KI-Fachtexte in Kanzleien: So schreiben Steuerprofis besser

KI für deutsche Steuerberater und WirtschaftsprüferBy 3L3C

Wie Steuerberater und Wirtschaftsprüfer KI heute schon für Gutachten, Prüfungsberichte und Mandanteninfos nutzen können – sicher, effizient und berufsrechtskonform.

KI in der SteuerberatungFachtexte und GutachtenKanzlei-DigitalisierungWirtschaftsprüfungMandantenkommunikationGenerative KITextautomatisierung
Share:

Warum KI-Fachtexte für Kanzleien jetzt Chefsache sind

Die meisten deutschen Kanzleien hängen beim Thema KI-gestützte Texte deutlich hinter dem zurück, was technisch möglich wäre. Während an Hochschulen gerade heftig darüber diskutiert wird, wie man mit KI beim wissenschaftlichen Schreiben umgeht, schreiben viele Steuerberater und Wirtschaftsprüfer ihre Gutachten, Einspruchsschreiben und Mandanten-Infos noch komplett „per Hand“ – inklusive Recherche-Marathon in Kommentaren und Datenbanken.

Hier liegt ein enormes Produktivitätsloch. Fachtexte sind der Kern Ihrer Wertschöpfung: Stellungnahmen, Prüfungsberichte, Vermerke, Mandantenrundschreiben, interne Arbeitspapiere. Genau hier können Sprachmodelle und spezialisierte Recherche-Tools Zeit sparen, Klarheit schaffen und Fehler reduzieren – wenn man sie klug einsetzt und die rechtlichen sowie berufsrechtlichen Grenzen kennt.

Ausgehend vom c’t-Webinar „Wissenschaftlich schreiben mit KI-Unterstützung“ übertragen wir in diesem Beitrag die dort gezeigten Prinzipien auf deutsche Steuerberater- und WP-Kanzleien. Sie bekommen einen praxisnahen Überblick: Welche KI-Tools eignen sich für Fachtexte, wie binden Sie sie in Ihre Workflows ein, und wo liegen ethische und rechtliche Stolpersteine – gerade im Lichte von Verschwiegenheitspflicht, DSGVO und Berufsrecht.


1. KI für Fachtexte: Was in der Wissenschaft funktioniert, hilft auch in der Kanzlei

KI lässt sich in Fachtext-Projekten immer in denselben Phasen einsetzen: Themenfindung, Recherche, Struktur, Formulierung, Feinschliff. Das gilt für eine Dissertation ebenso wie für ein Gutachten nach § 204 AO oder einen Prüfungsbericht.

Der Ansatz aus dem c’t-Webinar lässt sich direkt übertragen:

  • Recherche-Tools wie Perplexity oder fachliche Suchmaschinen unterstützen bei der Vorrecherche.
  • Struktur-Assistenten helfen, eine saubere Gliederung aufzubauen.
  • Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini unterstützen beim Formulieren, Umstellen, Kürzen und Prüfen von Texten.

Für Kanzleien bedeutet das konkret:

„KI ist kein Ersatz für fachliche Prüfung, sondern ein Turbo für Recherche, Struktur und sprachliche Ausarbeitung.“

Wer das verinnerlicht, reduziert das Risiko fachlicher Fehler deutlich – und spart trotzdem viele Stunden pro Monat.


2. Von der Idee bis zum fertigen Gutachten: Ein KI-Workflow für Kanzleien

Ein typisches Einsatzszenario: Ein Mandant stellt eine komplexe Frage zu einer grenzüberschreitenden Struktur oder zu einer Zweifelsfrage im Umsatzsteuerrecht. Ihr Ziel: Ein sauberes schriftliches Gutachten oder eine fundierte Stellungnahme an die Finanzverwaltung.

2.1 Themenklärung und Vorstruktur

Der erste Schritt ist immer menschlich: Sie klären Sachverhalt, Ziel des Textes, Adressatenkreis und Fristen. Dann kann KI ins Spiel kommen.

Möglicher Workflow:

  1. Kurze Problem-Skizze formulieren (natürlich ohne sensible Mandantendaten in unsichere Tools zu kippen).
  2. Das Sprachmodell um Vorschläge für eine Gliederung bitten, z.B.:
    • Ausgangssachverhalt (anonymisiert)
    • Rechtsgrundlagen
    • Subsumtion
    • Risiken / Alternativen
    • Empfehlung für das weitere Vorgehen
  3. Die vorgeschlagene Struktur kritisch prüfen und anpassen – Sie bleiben Autor der Gliederung.

So wie im c’t-Webinar GoThesis und JenniAI beim Strukturieren wissenschaftlicher Arbeiten helfen, können Sie KI-Tools Ihre Gutachten-Gliederung entwerfen lassen – allerdings immer mit fachlicher Kontrolle.

2.2 Recherche mit KI-Unterstützung

In der Wissenschaft werden Tools wie Perplexity, Consensus oder OpenKnowledgeMaps genutzt, um schnell einen Überblick über Studienlage und Quellen zu bekommen. Für Kanzleien kann ein ähnlicher Ansatz funktionieren – mit anderen Quellen.

Praxisnaher Ansatz:

  • Nutzen Sie KI, um sich Begriffe erklären und Argumentationslinien skizzieren zu lassen (z.B. typische Konfliktlinien im Bereich Betriebsaufspaltung oder Organschaft).
  • Nutzen Sie KI-unterstützte Suchwerkzeuge intern, um
    • frühere Gutachten in der Kanzlei zu finden,
    • relevante Arbeitsanweisungen oder Mustertexte aufzuspüren,
    • Checklisten und Prüfungsschemata zu generieren.

Was KI nicht kann: Ihre Datenbank an Kommentaren und Urteilen ersetzen. Sie sollten jede von der KI gelieferte Rechtsansicht an Primärquellen (Gesetz, BFH, BMF-Schreiben, Kommentierung) spiegeln. Genau das betont auch das Webinar: Die Verantwortung für Inhalt, Argumentation und Quellenbewertung bleibt beim Menschen.

2.3 Schreiben, Überarbeiten, Feinschliff

Wenn Struktur und grundlegende Argumentation stehen, entfaltet KI ihren größten praktischen Nutzen.

Typische Aufgaben in der Kanzlei:

  • Rohentwurf aus Stichpunkten erstellen lassen (z.B. Stellungnahme an das Finanzamt auf Basis Ihrer Bullet Points).
  • Zu juristisch-umständliche Passagen in Mandanten-sichere Sprache übersetzen lassen.
  • Lange Gutachten auf eine Management-Zusammenfassung für Geschäftsführer oder Gesellschafter kürzen.
  • Stil vereinheitlichen, etwa zwischen mehreren Bearbeitern oder Niederlassungen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Aus einem 10-seitigen Umsatzsteuer-Gutachten generieren Sie mit KI in Minuten

  • ein einseitiges „Executive Summary“ für die Geschäftsführung,
  • eine stichpunktartige Mandanteninfo für den Newsletter,
  • ein internes Wissensdokument mit Prüfschema und Lessons Learned.

Damit wird aus einem Einzelprojekt systematisch wiederverwendbares Know-how – etwas, das viele Kanzleien bisher sträflich vernachlässigen.


3. Rechtliche und ethische Fragen in Steuer- und WP-Kanzleien

Die Diskussion an Hochschulen über „Was darf KI beim wissenschaftlichen Schreiben?“ ist für Kanzleien hochrelevant. Nur sind die Parameter andere: Verschwiegenheit, Datenschutz, Berufsrecht und Haftung.

3.1 Verschwiegenheit und Datenschutz

Der heikelste Punkt: Mandantendaten gehören nicht unkontrolliert in externe KI-Dienste.

Grundregeln, die ich in Kanzleien empfehle:

  • Keine Namen, Steuernummern, Kontodaten oder sonstige identifizierbare Informationen in öffentliche KI-Tools eingeben.
  • Sachverhalte vor der Eingabe anonymisieren oder pseudonymisieren.
  • Wo möglich, auf On-Premise- oder EU-gehostete KI-Lösungen setzen, die vertraglich abgesichert sind.
  • In der Kanzlei eine verbindliche Richtlinie zur Nutzung von KI verabschieden (inkl. Dokumentation der eingesetzten Tools).

3.2 Berufsrecht und Haftung

Während Unis zwischen erlaubter Unterstützung und Täuschung unterscheiden, steht bei Kanzleien die Frage im Raum: Wer haftet für KI-Fehler? Die Antwort ist klar: Sie.

Deshalb sollten folgende Prinzipien gelten:

  • KI generiert Entwürfe, kein „fertiges Werk“.
  • Jede fachliche Aussage wird durch einen Berufsträger geprüft.
  • Im Qualitätsmanagement wird festgehalten, wo KI eingesetzt wurde.

Gerade bei Prüfungsberichten und Bestätigungsvermerken im Bereich Wirtschaftsprüfung sollten Sie sehr vorsichtig sein: Hier ist nicht nur das Berufsrecht, sondern auch das Vertrauen des Kapitalmarkts im Spiel.

3.3 Transparenz gegenüber Mandanten

Ob Sie Mandanten aktiv mitteilen, dass KI beim Schreiben unterstützt hat, ist Ermessenssache. Ich halte einen pragmatischen Ansatz für sinnvoll:

  • Intern klar dokumentieren, dass KI als Werkzeug genutzt wurde.
  • Extern kommunizieren, dass Sie moderne Technologien einsetzen, um effizienter zu arbeiten – ohne fachliche Sorgfalt zu kompromittieren.

So nehmen Sie die Skepsis, ohne jedes technische Detail offenlegen zu müssen.


4. Konkrete Use Cases für KI-Fachtexte in Kanzleien

Damit das nicht abstrakt bleibt, hier einige typische Szenarien, in denen Kanzleien heute schon produktiv mit KI für Fachtexte arbeiten.

4.1 Mandanteninformationen und Newsletter

Regelmäßige Mandantenrundschreiben zu Gesetzesänderungen und BFH-Urteilen sind oft lästig, aber extrem wirkungsvoll für Mandantenbindung.

KI kann hier:

  • komplexe Gesetzesänderungen in verständliche Sprache übersetzen,
  • aus einem ausführlichen Fachartikel mehrere Zielgruppen-Varianten erstellen (Geschäftsführung, HR, Buchhaltung),
  • Themen-Clippings aus verschiedenen Quellen zu einer kompakten Mandanteninfo zusammenführen.

4.2 Einspruchsschreiben und Stellungnahmen

Ein sauber aufgebautes Einspruchsschreiben folgt Mustern: Sachverhalt, Rechtsauffassung der Finanzverwaltung, Gegenargumentation, Antrag.

KI kann Ihnen auf Basis Ihres Argumentationsgerüsts einen sprachlich runden Entwurf liefern, den Sie dann fachlich schärfen. Besonders hilfreich:

  • Alternativformulierungen für heikle Passagen,
  • verschiedene Tonlagen (sachlich-konfrontativ vs. kooperativ),
  • Versionen für unterschiedliche Adressaten (Finanzamt vs. Mandant).

4.3 Prüfungsberichte und Arbeitspapiere

In der Wirtschaftsprüfung schluckt die Dokumentation immense Zeit. KI kann z.B. unterstützen bei:

  • Formulierung von Standardpassagen in Prüfungsberichten,
  • Strukturierung von Feststellungen und Empfehlungen,
  • Erstellung von Checklisten und Templates für Arbeitspapiere.

Natürlich muss jede Aussage prüferisch abgesichert werden. Aber die reine Textproduktion lässt sich massiv beschleunigen.

4.4 Aus- und Fortbildung im Team

So wie das c’t-Webinar Studierenden und Forschenden zeigt, wie man KI als Tutor nutzt, können Sie KI in der Kanzlei als internen Coach verwenden:

  • Nachwuchskräfte lassen sich Prüfungsschemata erklären.
  • Komplexe Begriffe werden in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden erläutert (Azubi vs. angehender Steuerberater).
  • Typische Fehler bei bestimmten Gestaltungen können didaktisch aufbereitet werden.

Damit wird KI zu einem Baustein Ihrer Wissens- und Nachwuchsentwicklung.


5. So führen Sie KI für Fachtexte strukturiert in Ihrer Kanzlei ein

Wer KI in der Kanzlei einfach „laufen lässt“, produziert Chaos. Wer sie sinnvoll einführt, gewinnt Geschwindigkeit, Qualität und ein klares Profil im Markt.

Ein pragmatischer Fahrplan:

  1. Use Cases definieren
    Starten Sie mit 2–3 klar umrissenen Szenarien, etwa Mandanteninfos, interne Arbeitspapiere und Entwürfe für Einspruchsschreiben.

  2. Tool-Set festlegen
    Entscheiden Sie, welche Sprachmodelle und ggf. spezialisierten Tools genutzt werden dürfen. Prüfen Sie Hosting, Datenschutz, Verträge.

  3. Leitlinien und Schulung
    Erarbeiten Sie eine interne Richtlinie zur KI-Nutzung und schulen Sie alle Teammitglieder. Orientierung bieten dabei Konzepte wie im c’t-Webinar: klare Rollenverteilung zwischen Mensch und Maschine.

  4. Pilotphase mit Feedback
    Testen Sie die neuen Workflows in einem kleinen Team, sammeln Sie Erfahrungen, passen Sie Prompts und Standards an.

  5. Integration ins Qualitätsmanagement
    Verankern Sie KI-Einsatz in Ihren QM-Prozessen: Checklisten, Vier-Augen-Prinzip, Dokumentation, regelmäßige Reviews.

Wer so vorgeht, baut Schritt für Schritt eine KI-kompetente Kanzlei auf – anstatt nur einzelne „KI-Enthusiasten“ im Team zu haben.


Fazit: KI-Fachtexte sind für Kanzleien ein Wettbewerbsvorteil – wenn sie richtig eingesetzt werden

Der Trend aus der Wissenschaft ist eindeutig: Generative KI wird zum Standardwerkzeug beim Schreiben von Fachtexten. Für deutsche Steuerberater und Wirtschaftsprüfer gilt das genauso. Gutachten, Prüfungsberichte, Mandanteninfos und interne Arbeitspapiere lassen sich mit KI schneller, konsistenter und oft auch verständlicher erstellen.

Das funktioniert aber nur unter klaren Bedingungen: Datenschutz beachten, Verschwiegenheit wahren, fachliche Verantwortung nicht abgeben. Wer KI als Ideengeber, Strukturhilfe und sprachlichen Gegenleser versteht, statt als Ersatz für Fachkompetenz, holt das Maximum heraus.

Wenn Sie Ihre Kanzlei zukunftsfest machen wollen, sollten Sie 2026 nicht mehr darüber diskutieren, ob KI beim Schreiben eingesetzt wird, sondern wie strukturiert und sicher. Der nächste Schritt liegt bei Ihnen: Definieren Sie Ihre ersten Einsatzszenarien – und bauen Sie sich Stück für Stück Ihren eigenen, KI-gestützten Fachtext-Workflow auf.