diesem Beitrag geht es darum, wie Versicherer in Österreich mit KI und Telematik die verborgenen Treiber des Kfz-Flottenrisikos erkennen, Tarife präziser gestalten und gleichzeitig Schadenquote und Vertriebserfolg verbessern – ohne die Kund:innen mit Bürokratie zu überrollen.
1. Die wahren Treiber von Kfz-Flottenrisiko: Mehr als PS und Postleitzahl
Der Kern: Das Schadenrisiko von gewerblichen Kfz-Flotten wird nicht mehr primär durch Fahrzeugtyp und Zulassungsbezirk bestimmt, sondern durch Fahrverhalten und Nutzungsmuster. Klassische Merkmale wie KW-Leistung, Fahrzeugalter oder Regionaltarif sind nur noch die grobe Kulisse.
Was heute tatsächlich zählt
Aus Sicht moderner Risikomodelle sind vor allem relevant:
- Fahrverhalten: Geschwindigkeit, Beschleunigung, Bremsverhalten, Kurvenfahrten
- Exposition: Gefahrene Kilometer, Fahrzeiten (z.B. Nachtfahrten), Streckenarten (Autobahn, Stadt)
- Fahrerwechsel: Wie oft und in welchen Rollen Fahrer Fahrzeuge nutzen (Mitarbeiter, Zeitarbeit, Subunternehmer)
- Organisatorische Faktoren: Fuhrparkmanagement, Fahrertrainings, Sicherheitskultur im Unternehmen
- Historie und Muster: Häufung von Beinaheunfällen, Verkehrsverstößen, Parkschäden
Die „versteckten Fahrer“ sind jene Personen, die in der Realität regelmäßig am Steuer sitzen, aber im Underwriting- und Schadenmodell nicht korrekt abgebildet sind. Typische Beispiele in Österreich:
- Poolfahrzeuge, die ungeplant dauerhaft von einer Hochrisiko-Person genutzt werden
- Lieferwagen, die kurzfristig an Subunternehmer verliehen werden
- Dienstwagen, die in der Praxis viel häufiger privat und von Familienmitgliedern gefahren werden
Solange diese Treiber unsichtbar bleiben, ist die Tarifkalkulation ein Ratespiel – und teure Überraschungen im Schadenverlauf sind vorprogrammiert.
2. Wie KI und Datenplattformen die „Hidden Drivers“ sichtbar machen
Die kurze Antwort: Durch laufende Dateneinspeisung und intelligente Mustererkennung. Statt einmal bei Antragstellung ein Bild zu machen, wird das Risiko während der gesamten Vertragslaufzeit beobachtet und bewertet.
Datenquellen, die Commercial-Auto-Risiko greifbar machen
Moderne Lösungen wie SambaSafety in den USA oder europäische Telematikplattformen nutzen eine Kombination aus:
- Telematikdaten aus OBD-Steckern, fest verbauten Boxen oder direkt aus dem Fahrzeug (OEM-Daten)
- Fahrer-Apps auf dem Smartphone (GPS, Beschleunigungssensoren, Fahrzeit)
- Verkehrs- und Wetterdaten zur Kontextualisierung (z.B. Fahren bei Glätte, Stoßzeiten)
- Schaden- und Meldedaten aus Bestandssystemen
- Führerschein- und Deliktdaten, wo rechtlich zulässig (z.B. Alkoholfahrten, Geschwindigkeitsübertretungen)
Wichtig ist: Es geht nicht darum, den einzelnen Mitarbeiter auszuspionieren, sondern Risikoprofile zu verstehen. Für den österreichischen Markt bedeutet das: klare Datenschutzgrundlagen (DSGVO, Einwilligungen, Betriebsvereinbarungen) und transparente Kommunikation mit den Flottenkunden.
Rolle der KI: Vom Datenberg zur Risikoeinschätzung
Mit klassischen Aktuariatsmethoden sind Millionen Fahrdaten kaum sinnvoll auszuwerten. KI-Modelle ĂĽbernehmen hier drei zentrale Aufgaben:
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Muster erkennen
Welche Fahrmuster führen statistisch zu mehr Unfällen? Welche Kombinationen aus Nachtfahrten, Stadtverkehr und bestimmten Manövern sind kritisch? -
Risikopunkte berechnen
Jeder Fahrer und jedes Fahrzeug erhält einen dynamischen Score – z.B. auf einer Skala von 0 bis 100. Dieser Score fließt ins Underwriting, ins Pricing und ins laufende Risikomanagement ein. -
FrĂĽhwarnsignale liefern
Steigt das Risiko in einer Flotte plötzlich an (z.B. durch neue Fahrerstruktur oder Auftragsarten), kann der Versicherer reagieren: Beratung anbieten, Training initiieren, ggf. Tarif anpassen.
Der groĂźe Vorteil: Versicherer steuern nicht mehr nur den Schaden danach, sondern das Verhalten davor.
3. Chancen für österreichische Versicherer: Von der Police zum Risiko-Partner
Wer Commercial Auto Risk so versteht, verändert seine Rolle beim Kunden. Aus einem reinen Kostenträger wird ein Partner fĂĽr FlottenÂsicherheit und Effizienz – genau dort, wo InsurTech-Lösungen den Unterschied machen.
Konkrete Business-Effekte
Versicherer, die KI-basierte Flottenrisiko-Plattformen einsetzen, berichten international von:
- Rückgang der Schadenhäufigkeit im zweistelligen Prozentbereich (oft 15–30 % in den ersten 12–24 Monaten)
- Besserer Combined Ratio im Kfz-Flottengeschäft
- Höherer Kundenbindung, weil die Flottenkunden einen messbaren Mehrwert sehen
- Gezielterem Vertrieb, da risikoarme Flotten aktiver angesprochen werden können
Auf den österreichischen Markt übertragen, ergeben sich zudem drei strategische Hebel:
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Differenzierung im gewerblichen Geschäft
Flottenkund:innen – vom Baubetrieb über den Lebensmittelgroßhändler bis zum Pflege- und Sozialdienst – stehen massiv unter Kostendruck. Wer als Versicherer nicht nur Prämien einzieht, sondern hilft, Unfälle, Ausfallzeiten und Werkstattkosten zu senken, gewinnt. -
Nutzung bestehender Datenreserven
Viele Häuser haben bereits Telematik-Pilotprojekte, Apps oder Flottenkooperationen gestartet. Mit einer klaren KI-Risikoplattform lässt sich dieses Flickwerk bündeln und wirtschaftlich nutzbar machen. -
Regulatorischer RĂĽckenwind
Themen wie Verkehrssicherheit, Arbeitswelt 4.0 und ESG (S – Social) spielen in Österreich politisch eine größere Rolle. Ein datenbasiertes Flotten-Sicherheitsprogramm lässt sich sehr gut in nachhaltige Unternehmensstrategien integrieren.
Warum die meisten Versicherer das noch nicht voll ausschöpfen
Die Realität: Viele Gesellschaften sammeln bereits Flottendaten, nutzen sie aber nur für einfache Rabatte („Telematik-Bonus“). Was fehlt, ist:
- Eine zentrale, skalierbare Datenplattform
- Ein klares, from-the-top getragenes Geschäftsmodell
- Die Integration der Scores in Underwriting, Tarifierung und Bestandssteuerung
Hier liegt die eigentliche InsurTech-Chance für österreichische Häuser: Technologie nicht als Gimmick, sondern als Kern des Commercial-Auto-Produktdesigns zu verstehen.
4. Umsetzung in der Praxis: Vom PoC zum skalierbaren InsurTech-Produkt
Das Konzept klingt attraktiv – die Umsetzung scheitert oft an Komplexität. Ich habe in Projekten gesehen, dass ein klar strukturierter Fahrplan den Unterschied macht.
Schritt 1: Zielbild und Business Case klären
Bevor die erste Datenquelle angebunden wird, braucht es Antworten auf drei Fragen:
- Welche Flottensegmente sind strategisch wichtig? (z.B. Lieferdienste, Handwerk, Transport, Kommunalflotten)
- Welche messbaren Ziele sollen erreicht werden? (z.B. -20 % Schadenhäufigkeit in 3 Jahren, +10 % Bestand in profitablen Segmenten)
- Wie werden Kunden für datenbasiertes Risikomanagement incentiviert? (Prämienmodelle, Bonus/Malus, Servicebausteine)
Ohne dieses Zielbild verkommt jede KI-Initiative zu einem weiteren Pilotprojekt ohne Durchschlagskraft.
Schritt 2: Datenarchitektur und Governance aufsetzen
Für österreichische Versicherer sind dabei vor allem drei Punkte kritisch:
- DSGVO-Konformität: Klare Einwilligungen, Zweckbindung, Datenminimierung
- Betriebsvereinbarungen bei Einsatz in Unternehmensflotten mit Betriebsrat
- Sichere Cloud-/On-Prem-Architektur, die sowohl Echtzeitdaten als auch historische Bestandsdaten verarbeiten kann
Technisch bewährt haben sich modulare Plattformen mit:
- Ingestion-Layer fĂĽr unterschiedliche Quellen (Telematik, Apps, OEM, Schaden)
- Feature Store fĂĽr KI-Modelle
- Scoring-Engine mit APIs in Bestandssysteme und Portale
Schritt 3: KI-Modelle entwickeln und testen
Ein praxisnaher Ansatz besteht darin, mit einfachen, erklärbaren Modellen zu starten:
- Scoring pro Fahrt (Trip Score)
- Aggregierter Fahrerscore ĂĽber 30/90/365 Tage
- Flottenscore als gewichteter Durchschnitt
Erst wenn diese Basismodelle stabil laufen und im Business akzeptiert sind, lohnt sich der Einsatz komplexerer Machine-Learning-Modelle. Entscheidend ist Transparenz:
„Warum bekommt diese Flotte einen schlechteren Score?“
Vertrieb und Underwriting brauchen darauf eine klare, intuitive Antwort.
Schritt 4: Integration in Produkte und Prozesse
Ohne Anbindung an das Kerngeschäft bleibt jede Plattform ein Paralleluniversum. Konkret sollten folgende Anwendungsfälle umgesetzt werden:
- Dynamisches Pricing fĂĽr Flotten mit Telematikteilnahme
- Risikoselektion im Neugeschäft (z.B. Mindest-Flottenscore für bestimmte Tarife)
- Betreuungssignale fĂĽr Makler und AuĂźendienst (z.B. Alert bei stark fallendem Score)
- Schadenprävention als Service (Fahrertraining, Reports, Management-Workshops)
Gerade für den österreichischen Markt mit starkem Maklerkanal ist es wichtig, Vermittler aktiv einzubinden, statt sie mit mehr Komplexität zu konfrontieren.
5. Speziell für Österreich: Was InsurTech-Lösungen beachten müssen
Der österreichische Markt hat seine eigenen Spielregeln. Wer eine KI-basierte Commercial-Auto-Risiko-Plattform einführt, sollte einige Besonderheiten ernst nehmen.
Datenschutz und Akzeptanz
Österreichische Arbeitnehmer:innen und Betriebsräte reagieren sensibel auf Überwachungsthemen. Erfolgreiche Projekte setzen daher auf:
- Klare Zweckkommunikation: Sicherheit und Unfallvermeidung statt „Kontrolle“
- Transparente Regeln zur Datennutzung (keine Leistungsbeurteilung einzelner Mitarbeiter durch den Arbeitgeber)
- Anonymisierung und Aggregation auf Flottenebene, wo immer möglich
Wer hier sauber arbeitet, gewinnt das Vertrauen der Flottenkunden – und reduziert zugleich rechtliche Risiken.
Rolle von Maklern und Agenturen
Im Flottengeschäft in Österreich sind Makler oft die zentralen Vertrauenspersonen. Eine KI-Risikoplattform wird nur dann zum Erfolg, wenn:
- Makler verständliche Reports und klare Argumente an die Hand bekommen
- Tarifmodelle trotz datenbasierter Dynamik nachvollziehbar bleiben
- Provisionen und Betreuungslogik nicht „unter der Haube“ ausgehöhlt werden
Mein Eindruck: Wenn Makler sehen, dass ihre Kund:innen weniger Unfälle haben und prämienstabiler fahren, stehen sie datenbasierten Lösungen erstaunlich offen gegenüber.
Kooperationen statt Eigenentwicklung um jeden Preis
Nicht jedes Haus muss selbst zum Technologieanbieter werden. Für viele österreichische Versicherer ist ein Partnerschaftsmodell mit spezialisierten InsurTechs wirtschaftlich sinnvoller:
- Schnellerer Markteintritt
- Bewährte Technologie und Modelle
- Möglichkeit, spezifische österreichische Anforderungen einzubauen
Wichtig ist ein klares Governance-Modell: Wem gehören die Daten? Wie werden Modelle weiterentwickelt? Wie werden Interessen von Kunde, Versicherer und Tech-Partner ausbalanciert?
Fazit: Commercial-Auto-Risiko wird zur strategischen Chance
Die verborgenen Treiber im gewerblichen Kfz-Geschäft – die „hidden drivers“ – entscheiden darüber, ob ein Flottenportfolio profitabel ist oder zur Dauersorge wird. Wer sie mit KI und datenbasierten Plattformen sichtbar macht, verschafft sich im österreichischen Markt einen echten Vorsprung.
FĂĽr Versicherer in Ă–sterreich heiĂźt das konkret:
- Weg von rein statischen Tarifen, hin zu dynamischen, verhaltensbasierten Modellen
- Flottenkunden nicht nur versichern, sondern aktiv bei der Schadenprävention unterstützen
- InsurTech-Partnerschaften gezielt nutzen, statt alles selbst erfinden zu wollen
Wer heute beginnt, seine Commercial-Auto-Risikoarchitektur neu zu denken, kann 2026/2027 mit reifen, skalierbaren Lösungen im Markt auftreten – just in dem Moment, in dem Wettbewerber ihre ersten ernsthaften Probleme mit unprofitablen Flottenportfolios spüren.
Die Frage ist weniger, ob sich das Flottenrisikogeschäft in Österreich datengetrieben verändern wird, sondern wer den Takt vorgibt. Wer bereit ist, jetzt in KI-basierte Risiko-Plattformen zu investieren, wird nicht nur Schadenquoten verbessern, sondern auch als moderner, partnerschaftlicher Versicherer wahrgenommen werden.