Der Circular Economy Act wird ab 2026 zum zentralen Rahmen für Kreislaufwirtschaft in Europa. Was auf Unternehmen zukommt – und wie sie sich 2025 vorbereiten.

Circular Economy Act ab 2026: Chance fĂĽr Europas Unternehmen
Bis 2050 könnten zirkuläre Geschäftsmodelle laut EU-Kommission rund 25 % der nötigen Treibhausgasreduktionen bringen. Trotzdem bleiben Sammelquoten niedrig, Recyclingmärkte fragmentiert und Sekundärrohstoffe Mangelware. Der geplante EU Circular Economy Act (CEA) soll genau an diesen Bruchstellen ansetzen – und wird für Unternehmen in Deutschland ab 2026 zur echten Weichenstellung.
Dieser Beitrag ordnet den Entwurf politisch und wirtschaftlich ein, erklärt die wichtigsten Instrumente des Circular Economy Act und zeigt konkret, was Unternehmen – insbesondere in der Industrie, Elektronik und Konsumgüterbranche – schon 2025 vorbereiten sollten.
1. Was der Circular Economy Act wirklich verändern soll
Der Circular Economy Act ist nicht einfach „noch ein Umweltgesetz“. Er ist als zentrales Rahmenwerk gedacht, das bestehende Regelungen bündelt und Lücken schließt. Die EU will weg vom regulatorischen Flickenteppich hin zu einem funktionierenden Binnenmarkt für Sekundärrohstoffe.
Die Kernidee ist klar:
Gleiche Regeln für alle, damit zirkuläre Geschäftsmodelle sich nicht länger gegen inkonsistente nationale Vorgaben behaupten müssen.
Der CEA knüpft an mehrere bestehende Säulen an:
- Green Deal und Clean Industrial Deal als strategischer Rahmen
- Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR)
- Waste Framework Directive
- Critical Raw Materials Act
Statt lauter einzelner Vorgaben entsteht damit ein zusammenhängendes System, das drei Ziele gemeinsam adressiert:
- Ă–kologische Wirkung: mehr Recycling, weniger Abfall, geringere Emissionen
- Wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit: verlässlicher Zugang zu Sekundärrohstoffen, Investitionssicherheit
- Geopolitische Resilienz: weniger Abhängigkeit von Rohstoffimporten
Für Unternehmen heißt das: Der CEA ist kein „Nice-to-have“, sondern wird mittel- bis langfristig Preisstrukturen, Produktdesign, Beschaffung und Reporting beeinflussen.
2. Status quo: Warum Circular Economy in Europa stockt
Dass Circular Economy in Strategiepapiere und Nachhaltigkeitsberichte gehört, haben die meisten Unternehmen verstanden. Aber in der Praxis scheitern viele Ansätze an drei sehr handfesten Hürden.
2.1 Regulatorischer Flickenteppich
Die Realität in der EU: Jedes Land kocht beim Thema Abfallrecht, End-of-Waste-Kriterien und Herstellerverantwortung sein eigenes Süppchen. Folgen:
- Unterschiedliche Definitionen, wann ein Stoff kein Abfall mehr, sondern Sekundärrohstoff ist
- Abweichende Melde- und Registrierungspflichten fĂĽr Hersteller und Inverkehrbringer
- Komplexe Genehmigungsverfahren beim grenzüberschreitenden Handel mit Sekundärmaterialien
Ergebnis: Für ein Unternehmen mit Produktionsstätten in Deutschland, Frankreich und Italien ist es oft einfacher, Primärmaterial neu einzukaufen, statt Sekundärrohstoffe aus anderen EU-Staaten zu nutzen.
2.2 Niedrige Sammel- und Recyclingquoten
Besonders drastisch ist die Lücke bei Elektronikabfällen:
- Sammelquote in der EU: rund 40 %
- Viele wertvolle Materialien (z.B. seltene Erden, Kobalt, Lithium) landen noch im RestmĂĽll oder werden exportiert
Damit geht der EU nicht nur ein Klimaschutzhebel verloren, sondern auch ein Teil ihrer strategischen Rohstoffbasis.
2.3 Fehlende Marktanreize
Selbst wenn Sekundärmaterial verfügbar ist, fehlt häufig die Nachfrage. Gründe:
- Unsicherheit über Qualität und Herkunft
- Preisvorteile von Primärrohstoffen, solange externe Kosten (Emissionen, Ressourcenverbrauch) nicht eingepreist sind
- Interne Prozesse (z.B. Einkauf) sind selten auf zirkuläre Kriterien ausgerichtet
Genau hier setzt der Circular Economy Act an – mit Instrumenten für Angebot und Nachfrage.
3. Angebotsseite: Wie der CEA Sekundärrohstoffe attraktiver macht
Auf der Angebotsseite soll der CEA mehr, zuverlässigere und besser rückverfolgbare Sekundärrohstoffe verfügbar machen. Drei Hebel sind dabei besonders wichtig.
3.1 Bessere RĂĽckgewinnung von Elektronikschrott
Elektronikschrott ist derzeit einer der dynamischsten Abfallströme – und ein Rohstofflager mit hoher Wertdichte. Der CEA will:
- Sammel- und RĂĽcknahmesysteme ausbauen und effizienter machen
- Recyclingziele für kritische Rohstoffe wie Kobalt, Kupfer oder Lithium präziser fassen
- Messmethoden fĂĽr Recyclingeffizienz EU-weit vereinheitlichen
FĂĽr Unternehmen in der Elektronik-, IT- und Batteriebranche bedeutet das:
- stärkere Einbindung in Rücknahmesysteme
- Anpassung der Produktgestaltung an bessere Demontierbarkeit
- wachsende Berichtspflichten ĂĽber zurĂĽckgewonnene Materialien
3.2 Harmonisierte End-of-Waste-Kriterien
Die Frage, ab wann ein „Abfall“ zum „Produkt“ wird, entscheidet darüber, ob ein Stoff relativ frei gehandelt werden kann oder in ein komplexes Abfallregime fällt.
Der CEA zielt darauf, dass:
- End-of-Waste-Kriterien EU-weit harmonisiert oder
- zumindest wechselseitig anerkannt werden.
Konsequenz fĂĽr Unternehmen:
- Weniger Rechtsunsicherheit beim Einsatz von Rezyklaten
- Einfacherer grenzüberschreitender Handel mit Sekundärrohstoffen
- Bessere Planbarkeit von Investitionen in Recyclinganlagen
3.3 Vereinheitlichte Extended Producer Responsibility (EPR)
Die erweiterte Herstellerverantwortung ist ein starkes Steuerungsinstrument – aktuell aber in jedem Mitgliedstaat anders ausgestaltet.
Der CEA sieht vor:
- Harmonisierung von EPR-Systemen in der EU
- Digitalisierung von Registrierungs- und Meldeprozessen
- PrĂĽfung einer Ausweitung auf weitere Produktkategorien
Für deutsche Unternehmen, die bereits heute mit komplexen, länderspezifischen EPR-Anforderungen kämpfen, kann das mittelfristig die Compliance-Kosten senken, auch wenn kurzfristig Anpassungsaufwand entsteht.
4. Nachfrageseite: Wie der CEA Märkte für zirkuläre Produkte schafft
Ohne Nachfrage nach zirkulären Produkten bleiben selbst gute Recyclingstrukturen wirkungslos. Der CEA adressiert deshalb ganz bewusst die Marktseite.
4.1 Mindestanteile fĂĽr recycelte und biobasierte Inhalte
Der CEA sieht verbindliche Vorgaben fĂĽr bestimmte Produktgruppen vor, etwa zu:
- Mindestanteilen von Rezyklaten (z.B. in Kunststoffen, Verpackungen, Bauteilen)
- Einsatz von biobasierten Rohstoffen, wo technisch sinnvoll
FĂĽr Unternehmen bedeutet das:
- Produktentwicklung und Materialauswahl müssen frühzeitig auf Rezyklatfähigkeit geprüft werden
- Lieferketten müssen so gestaltet werden, dass qualitätsgesicherte Sekundärrohstoffe verfügbar sind
Praxisnaher Tipp: Wer heute schon mit Lieferanten Rezyklatquoten testet, Audits aufsetzt und Qualitätssicherungsprozesse anpasst, kommt 2026 deutlich entspannter durch die neue Regulierung.
4.2 Ă–ffentliche Beschaffung als Markttreiber
Öffentliche Beschaffung macht etwa 15 % des EU-BIP aus – ein Hebel, den die Kommission gezielt nutzen will.
Der CEA will dafür sorgen, dass öffentliche Auftraggeber künftig stärker auf:
- zirkuläre Produkte
- reparierbare und langlebige GĂĽter
- ressourceneffiziente Lösungen
setzen. Erwartet werden einfache, praxisnahe Kriterien, die auch Kommunen mit begrenzten Ressourcen anwenden können.
Wer liefert, profitiert:
- Hersteller, die ihre Produkte zirkulär designen, verbessern ihre Chancen bei Ausschreibungen
- Service-basierte Modelle (z.B. „Product-as-a-Service“, Miet- und Sharingmodelle) werden attraktiver
5. Flankierende Maßnahmen: Was schon vor 2026 Realität wird
Einige Bausteine des Circular Economy Act werden faktisch schon jetzt vorbereitet oder vorweggenommen.
5.1 Einheitliche Methodik fĂĽr Batterierecycling
Eine neue delegierte Verordnung legt einheitliche Methoden zur Berechnung und zum Nachweis von:
- Recyclingeffizienz und
- stofflicher Verwertung von Altbatterien
fest. Ziel: höhere Rückgewinnungsquoten kritischer Rohstoffe und ein harmonisierter Markt für Batterierecycling.
Für Unternehmen entlang der Batterie-Wertschöpfungskette heißt das: Reporting, Prozessdesign und Technologieentscheidungen sollten schon an diesen neuen Standard angepasst werden.
5.2 Digitales Abfall-Tracking ab 05.2026
Ab Mai 2026 sollen Abfallströme EU-weit digital erfasst und papierbasierte Prozesse ersetzt werden.
Vorteile:
- höhere Transparenz und Rückverfolgbarkeit
- effizientere Behördenprozesse
- bessere Datengrundlage fĂĽr unternehmensinterne Steuerung
Aber: Unternehmen müssen ihre IT- und Compliance-Systeme anpassen. Wer heute noch mit Excel und Fax arbeitet, bekommt spätestens 2026 ein echtes Problem.
6. Was Unternehmen 2025 konkret tun sollten
Der Gesetzgebungsprozess läuft, die öffentliche Konsultation ist gestartet, Detailanforderungen werden sich noch verändern. Trotzdem wäre es ein Fehler, abzuwarten. Es gibt mehrere Schritte, die sich schon 2025 lohnen.
6.1 Stakeholder in die Konsultation einbinden
Zwischen 08.2025 und 06.11.2025 läuft die öffentliche Konsultation zum CEA. Unternehmen können über Verbände, Brancheninitiativen oder direkt Feedback geben.
Sinnvoll ist, intern folgende Fragen zu stellen:
- Welche Vorgaben wären für unser Geschäftsmodell besonders kritisch?
- Wo brauchen wir Übergangsfristen oder technologische Flexibilität?
- Welche Best Practices aus der eigenen Praxis könnten in den Gesetzestext einfließen?
Wer seine Perspektive jetzt einbringt, reduziert später das Risiko unpraktikabler Detailregeln.
6.2 Zirkularitäts-Check für Produkte und Prozesse
Bevor Regulierung von auĂźen Druck macht, sollten Unternehmen selbst Klarheit gewinnen:
- Welche Produkte sind heute reparierbar, modular, recycelbar – welche nicht?
- Wo nutzen wir bereits Rezyklate oder biobasierte Rohstoffe – in welchen Anwendungen wäre das technisch möglich?
- Wie laufen Rücknahme, Demontage und Recycling aktuell – intern oder über Dienstleister?
Ein strukturierter Circularity-Quick-Check (Produkt, Material, Prozess, Daten) zeigt, wo man schon gut aufgestellt ist und wo Maßnahmen nötig werden.
6.3 Daten- und IT-Landschaft vorbereiten
Der CEA macht eines deutlich: Ohne belastbare Daten keine Circular Economy.
Unternehmen sollten prĂĽfen:
- Welche Daten zu Materialströmen, Rezyklatanteilen, Lebensdauern sind vorhanden?
- Wie werden EPR-Verpflichtungen und Abfallströme heute erfasst?
- Sind Systeme vorhanden, die eine digitale Rückverfolgbarkeit ermöglichen (z.B. digitale Produktpässe, Materialpässe)?
Wer hier früh investiert, spart später Integrations- und Compliance-Kosten.
6.4 Geschäftsmodell-Potenziale analysieren
Der Circular Economy Act ist nicht nur Regulierung, sondern auch eine Marktchance. Spannende Ansatzpunkte:
- Refurbishment und Remanufacturing: Wiederaufbereitung von Komponenten und Geräten
- Service-Modelle statt Produkteigentum (z.B. „Light-as-a-Service“, „Device-as-a-Service“)
- Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette, um Rücknahme und Sekundärrohstoffflüsse gemeinsam zu organisieren
Wer heute Pilotprojekte startet, hat 2026 konkrete Referenzen, wenn Anforderungen verbindlich werden.
7. Warum der Circular Economy Act mehr ist als BĂĽrokratie
Es wirkt auf den ersten Blick wie noch ein dicker Regulierungskomplex aus BrĂĽssel. Schaut man genauer hin, zeigt sich ein anderes Bild:
- Der CEA bĂĽndelt statt nur draufzusatteln
- Er schafft Planbarkeit für Investitionen in Recycling, Rezyklate und zirkuläres Design
- Er adressiert Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit gemeinsam
Für Europa – und speziell für die exportorientierte deutsche Wirtschaft – ist das ein strategischer Schritt. Wer frühzeitig an Bord ist, kann sich Marktanteile in einer stärker zirkulären Ökonomie sichern.
Jetzt kommt es darauf an, dass Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft den CEA mitgestalten, statt sich 2026 von fertigen Regeln ĂĽberraschen zu lassen.
Unternehmen, die 2025 aktiv werden, werden 2026 nicht nur „regelkonform“ sein – sie sind dann bereits einen Schritt weiter: mit erprobten zirkulären Produkten, stabilen Materialströmen und Daten, die sich auch in Reporting und Finanzierung positiv bemerkbar machen.