Der Architekt der Zukunft vereint KI, BIM und Verantwortung. Wie Büros jetzt nachhaltiger, digitaler und effizienter planen – und sich einen klaren Vorsprung sichern.
Architekt der Zukunft: KI, BIM und Verantwortung vereinen
2030 ist näher, als es sich anfühlt: Laut EU-Kommission entfallen rund 37 % der CO₂-Emissionen und gut 40 % des Energieverbrauchs auf den Bau- und Gebäudesektor. Wer heute Gebäude plant, entscheidet also direkt über Klimabilanz, Ressourceneinsatz – und darüber, ob ein Projekt in fünf Jahren noch wirtschaftlich und genehmigungsfähig ist.
Genau hier entsteht der „Architekt der Zukunft“: jemand, der digitale Werkzeuge wie BIM und Künstliche Intelligenz (KI) beherrscht, ohne die Verantwortung für Gestaltung, Städtebau und Nutzerqualität aus der Hand zu geben. Das Berufsbild verschiebt sich – weg vom klassischen Zeichner, hin zum strategischen Gestalter einer komplexen, datengetriebenen Bauwelt.
In diesem Beitrag zeige ich, wie sich die Rolle von Architekt:innen und Ingenieur:innen verändert, welche Kompetenzen jetzt entscheidend werden und welche konkreten Schritte Büros schon 2025 setzen können, um in der österreichischen und deutschsprachigen Bauindustrie vorne mitzuspielen.
1. Warum sich das Berufsbild gerade radikal verschiebt
Der Architekt der Zukunft ist keine Sci-Fi-Figur, sondern eine direkte Reaktion auf drei harte Realitäten:
- Klimakrise und Regulierung – von der EU-Taxonomie über ESG-Anforderungen bis zur österreichischen OIB-Richtlinie: Nachhaltigkeit ist nicht mehr Kür, sondern Zulassungsvoraussetzung.
- Ressourcenknappheit und Baukosten – Materialpreise, Fachkräftemangel, Lieferketten. Wer schlampig plant, zahlt mehrfach drauf – oder verliert den Auftrag.
- Digitalisierung des Bauprozesses – BIM, KI, Cloud-Collaboration und digitale Baustellen lösen analoge Insel-Lösungen ab.
Die Konsequenz: Planende tragen mehr Verantwortung, aber bekommen dafür auch mehr Steuerungsmöglichkeiten. Wer heute BIM-Modelle strukturiert, KI-gestützte Varianten prüft und ökologische Kennwerte integriert, sitzt ganz vorne mit am Entscheidungstisch von Investor:innen, Bauträgern und öffentlichen Auftraggebern.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob KI und BIM kommen – sondern wer sie sinnvoll zu nutzen lernt.
Gerade in Österreich, wo viele Büros noch stark 2D-orientiert arbeiten, entsteht hier eine echte Chance: Wer sich jetzt neu aufstellt, positioniert sich als verlässlicher Partner für digitale Bauprojekte, etwa bei Infrastruktur, Wohnbau oder Sanierungen im Bestand.
2. Nachhaltigkeit neu gedacht: Vom „weniger schlecht“ zum positiven Fußabdruck
Nachhaltigkeit im Bauwesen bedeutet längst nicht mehr nur „ein bisschen Dämmung drauf und PV aufs Dach“.
Von linear zu zirkulär
Der Trend geht klar in Richtung zirkuläres Bauen:
- Rückbau- und Recyclingfähigkeit werden schon in der frühen Entwurfsphase berücksichtigt.
- Materialpässe dokumentieren, was wo verbaut wurde.
- Re-Use-Konzepte (z. B. wiederverwendete Bauteile aus Rückbauprojekten) fließen in die Planung ein.
Architekt:innen, die hier kompetent auftreten, können ihre Bauherr:innen nicht nur gestalterisch, sondern strategisch beraten: Wie wird ein Gebäude in 30 Jahren wirtschaftlich nutzbar, umbaufähig oder rückbaubar sein?
Positiver ökologischer Fußabdruck
Experten wie Prof. Dr. Werner Lang beschäftigen sich damit, wie Gebäude einen positiven Beitrag leisten können, statt nur weniger zu schaden. Praktisch heißt das:
- Einsatz von biobasierten oder COâ‚‚-bindenden Materialien (Holz, Lehm, Rezyklate)
- Energieerzeugende Gebäudehülle statt reiner Dämmung
- Klimaanpassung: Verschattung, Grünflächen, Wasser-Management
Ohne digitale Werkzeuge ist das kaum beherrschbar. BIM-Modelle ermöglichen etwa:
- automatische Auswertungen von Mengen und Materialmischungen
- Kopplung mit LCA-Tools (Lebenszyklusanalyse)
- Variantenvergleiche: Welche Konstruktion schneidet ökologisch und wirtschaftlich am besten ab?
Wer mit BIM sauber arbeitet, kann diesen Mehrwert transparent zeigen – ein massiver Vorteil in Wettbewerben und Investorengesprächen.
3. KI in der Architektur: Assistent statt Autopilot
Der größte Irrtum bei KI im Planen und Bauen: „Die Maschine nimmt uns die Kreativität weg.“ Die Realität ist deutlich entspannter – und produktiver.
Wo KI heute schon sinnvoll unterstĂĽtzt
KI ist aktuell vor allem ein Turbo fĂĽr Varianten, Routinen und Datenarbeit. Typische Einsatzfelder:
- Entwurfsvarianten generieren: Grundrissoptionen, Fassadenstudien, Volumenmodelle
- Optimierung nach definierten Zielen: Tageslicht, Flächenausnutzung, Wegebeziehungen
- Automatisierte PrĂĽfungen: Kollisionschecks, RegelprĂĽfungen, Norm-Abgleiche
- Dokumentation: automatische Bauteilbenennung, Klassifikation, Attributpflege
Architekt:innen behalten dabei die Kontrolle: Sie definieren Ziele und Randbedingungen, die KI schlägt Optionen vor. Die eigentliche Qualität entsteht in der kuratierten Auswahl und Weiterentwicklung dieser Vorschläge.
KI ersetzt nicht die Entwurfshaltung, sie multipliziert die Anzahl der ĂĽberprĂĽfbaren Ideen.
Kreativität und Verantwortung bleiben menschlich
Teams wie Zaha Hadid Architects nutzen KI längst, um komplexe Formen und Strukturen zu untersuchen – nicht als Selbstzweck, sondern um funktionale und gestalterische Qualität zu verbinden.
Für den Alltag in der österreichischen Baupraxis kann das sehr pragmatisch aussehen:
- Ein Büro lässt sich von KI 20 Fassadenvarianten vorschlagen, filtert 3 aus und diskutiert diese mit dem Bauherrn.
- Eine Tragwerksplanung prĂĽft per KI-unterstĂĽtzter Analyse Materialeinsparungen bei gleicher Sicherheit.
- Ein BIM-Koordinator nutzt intelligente Assistenten, um Modellfehler und fehlende Attribute frĂĽh zu erkennen.
Die Verantwortung für Entwurf, Sicherheit und Genehmigungsfähigkeit bleibt beim Menschen. Aber der Werkzeugkasten wird deutlich mächtiger.
4. BIM, openBIM und digitale Zusammenarbeit – die Basis für die „Baustelle von morgen“
Ohne strukturierte Daten bringt die beste KI nichts. Hier kommt BIM (Building Information Modeling) ins Spiel – und in der Praxis zunehmend openBIM.
Warum openBIM so wichtig wird
OpenBIM bedeutet: Alle Projektbeteiligten tauschen Informationen in offenen Formaten aus, typischerweise IFC. Das hat mehrere Vorteile:
- Herstellerunabhängigkeit und weniger Gefahr von Vendor-Lock-in
- Bessere Zusammenarbeit zwischen Architekt:innen, Statik, TGA, AusfĂĽhrung
- Leichtere Anbindung von Analyse- und KI-Tools, die auf Modelldaten zugreifen
Gerade für größere Bauprojekte in Österreich, Deutschland oder der Schweiz wird openBIM zunehmend zum Vergabekriterium. Wer hier keine Kompetenzen aufbaut, fällt schnell aus dem Rennen.
Digitale Baustelle: Vom Planungsmodell zur AusfĂĽhrung
Für die Kampagne „KI in der österreichischen Bauindustrie: Digitale Baustellen“ ist ein Punkt entscheidend: Die Baustelle wird zum Datenraum.
Konkret heiĂźt das:
- BIM-Modelle liefern Mengen, Abläufe und Logistikdaten für die Ausführung.
- Precast-Fertigteile werden direkt aus dem Modell geplant und gesteuert.
- Baustellenpersonal greift per Tablet auf aktuelle Pläne und 3D-Modelle zu.
- KI kann Soll-Ist-Vergleiche aus Drohnenaufnahmen oder Laserscans ableiten.
Der Architekt der Zukunft plant nicht nur ein „schönes Modell“, sondern denkt:
- Wie gut ist das Modell fĂĽr AusfĂĽhrung und Betrieb nutzbar?
- Sind Attribute und Strukturen sauber angelegt?
- Können daraus FM-Daten (Facility Management) generiert werden?
BIM und KI werden damit zu strategischen Hebeln, um Fehler zu reduzieren, Kosten sicherer zu planen und Termine besser einzuhalten.
5. Welche Kompetenzen Architekt:innen jetzt wirklich brauchen
Viele Büros fragen sich: „Was genau müssen wir jetzt lernen, ohne uns komplett zu überfordern?“ Aus meiner Sicht kristallisieren sich fünf Kernkompetenzen für den Architekten der Zukunft heraus:
1. Digitale Modellkompetenz
Nicht nur „mit einem CAD umgehen können“, sondern:
- saubere BIM-Strukturen anlegen
- Bauteile logisch mit Informationen anreichern
- Modelle fĂĽr Auswertung, Simulation und KI-Analysen vorbereiten
2. Datenverständnis und Bewertung
Architekt:innen mĂĽssen keine Programmierer:innen werden, aber:
- Ergebnisse von Simulationen und KI-Auswertungen verstehen
- zwischen relevanten und irrelevanten Kennzahlen unterscheiden
- Unsicherheiten und Annahmen erkennen und kommunizieren
3. Nachhaltigkeits-Know-how
- Grundverständnis von Ökobilanzierung (LCA)
- Kenntnisse über Materialökologie, Energieeffizienz, Klimaanpassung
- Fähigkeit, Nachhaltigkeitsziele in klare Planungsentscheidungen zu übersetzen
4. Kollaborations- und Kommunikationsstärke
Die Rolle wird immer stärker zur Koordinations- und Moderationsrolle:
- interdisziplinäre Teams (Architektur, TGA, Statik, Bauherr:innen, Betreiber)
- digitale Plattformen fĂĽr Austausch und Freigaben
- verständliche Aufbereitung komplexer technischer Inhalte für Entscheider:innen
5. Lernbereitschaft und Tool-Offenheit
Die Tools von 2025 werden 2030 bereits ganz anders aussehen. Entscheidend ist deshalb nicht, heute jedes Detail einer Software zu kennen, sondern:
- neue Funktionen mutig auszuprobieren
- Pilotprojekte im BĂĽro zu definieren
- Wissen konsequent im Team zu teilen und zu dokumentieren
6. Konkrete Schritte: Wie Ihr BĂĽro 2025 den Wandel aktiv nutzt
Statt sich von KI und BIM treiben zu lassen, können Architektur- und Ingenieurbüros sehr gezielt vorgehen. Drei praxisnahe Schritte helfen, den Einstieg strukturiert zu gestalten.
Schritt 1: Digital- und Kompetenz-Check im BĂĽro
- Welche Projekte eignen sich kurzfristig fĂĽr BIM- oder KI-Pilotanwendungen?
- Wer im Team hat bereits Erfahrung oder Interesse an digitalen Themen?
- Wo entstehen aktuell die größten Reibungsverluste (z. B. Planänderungen, Mengenfehler, Nachträge)?
Daraus lässt sich ein konkreter Fahrplan ableiten: etwa „Ein Wohnbauprojekt wird vollständig in BIM modelliert, mit Fokus auf Mengen- und Schnittstellenqualität“.
Schritt 2: Fokussierte Weiterbildung statt Tool-Zoo
Statt wahllos Software einzukaufen, ist ein klarer Ansatz sinnvoll:
- 1–2 BIM-Tools definieren, die wirklich eingesetzt werden
- Mindestens eine KI-Anwendung testen (z. B. für Variantenstudien oder Modellprüfung)
- BIM- und KI-Schulungen gezielt auf Rollen im BĂĽro anpassen (Entwurf, AusfĂĽhrungsplanung, Projektleitung)
Wichtig ist, dass das Gelernte sofort in laufenden Projekten angewendet wird. Sonst bleibt Wissen auf der Festplatte.
Schritt 3: Pilotprojekt mit klaren Lernzielen
Ein Pilot sollte nicht „das wichtigste Großprojekt des Jahres“ sein, sondern ein überschaubares, aber reales Vorhaben. Sinnvolle Lernziele können sein:
- Alle Fachplaner:innen arbeiten in einer openBIM-Struktur.
- Nachhaltigkeitskennzahlen (z. B. CO₂/m², Energiebedarf) werden direkt aus dem Modell ausgewertet.
- Mindestens ein KI-gestützter Schritt (z. B. Variantenanalyse) wird bewusst dokumentiert.
So entsteht erprobtes Wissen, das sich auf weitere Projekte übertragen lässt – und das Sie in Gesprächen mit Bauherr:innen und Auftraggebern glaubwürdig vertreten können.
Fazit: Der Architekt der Zukunft gestaltet mehr als nur Gebäude
Der Architekt der Zukunft ist Planer:in, Datenmanager:in, Moderator:in und Nachhaltigkeitsstratege in einer Person. Das klingt komplex, ist aber eine große Chance: Wer sich jetzt mit BIM, KI und nachhaltigem Bauen auseinandersetzt, verschafft sich einen klaren Vorsprung – in Wettbewerben, bei öffentlichen Ausschreibungen und in der täglichen Zusammenarbeit mit Bauherr:innen.
Für Büros in Österreich und im gesamten DACH-Raum heißt das: Nicht abwarten, sondern gezielt starten. Kleine, gut geplante Schritte reichen aus, um digitale Baustellen, KI-unterstütztes Entwerfen und zirkuläres Bauen in die eigene Praxis zu holen.
Die Bauwelt der nächsten Jahre wird stärker vernetzt, datenbasiert und verantwortungsvoll sein. Die spannende Frage lautet: Wollen Sie beobachten, wie andere diesen Wandel nutzen – oder Teil der Generation „Architekt der Zukunft“ sein, die ihn aktiv gestaltet?