Retouren als Chance: Wie KI Handel & Logistik stärkt

KI in der österreichischen Logistik: Supply Chain ExcellenceBy 3L3C

Retouren sind kein Kostenloch, sondern eine Daten-Goldmine. Wie KI-basiertes Retourenmanagement Handel, Logistik und Nachhaltigkeit in CH und AT spürbar stärkt.

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Retouren als Chance: Wie KI Handel & Logistik stärkt

Retourenquoten von 30 bis 50 Prozent im Fashion-E-Commerce sind in der DACH-Region längst keine Ausnahme mehr. Jede zurückgeschickte Bestellung kostet Geld, belastet die Logistik – und hinterlässt einen CO₂-Fußabdruck. Trotzdem werden Retouren im Handel noch viel zu oft nur als Kostenfaktor verbucht.

Die Realität? Retouren sind eine Daten-Goldmine. Wer sie mit KI-gestützter Analytik und intelligenten Prozessen auswertet, verbessert nicht nur Marge und Bestände, sondern macht Kund:innen zufriedener und die Supply Chain nachhaltiger. Genau hier setzt dieser Beitrag an – mit Blick auf den deutschsprachigen Markt und speziell auf Chancen für den schweizerischen und österreichischen Handel.

Ausgangspunkt ist die aktuelle Konsumentenbefragung von EHI und KPMG zum Retourenverhalten. Die Zahlen kommen aus Deutschland, die Muster sind aber im Schweizer und österreichischen E-Commerce praktisch identisch. Auf dieser Basis zeige ich, wie Händler Retouren in einen Wettbewerbsvorteil verwandeln – mit klaren Prioritäten und konkreten KI-Anwendungen in Logistik und Supply Chain.


1. Was Konsument:innen wirklich zurückschicken – und warum

Die Antwort ist eindeutig: Retouren entstehen vor allem dort, wo Produktversprechen und reale Erfahrung auseinanderfallen.

Laut der EHI/KPMG-Befragung nennen Online-Shopper folgende Top-5-Retourengründe:

  1. Qualitätsmängel – 73,8 %
  2. Falsche Größe – 72,6 %
  3. Beschädigung am Produkt – 71,2 %
  4. Ungenaue Beschreibung / Abweichung von Bildern – 60,4 %
  5. Bewusste Doppelbestellung (z. B. mehrere Größen/Farben) – 46,2 %

Damit ist klar: Retouren sind in erster Linie Symptom von Informations- und Prozessfehlern – nicht von „schwierigen Kund:innen“.

Was das für Händler bedeutet

Wer die Ursachen ernst nimmt, kann Retouren gezielt senken:

  • Qualitätsmängel und Beschädigungen zeigen Schwächen in Beschaffung, Qualitätskontrolle und Verpackung/Transport.
  • Falsche Größen und Abweichungen von Bildern legen den Finger auf Produktdaten, Content und Beratung.
  • Doppelbestellungen verweisen auf Unsicherheit im Kaufmoment – oft, weil Größenberatung, Bewertungen oder Visualisierung fehlen.

Gerade für den Schweizer und österreichischen Markt, wo Logistikkosten und Löhne hoch sind, lohnt sich jeder Prozentpunkt weniger Retouren unmittelbar in der Marge.


2. Retouren als Feedback-Loop für Produkt, Einkauf und Marketing

Retouren sind das ehrlichste Kundenfeedback, das ein Händler bekommen kann. Niemand schickt aus Spaß ein Paket zurück – die Hürde ist hoch, der Aufwand real.

Wer Retouren strukturiert auswertet, gewinnt:

  • Sortimentsqualität: Häufen sich Retouren wegen „Qualität enttäuscht“ bei bestimmten Marken oder Lieferanten, ist das ein knallharter Indikator für Anpassungsbedarf im Einkauf.
  • Produktentwicklung: Hersteller sehen, welche Features Kund:innen stören (z. B. „Material kratzt“, „Passform zu eng an Schultern“).
  • Marketing & Content: Wenn die Retoure mit „sieht anders aus als auf dem Bild“ begründet wird, ist klar: Produktinszenierung und Beschreibung sind am Problem beteiligt.

Wie KI diesen Feedback-Loop verstärkt

Ohne KI ertrinken Händler schnell in unstrukturierten Kommentaren. Mit KI wird aus Text- und Retourendaten eine klare Entscheidungsgrundlage:

  • NLP-Analysen (Natural Language Processing) clustern Freitext-Retourengründe nach Mustern wie „zu klein“, „Nähte lösen sich“, „Farbe wirkt billig“.
  • Trend-Erkennung markiert plötzlich steigende Retouren bei einem Artikel schon nach den ersten 30–50 Bestellungen.
  • Lieferanten-Scorecards verbinden Retourenquoten mit Lieferant, Chargen, Produktionsstandort und führen so zu harten, datenbasierten Verhandlungen.

Für Händler in der Schweiz und in Österreich, die oft mit begrenzteren Sortimentsbreiten arbeiten als große deutsche Player, ist dieser Feedback-Loop besonders wertvoll: Jeder schlecht performende Artikel blockiert Platz in Lager, Regal und Budget.


3. Weniger Retouren durch bessere Produktdaten – mit KI skalierbar

Die EHI/KPMG-Zahlen zeigen deutlich: Kund:innen wünschen sich vor allem verlässliche, detaillierte Produktinformationen. Genau hier liegt die größte Stellschraube, um Retouren präventiv zu vermeiden.

Was Kund:innen konkret erwarten

  • präzisere Größenangaben (inkl. Schnitt, Länge, Passformhinweisen)
  • realistische Produktbilder und idealerweise mehrere Perspektiven
  • klare Beschreibungen zu Material, Funktion, Einsatzbereich
  • konsistente Infos über alle Kanäle im Omnichannel-Handel

Zusätzlich wünschen sich viele eine bessere Kommunikation mit dem Händler – sowohl mit echten Menschen (54,4 %) als auch mit KI-basierten Beratungsassistenten (42,4 %).

Konkrete KI-Anwendungen im Produktdaten- und Beratungsbereich

Hier wird KI im Handel sofort praktisch:

  • Größenempfehlungs-Engines analysieren Kauf- und Retourendaten und schlagen pro Kund:in individuell die passende Größe vor („Fällt klein aus, nimm lieber eine Größe größer“).
  • KI-unterstützte Content-Generierung sorgt dafür, dass Produkttexte vollständig, konsistent und verständlich sind – inklusive automatischer Checks auf Widersprüche (z. B. Materialangaben).
  • Visuelle KI prüft, ob Produktbilder realistisch zur Ware passen und kennzeichnet problematische Abweichungen.
  • Conversational Commerce: KI-Chatbots beantworten konkrete Fragen („Ist das Material blickdicht?“, „Wie warm ist die Jacke bei −5 °C?“) auf Basis strukturierter Produktdaten und Erfahrungswerte.

Gerade im schweizerischen und österreichischen Markt mit starker Omnichannel-Präsenz (Filiale + Online) lassen sich diese Systeme kanalübergreifend einsetzen:

  • Größenberatung online, Rückmeldung der Kund:innen via App
  • Nutzung der Daten für bessere Beratung im Store
  • Synchronisation mit Warenwirtschaft und Lagerlogistik

So entsteht eine konsistente Customer Experience mit spürbar weniger Fehlkäufen – und damit weniger Retouren.


4. Retourenlogistik als Hebel für Supply-Chain-Exzellenz

Fast ein Drittel der Befragten empfindet den Rücksendeprozess als „kompliziert“ oder „sehr kompliziert“. Besonders kritisch sind die 35–44-Jährigen und Stadtbewohner:innen. Das ist genau jene Zielgruppe, die im E-Commerce besonders wertvoll ist.

Gleichzeitig behalten 36,0 % der Kund:innen Produkte, obwohl sie nicht richtig passen oder gefallen – schlicht, weil ihnen der Retourenprozess zu mühsam ist. Und 36,6 % kaufen nach einer negativen Retourenerfahrung nicht mehr beim selben Händler.

Retouren sind also direkt mit Loyalität und CLV (Customer Lifetime Value) verknüpft.

Wo KI in der Retourenlogistik ansetzt

In unserer Serie „KI in der österreichischen Logistik: Supply Chain Excellence“ zeigt sich immer wieder: Je datengetriebener ein Prozess, desto größer der Hebel für KI. Retourenlogistik ist dafür ein Paradebeispiel.

Konkrete Einsatzfelder:

  • Automatisierte Retouren-Entscheidung: KI-Modelle bewerten beim Wareneingang, ob ein Artikel wieder als A-Ware in den Bestand kann, als B-Ware in Outlet-Kanäle geht oder recycelt/entsorgt werden muss. Das beschleunigt den Prozess und reduziert Fehlentscheidungen.
  • Routen- und Transportoptimierung: KI-gestützte Tourenplanung bündelt Retouren und Lieferungen, optimiert Abholfenster und reduziert Leerfahrten – relevant insbesondere für feinmaschige Netze in der Schweiz und in alpinen Regionen Österreichs.
  • Lagerverwaltung & Bestandsprognose: Retourenströme werden in Demand-Forecasts integriert. Das verhindert Überbestände, wenn hohe Retourenquoten erwartet werden, und unterstützt dynamische Disposition.
  • Robotik im Retourenlager: KI-gesteuerte Sortier- und Kommissionierroboter beschleunigen das Handling von Rücksendungen und schaffen Luft für die immer knapperen Arbeitsmärkte im Handel in CH und AT.

Der Effekt: kürzere Durchlaufzeiten, weniger gebundenes Kapital, weniger Fehldispositionen – und eine Retourenerfahrung, die Kund:innen als fair und effizient wahrnehmen.


5. Nachhaltigkeit: Kund:innen wollen mitziehen – wenn Händler es ihnen leicht machen

Ein spannender Befund der Studie: 59,0 % der Konsument:innen fühlen sich persönlich mitverantwortlich, Retouren im Sinne von ökologischer und gesellschaftlicher Nachhaltigkeit zu vermeiden.

Das bedeutet: Der Handel muss nicht gegen die Kund:innen arbeiten, sondern kann mit ihnen arbeiten.

Wie Nachhaltigkeit und KI beim Retourenmanagement zusammenspielen

  • Transparente Nachhaltigkeitshinweise: Auch wenn sie in der Studie nicht an erster Stelle stehen, sind Hinweise zu CO₂-Impact einer Retoure oder zu Aufbereitungsprozessen ein wirksames Mittel, um bewussteres Bestellverhalten zu fördern – solange sie sachlich und nicht moralisierend formuliert sind.
  • KI-basierte „Order-Checks“: Systeme können im Checkout warnen, wenn z. B. fünf nahezu identische Artikel im Warenkorb liegen, die erfahrungsgemäß zu 80 % retourniert werden. Der Hinweis kann Alternativen anbieten (z. B. Größenberatung, Beratungschat).
  • Optimierte Verpackung mit KI-basierten Packalgorithmen reduziert Luft im Karton, senkt Transportschäden und spart Material.
  • Circular-Economy-Prozesse: KI hilft, retournierten Artikeln den besten „zweiten Weg“ zuzuordnen – Re-Commerce, Outlet, Spende, Recycling – basierend auf Zustand, Nachfrage und regionalen Möglichkeiten.

Für Schweizer Händler, die sich ohnehin stark über Qualität und Nachhaltigkeit differenzieren, wird KI hier zum strategischen Werkzeug: weniger Waste, klarere Kommunikation, glaubwürdige Verantwortung.


6. Praktische Schritte: So machen Händler aus Retouren eine Chance

Viele Unternehmen schieben das Thema Retouren vor sich her, weil es komplex wirkt. In der Praxis funktioniert ein schrittweiser Ansatz am besten.

Schritt 1: Datengrundlage schaffen

  • Retourengründe konsequent erfassen (standardisierte Codes + Freitext).
  • Retourendaten mit Bestell-, Logistik- und Produktdaten verknüpfen.
  • Erste Auswertungen fahren: Top-Artikel nach Retourenquote, Top-Retourengründe je Kategorie.

Schritt 2: Schnelle, sichtbare Maßnahmen umsetzen

  • Überarbeitete Größenberatung bei den Artikeln mit den höchsten „falsche Größe“-Quoten.
  • Zusätzliche Bilder und ehrlichere Beschreibungen bei Produkten mit „sieht anders aus als auf dem Bild“.
  • Vereinfachte Retourenprozesse bei Kernzielgruppen (klare Fristen, einfache Labels, transparente Kosten).

Schritt 3: KI-Pilotprojekte starten

  • Empfehlungssystem für Größen & Passformen in einer Kategorie (z. B. Schuhe) testen.
  • NLP-Analyse von Retourenkommentaren, um Produkt- und Lieferantenprobleme aufzudecken.
  • Prognosemodell für Retourenwahrscheinlichkeit je Artikel/Kunde aufbauen und damit Einkauf sowie Bestandsplanung justieren.

Schritt 4: In die Supply-Chain-Strategie integrieren

  • Retourenströme fix in Demand-Planning, Transportmanagement und Lagerverwaltung einbauen.
  • KI nicht als „Add-on“, sondern als festen Bestandteil der Logistik- und Omnichannel-Strategie betrachten.

Wer so vorgeht, reduziert nicht nur Kosten, sondern stärkt seine Position im Markt: bessere Customer Experience, stabilere Margen, glaubwürdige Nachhaltigkeit.


Ausblick: Retourenmanagement als Kernbaustein moderner Logistik

Retouren sind kein Störfaktor am Rand des Geschäfts. Sie sind ein zentrales Spielfeld für Supply Chain Excellence – gerade in der Schweiz und in Österreich, wo Effizienz, Qualität und Nachhaltigkeit traditionell einen hohen Stellenwert haben.

Die Kernbotschaft aus den EHI/KPMG-Daten lautet:

Retouren zeigen präzise, wo Produkt, Prozess und Erwartung nicht zusammenpassen.

Mit KI-gestützter Datenauswertung, smarter Beratung, optimierter Retourenlogistik und klarer Nachhaltigkeitsstrategie wird aus diesem Problem ein echter Wettbewerbsvorteil.

Wenn Sie im Handel oder in der Logistik Verantwortung tragen, sollten Sie Retouren nicht länger nur als Kostenstelle betrachten. Nutzen Sie sie als Messinstrument für Kundenzufriedenheit, als Steuerungsgröße für Einkauf und Bestände und als Testfeld für KI in der Supply Chain.

Die Händler, die ihre Retouren heute verstehen und intelligent steuern, setzen den Standard für den E-Commerce von morgen.

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