Additive Fertigung im Südwesten: Vom Prototyp zur Serie

KI für Marketing & Vertrieb: Der deutsche LeitfadenBy 3L3C

Die Reihe „Additiv im Südwesten“ zeigt, wie sich 3D‑Druck im Industriecluster Südwest vom Prototypenbau zur Serienfertigung entwickelt – mit Fokus auf Qualität, Automatisierung und Originalmaterialien.

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Additive Fertigung im Südwesten: Vom Prototyp zur Serie

2024 haben deutsche Industrieunternehmen im Schnitt rund 38 % mehr Budget in additive Fertigung und 3D-Druck investiert als noch 2021. Der Südwesten – von Stuttgart über Karlsruhe bis Freiburg – gehört dabei zu den aktivsten Regionen in Europa. Wer hier Maschinenbau, Automotive oder Medizintechnik sagt, kommt an Additive Manufacturing (AM) nicht mehr vorbei.

Die Veranstaltungsreihe „Additiv im Südwesten“ am Fraunhofer IPA zeigt sehr deutlich, wohin die Reise geht: weg vom Einzelstück, hin zur additiven Serienfertigung, verknüpft mit Automatisierung, KI-gestützter Qualitätssicherung und neuen Materialien. Genau das ist relevant für Unternehmen, die ihre Produktion zukunftsfähig aufstellen wollen – gerade auch in der Automobilindustrie.

In diesem Beitrag fasse ich nicht einfach nur das Programm der Termine zusammen. Stattdessen zeige ich, welche Trends sich über alle Veranstaltungen 2024 und 2025 abzeichnen, was das für Produktionsunternehmen im Südwesten bedeutet und wie Sie daraus konkrete Projekte ableiten können.


1. Was „Additiv im Südwesten“ so spannend macht

„Additiv im Südwesten“ ist im Kern eine kompakte Fachplattform: jeweils 2 Stunden, mehrere Impulsvorträge, anschließend Diskussion und Vernetzung. Aber der eigentliche Mehrwert liegt woanders: Man sieht im Zeitraffer, wie sich die additive Fertigung vom Experiment zur industriellen Infrastruktur entwickelt.

Über die Termine von 11/2024 bis 09/2025 zieht sich ein roter Faden:

  • Material und Prozessqualität werden systematisch industrialisiert.
  • Automatisierung & Serienfertigung rücken in den Mittelpunkt.
  • Offene Systeme und Standardisierung lösen Insellösungen ab.
  • Unternehmen denken zunehmend anwendungs- und geschäftsmodellgetrieben, nicht mehr nur technologisch.

Wer heute noch glaubt, 3D‑Druck sei vor allem ein Werkzeug für Prototypen, übersieht, wie weit die Technologie in der Praxis bereits ist. Die Vorträge reichen von Hochleistungspolymeren im L‑PBF, über serientaugliche Metallfertigung, bis hin zu automatisierter 3D-Messtechnik für Serienkontrolle.


2. Fünf zentrale Trends aus den Vorträgen 2024–2025

2.1 Von „ähnlich wie“ zu Originalmaterialien

Ein wiederkehrendes Thema in der Reihe ist der Wechsel von „materialähnlichen“ Lösungen hin zu Originalmaterialien in Industriequalität. Bosch Industrial Additive Manufacturing adressiert das sehr klar: Wenn Bauteile in sicherheitskritischen Bereichen – etwa im Automotive oder in der Bahn – eingesetzt werden sollen, reicht ein „ähnlich zu PA6“ schlicht nicht mehr.

Warum das so wichtig ist:

  • Zulassung & Normen: OEMs und Tier‑1‑Zulieferer brauchen nachvollziehbare Materialdaten, Prüfnormen und Langzeitverhalten.
  • Ersatzteilstrategien: Serienersatzteile im 3D‑Druck müssen sich verhalten wie spritzgegossene oder gefräste Teile.
  • Kosten: Nur wenn ein Material in mehreren Fertigungsverfahren nutzbar ist, lassen sich Beschaffung und Lagerhaltung sinnvoll bündeln.

Mit Beiträgen zu 3D‑Thermoset-Materialien für SLS, Hochleistungspolymeren und Pulveralterung im Lasersintern zeigt „Additiv im Südwesten“, wie konsequent das Thema Materialqualifizierung im Fokus steht.

Kernaussage: Additive Fertigung wird erst dann wirklich industriell, wenn Originalmaterialien mit definiertem Eigenschaftsprofil verfügbar und qualifiziert sind.

2.2 Automatisierung, 4. Achse und die industrielle Serienfertigung

Die Entwicklung geht klar Richtung Serienfertigung statt Einzelstück. Mehrere Vorträge drehen sich explizit um Serien- und Massenfertigung:

  • Granulatbasierter 3D‑Druck mit 4 Fertigungsachsen (FLIPoQ GmbH) zielt auf mehr Materialeffizienz und Prozessgeschwindigkeit.
  • Automation & Autonomy in Metal L‑PBF (Additive Industries) adressieren robotergestützte Handhabung, automatischen Pulverkreislauf und integrierte Qualitätssicherung.
  • Additive Massenfertigung mittels 3D‑Siebdruck (Exentis Innovations) zeigt, dass echte Stückzahlen im 3D‑Druck längst Realität sind.

Für Produktionsunternehmen im Südwesten bedeutet das:

  • Serienlose unter 1.000 Stück sind kein Automatismus mehr für Fräsen oder Spritzguss.
  • Hybridstrategien (konventionelle Fertigung + additiver Anteil) werden wirtschaftlich interessant.
  • Produktionsplaner müssen additive Anlagen wie klassische Maschinen in OEE, Taktzeit- und Schichtmodelle integrieren.

Praxis-Tipp: Wer noch am Anfang steht, sollte nicht direkt mit „vollautomatisierter AM‑Fabrik“ starten, sondern mit klar eingegrenzten Use Cases:

  1. Betriebsmittel und Vorrichtungen für eigene Linien
  2. Seriennahes Prototyping für Automotive-Baugruppen
  3. Kleinserien von Ersatzteilen mit hohem Variantenmix

2.3 Qualitätssicherung: vom manuellem Messen zur automatisierten 3D-Messtechnik

Sobald es in die Serie geht, entscheidet Qualitätssicherung über Erfolg oder Misserfolg. Ein Schwerpunkt der Juli‑Veranstaltung 2025:

  • Automatisierte 3D‑Messtechnik für präzise Serienkontrolle (AM Raylike GmbH)

Die Botschaft ist klar: Man kann nicht gleichzeitig über additive Serienfertigung sprechen und noch mit manueller Stichprobenkontrolle arbeiten.

Was sich in der Praxis bewährt:

  • Automatisiertes Scannen kompletter Bauteile
  • KI‑gestützte Auswertung von Abweichungen zum CAD‑Modell
  • Verknüpfung von Messdaten mit Prozessparametern (Bauraum, Temperatur, Pulvercharge)

Gerade in regulierten Branchen wie Bahn oder Automotive ist das unverzichtbar. Siemens Mobility zeigt im November 2024, wie sie mit 3D‑Druck nahezu 100 % Systemverfügbarkeit erreichen – ohne reproduzierbare Qualität wäre das nicht machbar.

Merksatz: Wer den 3D‑Druck industrialisieren will, muss die Messtechnik gleich mitdenken.

2.4 Offene Plattformen, Standardisierung und Qualifizierung

Ein weiterer roter Faden ist der Trend zu offenen Systemen und standardisierten Qualifizierungsprozessen:

  • Farsoon stellt eine open platform solution mit bis zu 340 °C Pulverbett-Temperatur vor – offen für Materialien und Prozessparameter.
  • Qualified AM betont: „Qualifizierte Additive Fertigung ist standardisiert – jetzt die Chancen nutzen!“
  • AM – Rauch, Mobility goes Additive und Fraunhofer IPA arbeiten an Prozess- und Materialqualifizierung, verknüpft mit Netzwerken wie „Mobility goes Additive“.

Das ist ein Bruch mit der alten Logik „eine Maschine, ein proprietäres Material, ein geschlossener Prozess“. Für Unternehmen ergeben sich drei Vorteile:

  1. Lieferantensouveränität: Man ist nicht mehr komplett von einem Hersteller abhängig.
  2. Skalierung: Prozesse können auf andere Standorte, Maschinen oder Dienstleister übertragen werden.
  3. Vergleichbarkeit: Standardisierte Qualifizierung schafft eine belastbare Basis für Kosten- und Risikoabschätzungen.

2.5 Vom Einzelteil zur vernetzten Wertschöpfung

Mehrere Beiträge zielen bewusst über das einzelne Bauteil hinaus:

  • „We boost AM – Additiv vernetzt zum Erfolg“ (Mobility goes Additive e.V.)
  • „Die Industrialisierung des 3D‑Drucks: Wie Automatisierung die Branche verändert“ (AM‑Flow)
  • STEP‑Technologie in der TEILEFABRIK (alphacam)

Die Botschaft: Additive Fertigung ist kein Inselprojekt in der Entwicklungsabteilung mehr. Sie greift in Logistik, Ersatzteilmanagement, Service, Aftermarket und IT‑Systeme ein.

Wer es ernst meint, muss Themen wie diese mitdenken:

  • Digitale Ersatzteillager und On‑Demand‑Fertigung
  • AM‑Fertiger als Teil der Supply Chain Strategie
  • Integration von AM in MES- und PLM‑Systeme

Gerade für die deutsche Automobilindustrie bietet das enorme Hebel:

  • Lebenszyklusverlängerung von Komponenten durch verfügbare Ersatzteile
  • Variantenreduktion durch funktionsintegrierte Bauteile
  • Schnellere Änderungszyklen in frühen Fahrzeugphasen

3. Konkrete Anwendungsfelder für Unternehmen im Südwesten

Die Vorträge der Reihe decken eine erstaunliche Bandbreite ab – von Siebdruck-Massenfertigung über Metall‑L‑PBF bis zu SLS‑Thermosets. Für Entscheider stellt sich die Frage: Wo fange ich an?

3.1 Produktions- und Betriebsmittel

Der Vortrag von trinckle 3D („Mit automatisierten Design‑Prozessen den Hebel umlegen“) trifft einen Punkt, den viele unterschätzen: Betriebsmittel sind oft der ideale Einstieg in industriellen 3D‑Druck.

Vorteile:

  • Deutlich reduzierte Durchlaufzeiten für Spannmittel, Lehren, Greifer
  • Hohe Gestaltungsfreiheit für ergonomische, leichte Hilfsmittel
  • Geringeres Risiko, weil keine Kundenfreigaben nötig sind

Gerade im automobilen Umfeld – Montagestraßen, Prüfstände, Intralogistik – steckt hier enorm viel Potenzial für schnelle Erfolge mit messbaren Effekten.

3.2 Ersatzteile und Retrofit

Siemens Mobility demonstriert, was viele Bahn‑, Nutzfahrzeug- oder Maschinenhersteller umtreibt: Wie halte ich Flotten über Jahrzehnte funktionsfähig, obwohl Originalwerkzeuge und Zulieferer längst nicht mehr existieren?

Additive Fertigung bietet hier:

  • On‑Demand‑Produktion statt Lagerbeständen auf Verdacht
  • Re‑Engineering von Bauteilen mit Funktionsverbesserung
  • Ersatzteile aus Materialien, die an den aktuellen Einsatzzweck angepasst sind

Wer seine Ersatzteillogistik clever mit AM kombiniert, reduziert gebundenes Kapital und erhöht gleichzeitig Systemverfügbarkeit – genau das, was Kunden im Aftermarket erwarten.

3.3 Hochwertige Oberflächen und Funktionsintegration

Blueprint Advanced Manufacturing zeigt, wie 3D‑Druck und Oberflächenveredelung zusammenspielen. Das ist entscheidend, sobald Bauteile sichtbar oder haptisch relevant werden – etwa in Interieur‑Bauteilen, Bedienoberflächen oder Designkomponenten.

Kombiniert mit Technologien wie STEP‑Druck (alphacam) oder 3D‑Siebdruck (Exentis) entsteht eine neue Klasse von Bauteilen:

  • Geometrisch hochkomplex, aber wirtschaftlich in Serie produzierbar
  • Mit integrierten Funktionen (Kanäle, Clips, Dämpfungsstrukturen)
  • Mit Oberflächen, die sich vor Spritzgussteilen nicht verstecken müssen

4. Wie Sie die Erkenntnisse strategisch nutzen

Wer aus „Additiv im Südwesten“ echten Nutzen ziehen will, sollte die Reihe nicht nur als Event, sondern als Strategiewerkzeug sehen.

4.1 Reifegradanalyse statt Aktionismus

Bevor neue Maschinen angeschafft werden, lohnt sich eine ehrliche Bestandsaufnahme:

  • Welche Bauteilfamilien eignen sich technisch und wirtschaftlich für AM?
  • Wie ist die aktuelle Datenlage (CAD, Stücklisten, Materialfreigaben)?
  • Wo hängen Prozesse schon heute an langen Lieferzeiten oder Werkzeugengpässen?

Aus solchen Fragen lassen sich 3–5 priorisierte Use Cases ableiten, die dann gezielt mit Partnern aus dem Netzwerk adressiert werden können.

4.2 Netzwerke und Standards aktiv nutzen

Die wiederkehrende Präsenz von Akteuren wie Mobility goes Additive, Qualified AM und Fraunhofer IPA zeigt:

Unternehmen, die Additive Fertigung ernsthaft industrialisieren wollen, tun das selten allein.

Empfehlung aus der Praxis:

  • Teilnahme an Arbeitsgruppen und Netzwerken (z. B. zu Materialien, Bahn, Automotive)
  • Nutzung von Standardisierungsinitiativen für Qualifizierung statt Eigenentwicklungen
  • Kooperation mit Dienstleistern, die bereits serientaugliche Prozesse fahren

4.3 KI und Daten als integraler Bestandteil denken

Auch wenn in der Agenda nicht überall „KI“ draufsteht, ist klar: Ohne Daten funktioniert keine industrielle AM‑Fertigung. Prozessdaten, 3D‑Scans, Materialchargen – alles wird relevant, wenn man Qualität, Kosten und Durchlaufzeiten optimieren will.

Für die deutsche Automobilindustrie – vom OEM bis zum Mittelständler im Zulieferercluster – heißt das konkret:

  • Datengetriebene Prozessoptimierung statt Bauchgefühl bei Stützstrukturen und Belichtungsstrategien
  • Einsatz von KI‑Algorithmen zur Fehlererkennung in der 3D‑Messtechnik
  • Verknüpfung von AM‑Daten mit bestehenden MES- und CAQ‑Systemen

Wer hier früh Strukturen aufbaut, verschafft sich einen Vorsprung, den Wettbewerber nicht in wenigen Monaten aufholen.


5. Nächste Schritte: Vom Veranstaltungsbesuch zum Pilotprojekt

„Additiv im Südwesten“ liefert Jahr für Jahr einen ziemlich guten Überblick, wo die Reise in der additiven Fertigung hingeht – insbesondere für den starken Industriecluster im baden‑württembergischen Raum. Entscheidend ist aber, was danach im eigenen Unternehmen passiert.

Konkrete Empfehlungen für die nächsten 6–12 Monate:

  1. 2–3 relevante Vorträge identifizieren (z. B. Serienfertigung, Messtechnik, Materialien) und intern teilen.
  2. Mit Konstruktion, Produktion, Einkauf und Qualität gemeinsam Use Cases definieren.
  3. Einen Pilotprozess aufsetzen – idealerweise mit klar messbaren Kennzahlen (Taktzeit, Kosten, Ausschuss, Lieferzeit).
  4. Frühzeitig Qualitätssicherung und Datenstrategie mitplanen, statt sie später „dranzubauen“.
  5. Das Netzwerk von „Additiv im Südwesten“ nutzen, um Partner für Umsetzung und Qualifizierung zu finden.

Die deutsche Industrie – allen voran die Automobilbranche – steht vor der Aufgabe, ihre Produktionssysteme fit für die kommenden Jahrzehnte zu machen. Additive Fertigung ist dabei kein Allheilmittel, aber ein strategisch wichtiges Werkzeug, das Flexibilität, Variantenvielfalt und Lieferfähigkeit sichert.

Die eigentliche Frage lautet daher weniger: „Ob“ man Additive Fertigung nutzt, sondern „wo“ und „wie tief“ man sie ins eigene Wertschöpfungssystem integriert. Wer sich diese Fragen heute stellt, hat in fünf Jahren einen Vorsprung, über den Wettbewerber nur noch auf Konferenzen sprechen.

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