Additive Fertigung im Südwesten: Praxis, Trends, KI-Potenziale

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche Leitfaden••By 3L3C

Additive Fertigung und KI verändern die Automobilindustrie im Südwesten. Der Beitrag zeigt praxisnah, welche Anwendungen heute schon funktionieren – und wie Sie starten.

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Additive Fertigung im Südwesten: Praxis, Trends, KI-Potenziale

Viele Automobilzulieferer im deutschen Südwesten stehen 2025 vor derselben Frage: Wie bringe ich additive Fertigung aus der Prototypen‑Ecke in robuste, wirtschaftliche Serienproduktion – idealerweise mit KI-Unterstützung?

Genau darum kreist die Veranstaltungsreihe „Additiv im Südwesten“ am Fraunhofer IPA. Mehrmals im Jahr berichten dort Maschinenhersteller, Automotive-Player, Bahn- und Mobilitätsunternehmen, Software-Start-ups und Materialexperten aus ihren Projekten. Für Automobilindustrie, Maschinenbau und Mobility ist das eine Art komprimierter Realitätscheck: Was funktioniert bereits heute? Und wo liegen die Hebel für Effizienz, Qualität und neue Geschäftsmodelle – gerade im Zusammenspiel von 3D-Druck und Künstlicher Intelligenz?

In diesem Beitrag ziehe ich die Quintessenz aus den Terminen von 2024 und 2025 und übertrage sie auf die deutsche Automobilindustrie. Der Fokus: konkrete Anwendungsfelder, typische Stolpersteine und wie Unternehmen jetzt strukturiert starten können.


1. Was „Additiv im Südwesten“ besonders macht

„Additiv im Südwesten“ ist im Kern ein kompaktes Fachforum, in dem jede Session einen anderen Schlüsselbaustein der industriellen additiven Fertigung beleuchtet.

Statt Hochglanz-Präsentationen geht es sehr bodenständig zu: 90–120 Minuten, mehrere Kurzvorträge, danach Abschlussdiskussion und Vernetzung. Das passt hervorragend zu mittelständischen Zulieferern, die wenig Zeit haben, aber schnell verstehen wollen, wo der konkrete Nutzen liegt.

Aus den Programmblöcken der vergangenen Termine stechen vier wiederkehrende Themenstränge hervor:

  1. Material und Prozessbeherrschung
    – Hochleistungspolymere auf offenen L‑PBF-Anlagen (AM – Rauch GmbH & Co. KG)
    – Alterungsverhalten von Kunststoffpulvern im Lasersintern (Fraunhofer IPA)
    – 3D-Thermoset-Materialien für SLS (TIGER Coatings)

  2. Industrialisierung & Automatisierung
    – „Die Industrialisierung des 3D-Drucks: Wie Automatisierung die Branche verändert“ (AM‑Flow)
    – Automatisierte 3D-Messtechnik für Serienkontrolle (AM Raylike)
    – Serial Additive Manufacturing mit Metal L‑PBF, Automation & Autonomy (Additive Industries)

  3. Design, Qualifizierung und Qualität
    – Design für Additive Fertigung (Stephan Henrich)
    – Qualifizierte addititve Fertigung und Standardisierung (Qualified AM)
    – Einsatz von Originalmaterialien und Industriequalität bei Bosch IAM

  4. Geschäftsmodelle und Organisation
    – 100 % Systemverfügbarkeit mittels 3D-Druck (Siemens Mobility)
    – Additive Massenfertigung via 3D-Siebdruck (Exentis)
    – Netzwerke wie „Mobility goes Additive“

Für die Automobilindustrie im Südwesten (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland) ist das hochrelevant: Hier treffen Premium-OEMs, Tier‑1/2‑Zulieferer, Sondermaschinenbau und Software-Know-how direkt aufeinander. Genau dieses Ökosystem braucht es, um KI-gestützte additive Produktionsketten aufzubauen.


2. Relevanz für die Automobilindustrie: vom Ersatzteil bis zur Serienkomponente

Automotive-Unternehmen nutzen additive Fertigung inzwischen entlang des gesamten Produktlebenszyklus – von der frühen Entwicklung bis hin zu Aftermarket und Obsoleszenzmanagement.

2.1 Typische Use Cases im Fahrzeugbau

Aus den Vorträgen und Diskussionen lassen sich vier zentrale Schwerpunkte ableiten:

  • Prototypen und Funktionsmuster
    Das ist der „Klassiker“, aber weit entfernt von Spielerei. Kürzere Entwicklungszyklen, schnellere Design-Iterationen und funktionsintegrierte Prototypen sind im Wettbewerb um E‑Mobilität und Software-defined Vehicles unerlässlich.

  • Produktions- und Betriebsmittel
    Der Beitrag von trinckle 3D („3D-Druck für Produktions- und Betriebsmittel: Mit automatisierten Design-Prozessen den Hebel umlegen!“) trifft einen Nerv im Automotive. Typische Beispiele:

    • Greifer und Spannmittel für Roboterzellen
    • Prüflehren und Messaufnahmen
    • Sicherheitseinrichtungen und Sonderwerkzeuge

    Mit automatisierten Designprozessen und KI-gestützter Auslegung lassen sich Konstruktion und Freigabezeiten drastisch verkürzen – bei gleichzeitig besserer Ergonomie und teilweise niedrigerem Gewicht.

  • Seriennahe und echte Serienbauteile
    Bosch Industrial Additive Manufacturing zeigt mit „Originalmaterial statt ‚ähnlich wie‘“, wohin die Reise geht: Serienteile im Original-Werkstoff, nicht nur funktionsähnliche Alternativen. Für den Fahrzeugbau bedeutet das:

    • bessere Integration in bestehende Freigabeprozesse
    • klar definierte Materialkennwerte
    • erleichterte Zertifizierung und OEM-Abnahme
  • Ersatzteile und Lebenszyklusverlängerung
    Siemens Mobility berichtet von „100 % Systemverfügbarkeit mittels 3D-Druck“. Der Ansatz lässt sich 1:1 auf Automotive übertragen, etwa für:

    • ältere Baureihen, bei denen Werkzeuge bereits verschrottet wurden
    • Kleinserien in Nischenfahrzeugen oder Sonderaufbauten
    • Express-Ersatzteile in Werkstätten oder regionalen Hubs

2.2 Wo KI ins Spiel kommt

Künstliche Intelligenz verstärkt den Nutzen der additiven Fertigung, wenn sie nicht nur als Extra-Tool, sondern direkt in die Prozesskette eingebettet wird:

  • KI in Design & Simulation

    • automatisierte Bauteiloptimierung (z.B. Topologieoptimierung, Stützstruktur-Generierung)
    • prädiktive Bewertung von Verzugsrisiken und Bauteilfehlern
  • KI in der Qualitätssicherung
    Der Vortrag von AM Raylike zu „Fehlerfrei aus dem 3D-Drucker – Automatisierte 3D-Messtechnik“ adressiert einen Knackpunkt der Serienfertigung:
    – automatische Auswertung von 3D-Scans
    – Anomalieerkennung in Punktwolken
    – statistische Prozesskontrolle in nahezu Echtzeit

  • KI in Planung und Betriebsführung
    Daten aus Maschinen (Temperaturen, Schichtbilder), Materialchargen und Messprozessen können genutzt werden, um:

    • optimale Baujobs zu planen
    • Wartungszyklen vorherzusagen
    • Ausschuss zu reduzieren und Durchlaufzeiten zu stabilisieren

Im Zusammenspiel mit additiver Fertigung entsteht so eine datengetriebene, hochflexible Produktionsumgebung, die deutlich näher an „Losgröße 1 zum Serienpreis“ herankommt als klassische Fertigungsrouten.


3. Technische Schwerpunkte aus der Reihe – und was sie für OEMs bedeuten

Die Vorträge von 2024 und 2025 zeigen klar: Wer additive Fertigung in der Automobilindustrie ernsthaft industrialisieren will, muss an vier technischen Stellschrauben drehen.

3.1 Materialien: von Hochleistungspolymeren bis 3D-Thermosets

Materialkompetenz entscheidet darüber, ob ein Bauteil in die Fahrzeugfreigabe kommt oder nicht.

Beispiele aus „Additiv im Südwesten“:

  • Hochleistungspolymere für offene L‑PBF-Maschinen
    – höhere Temperaturbeständigkeit
    – bessere Chemikalien- und Medienresistenz
    – relevant für Motorraumkomponenten, Fluidik, Steckverbinder

  • Alterungsverhalten von Kunststoffpulvern
    Das Fraunhofer IPA adressiert hier ein oft unterschätztes Thema: Wiederverwendete Pulver verändern ihre Eigenschaften. Für Automotive-Zulieferer bedeutet das:

    • Einflüsse auf Zähigkeit, Festigkeit, Oberflächenqualität
    • Notwendigkeit von Materialüberwachung und -rückverfolgbarkeit
    • Potenzial für KI-Modelle, die Pulverzustand und Prozessfenster vorhersagen
  • 3D-Thermoset-Materialien für SLS
    Thermosets eröffnen neue Anwendungsfälle z.B. im Bereich hitzestabiler oder elektrisch isolierender Komponenten. In Kombination mit E‑Drive, Leistungselektronik und Hochvolt-Architektur ist das für Auto-OEMs ein spannendes Feld.

3.2 Maschinen- und Prozessseite: offen, automatisiert, qualifizierbar

Mehrere Beiträge widmen sich offenen Plattformen und Prozessautomatisierung:

  • Offene SLS-/L‑PBF-Systeme (z.B. Farsoon)
    – frei konfigurierbare Prozessparameter
    – Integration eigener Werkstoffe
    – wichtig für OEMs, die ihre eigenen AM-Standards definieren wollen

  • Automation & Autonomy in Metal L‑PBF (Additive Industries)
    Für Automotive-Serien sind zentrale Punkte:

    • automatisiertes Handling von Pulver und Bauplattformen
    • verkettete Anlagen (Beladen, Entnehmen, Entpulvern, Wärmebehandeln)
    • integrierte Sensorik als Basis für KI-Auswertung
  • 3D-Siebdruck als additive Massenfertigung (Exentis)
    Auch alternative additive Verfahren zeigen, dass Serien in sechs- oder siebenstelliger Stückzahl möglich sind – relevant für kleinere Metall- oder Keramikkomponenten im Fahrzeug.

Die Botschaft: Additive Fertigung ist dann automobiltauglich, wenn sie sich in bestehende Shopfloor-Strukturen und MES/ERP-Systeme integrieren lässt. Offene Schnittstellen und Datenzugang sind Pflicht, wenn KI später echten Mehrwert liefern soll.

3.3 Design für Additive Fertigung: der unterschätzte Hebel

Stephan Henrichs Vortrag „Design für Additive Fertigung“ steht stellvertretend für ein zentrales Missverständnis: additive Fertigung bringt nur dann Vorteile, wenn konsequent dafür konstruiert wird.

Für die Automobilindustrie heißt das:

  • Weg von 1:1-Kopie bestehender Fräs-/Gussteile
  • Hin zu funktionsintegrierten, leichten und montagefreundlichen Komponenten

Konkret lassen sich etwa:

  • Bauteile kombinieren (weniger Einzelteile, weniger Logistik)
  • Medienkanäle integrieren (Kühlung, Schmierung, Kabelwege)
  • Gewicht reduzieren (Leichtbau für E‑Fahrzeuge, Nutzfahrzeuge)

KI kann hier als Konstruktionspartner auftreten – zum Beispiel durch:

  • automatisierte Vorschläge für Gitterstrukturen
  • Topologieoptimierung anhand realer Lastkollektive
  • Entwurf von Varianten, die anschließend simulierbar und bewertbar sind

3.4 Qualifizierung und Standards: ohne Systematik keine Serie

Der Beitrag von Qualified AM macht es deutlich: ohne strukturierte Qualifizierung wird additive Fertigung nie breit in der Fahrzeugserie ankommen.

Dazu gehören:

  • definierte Prüfpläne (Prozess, Material, Bauteil)
  • Freigabeprozesse mit OEM und Tier‑1‑Zulieferern
  • Dokumentation, Rückverfolgbarkeit, Serienüberwachung

KI kann auch hier unterstützen, etwa durch:

  • automatische Auswertung von Prüfdaten
  • Mustererkennung bei wiederkehrenden Fehlern
  • Unterstützung bei der Ursachenanalyse (Root Cause Analysis)

4. Organisatorische und strategische Learnings für Automotive-Player

Technik alleine bringt nichts, wenn Organisation, Prozesse und Kultur nicht mitziehen. Aus den verschiedenen Sessions von „Additiv im Südwesten“ lassen sich für die Automobilindustrie einige klare Handlungsempfehlungen ableiten.

4.1 Kleine Teams, klarer Auftrag

Erfolgreiche AM-Projekte starten selten als großes „Moonshot“-Programm. Bewährt haben sich:

  • kleine, interdisziplinäre Kernteams (Konstruktion, Fertigung, Qualität, Einkauf)
  • ein klar definiertes Pilotportfolio (z.B. Produktionshilfsmittel, Service-Parts)
  • feste Sprints mit messbaren Zielen (Zeitersparnis, Kosten, Gewicht, COâ‚‚)

4.2 Zusammenarbeit mit Netzwerken und Instituten

Organisationen wie Mobility goes Additive oder das Fraunhofer IPA bieten:

  • Zugang zu Best Practices aus anderen Branchen
  • neutrale Prozess- und Technologieberatung
  • Testfelder, bevor im eigenen Werk groß investiert wird

Gerade Mittelständler profitieren davon, nicht jede Erfahrung selbst „bezahlen“ zu müssen.

4.3 Datenstrategie als Basis für KI

Wer KI sinnvoll einsetzen will, braucht eine klare Datenstrategie rund um additive Fertigung:

  • Welche Maschinen- und Prozessdaten werden erfasst?
  • Wie werden Materialchargen, Pulverkreisläufe und Bauteile verknüpft?
  • Wo liegen die Daten (MES, Q‑System, Cloud) und wer darf darauf zugreifen?

Unternehmen, die diese Fragen frühzeitig klären, sind später deutlich schneller, wenn es um KI-Anwendungen wie Predictive Quality, autonome Baujob-Planung oder adaptive Prozessführung geht.


5. Konkrete nächste Schritte für Unternehmen im Südwesten

Für Automotive-Unternehmen, Zulieferer und Maschinenbauer im Südwesten ist jetzt ein guter Zeitpunkt, AM und KI gemeinsam strategisch anzugehen.

5.1 Einstieg mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit wählen

Ich habe in vielen Projekten gesehen: Die größten Quick Wins liegen selten beim „komplexesten Leichtbauteil“, sondern eher hier:

  • Produktionshilfsmittel und Betriebsmittel
  • Ersatzteile mit langen Lieferzeiten oder obsoleten Werkzeugen
  • Kleinserien für Spezialfahrzeuge, Motorsport, Sonderaufbauten

Diese Anwendungen sind technisch machbar, wirtschaftlich oft attraktiv und organisatorisch vergleichsweise risikoarm.

5.2 Pilotprojekte mit KI-Bezug definieren

Statt KI nur als Buzzword zu behandeln, sollten Pilotprojekte konkret formuliert sein, etwa:

  • „Wir reduzieren den Ausschuss in unserer Kunststoff-L‑PBF-Fertigung um 30 % durch KI-gestützte Auswertung von Schichtbildern und 3D-Scans.“
  • „Wir halbieren die Konstruktionszeit für Greifer und Spannmittel durch regelbasierte und KI-unterstützte Designautomatisierung.“

Solche Ziele sind messbar, und der Nutzen lässt sich intern gut kommunizieren.

5.3 Austauschformate aktiv nutzen

Genau hier setzt „Additiv im Südwesten“ an:

  • kompaktes Format (jeweils ca. 2 Stunden vormittags)
  • geballte Praxisberichte aus Industrie und Forschung
  • Abschlussdiskussion und interaktive Vernetzung

Unternehmen können so innerhalb weniger Termine:

  • ihr Technologieverständnis schärfen
  • potenzielle Partner und Lieferanten kennenlernen
  • konkrete Projektideen validieren

Wer die Transformation der eigenen Produktion ernst meint, sollte solche Foren zur kontinuierlichen Weiterbildung des Kernteams fest einplanen.


Fazit: Additive Fertigung + KI – Chance für den Produktionsstandort Südwesten

Additive Fertigung entwickelt sich im deutschen Südwesten gerade vom Nischenthema zur strategischen Säule industrieller Produktion – besonders in der Automobilindustrie. Die Inhalte von „Additiv im Südwesten“ zeigen, wie breit das Feld inzwischen aufgestellt ist: von Hochleistungspolymeren über automatisierte Qualitätsprüfungen bis hin zu additiver Massenfertigung und Datenstrategien.

Wer KI gezielt in Design, Prozessführung und Qualitätssicherung einbindet, kann Entwicklungszeiten verkürzen, Serienprozesse stabilisieren und neue Geschäftsmodelle rund um Ersatzteile und Services aufbauen. Entscheidend ist, jetzt strukturiert zu starten – mit klar abgegrenzten Use Cases, starken Partnern und einem Team, das Technik, Daten und Business gemeinsam denkt.

Die zentrale Frage für die nächsten Jahre lautet nicht mehr, ob additive Fertigung und KI in der Automobilproduktion ankommen, sondern wie schnell und in welcher Tiefe. Unternehmen im Südwesten, die heute Erfahrungen sammeln und Netzwerke wie „Additiv im Südwesten“ aktiv nutzen, verschaffen sich einen Vorsprung, der sich in der nächsten Modellgeneration direkt in Marktanteilen und Marge widerspiegeln wird.