FRILO, DC-Software und ALLPLAN wachsen zusammen. Was bedeutet das für Ingenieurbüros, digitale Workflows und KI-gestützte Baustellen in Österreich?
Fusion FRILO, DC-Software und ALLPLAN: Warum das ein Signal an die Bauindustrie ist
Am 01.07.2024 wurde es offiziell: FRILO Software, DC-Software und ALLPLAN sind zu einem Unternehmen verschmolzen. Für viele österreichische Ingenieurbüros und Bauunternehmen wirkt das auf den ersten Blick wie eine reine Konzernmeldung. In der Praxis steckt aber etwas anderes dahinter: ein klarer Schritt hin zu durchgängigen digitalen Workflows – von der Idee bis auf die Baustelle.
Gerade jetzt, wo Margen im Bau schrumpfen, Termine enger werden und der Fachkräftemangel jede Planung spürbar bremst, macht es einen riesigen Unterschied, ob Statik, Grundbau, BIM-Modell und Ausführung nebeneinander oder in einem integrierten System laufen. Die Fusion von FRILO und DC-Software mit ALLPLAN ist genau an dieser Stelle spannend – besonders für Büros, die Design-to-Build ernst nehmen und KI-gestützte, digitale Baustellen in Österreich vorantreiben wollen.
In diesem Beitrag geht es weniger um die juristische Fusion und mehr um die praktische Frage: Was bedeutet dieses neue ALLPLAN-Ökosystem konkret für Planung, Statik, Grundbau und Bauausführung – und wie können Sie es für Ihr Büro nutzen, um produktiver und profitabler zu werden?
Was sich durch die Fusion fachlich ändert
Die Kernbotschaft der Fusion ist klar: ALLPLAN deckt jetzt den gesamten Bauprozess vom Entwurf bis zur Ausführung inklusive Statik und Grundbau ab.
Ein Portfolio, das den gesamten Bauprozess abbildet
Durch den Zusammenschluss entstehen drei starke Säulen in einem System:
- ALLPLAN: BIM-Plattform für Gebäude- und Infrastrukturplanung, von Vorentwurf über Detailplanung und interdisziplinäre Koordination bis hin zur Fertigung und Bauausführung.
- FRILO: bauteilorientierte Statiksoftware für Tragwerksplanung – Stahlbeton, Stahl, Holz, Mauerwerk.
- DC-Software: Spezialist für Grundbau und Geotechnik – Berechnung und Bemessung von Gründungen und Stützbauwerken.
Damit verschiebt sich die Sicht auf den Planungsprozess: aus getrennten Tools wird ein zusammenhängender Design-to-Build-Workflow. Für die Praxis heißt das: weniger Medienbrüche, weniger Import/Export-Chaos, weniger Mehrfacheingaben.
Warum das für Ingenieur- und Planungsbüros relevant ist
Für viele Büros sieht der Alltag so aus:
- BIM-Modell im CAD, oft in ALLPLAN oder einer vergleichbaren Lösung
- Statik in separaten Systemen (z. B. FRILO oder andere)
- Grundbau wieder in ganz eigener Software
- Bauausführung mit Excel, PDF-Plänen, E-Mail und Insellösungen
Jede Schnittstelle kostet Zeit und birgt Fehlerpotenzial. Genau an dieser Stelle setzt die Fusion an: Ein gemeinsames Datenmodell und abgestimmte Workflows reduzieren Koordinationsaufwände deutlich.
Die geplante Integration von SCIA – einem weiteren Schwergewicht im Bereich Statik und Bemessung – Anfang 2025 ist der nächste logische Schritt. Das Ziel ist erkennbar: ein Ökosystem, das vom Entwurf über Tragwerks- und Grundbauplanung bis zur Fertigteilfertigung und Bauausführung durchgängig funktioniert.
End-to-End-Workflows: Vom Konzept zur digitalen Baustelle
Der größte Nutzen entsteht, wenn man nicht nur einzelne Softwaremodule betrachtet, sondern den durchgängigen Workflow – insbesondere im Kontext digitaler und zunehmend KI-gestützter Baustellen.
1. Konzept- und Entwurfsphase: Entscheidungen früher absichern
Mit ALLPLAN wird das BIM-Modell zur zentralen Datenbasis. Durch die Integration von Statik- und Grundbaufunktionalitäten lässt sich künftig viel früher prüfen, ob ein Entwurf tragfähig, wirtschaftlich und baubar ist.
Konkrete Vorteile:
- Frühe Tragfähigkeitsabschätzung direkt aus dem Modell, anstatt erst Wochen später im Statiktool.
- Schnellere Variantenstudien: z. B. unterschiedliche Deckensysteme (Massivdecke vs. Holzbalkendecke) mit statischen Kennwerten vergleichen.
- Bessere Kommunikation mit Bauherr:innen, weil Entscheidungen mit belastbaren Zahlen statt nur mit Visualisierungen untermauert werden.
Für österreichische Projekte – etwa im mehrgeschossigen Wohnbau in Wien oder im alpinen Infrastruktur- und Brückenbau – bedeutet das: Weniger böse Überraschungen in der Ausführungsplanung und robustere Kostenannahmen bereits in frühen Projektphasen.
2. Tragwerksplanung: Bauteilorientierte Statik im BIM-Kontext
FRILO ist seit Jahren etabliert, wenn es um bauteilorientierte Statik geht. In Kombination mit ALLPLAN wird daraus ein integrierter Tragwerksprozess:
- Bauteile aus dem BIM-Modell werden direkt in die Bemessung überführt.
- Geänderte Abmessungen oder Materialien fließen zurück in das Modell.
- Redundante Eingaben (z. B. Querschnitte, Lasten, Kombinationen) werden reduziert.
Das Ergebnis: mehr Zeit für ingenieurmäßige Bewertung, weniger Zeit für Datentransfer. Wer schon heute mit schlanken Teams Projekte stemmen muss, spürt den Unterschied deutlich.
3. Grundbau und Geotechnik: Lücken im digitalen Prozess schließen
Grundbau ist oft der Bereich, der in digitalen Workflows „vergessen“ wird. DC-Software ändert das, weil:
- Gründungen, Pfähle, Stützbauwerke systematisch in den digitalen Prozess eingebunden werden.
- Standsicherheit und Verformungen aus dem Bodenmodell mit der Hochbauplanung abgestimmt werden können.
- Spezialfälle wie Baugruben im innerstädtischen Bereich (z. B. dicht bebaute Lagen in Wien, Graz, Linz) verlässlich digital abgebildet werden.
Wer Infrastrukturprojekte oder innerstädtische Großbaustellen in Österreich plant, weiß: Genau hier entstehen oft Kosten- und Terminrisiken. Ein konsistenter Datenfluss zwischen Grundbau, Tragwerk und Bauausführung reduziert diese Risiken spürbar.
4. Fertigung, Fertigteilbau und Bauausführung: Vom Modell aufs Baufeld
Mit ALLPLAN Precast, Baumanagementlösungen und BIMPLUS ist der Schritt vom Planungsmodell zur digitalen Baustelle schon länger möglich. Durch die Fusion wird der Workflow weiter geschlossen:
- Tragwerks- und Grundbauinformationen fließen konsistent in Schal- und Bewehrungspläne sowie in Fertigteilmodelle.
- Kollisionsprüfungen und Koordination werden sicherer, weil alle Fachmodelle auf derselben Datenbasis stehen.
- Bauunternehmen können produktiver arbeiten, weil weniger Planungsfehler und Nachträge auftreten.
Für österreichische Bauunternehmen, die in Richtung KI auf der Baustelle gehen – etwa mit automatisierter Mengenermittlung, Bauablaufsimulation oder digitalem Soll-Ist-Vergleich – ist eine saubere Datenbasis entscheidend. Genau hier zahlt sich ein durchgängiger Design-to-Build-Workflow aus.
Digitalisierung & KI im Bau: Warum integrierte Systeme die Voraussetzung sind
Viele sprechen aktuell über KI im Bau, aber die wenigsten holen wirklich Wert heraus. Der Grund ist simpel: KI kann nur so gut sein wie die Daten, auf die sie zugreift. Ohne konsistente, strukturierte und vernetzte Planungsdaten bleiben KI-Anwendungen Spielerei.
Bessere Datenqualität für KI-Anwendungen
Ein integriertes Portfolio wie das neue ALLPLAN-Ökosystem schafft genau diese Basis:
- Ein zentrales BIM-Modell statt vieler Versionsinseln in unterschiedlichen Tools.
- Einheitliche Strukturen für Bauteile, Lasten, Materialeigenschaften und Bodenparameter.
- Nachvollziehbare Historie von Änderungen – ideal für KI-gestützte Analysen.
Auf dieser Grundlage werden Anwendungen möglich wie:
- Automatisierte Plausibilitätsprüfungen von Lastannahmen und Bemessungsergebnissen.
- Prognosen von Bauzeiten und Kosten auf Basis vergleichbarer Projekte.
- Risikobewertungen für Gründungen oder Stützbauwerke anhand historischer Daten.
Digitale Baustellen in Österreich: Vom Pilot zur Praxis
Viele große Player in Österreich – ob im Infrastrukturbau, im kommunalen Hochbau oder bei Wohnbaugesellschaften – testen aktuell:
- Baulogistik mit digitalen Modellen
- 4D-Simulationen für Bauabläufe
- KI-gestützte Baufortschrittskontrolle mit Bild- oder Drohnendaten
Der Engpass ist selten die Hardware auf der Baustelle, sondern fast immer der Datenfluss aus der Planung. Die Fusion von FRILO, DC-Software und ALLPLAN adressiert genau diesen Engpass. Wer konsequent auf dieses Ökosystem setzt, hat mittelfristig einen Vorteil bei:
- Ausschreibungen mit klarer BIM- und Digitalisierungsanforderung
- der Zusammenarbeit mit öffentlichen Auftraggebern
- internen Effizienz- und Produktivitätszielen
Was das für Ihr Büro konkret bedeuten kann
Die Fusion ist kein Selbstzweck. Sie bringt nur dann Nutzen, wenn Sie Ihre Prozesse aktiv darauf ausrichten. Aus meiner Sicht gibt es vier sinnvolle Schritte.
1. Eigene Prozesse ehrlich analysieren
Bevor neue Software eingeführt wird, sollte klar sein:
- Wo gehen heute Stunden in Exporte, Importe und Nacharbeit verloren?
- An welchen Schnittstellen entstehen die meisten Fehler oder Missverständnisse?
- Welche Informationen werden mehrfach eingegeben (Modell, Statik, Grundbau, Ausführung)?
Wer diese Punkte offen anspricht, erkennt schnell, wo ein integrierter Design-to-Build-Workflow die größte Wirkung hätte.
2. BIM- und Statik-Teams enger verzahnen
Die Fusion eröffnet die Möglichkeit, Tragwerksplanung und BIM-Modellierung enger zusammenzulegen – organisatorisch und fachlich.
Praktische Maßnahmen:
- Gemeinsame Modellierungsrichtlinien von Architektur, Tragwerksplanung und Grundbau.
- Regelmäßige kurze Abstimmungen statt langer, seltener Koordinationsrunden.
- Schulungen, in denen Statiker:innen und Zeichner:innen gemeinsam an einem integrierten Projekt arbeiten.
3. Pilotprojekt als Testlabor nutzen
Statt die komplette Organisation auf einmal umzukrempeln, funktioniert ein Pilotprojekt besser:
- Ein klar abgegrenztes Projekt (z. B. ein Wohnbau oder ein kleineres Infrastrukturvorhaben).
- Festgelegte Ziele: z. B. 30 % weniger Schnittstellenaufwand, weniger Planungsfehler, bessere Termintreue.
- Dokumentation der Erfahrungen: Was hat gut funktioniert, wo hakt es noch?
So entsteht ein belastbarer interner Business Case, den Sie auch gegenüber Geschäftsführung oder Bauherrschaft argumentieren können.
4. Perspektive 2025: SCIA-Fusion mitdenken
Mit der geplanten offiziellen Integration von SCIA Anfang 2025 wird der Statikbereich nochmals breiter. Wer heute seine Prozesse auf das ALLPLAN–FRILO–DC-Setup ausrichtet, hat einen klaren Startvorteil, wenn zusätzliche Funktionen und Workflows dazukommen.
Fazit: Design-to-Build als Antwort auf Kostendruck und Fachkräftemangel
Die Fusion von FRILO Software und DC-Software mit ALLPLAN ist mehr als nur ein Zusammenschluss von drei Firmen. Sie ist ein deutliches Signal: Die Zukunft der Bauplanung liegt in integrierten, digitalen Design-to-Build-Workflows.
Für österreichische Ingenieurbüros, Planer:innen und Bauunternehmen heißt das konkret:
- weniger Medienbrüche zwischen BIM, Statik, Grundbau und Bauausführung,
- höhere Datenqualität als Grundlage für KI und digitale Baustellen,
- mehr Produktivität in Zeiten knapper Ressourcen und hoher Projektlast.
Wer jetzt beginnt, die eigenen Prozesse auf solche End-to-End-Workflows auszurichten, verschafft sich einen echten Wettbewerbsvorteil – bei öffentlichen Ausschreibungen, bei anspruchsvollen Bauherr:innen und im täglichen Ringen um Qualität, Termine und Kosten. Die Frage ist weniger, ob wir in diese Richtung gehen, sondern wie schnell jedes Büro bereit ist, den nächsten Schritt zu machen.