LexisNexis bringt einen AI‑Voice-Assistenten für Jurist:innen. Warum das für österreichische Kanzleien wichtig ist – und wie Sie sich 2025 konkret vorbereiten.
AI‑Voice-Assistenten für Jurist:innen: Vom Hype zum Werkzeug
Ein:e durchschnittliche:r Rechtsanwält:in in Österreich verbringt locker 30–40 % der Arbeitszeit mit Suchen, Strukturieren und Formulieren – nicht mit eigentlicher Rechtsberatung. Genau hier setzen AI‑Voice-Assistenten wie der neue Ansatz von LexisNexis an.
Die Ankündigung eines personalisierten AI‑Voice-Assistenten in Lexis+ AI für den US‑Markt ist mehr als nur ein weiteres LegalTech‑Feature. Sie zeigt, wohin sich juristische Arbeit in den nächsten zwei bis drei Jahren auch in Österreich entwickeln wird: weg vom Tippen, hin zum Sprechen – und hin zu deutlich effizienteren Wissens- und Dokumentenworkflows.
In diesem Beitrag geht es darum, was dieser Schritt von LexisNexis konkret bedeutet, wie Voice‑Steuerung und juristische KI zusammenpassen, welche Chancen und Risiken sich für österreichische Kanzleien ergeben – und wie Sie sich schon 2025 strategisch darauf vorbereiten können.
Was LexisNexis ankündigt – und warum das für Österreich wichtig ist
Der Kern der Nachricht: LexisNexis hat in den USA in Lexis+ AI einen personalisierbaren AI‑Voice-Assistenten präsentiert. Jurist:innen können damit:
- Rechtsfragen per Sprache stellen,
- Entwürfe für Schriftsätze oder Schreiben ansprechen statt eintippen,
- Zusammenfassungen von Judikatur und Dokumenten per Sprachbefehl anfordern.
Sean Fitzpatrick (CEO LexisNexis Nordamerika, UK & Irland) betont, dass es darum geht, die Interaktion zwischen Mensch und KI intuitiver und produktiver zu machen. Und Susanne Mortimore (CEO LexisNexis Österreich) sagt offen: Der Use Case wird geprüft – und könnte nach Österreich kommen, wenn er sinnvoll ist.
Für österreichische Kanzleien ist das deshalb spannend, weil Lexis+ AI hierzulande bereits 2024 voll ausgerollt wurde. Die technische Basis – RAG‑Plattform, große Sprachmodelle, sicherer Zugriff auf juristische Inhalte – ist also schon da. Voice ist im Grunde „nur“ eine neue Bedienebene, aber mit massiven Auswirkungen auf die tägliche Arbeit.
Wie ein AI‑Voice-Assistent juristische Arbeit konkret verändert
Ein AI‑Voice-Assistent ist im Rechtsbereich vor allem ein Produktivitätswerkzeug. Er ersetzt keine Jurist:innen, sondern nimmt ihnen unstrukturierte, zeitfressende Tätigkeiten ab.
Typische Anwendungsfälle in der Kanzlei
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Sprachgesteuerte Recherche
Statt komplexe Suchstrings zu tippen, sagen Sie:„Gib mir eine Zusammenfassung der aktuellen Rechtsprechung des OGH zur Geschäftsführerhaftung bei verspäteter Insolvenzanmeldung, mit Fokus auf Entscheidungen ab 2019.“
Der Assistent erstellt eine strukturierte Ăśbersicht, benennt Quellen und kann auf Wunsch einzelne Entscheidungen weiter aufbereiten.
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Schnelle EntwĂĽrfe per Sprache
Beispiel:„Erstelle einen ersten Entwurf für ein Aufforderungsschreiben an den Mieter wegen ausständiger Miete für drei Monate, österreichisches Mietrecht, höflich aber bestimmt, ohne sofortige Klagsdrohung.“
Das Ergebnis ist kein fertiges Schreiben, aber ein belastbarer Rohentwurf, den Sie fachlich prĂĽfen und anpassen.
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Zusammenfassung langer Dokumente
Gerade bei Wirtschaftsmandaten landen hunderte Seiten Verträge oder Gutachten am Tisch. Mit Voice:„Fasse mir dieses Gutachten auf maximal einer Seite zusammen, Fokus auf Haftungsrisiken der Geschäftsführung.“
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Wissensmanagement & Onboarding
Jüngere Kolleg:innen können schneller produktiv werden, wenn sie standardisierte Voice‑Prompts nutzen („Wie gehen wir in der Kanzlei bei ... vor?“) – vorausgesetzt, die internen Dokumente sind datenschutzkonform eingebunden.
Die Realität: Wer heute bereits Text‑basierte KI in der Kanzlei nutzt, verkürzt mit Voice die Reibungsverluste. Ergebnis sind kürzere Durchlaufzeiten, schnellere Erstentwürfe und mehr Zeit für Strategie, Verhandlung und Mandantenkontakt.
Technischer Hintergrund: Warum RAG + LLM fĂĽr Jurist:innen sinnvoll ist
Lexis+ AI basiert – wie angekündigt – auf einer Retrieval Augmented Generation (RAG)-Plattform kombiniert mit großen Sprachmodellen (LLM). Für Jurist:innen ist das entscheidend, weil es zwei typische Probleme generischer KI reduziert:
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Halluzinationen
RAG greift vor der Textgenerierung gezielt auf kuratierte, juristisch geprüfte Inhalte und Metadaten zu. Die Antworten stützen sich nicht nur auf das „Gedächtnis“ des Modells, sondern auf konkrete, zitierbare Quellen. -
Nachvollziehbarkeit
Die Plattform liefert nicht nur Antworten, sondern auch validierte Zitate und Fundstellen. Damit bleibt der juristische Kern Ihrer Arbeit – Prüfung und Bewertung – in Ihrer Hand.
Für Kanzleien, die den AI‑Einsatz vor Geschäftsführungen oder Kammervertretern rechtfertigen müssen, ist genau das ein starkes Argument:
KI‑Unterstützung ja – aber auf Basis geprüfter Inhalte und mit nachvollziehbaren Quellen.
Chancen für österreichische Kanzleien – und wo die Grenzen liegen
Wer KI in der Kanzlei einführen will, steht meistens zwischen zwei Extremen: „Wir machen alles mit KI“ und „Wir rühren das nicht an, zu riskant“. Die sinnvolle Lösung liegt dazwischen.
Die größten Vorteile eines AI‑Voice-Assistenten
1. Effizienzsprung in Standardaufgaben
Gerade bei wiederkehrenden Mustern – Mahnschreiben, einfache Vertragsklauseln, interne Memos – kann Voice‑KI:
- 30–60 % Zeit beim Rohentwurf sparen,
- Nacharbeiten reduzieren, weil strukturierte Vorlagen genutzt werden,
- die Hemmschwelle senken, EntwĂĽrfe frĂĽh zu erstellen.
2. Niedrigere EinstiegshĂĽrde fĂĽr das Team
Viele Jurist:innen sind skeptisch gegenüber Prompts, aber nicht gegenüber Sprechen. Voice macht KI zugänglicher – ähnlich wie Sprachsteuerung am Handy.
3. Bessere Nutzung von Fachinformationen
Statt „Suche – Filter – Lesen – Exzerpieren“ können Sie:
- gezielt nach Auslegungsfragen fragen,
- Zusammenfassungen anfordern,
- Varianten vergleichen lassen (z.B. unterschiedliche Rechtsfolgen).
Wo klare Grenzen gezogen werden sollten
Trotz aller Faszination gilt:
- Kein Blindvertrauen: Jeder Vorschlag der KI ist ein Input, keine Rechtsansicht. Fachliche PrĂĽfung bleibt Pflicht.
- Keine delikaten Mandatsdetails in nicht geklärten oder nicht lokalen Systemen.
- Keine Abgabe ungelabelter KI‑Texte: Mandant:innen sollten wissen, dass Entwürfe mit technischer Unterstützung erstellt und von Ihnen geprüft wurden.
Wer diese Leitplanken sauber definiert, kann KI sehr gut in den Kanzleialltag integrieren, ohne an berufsethische oder haftungsrechtliche Grenzen zu stoĂźen.
Datenschutz, AI Act & Berufsrecht: Worauf österreichische Kanzleien achten müssen
Mit dem EU‑AI‑Act, DSGVO und anwaltlicher Verschwiegenheitspflicht stehen österreichische Kanzleien unter besonderer Beobachtung. Ein AI‑Voice-Assistent darf kein Datenschutzrisiko werden.
Zentrale rechtliche Fragen
1. Wo werden die Daten verarbeitet?
Kanzleien brauchen klare Antworten zu:
- Serverstandorten,
- Auftragsverarbeitungsverträgen,
- Lösch- und Speicherfristen,
- Training auf Mandatsdaten (ja/nein).
2. Wie wird Vertraulichkeit gesichert?
Ein seriöser Anbieter muss:
- starke VerschlĂĽsselung bieten,
- klarstellen, dass Mandatsdaten nicht in öffentliche Modelle einfließen,
- Rollen- und Rechtekonzepte fĂĽr Nutzer:innen abbilden.
3. Wie passt das zum AI Act?
Rechtsberatende Systeme werden typischerweise im Bereich Hochrisiko- oder zumindest sensitiver Anwendungen verortet. Kanzleien werden daher mittelfristig:
- interne KI‑Policies brauchen,
- Dokumentation zur Nutzung von KI fĂĽhren mĂĽssen,
- technische und organisatorische MaĂźnahmen nachweisbar machen.
Praktische Mindeststandards fĂĽr KI in der Kanzlei
Aus Beratungspraxis und aktuellen Diskussionen haben sich einige sinnvolle „Baselines“ herauskristallisiert:
- Interne Richtlinie zur KI‑Nutzung (wer darf was, wofür, mit welchen Tools?).
- Mandatsbezogener Einsatzplan: In welchen Arten von Fällen wird KI genutzt, in welchen nicht?
- Klare Kennzeichnung von KI‑Unterstützung in internen Dokumenten.
- Schulung des gesamten Teams, nicht nur der „Tech‑Affinen“.
Wer diese Hausaufgaben macht, ist deutlich besser vorbereitet, wenn Voice‑Funktionen in Lexis+ AI oder anderen juristischen Plattformen nach Österreich kommen.
Wie Kanzleien sich 2025 konkret vorbereiten können
Sie müssen nicht warten, bis der Voice-Assistent offiziell in Österreich verfügbar ist. Es gibt einige sehr praktische Schritte, die Sie schon jetzt setzen können.
1. KI im kleinen Rahmen testen – aber strukturiert
- Starten Sie mit klar begrenzten Use Cases: Entwürfe für Standardbriefe, interne Memos, Strukturierung von Schriftsätzen.
- Legen Sie ein Feedback‑Board an: Wo hat die KI geholfen, wo war sie unbrauchbar oder gefährlich?
- Definieren Sie ein internes Qualitätssiegel: Was muss ein KI‑Entwurf erfüllen, bevor er in die nächste Stufe geht?
2. Prozesse fĂĽr Voice schon heute mitdenken
Auch wenn Sie heute „nur“ textbasierte KI nutzen, lohnt es sich, Voice mitzudenken:
- Formulieren Sie Prompts, die sich gut sprechen lassen (klar, strukturiert, ohne verschachtelte Sätze).
- Üben Sie mit dem Team, Fragen präzise zu stellen – eine Kernkompetenz für jede Art von KI‑Interaktion.
- Identifizieren Sie Situationen, in denen Hands‑free‑Arbeit sinnvoll ist (z.B. Diktat unterwegs, Brainstorming im Meeting).
3. Mandantenkommunikation vorbereiten
Viele Mandant:innen fragen bereits heute: „Verwenden Sie KI in der Kanzlei?“ Eine gute, ehrliche Antwort könnte lauten:
„Ja, wir nutzen spezialisierte juristische KI‑Tools, um Entwürfe schneller zu erstellen und Informationen zu strukturieren. Die rechtliche Beurteilung und Verantwortung liegt aber immer bei uns als Anwält:innen.“
Wer diesen Umgang transparent gestaltet, schafft Vertrauen – statt Skepsis.
Fazit: AI‑Voice ist kein Gimmick, sondern ein strategischer Hebel
AI‑Voice-Assistenten wie der von LexisNexis sind kein Spielzeug für Technikfans, sondern ein logischer nächster Schritt in der Digitalisierung der Rechtsbranche. Die Kombination aus juristisch kuratierten Inhalten, RAG‑Architektur und großen Sprachmodellen kann den Alltag in Kanzleien spürbar verändern – vor allem dort, wo viel recherchiert, strukturiert und formuliert wird.
Für österreichische Rechtsanwält:innen bedeutet das: Wer 2025 beginnt, KI strukturiert in den Kanzleialltag zu integrieren, ist vorne, wenn spezialisierte Voice‑Funktionen auf den Markt kommen. Wer wartet, bis „alles fertig“ ist, holt den Rückstand später mit deutlich höherem Aufwand auf.
Die spannende Frage lautet nicht mehr, ob KI und Voice in die Rechtsanwendung kommen, sondern wie professionell einzelne Kanzleien damit umgehen. Genau hier entstehen in den nächsten Jahren die eigentlichen Wettbewerbsvorteile.